In der Zeit der Glaubensspaltungen und konfessionellen Bürgerkriege wurde die Dissoziierung von Kirche und Staat eingeleitet. Dies und die gleichzeitig aufkommende Forderung eines Toleranzgebotes hatten zur Folge, daß nunmehr die Anwendung von weltlichen Strafen bei der Durchsetzung von Häresieurteilen wegfallen mußte.
Damit löste sich der alte Häresiebegriff auf, welcher dogmatische und moralische Verfehlung ineins gesetzt hatte. An die Stelle der Häresieprozesse trat die Lehrbeanstandung.
Mit besonderer Intensität stellt sich die Frage nach der kirchentrennenden Wirkung von Lehrgegensätzen auf dem Feld der Ökumene.
»Die Lehre trennt, aber das Dienen verbindet« – diese Formel, die im Zusammenhang mit der ersten Konferenz für Praktisches Christentum 1925 in Stockholm geprägt wurde, steht für den Versuch eines gemeinsamen, pragmatischen Ausgangspunktes. Die tieferliegenden theologischen Probleme in Bezug auf die Bedingungen kirchlicher Einheit werden durch sie allerdings nicht gelöst werden können.
Der weitere Verlauf der ökumenischen Debatte um die Überwindung von Gegensätzen in Bekenntnisschriften und Kirchenverfassungen machte eine Neuaufnahme der Häresie-Thematik notwendig, so geschehen 1952 bei der dritten Weltkonferenz für Glaube und Kirchenverfassung in Lund.
Dort bemühte man sich um eine Definition des Begriffes, der seither in der ökumenischen Diskussion beträchtliche Ausweitung erfuhr: Eine ökumenische Studie beschrieb in den sechziger Jahren strukturelle Häresie; 1968 stellte W.A.Visser’t Hooft in Uppsala vor der Vollversammlung des Ökumenischen Rates die Frage nach »ethischen« Häresien.
Die Klärung des Häresiebegriffes selbst ist dringlich geworden, denn dieser ist verknüpft mit den Orientierungsproblemen der Kirche – heute nicht weniger als gestern.
Inhaltsverzeichnis
1. EIN ÖKUMENISCHES SCHLAGWORT
2. BEMERKUNGEN ZUM BEGRIFF DER HÄRESIE
2.1. Dogmatische Häresie
2.2. Ethische Häresie
3. DAS AUGSBURGER BEKENNTNIS
3.1. Der historische Kontext
3.2. Zur Autorität von Bekenntnisschriften
3.3. Die Möglichkeit einer römisch-katholischen Anerkennung der Confessio Augustana
4. SCHLUSSFOLGERUNGEN
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen dogmatischer Abgrenzung und praktischer ökumenischer Zusammenarbeit anhand des Begriffs der Häresie und der Confessio Augustana. Dabei wird kritisch hinterfragt, ob eine ökumenische Annäherung durch gemeinsames "Dienen" die tieferliegenden theologischen Wahrheitsfragen ersetzen kann und inwiefern die Verwerfungsurteile der Bekenntnisschrift für moderne evangelische Christen verbindlich sind.
- Phänomenologie und Bedeutung des Häresiebegriffs im kirchlichen Kontext
- Die Rolle der Confessio Augustana als historisches und theologisches Dokument
- Das Spannungsverhältnis zwischen Dogmatismus und ökumenischem Pragmatismus
- Möglichkeiten und Grenzen einer römisch-katholischen Anerkennung des Augsburger Bekenntnisses
- Die bleibende Bedeutung von Bekenntnisschriften für die christliche Identität
Auszug aus dem Buch
2. BEMERKUNGEN ZUM BEGRIFF DER HÄRESIE
»Angesichts der Nöte der Welt selbstzufrieden zu sein bedeutet, der Häresie schuldig zu werden.«
»Es muß uns klar werden, daß die Kirchenglieder, die in der Praxis ihre Verantwortung für die Bedürftigen irgendwo in der Welt leugnen, ebenso der Häresie schuldig sind wie die, welche die eine oder andere Glaubenswahrheit verwerfen.«
Nicht nur in Kirche und Theologie, sondern auch in der ökumenischen Bewegung, die doch die alten Spaltungen der Christenheit überwinden soll, ist wieder von Häresie die Rede. Allerdings erscheint das Stichwort hier nicht als Ergebnis einer Auseinandersetzung, sondern als Grund und Mittel: Ist nun ein Häretiker, wer der Politik des Ökumenischen Rates nicht zustimmt? Dem dann vorgehalten werden kann, er sei gegenüber der Not der Welt »selbstzufrieden«?
