Sergej Prokofjews Filmmusik zu Sergej Eisensteins Alexander Newski close Bitte warten


Details

Veranstaltung: Filmmusik (I) - Vom Stummfilm zum Tonfilm
Institution/Hochschule: Universität Paderborn
Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 1997
Seiten: 22
Note: 1,0 (mündlich mitgeteilt)
Literaturverzeichnis: ~ 5  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 146 KB
Archivnummer: V68961
ISBN (E-Book): 978-3-638-60087-3
ISBN (Buch): 978-3-638-76859-7

Zusammenfassung / Abstract

In dem Film Alexander Newski verarbeitet Sergej Eisenstein ein historisches Ereignis des 13. Jahrhunderts im noch nicht geeinten Russland: die Schlacht auf dem Peipussee. Russland leidet unter dem Joch der mongolisch-tatarischen Horden des Dschingis-Khan, als von Westen her die Deutschritter das russische Land besetzen und unterwerfen. Die Bojaren wenden sich an den Fürsten Alexander Newski mit der Bitte um Hilfe. Newski übernimmt das Kom¬mando der Armee. Die entscheidende Schlacht findet auf dem Peipus¬see statt. Als die Deutschritter fliehen müssen, bricht - wie erwartet - das Eis zusammen, so dass alle, die nicht in der Schlacht gefallen sind, er¬trinken. Der Film endet mit dem Einzug der ruhmreichen Armee in Pskow. Alexander Newski entstand 1938, als die Bedrohung durch das Streben der deutschen Faschisten nach "Lebensraum" im Osten sich gewaltig zuspitzte. Hitler war bereits ins Sudetenland einmarschiert und forderte einen Kor¬ridor nach Ostpreußen. Eisenstein, der den Film im Auftrag der Partei schuf, war selbst irritiert über die Parallelität der politischen Situation Europas Ende der Dreißiger und dem historischen Hinter¬grund des Films im 13. Jahrhunderts. Alexander Newski war Eisensteins erster Tonfilm, und er hatte den künstlerischen Anspruch, eine "organische Verschmelzung von Musik und Bild und eine strenge innere Übereinstimmung zwischen den optischen und den musikalischen Bildern zu erreichen". So wurden verschiedenste Techniken angewandt. Die Vertikalmontage ist hier der wichtigste Technik, um z.B. den Tonhöhenverlauf und die Bewegungen des Bildes aufeinander abzustimmen. Micky-Mousing akzentuiert einzelne Details, Leitmotiv-Technik, Stimmungsmusik und Assoziationsmusik der Epoche, des Kulturkreises und des Status werden angewandt um die Bilder zu unterstreichen, aber auch der Bildhelligkeitsverlauf und der Tonhöhenverlauf sind aufeinander abgestimmt. Dazu kommen kontrapunktische Aspekte, zu denen auch insbesondere der Einsatz von Stille als musikalisches Mittel angewandt wird. Andererseits vermittelt die Musik zuweilen Inhalte, die über das Bild hinausgehen oder die kein Bildäquivalent haben. Interessant ist auch, dass in manchen Sequenzen die Bildkomposition und das Notenbild übereinstimmen. Auf den Aufbau und die Struktur einer musikalischen Sequenz wird eingegangen, wie auch auf die Aufnahmetechniken. Im Anhang findet sich eine Gegenüberstellung von Bild und Musik einiger herausragender Sequenzen, die die Komposition verdeutlichen.

Textauszug (computergeneriert)

Filmmusik I (Vom Stummfilm zum Tonfilm)

WS 96/97

Eva Maria Brockmann

Sergej Prokofjews Filmmusik zu Sergej Eisensteins Alexander Newski

 

