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Von Wagner kommend, zu Wagner kehrend - Verismo als theatraler Akt

Scholarly Essay, 2002, 13 Pages
Author: Prof. Dr. Peter P. Pachl
Subject: Musicology

Details

Tags: Wagner, Verismo
Category: Scholarly Essay
Year: 2002
Pages: 13
Language: German
Archive No.: V68932
ISBN (E-book): 978-3-638-61215-9

File size: 126 KB
Notes :
Ein ungewöhnlicher, aber zwingender Ansatz zur Verismo-Theorie



Excerpt (computer-generated)

Von Wagner kommend, zu Wagner kehrend - Verismo als theatraler Akt

von: Peter P. Pachl

 


1. Zur Entwicklungsgeschichte  1

2. Richard und Ruggiero  2

3.Wirklichkeit und Spiel  3

4. Drastische Wahrheit  6

5. Veristisches Künstlerdrama 7

6. Deutscher Verismo nach Wagner 8




 

1. Zur Entwicklungsgeschichte

Die Geschichte der Oper ist eine Geschichte ihrer Reformen, ihrer Wellen, ihrer zyklischen und antizyklischen Verknüpfungen.

Folgt man der lexikalischen Erklärung des Begriffes Verismo, so ist dieser zunächst ein Synonym für den italienischen Naturalismus in Drama, Literatur und bildender Kunst seit den 1880er Jahren bis zu Beginn des 20.Jahrhunderts. Der neuen Kunstform des Verismo vorausgegangen war die Romantik, die ihrerseits die Klassik abgelöst hatte, mit ihren realen Situationen und realem Umfeld, gemessen am humanistischen Ideal

nach dem Vorbild der Antike. Die Romantik war die künstlerische Antwort auf die Folgen der französischen Revolution, Ausdruck einer Realitätskrise. Das Bürgertums war enttäuscht über den gescheiterten Emanzipationsprozess, bei dem die Utopie verlorenging. Da die bürgerlichen Ideale aufgebraucht waren, setze eine emotionale und geistige Fluchtbewegung aus der Realität ein. Die Verzweiflung an der Realität gebar die Welt der Märchen und Sagen neu, in der die Wirklichkeit nicht mehr realistisch wiedergegeben wird. Das Bewußtsein des Scheiterns der bürgerlichen Werte evozierte ein erneuertes feudales Prinzip der Lustbarkeit, das sich der bürgerlichen Tätigkeit verweigerte. Wie fast immer, so hinkte das Musiktheater auch beim Verismo den Entwicklungen der Literatur und Malerei hinterher. Verismo als eine Stilrichtung der Musikbühne, die in ihren Opern ein wirklichkeitsgetreues Abbild des menschlichen Lebens geben wollte, setzte ab 1890 ein. Folglich verstand sich der Verismo als "Reaktion (...) vor allem auf den symbolistischen Mystizismus der Wagnerschen und nachwagnerschen Götter- und Heldenoper"1.

Nachträglich lassen sich Bizets Oper "Carmen", mit ihrem ausgesprochen realistischen Sujet, und Verdis "La Traviata", als ein gesellschaftliches Gegenwartsdrama, als Frühformen des Verismo auf der Opernbühne deuten. Die unübertroffenen Säulen des Verismo bilden jedoch die bei Aufführungen bis heute häufig gekoppelten Opern "Cavalleria rusticana" (1890) und "Pagliacci" (1892).

2. Richard und Ruggiero

Der zwanzigjährige Ruggiero Leoncavallo hatte bei einer Begegnung in Bologna Richard Wagner, dem Meister der damals gerade uraufgeführten "Nibelungen"-Trilogie2, seine Pläne zu seiner groß angelegten historischen Trilogie "Crepusculum" dargelegt, umfassend "I Medici", "Girolamo Savarola" und "Cesare Borgia". Dieses Vorhaben blieb bis auf Teil I unausgeführt, denn erst 1893 wurden die "Medici" uraufgeführt, ein Jahr nach den viel moderneren, später komponierten "Pagliazzi". Und seit der Uraufführung der "Pagliazzi", am 21.Mai 1892 im Mailänder Teatro dal Verme gehörte Leoncavallo neben Amilcare Mascagni mit seiner Oper "Cavalleria rusticana" zu den Protagonisten einer neuen Richtung auf den Musikbühnen, des Verismo.

Leoncavallo aber war ein überzeugter Anhänger Richard Wagners. Und der hielt seinem Idol die Treue.3 Wie Wagner, so schrieb Leoncavallo seine Libretti selbst .Von den Techniken des Bayreuther Meisters übernahm er in seine Partituren die Leitmotivik, setzte - wie Wagner im "Ring" - Orchesterzwischenspiele bei offener Bühne ein und entwickelte den Vokalstil von der Lyrik des Belcanto hin zu einem Gesangsstil der dramatischen Effekte. Breite Chorszenen als ausführliche Genrebilder, wie in I,1 und II,1 der "Pagliacci", waren ohnehin kein Novum, denkt man etwa an den Doppelchor "In Frühn versammelt uns der Ruf" in Wagners "Lohengrin" (II,3).

Leoncavallos Handlung spielt unter Bauern und fahrenden Komödianten, also einfachem Volk. Bereits Wagners "Fliegender Holländer" mit Seeleuten und einem Jäger, ist auf niederem sozialen Niveau angesiedelt.

[...]


1 Riemann Musiklexikon, Sachteil , Mainz 1967, S. 1022

2 Den heute gern als Tetralogie eingestuften "Ring des Nibelungen" nennt der Komponist ein "Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend".

3 Bei seinem Bayreuth-Besuch im Juli 1894 schloß Ruggiero Leoncavallo Freundschaft mit dem Bayreuther musikalischen Assistenten, dem inzwischen mit der Oper "Hänsel und Gretel" erfolgreichen Engelbert Humperdinck.


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