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Autor: Prof. Dr. Peter P. Pachl
Fach: Musikwissenschaft
Details
Jahr: 2005
Seiten: 6
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 92 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-61211-1
Am Anfang von Siegfried Wagners umfangreichem Schaffen stand eine symphonische Dichtung nach Schiller, die tehmatisch vielfältig mit seinem späteren OEuvre verknüpft ist und darüber hinaus ein Bidl auf seine Schiller-Rezeption wirft.
Textauszug (computergeneriert)
Ein mit Schillers "Sehnsucht" verknüpfter Opernkosmos
von: Peter P. Pachl
Neben dem Opernschaffen Siegfried Wagners, achtzehn miteinander thematisch und inhaltlich verknüpften musikdramatischen Werken, ist das sinfonische Schaffen vergleichsweise gering an Umfang. Erst nach Vollendung seiner neunten Oper komponierte Siegfried Wagner 1913 ein »Konzertstück für Flöte und kleines Orchester«, 1915 ein »Konzert für Violine mit Begleitung des Orchesters«, 1922 das Scherzo für Orchester »Und wenn die Welt voll Teufel wär’«, und in den Jahren 1915 und 1927 die sinfonische Dichtung »Glück« sowie die »Symphonie in C«.
Während die »Symphonie in C« erst postum zur Uraufführung gelangte, dirigierte Siegfried Wagner seine kürzeren sinfonischen Werke – meist zusammen mit Ausschnitten aus den eigenen Opern und denen seines Vaters – häufig in Konzerten. Um Siegfried Wagners erste sinfonische Dichtung »Sehnsucht«1 rankte sich hingegen bereits zu Lebzeiten des Komponisten Undurchsichtiges und Verwirrendes.
Der 1869 geborene Sohn Richard Wagners hatte schon früh Kompositionsunterricht erhalten; bereits 1882 war er von seinem Großvater Franz Liszt in Harmonielehre unterwiesen worden und komponierte als Knabe – neben obligatorischen Chorälen – bereits einen Marsch zu seinem Jugenddrama »Gottfried der Spielmann« (um 1882). Nach seinem Abitur (1889) bildete er sich bei Engelbert Humperdinck in Musiktheorie und Kontrapunkt fort. Dem Abschluss der Musikstudien folgten zwei Semester Architektur in Berlin und Karlsruhe. Erst auf einer Asienreise, die er im Jahre 1892 gemeinsam mit seinem Freund, dem englischen Komponisten Clement Hugh Gilbert Harris (1871–1897) unternahm, fasste er den Entschluss, der Architektur Valet zu sagen und mich ganz der Musik zu widmen2.
Während Clement Harris an Bord des Schiffes die Themen zu seinem sinfonischem Poem »Paradise Lost« nach John Milton entwarf, keimte in Siegfried Wagner der Gedanke zu einer sinfonischen Dichtung nach Friedrich Schiller, die schließlich auch im selben Jahr beendet wurde wie Clement Harris′ Komposition. Als offizielles Uraufführungsdatum der sinfonischen Dichtung »Sehnsucht« datiert der 6. Juni 1895. An diesem Tag, seinem 26. Geburtstag, leitete Siegfried Wagner die Komposition in seinem zweiten Londoner Konzert.
Aber bereits im Februar desselben Jahres hatte er sein Opus mit einer Militärkapelle in Bayreuth ausprobiert und am 6. März in einem Konzert in Pest zum Vortrag gebracht, allerdings offenbar in einer von der endgültigen Version noch stark abweichenden Fassung. Nach der Londoner Aufführung dirigierte Siegfried Wagner seine erste Komposition in einem Münchner Konzert, anschließend nahm der Dirigent Anton Seidl sie ins Programm seiner im selben Jahr startenden Amerika-Tournee auf. Auf Anfrage eines Verlegers jedoch antwortete Siegfried Wagner bereits im Juni 1895: für die freundliche Absicht, meine symphonische Dichtung »Sehnsucht« verlegen zu wollen, bestens dankend, bedaure ich, auf dieselbe nicht eingehen zu können, da ich zunächst noch nicht die Absicht habe, dieselbe erscheinen zu lassen.3 Unwahrscheinlich, dass an dieser unsicheren Haltung Hans Richters Urteil schuld gewesen sein könnte, der sich mit diesem Werk weniger einverstanden zeigte, denn Hans Richter fand es zu lisztisch,4 wie Siegfried Wagner in einem Brief offen zugibt. Nun ist das »Lisztische« an diesem Werk durchaus richtig erkannt und wohl auch kein Makel, denn um neben dem Werkschaffen seines Vaters als Komponist bestehen zu können und nicht in hoffnungsloses Epigonentum zu verfallen, orientierte sich Siegfried Wagner als Musikdramatiker an Vorläufern seines Vaters – Marschner, Weber – , sowie an dessen Antipoden – Bizet, Mussorgski, Rossini und besonders Verdi – und als Sinfoniker an Hector Berlioz und Franz Liszt. Wie Liszts Sinfonische Dichtungen, so folgen auch die Vorspiele zu den Opern Siegfried Wagners einer außermusikalischen Vorlage, von der sie mehr die innere Stimmung als die äußeren Vorgänge zum Ausdruck bringen.
[...]
1 Siegfried Wagner, »Sehnsucht«, Sinfonische Dichtung nach Friedrich Schiller, Partitur, Bonn-Bad Godesberg 1979
2 Siegfried Wagner, Erinnerungen, Stuttgart 1923, S. 44.
3 in Privatbesitz; Kopie beim Verfasser.
4 In Privatbesitz; Abschrift beim Verfasser
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