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Details

Kategorie: Wissenschaftlicher Aufsatz
Jahr: 2004
Seiten: 21
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 167 KB
Archivnummer: V68930
ISBN (E-Book): 978-3-638-61213-5
Anmerkungen :
Witold Gombrowicz' Schauspiel und autobiographische Hintergründe und die darauf basierende Oper von Volker David Kirchner.

Textauszug (computergeneriert)

Albtraum-Wachtraum-Traumata

von: Peter P. Pachl

 


 

„Die Trauung“, ein Schauspiel von Witold Gombrowicz (1904 - 1969), liegt der dreiaktigen Oper Volker David Kirchners aus dem Jahre 1973 zugrunde. Der Soldat Henrik hat im Krieg Relationen, Ethos und Moral eingebüßt. Die Albträume der Vergangenheit, Sehnsüchte und Ängste ergreifen von ihm auch in der Heimat Besitz. Zunächst kürt er seinen Vater zum gottgleichen König, damit er ihm die Trauung vollziehe. Dann aber stürzt Henrik den Vater, um sich selbst an seine Stelle zu setzen und die Trauungsakt zu zelebrieren. Als blutiger Diktator muß er erkennen, dass ihn sein einziger Freund Wladzio mit der eigenen Braut Mania betrogen hat. Henrik befiehlt seinem Freund den Selbstmord. Danach will er seine langjährige Braut ehelichen, ihre eigene Vergangenheit als Hure rückgängig machen - aber die Trauung findet nicht statt.

Das Traumspiel zwischen Utopie und Surrealismus, Kirche und Bordell, Kneipe und Friedhof gemahnt an Richard Wagners Statement aus den „Meistersingern von Nürnberg“: „Glaubt mir, des Menschen wahrster Wahn wird ihm im Traume aufgetan!“ Die hier – noch vor Freud – manifestierte Erkenntnis Richard Wagners ist auch eine Grundkonstellation von Gombrowicz/Kirchners „Die Trauung“.

Zunächst aber zu Witold Gombrowicz und seiner Dramenvorlage.

Witold Gombrowicz wurde am 4. August 1904 in Maloszyce bei Sandomierz geboren und starb am 24. Juli 1969 in Vence an der Cote d’Azur. Er stammte aus polnischem Landadel, studierte Jura in Warschau und Volkswirtschaft in Paris. Von 1928 bis 1934 arbeitete er als Beamter an einem Warschauer Gericht, anschließend als Journalist. 1933 veröffentlichte er den Erzählungsband „Memoiren aus der Epoche des Reifens“, 1938 seinen Roman „Ferdydurke“, der eine heftige literarische Diskussion auslöste und 1939 „Die Besessenen“ als einen Fortsetzungsroman in zwei Tageszeitungen. Im Herbst 1939 überraschte ihn in Buenos Aires der Ausbruch des Krieges. So blieb er bis 1963 in Argentinien, zeitweise als Bankangestellter. Ab 1950 erschienen seine Werke, deren Herausgabe in Polen verboten war, in Paris in polnischer Sprache, später auch in Warschau. 1963 kehrte er nach Europa zurück: zunächst lebte er ein Jahr als Gast der Ford-Stiftung in Berlin, dann zog er nach Vence. International bekannt wurde Gombrowicz erst in den 60er Jahren. 1967 erhielt er den internationalen Literaturpreis „Formentor“.

Gombrowicz sieht alles Zwischenmenschliche als ein wechselweises Durchdringen, Deformieren, Erschaffen. Das Einzelbewusstsein, Funktion wechselnder überindividueller Strömungen und Konstellationen, erscheint in der Dialektik zwischen Drang nach Form und Drang nach Unfertigkeit, Ausbruch aus der Erstarrung. Am Zusammenprall mit Menschen, Ideologien, Denkströmungen, Sozialstereotypen, Seinsfragen, Alltagsscherereien demonstriert Gombrowicz in seinen Tagebüchern den Versuch, „sich selbst zu erschaffen“, gerade in der eigenen Bedingtheit, Unentschiedenheit und Schwäche. Gombrowiczs Romane, von Sprachvorgängen gesteuerte Modelle totaler Kategorienwelten, sind immer mit Temperament und Witz aus der unmittelbar verspürten Welt abgeleitet.

In „Ferdydurke“ (dessen deftige Terminologie für Entfremdung, Anpassen, Einpauken in Polen volkstümlich wurde) sprengt der siebzehnjährige Jozio immer wieder mit arrangiertem Wirrwarr das aufgezwungene soziale Rollenschema und plumpst sofort ins nächste; die Revolte gegen die Deformation ist mitdeformiert. „Kosmos“ (auch unter dem Titel „Indizien“) zeigt den Gegenpol, verzweifelte Suche nach Integrierung, nach Schaffen einer Wirklichkeit aus den formlos isolierten Einzeleindrücken. Selbst ein schwach angedeuteter absurder Zusammenhang, der das Liebste zu töten nahe legt, wird begierig ergänzt, akzeptiert und sinkt doch ins Chaos zurück.

Ins Heute führende Mythen und Obsessionen stoßen auf den Leser in „Die Besessenen“, einem Mixtum von Kriminalroman und Phantasmagorie, einem Skandalon wohligen Grauens vor menschlichen Abgründen.

In „Trans-Atlantik“ wird mythologisierend von dem in Argentinien lebenden Gombrowicz erzählt. Satire richtet sich vor allem gegen die Idee des Vaterlandes, dessen Objekt man ist; dem wird das Bild vom geschichtslosen, lachenden „Sohnland“ entgegengestellt. „Pornografie“ (auch unter dem Titel „Verführung“) ist die auf ein Gut im okkupierten Polen verlegte Parabel um den Versuch, im Entzücken an der Jugend sich selbst verjüngend aus der geltenden Werthierarchie auszubrechen. Die Jugend ist aber abhängig, auf Erwachsenes ausgerichtet, wird im Lauf des Experiments manipuliert, missbraucht, der neuen Form aufgeopfert. - Von Gombrowiczs Dramen ist „Iwona“ („Yvonne, die Burgunderprinzessin“) ein Deformationsduell, „Slub“ („Die Trauung“) die tragische Variante des Motivs vom Sturz der Väter und Instanzen und vom neuen Menschenkult. „Operetka“ („Operette“) gibt Geschichte und Klassenkampf als Modeschau und Maskerade wieder; den Trümmern der vernichteten Kultur entsteigt die junge lebendige Nacktheit.

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