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Ambulante Wohnungsbetreuung von Menschen mit einer geistigen Behinderung und einer psychischen Erkrankung (Doppeldiagnosen) - Ein besonderer Anspruch an die Betreuung?

Diplomarbeit, 2006, 228 Seiten
Autor: Diplom Pädagogin Wiebke Oetjen
Fach: Pädagogik - Heil- und Sonderpädagogik

Details

Kategorie: Diplomarbeit
Jahr: 2006
Seiten: 228
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 84  Einträge
Sprache: Deutsch

Archivnummer: V69448
ISBN (E-Book): 978-3-638-60274-7
ISBN (Buch): 978-3-638-90332-5
Dateigröße: 1013 KB

Zusammenfassung / Abstract

Fordert die ambulante Wohnungsbetreuung von Menschen mit einer geistigen Behinderung und einer zusätzlichen psychischen Erkrankung einen besonderen Anspruch an die Betreuung? Mit dieser Fragestellung setzt sich die folgende Diplomarbeit detailliert auseinander und sucht nach einer theoretischen Abhandlung unterstützende Aussagen in Interviews mit Betroffenen und Betreuern.


Textauszug (computergeneriert)

Universität Bremen
Diplomstudiengang Erziehungswissenschaften

Ambulante Wohnungsbetreuung von Menschen mit einer geistigen Behinderung und einer psychischen Erkrankung (Doppeldiagnosen) - Ein besonderer Anspruch an die Betreuung?

Wiebke Oetjen

 

Inhaltsverzeichnis


Einleitung ... 1


Theoretischer Teil ... 4

I. Ambulante Wohnungsbetreuung ... 4

I.1. Allgemeines Verständnis von „Ambulanter Wohnungsbetreuung“ ... 4
I.2. Entstehung und Geschichte ... 6
I.3. Aktuelle Situation ... 7

II. Exkurs: Wohnen als Grundbedürfnis des Menschen ... 8

II.1. Anthropologisches Verständnis vom Wohnen ... 8
II.2. Wohnen als psychologisches Grundbedürfnis des Menschen ... 10

III. Geistige Behinderung und psychische Erkrankungen ... 13

III.1. Das pädagogische Dilemma der Begriffsbestimmung ... 13
III.2. Definitionsgrundlagen ... 20
III.2.1. Geistige Behinderung ... 20
III.2.1.1. Geistige Behinderung als soziale Konstruktion ... 24
III.2.1.2. Vorurteile gegenüber Menschen mit geistiger Behinderung als Stigma ... 26
III.2.2. Psychische Erkrankung ... 32
III.2.2.1. Psychische Erkrankungen als Ausdruck veränderter Entwicklungspfade ... 33

IV. Psychische Erkrankungen bei Menschen mit geistiger Behinderung – Ein langer Weg der Erkenntnis ... 38

V. Doppeldiagnosen ... 42

V.1. Allgemeines Verständnis von sogenannten Doppeldiagnosen ... 42
V.2. Epidemiologie, Prävalenz und Symptomatik ... 43
V.3. Besonderheiten in dem Erscheinungsbild von psychischen Erkrankungen bei Menschen mit geistiger Behinderung ... 45
V.4. Erhöhte Risikofaktoren in der Sozialisation von Menschen mit geistiger Behinderung ... 48

VI. Exemplarische Darstellung der Entstehung von psychischen Erkrankungen bei Menschen mit geistiger Behinderung am Beispiel von Verhaltensauffälligkeiten ... 55

VII. Rehistorisierende Diagnostik als Schlüssel zum Verstehen ... 58

VIII. Ambulante Wohnungsbetreuung bei Menschen mit Doppeldiagnosen ... 61
VIII.1. Arbeitsschwerpunkte in der ambulanten Wohnungsbetreuung ... 61
VIII.2. Welcher Zusammenhang besteht zwischen der ambulanten Wohnungsbetreuung und der Doppeldiagnose? ... 64
VIII.3. Besonderheiten in der Betreuung von Menschen mit Doppeldiagnosen ... 66
VIII.4. Macht und Ohnmacht in der Betreuung ... 69