Was ist Häresie? Ein peinliches Schimpfwort? Das Gegenteil von christlicher Liebe und ökumenischem Bewußtsein?
Der Sache nach besteht der Vorgang der Häresie in der Absonderung aus Streiterei und Selbstbehauptung. Es kommt zur Trennung aufgrund unterschiedlicher An- und Einsichten, mögen sie Götzenopferfleisch, Reinheitsvorschriften, Taufbestimmungen oder ähnliches betreffen. Das Entscheidende liegt nicht im Inhalt, sondern in der Tatsache des Konfliktes: Schließlich streiten sich Glieder der christlichen Gemeinde, die doch durch den gemeinsamen Glauben an den Erlöser Christus miteinander verbunden sein sollten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EIN ÖKUMENISCHES SCHLAGWORT: Das Kapitel analysiert den Leitsatz "Die Lehre trennt, aber das Dienen verbindet" hinsichtlich seines Potenzials und seiner Grenzen als ökumenische Basis.
2. BEMERKUNGEN ZUM BEGRIFF DER HÄRESIE: Es wird die Differenzierung zwischen dogmatischer und ethischer Häresie untersucht und deren Relevanz für moderne kirchliche Konflikte beleuchtet.
3. DAS AUGSBURGER BEKENNTNIS: Dieser Abschnitt behandelt den historischen Kontext der CA, ihre Funktion als Lehrnorm sowie die komplexen Bestrebungen um eine römisch-katholische Anerkennung.
4. SCHLUSSFOLGERUNGEN: Die Arbeit resümiert, dass Abgrenzungsurteile zum Schutz des Evangeliums notwendig bleiben und kirchliche Einheit nicht durch opportunistische Kompromisse, sondern durch gemeinsame Verwurzelung im Glauben erreicht werden sollte.
Schlüsselwörter
Häresie, Confessio Augustana, Ökumene, Dogmatismus, Pragmatismus, Bekenntnisschrift, Reformation, Lehrbeanstandung, kirchliche Einheit, Weltverantwortung, Diakonie, evangelische Identität, konfessionelle Spaltung, christliche Lehre.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von kirchlicher Lehre, Bekenntnis und der modernen ökumenischen Praxis des "Dienens" vor dem Hintergrund des Begriffs der Häresie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die historische Entstehung der Confessio Augustana, die Definition von Häresie und die kritische Analyse ökumenischer Bestrebungen, die theologische Wahrheitsfragen hinter praktisches Handeln zurückstellen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist zu klären, ob die Verwerfungsurteile der Confessio Augustana für heutige evangelische Christen noch bindend sind und wie eine verantwortungsvolle ökumenische Einheit ohne Identitätsverlust aussehen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine systematisch-theologische Analyse, die historische Kontexte mit theologischen Begriffsdefinitionen sowie aktueller ökumenischer Literatur verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Herleitung des Häresiebegriffs, eine historische Einordnung des Augsburger Bekenntnisses sowie eine Diskussion über dessen aktuelle Autorität und die Möglichkeiten einer katholischen Anerkennung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Häresie, Confessio Augustana, Ökumene, Bekenntnisschrift und kirchliche Identität geprägt.
Wie unterscheidet die Autorin zwischen dogmatischer und ethischer Häresie?
Dogmatische Häresie bezieht sich auf die Leugnung zentraler Glaubenswahrheiten, während ethische Häresie zunehmend als Begriff für moralische oder politische Verhaltensweisen verwendet wird, was kritisch hinterfragt wird.
Welche Schlussfolgerung zieht die Arbeit zur "Einheit im Dienen"?
Die Arbeit warnt davor, das Dienen als Ersatz für eine gemeinsame Glaubensbasis zu missbrauchen, da dies zur Vernachlässigung der Wahrheitsfrage führen könne.
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- Susannah Krügener (Author), 1997, Bekenntnis als Abgrenzung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/69180