Gliederung

1. Inhaltsangabe S.2

2. Entstehung des Films, historische Hintergründe und grundsätzliche Überlegungen zur Authentizität  S.3

3. Zusammenarbeit Eisenstein - Prokofjew S.4

4. Vertikalmontage - Montage S.6

5. Prokofjews Arbeit S.9
5.1. Bewegung innerhalb des Bildes und der Tonhöhenverlauf S.9
5.2. Micky-Mousing S.10
5.3. Leitmotiv-Technik / Stimmungsmusik S.10
5.4. Assoziationsmusik der Epoche, des Kulturkreises und des Status S.11
5.5. Bildhelligkeitsverlauf und der Tonhöhenverlauf S.11
5.6. Kontrapunktische Aspekte S.12
5.7. Einsatz von Stille als musikalisches Mittel S.13
5.8. Musik vermittelt Inhalte, die über das Bild hinausgehen S.14
5.9. Musik ohne Bildäquivalent S.14
5.10. Bildkomposition und Notenbild S.15
5.11. Aufbau und Struktur einer musikalischen Sequenz S.15
5.12. Aufnahmetechniken S.16

6. Schlußwort S.17

7. Anhang S.18

8. Bibliographie S.21

 

1. Inhaltsangabe

In dem Film Alexander Newski verarbeitet Sergej Eisenstein ein historisches Ereignis des 13. Jahrhunderts im noch nicht geeinten Rußland: die Schlacht auf dem Peipussee. Rußland leidet unter dem Joch der mongolisch-tatarischen Horden des Dschingis-Khan, als von Westen her die Deutschritter das russische Land besetzen und unterwerfen. Die Bojaren wenden sich an den Fürsten Alexander Newski mit der Bitte um Hilfe. Newski übernimmt das Kommando der Armee, die aus Rittern und Bauern besteht. Die entscheidende Schlacht findet auf dem Peipussee statt. Die Deutschritter greifen in ihrer gewohnten Form des "Keilers" an, die als unbesiegbar gilt. Alexander zentriert seine Hauptmacht auf den Flanken, das absichtlich schwach gehaltene Zentrum läßt sich angreifen und weicht zurück, die Deutschritter an sich bindend und nach sich ziehend. Die Nachhut der Bauern greift im Rücken an. Die Deutschritter, völlig umzingelt und vernichtend geschlagen, müssen fliehen, aber das Eis bricht - wie erwartet - unter ihren schweren Rüstungen zusammen, so daß alle, die nicht in der Schlacht gefallen sind, ertrinken. Der Film endet mit dem Einzug der ruhmreichen Armee in Pskow.

Nebenhandlungen: Buslais und Gawrilo, zwei Kampfgefährten von Alexander, bemühen sich beide um Olga, welche sich zwischen ihnen entscheiden soll. Sie jedoch entscheidet, daß sie denjenigen heiraten wird, der sich als der tapferste im Kampf erweist. Im Kampfgeschehen trifft Buslais auf Wasilisa, deren Vater bei der Besetzung von Pskow von den Deutschrittern ermordet worden war. Bei den Siegesfeiern versprechen Buslais und Wasilisa einander, ebenso Gawrilo und Olga.

Mit den Figuren Buslais und Gawrilo wollte Eisenstein "zwei der für den russischen Menschen und Kämpfer so typischen Eigenschaften"1 verdeutlichen. "Das Draufgängertum Buslais [...] und die Lebensweisheit Gawrilos [...] stehen links und rechts von Alexander, der beide Züge in sich vereinigt."2 erläutert Eisenstein in einem Aufsatz. Mit dem Waffenschmied Ignat fügte Eisenstein noch einen patriotischen "Zivilist" hinzu, nicht nur um die Aussage zu unterstreichen, sondern auch, damit sich der russische Zuschauer mit ihm identifizieren kann. Ignat gibt für den Kampf alles her was er besitzt, selbst "sein letztes Hemd". Daher ist sein eigenes Kettenhemd zu kurz, was ihm dann auch zum Verhängnis wird.