Empirischer Teil ... 72

Qualitative Erhebung ... 72

IX. Methodische Vorbereitung und Durchführung der Interviewerhebung ... 72

X. Durchführung der Interviews ... 77

X.1. Auswahl der Institution ... 77
X.2. Auswahl der Interviewpartner ... 78
X.3. Kontaktaufnahme und Rahmenbedingungen der Interviews ... 78
X.4. Kurzbiografien der interviewten Klienten ... 79
X.4.1. Biografischer Hintergrund von Tim ... 79
X.4.2. Biografischer Hintergrund von Olaf ... 80

XI. Auswertung der Interviews ... 81

XI.1. Auswertung der Interviewaussagen von Tim ... 81
XI.2. Auswertung der Interviewaussagen von Olaf ... 84
XI.3. Auswertung der Interviewaussagen von Betreuer 1 ... 87
XI.4. Auswertung der Interviewaussagen von Betreuerin 2 ... 91

XII. Interpretation der Interviewaussagen ... 94

XII.1. Interpretation der Klienteninterviews ... 94
XII.2. Interpretation der Interviews mit dem Fachpersonal ... 96
XII.3. Zusammenfassende Darstellung der Erkenntnisse aus den Interpretationen ... 99

XIII. Gesamtzusammenfassung ... 103

Quellenangaben ... 110

 

 

Einleitung

Während meiner Tätigkeit in der ambulanten Wohnungsbetreuung von Menschen mit einer geistigen Behinderung begleitete mich eine ständige Ambivalenz zwischen meinem persönlichen Empfinden bezüglich des Anspruches innerhalb der Betreuungsarbeit und der subjektiven Beurteilung meiner Arbeit von außen.
Während ich in den Beurteilungen durch Außenstehende immer wieder Sätze fand wie „Die sind doch nur geistig behindert...“, erlebte ich viele Situationen mit den Bewohnern oder besser gesagt Klienten1 als äußerst belastend und anstrengend.
Bei vielen Verhaltensweisen und Reaktionen seitens einiger Klienten2 glaubte ich die Auswirkungen einer psychischen Erkrankung erkennen zu können. Wenn ich dieses jedoch während der Arztbesuche bei dem zuständigen Neurologen ansprach, bekam ich vielfach als Rückmeldung „...das ist die geistige Behinderung, da kann man nichts machen.“ Oder auch „Bei einer geistigen Behinderung kann ich keine psychiatrische Diagnose stellen“.
Selbst bei den Kollegen aus dem Psychiatriebereich stieß ich vielfach auf Unverständnis, wenn ich von dem besonderen Anspruch in der Arbeit mit einigen unseren Klienten berichtete. Auf Verständnisfragen bezüglich des Erscheinungsbildes bestimmter psychischer Erkrankungen folgte nicht selten der Nachsatz „...aber die sind ja geistig behindert. Damit kenne ich mich nicht aus.“.
Infolge dieser Erfahrungen begann ich mich intensiver mit der Thematik „geistiger Behinderung und psychischer Erkrankung (Doppeldiagnosen)“ auseinander zu setzen. Ich hatte das Gefühl, ich könnte besser mit den Verhaltensweisen und Reaktionen der Klienten umgehen, wenn ich die Ursache dafür verstehen würde. Dafür war es jedoch zunächst notwendig, mich theoretisch mit der Thematik der sogenannten Doppeldiagnosen auseinander zu setzen. Dabei stellten sich für mich folgende Fragen:

  • Wie groß ist das tatsächliche Vorkommen von psychischen Erkrankungen bei Menschen mit geistiger Behinderung?
  • Gibt es Unterschiede im Erscheinungsbild psychischer Erkrankungen bei gleichzeitiger geistiger Behinderung?
  • Stellt eine diagnostizierte Doppeldiagnose einen besonderen Anspruch an die Betreuung?
  • Welche Auswirkungen hat eine solche Doppeldiagnose auf die pädagogische Arbeit in der Betreuung?

Um eine Antwort auf diese Fragen zu finden, entschloss ich mich, das Thema im Rahmen meiner Diplomarbeit aus wissenschaftlicher Sicht zu bearbeiten.

