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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 28 Pages
Author: Heike Esser
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: University of Trier (Neuere deutsche Literatur)
Tags: Johann, Wolfgang, Goethe, Wilhelm, Meisters, Lehrjahre, Harfner, Diskurswechsel, Umgang, Melancholie, Wahnsinn, Goethes, Lehr-, Wanderjahre
Year: 2006
Pages: 28
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 14 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-61347-7
ISBN (Book): 978-3-638-67352-5
File size: 330 KB
Kommentar der Dozentin: Eine gute und klare Darstellung.
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Abstract
Diese Arbeit setzt sich mit der erst in der jüngeren Forschung aufgeworfenen Frage auseinander, ob Goethes "Lehrjahre" einen Diskurswechsel im Umgang mit Melancholie und Wahnsinn beschreiben, und konzentriert sich dabei auf die Darstellung der Harfner-Figur. Wie ein roter Faden durchziehen Melancholie und Wahnsinn den Roman, denn so verschiedene Figuren wie Laertes, der Graf und die Gräfin, Aurelie, Mignon, Sperata und der Harfner leiden unter melancholischen Anfällen, die sich im Falle des Harfners bis in eine Eskalation des Wahnsinns steigern. In der Krankheits- und Heilungsgeschichte des Harfners wird eine Veränderung im Umgang mit Melancholie und Wahnsinn besonders deutlich, denn bei ihm lässt sich die Entwicklung von einem melancholischen Gemütszustand über den ausbrechenden Wahnsinn bis hin zur Therapie verfolgen. In Anlehnung an die Lebensgeschichte des Harfners teilt sich diese Arbeit in zwei Teile. Im ersten Teil stehen die europäische Melancholietradition und der Genie-Gedanke des Sturm und Drangs im Fokus und zwar im Hinblick darauf, wie und warum Goethe beides in seine Darstellung des Harfners hat einfließen lassen. Des Weiteren wird dessen Krankheitsgeschichte analysiert. Im zweiten Teil steht die Therapie des Harfners im Mittelpunkt. Der medizinische Diskurs der Melancholie und des Wahnsinns am Ende des 18. Jahrhunderts und Goethes Verhältnis zu diesem wird vorgestellt und mit der Therapie und den Therapiemaßnahmen am Harfner verglichen. In dieser Arbeit wird nachgewiesen, dass Goethe sowohl mit der europäischen Melancholietradition als auch mit den zeitgenössischen medizinischen und psychologischen Diskursen vertraut war und belegt, dass die "Lehrjahre" und insbesondere die Darstellung des Harfners von einer intensiven Auseinandersetzung mit Melancholie und Wahnsinn, ihren Ursachen, Symptomen und Konsequenzen, geprägt wurden.
Excerpt (computer-generated)
Universität Trier
WS 05/06
FB II: Germanistik
Hauptseminar: Goethes Lehr- und Wanderjahre
Johann Wolfgang Goethe
"Wilhelm Meisters Lehrjahre"
Der Harfner
Diskurswechsel im Umgang mit Melancholie und Wahnsinn?
von
Heike Esser
Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung 3
2. Melancholie und Wahnsinn - Die Krankheitsgeschichte des Harfners 5
2.1 Goethes Bezug zur europäischen Melancholietradition 5
2.2 Das Auftreten und die Lieder des Harfners als Ausdruck der Melancholie und ihr Bezug zur Genie-Poetik 8
2.3 Die Vorstellung des Fluches als erste Zeichen des Wahnsinns 11
2.4. Die versuchte Opferung als Moment der Eskalation des Wahnsinns 14
3. Die Therapie von Melancholie und Wahnsinn beim Harfner 17
3.1 Goethe und der medizinische Diskurs zum Wahnsinn und zur Melancholie am Ende des 18. Jahrhunderts 17
3.2 Die Therapierung des Harfners nach den zentralen Grundsätzen des "moral management" 19
3.3 Die neue Rolle des Arztes in der Therapie 21
3.4 Der Wechsel des äußeren Erscheinungsbildes als finales Element der Therapie 22
4. Fazit - Goethes Roman als Beschreibung eines Diskurswechsels 25
5. Literaturverzeichnis 27
Quellen: 27
Darstellungen: 27
1. Einleitung
Goethes Roman "Wilhelm Meisters Lehrjahre" hat in den Jahren seit seiner Veröffentlichung viele verschiedene Deutungen erhalten. Diese Arbeit beschäftigt sich mit einem Aspekt, mit dem sich erst die jüngere Forschung intensiver auseinandergesetzt hat 1, und zwar mit der Frage, ob die "Lehrjahre" einen Diskurswechsel im Umgang mit Melancholie und Wahnsinn beschreiben. Anhand verschiedener Aspekte setzt sich diese Arbeit mit dieser Frage auseinander und konzentriert sich dabei auf die Darstellung der Harfner-Figur.