2. Entstehung des Films, historische Hintergründe und grundsätzliche Überlegungen zur Authentizität

Alexander Newski entstand 1938, als die Bedrohung durch das Streben der deutschen Faschisten nach "Lebensraum" im Osten sich gewaltig zuspitzte. Hitler hatte bereits Österreich besetzt, war ins Sudetenland einmarschiert und forderte die freie Stadt Danzig und einen Korridor nach Ostpreußen. Eisenstein, der nach der Kritik der "Prawda" über die Beschin-Wiese sich auf ein "unverdächtiges, patriotisch-historisches Sujet zurück[zog]"3, und im Auftrag der Partei um den russischen Helden Alexander Newski ein Epos schuf, war selbst irritiert über die Parallelität der politischen Situation Europas Ende der Dreißiger und dem historischen Hintergrund des Films im 13. Jahrhunderts. Die Aktualität forderte eine schnellstmögliche Fertigstellung des Filmes. Als sich dann jedoch die Arbeit verzögerte, mußte Eisenstein entscheiden, ob er für die Aufnahmen des Filmes, die in Winterlandschaft spielen (60% des Filmes), bis zum Januar des nächsten Jahres wartet oder aber eine künstliche Schneelandschaft inszeniert. Eisenstein sah hier von einer realgetreuen Umsetzung zugunsten der Aussage ab. "Die Stiltreue unserer früheren Arbeiten hatte der politischen Aktualität des Themas Platz gemacht." schreibt Eisenstein über sein Werk Alexander Newski4. Insgesamt verzichtete Eisenstein bewußt auf Authentizität: Kostüme werden so geschaffen, wie ein Mensch des 20. Jahrhunderts sie sich vorstellt, nicht wie sie tatsächlich waren; ebenso wird authentische Musik des 13. Jahrhunderts nicht verwendet, was sich z.B. bei einer Messe der Deutschritter angeboten, aber wahrscheinlich sehr befremdlich gewirkt hätte;5 auf die Ausdrucksweise des 13. Jahrhunderts wird ebenso verzichtet wie auf einen Übersetzer zwischen den Deutschrittern und den Russen, denn Eisenstein lag vor allem an der Verständlichkeit seines Werkes und nicht an der Authentizität.

"Alle ′formalistischen′ Versuchungen hatten ihren Reiz verloren.[...] Und in den Vordergrund trat eine Empfindung, ein Gefühl, alles zu verallgemeinern, ein in erster Linie zeitgemäßes Werk zu schaffen: An den Chroniken und den anderen alten Berichten verblüfften immer wieder die Parallelen zur heutigen Zeit."6

Alexander Newski war Eisensteins erster Tonfilm, und er hatte den künstlerischen Anspruch, eine "organische Verschmelzung von Musik und Bild und eine strenge innere Übereinstimmung zwischen den optischen und den musikalischen Bildern zu erreichen"7. Mittlerweile war Deutschland in Polen einmarschiert, und das Filmteam hätte "vor Wut die Wände hoch laufen mögen, weil der Film, den wir dem Aggressor wie eine Granate in die räuberische Fratze schleudern wollten, noch nicht fertig war."8 Unter einem derartigen Zeitdruck schien ein solch hoher Anspruch nicht zu verwirklichen zu sein. Aber dann kam der "′Magier und Zauberer′ Sergej Prokofjew zur Hilfe"9, und alle Erwartungen Eisensteins wurden sogar noch übertroffen.

[...]


1 Sergej Eisenstein: "Alexander Newski" in Ausgewählte Aufsätze (Berlin: 1960), S.505-519, hier S.516.

2 Eisenstein, "Alexander Newski", S.516.

3 Hans-Christian Schmidt: "Exkurs: Von russischen und englischen Fürsten", in Musik aktuell, Analysen, Beispiele, Kommentare: "Filmmusik", Band 4 (Kassel: 1982), S.63-70, hier S.63.

4 Eisenstein, "Alexander Newski", S.517.

5 s. hierzu auch: Prokofjew, "Die Musik zu ′Alexander Newski′", in Dokumente, Briefe, Erinnerungen, hg. von S.J. Schlifstein (Moskau: 1961), deutsch von F. Loesch, (Leipzig: 1965), S.212f, hier S.212.

6 Eisenstein, "Alexander Newski", S.512.

7 Eisenstein, "Alexander Newski", S.519.

8 Eisenstein, "Alexander Newski", S.518.

9 Eisenstein, "Alexander Newski", S.519.

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