Dabei galt es zu berücksichtigen, dass die Pädagogik, anders als beispielsweise die Naturwissenschaften, in mehrfacher Hinsicht keine „starre“ Wissenschaft darstellt. So entwickeln sich einerseits in vielen Bereichen der Pädagogik aktuell bisher nicht dagewesene Probleme, andererseits unterliegen jedoch auch die „alten“ Felder des pädagogischen Arbeitens stetigen Neuentwicklungen. So handelt es sich bei der ambulanten Wohnungsbetreuung um eine Wohnform, die z. B. für den Psychiatriebereich in Deutschland seit der Psychiatrie Enquete3 von 1975 anerkannt und gefördert wird, jedoch erst in den letzen Jahren für den Bereich der geistigen Behinderung an Bedeutung gewinnt. Gleiches gilt für den Bereich der sogenannten Doppeldiagnosen. Zudem schafft die ambulante Wohnungsbetreuung Rahmenbedingungen, innerhalb derer bisher unbekannte Problematiken auftreten bzw. sichtbar werden. Nach Auswertung der verfügbaren Literatur sind diese Entwicklungen bisher noch nicht ganz überschaubar und durch die vorliegenden Veröffentlichungen nicht hinreichend analysiert, verdeutlichen jedoch gleichzeitig die veränderten Anforderungen an Pädagoginnen und Pädagogen.
Diese neuen oder besser gesagt, durch die bisherigen institutionellen Bedingungen verdeckten Phänomene, einschließlich der dahinterliegenden Strukturbedingungen und den daraus resultierenden Anforderungen an pädagogische Institutionen und das pädagogischen Handeln, werde ich in der vorliegenden Problemanalyse untersuchen.
Im Rahmen dessen wird zunächst im theoretischen Teil die wenige einschlägige Literatur wissenschaftlicher und nichtwissenschaftlicher Art ausgewertet. Dabei erfolgt schwerpunktmäßig eine Auseinandersetzung mit der ambulanten Wohnungsbetreuung, dem Wohnen als menschliches Bedürfnis, den Definitionsgrundlagen und Ursächlichkeiten von geistiger Behinderung und psychischer Erkrankung sowie der Betreuung von Menschen mit sogenannten Doppeldiagnosen.
Anhand der sich hieraus ergebenen Erkenntnisse wird sodann ein Bezugsrahmen ausgearbeitet und anschließend das Thema in diesen Bezugsrahmen eingeordnet werden.
Im anschließenden empirischen Teil werden die theoretischen Erkenntnisse anhand einer explorativen, fallbasierten Studie in Form von Experteninterviews mit der Realität bzw. der Praxis des therapeutischen Arbeitens abgeglichen und um neue Erkenntnisse, die sich aus der subjektbezogenen Perspektive ergeben, erweitert und modifiziert. Schließlich werden die Ergebnisse und die daraus resultierenden Konsequenzen für die praktische Arbeit in einer abschließenden Gesamtzusammenfassung noch einmal kurz dargestellt.

 

[...]


1 Für den weiteren Teil meiner Arbeit verwende ich anstelle des in der Wohnungsbetreuung geläufigen Bezeichnung des „Bewohners“ den Begriff des Klienten, da er meiner Meinung nach den Blick dafür schärft, dass Menschen mit Behinderungen nicht nur Bewohner sind, sondern Menschen, die für die Inanspruchnahme von Betreuung Fachkräfte engagieren und auch bezahlen. Dabei ist es meines Erachtens unwesentlich, ob das Geld dafür stellvertretend vom Sozialamt gezahlte wird oder die Betreuung durch ein Amt initiiert wurde.
2 Aus Gründen der besseren Leserlichkeit habe ich in dieser Ausarbeitung die männliche Schreibweise angewandt, damit sind allerdings stets auch Personen weiblichen Geschlechts gemeint.
3 Das sogenannte „Psychiatrie Enquete“ ist ein im Auftrag der Bundesregierung erstellter Bericht zur Lage der Psychiatrie in der BRD, bei dem wesentliche Mängel aufgezeigt und Empfehlungen zur Neuordnung der Psychiatrie gegeben wurde. Diese Psychiatrie-Enquete ist bis heute die umfassendste und sorgfältigste Untersuchung über die Verbreitung von seelischen Störungen und das System ihrer Behandlung in der BRD. Trotz nicht zu leugnender Fortschritte durch die Psychiatrie-Reform und einer wesentlichen Verbesserung der damals vorherrschenden „menschenunwürdigen Behandlungen“, besteht jedoch nach wie vor eine Benachteiligung von Menschen mit psychischen Erkrankung und der Bedarf einer verbesserten Versorgungssituation.


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