Wie ein roter Faden durchziehen Melancholie und Wahnsinn den Roman. So verschiedene Figuren wie Laertes, der Graf und die Gräfin, Aurelie, Mignon, Sperata und der Harfner leiden unter melancholischen Anfällen, die sich im Falle des Harfners sogar bis in eine Eskalation des Wahnsinns steigern. Wilhelm, der in der Mitte dieses Figurenensembles steht, kann im Gegensatz zu den anderen Figuren seine Melancholie schrittweise überwinden, indem er sich der Tätigkeit und der Turmgesellschaft verschreibt.
In der Krankheits- und auch Heilungsgeschichte des Harfners wird eine Veränderung im Umgang mit Melancholie und Wahnsinn besonders deutlich. In seiner Figur lässt sich nämlich die Entwicklung von einem melancholischen Gemütszustand über den ausbrechenden Wahnsinn bis hin zur Therapie verfolgen.
Diese Arbeit teilt sich in Anlehnung an die Geschichte des Harfners in zwei große Teile.
Im ersten Teil stehen zunächst die europäische Melancholietradition, die kurz vorgestellt wird, und der Genie-Gedanke des Sturm und Drang im Mittelpunkt und zwar im Hinblick darauf, wie und warum Goethe beides in seine Darstellung des Harfners hat einfließen lassen. Des Weiteren geht es in diesem Teil um die Krankheitsgeschichte des Harfners. Dabei soll an verschiedenen Aspekten die voranschreitende Entwicklung zum Wahnsinn rekonstruiert werden, die Symptome und die möglichen Ursachen des Wahnsinns dargestellt werden.
Dieser Teil endet mit der Betrachtung der Wahnvorstellung des Harfners, die in die Eskalation, die versuchte Opferung Felix führt, womit der Zeitpunkt angegeben wird, an dem der Harfner dem Wahnsinn komplett verfallen ist.
Im zweiten Teil der Arbeit steht die Therapie des Harfners im Mittelpunkt. Zunächst wird an dieser Stelle auf den medizinischen Diskurs der Melancholie und des Wahnsinns am Ende des 18. Jahrhunderts und auf Goethes Verhältnis zu diesem eingegangen. Bei der Darstellung der Therapie des Harfners werden wiederum verschiedene Aspekte dieser Heilung, zum Beispiel das Landleben, die Tätigkeit oder die Rolle des Arztes genauer betrachtet. Hierbei soll immer wieder Bezug zu Goethes medizinischem Hintergrund, bzw. zum zeitgenössischen Diskurs genommen werden und zu dem Einfluss desselben auf die Gestaltung der "Lehrjahre". Diese Arbeit soll also zum einen nachweisen, dass sich Goethe sowohl mit der europäischen Melancholietradition als auch mit den medizinischen und psychopathologischen Diskursen des 18. Jahrhunderts beschäftigt hat und belegen, dass seine "Lehrjahre" und besonders die Darstellung des Harfners von einer intensiven Auseinandersetzung mit der Melancholie und dem Wahnsinn, ihren Ursachen, Symptomen und Konsequenzen, geprägt wurde.
Das abschließende Fazit wird versuchen, auf der Grundlage der vorangegangenen Argumentation, eine Antwort zu finden auf die Frage, ob und inwiefern Goethes "Lehrjahre" einen Wechsel innerhalb der Diskurse im Umgang mit Melancholie und Wahnsinn enthalten und beschreiben.
2. Melancholie und Wahnsinn – Die Krankheitsgeschichte des Harfners
2.1 Goethes Bezug zur europäischen Melancholietradition
Die Auseinandersetzung mit der Melancholie reicht bis in die Antike zurück, denn bereits im 4./5. Jahrhundert vor Christus untersuchten Mediziner und Philosophen den Einfluss der Melancholie auf den Menschen und deren Symptome. Die Bewertung der Melancholie im Laufe ihrer langen Diskursgeschichte erweist sich von Anfang an als äußerst ambivalent: Einerseits wurde sie als Krankheit und Schädigung der menschlichen Psyche bewertet, andererseits als Auszeichnung und Vorraussetzung für ingeniöse Schöpferkraft. Diese Ambivalenz innerhalb der europäischen Melancholietradition soll im Folgenden kurz rekonstruiert werden, um dann ihren Einfluss auf Goethes „Lehrjahre“ und die Figur des Harfners erkennbar werden zu lassen.2
[....]
1 Zu nennen sind hier hauptsächlich: Reuchlein: Die Heilung des Wahnsinns bei Goethe. Ders.: Bürgerliche Gesellschaft. Schößler: Goethes Lehr- und Wanderjahre. Valk.: Melancholie im Werk Goethes.
2 Die Darstellung der Melancholietradition erfolgt hauptsächlich in Anlehnung an die Arbeit von Thorsten Valk: Melancholie im Werk Goethes. S1-44. Valk gibt hier eine ausführliche Darstellung des Melancholiediskurses von der Antike bis in die Neuzeit. Vgl. auch Schings: Melancholie und Aufklärung. S. 1-10, 41-72.
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