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Von der behüteten Königstochter zur bösen Rächerin? Die Darstellung Kriemhilds im 'Nibelungenlied'

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 27 Pages
Author: Annie Schoppe
Subject: German Studies - Older German Literature, Mediaevistik

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 27
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 13  Entries
Language: German
Archive No.: V70002
ISBN (E-book): 978-3-638-61431-3
ISBN (Book): 978-3-638-62470-1
File size: 413 KB
Notes :
Die Kriemhild-Figur ist eine der wichtigsten Frauengestalten der mittelhochdeutschen Literatur. In dieser Hauptseminararbeit wird nicht eine neue Gesamtdeutung des ‚Nibelungenliedes’ vorgenommen, sondern vordergründig nur Kriemhild analysiert, sie und ihr Verhalten untersucht und sie in den jeweiligen Kontext der verschiedenen Szenen, in denen sie auftaucht, eingeordnet. Gleichzeitig wird auf das Problem der "Entwicklung" Kriemhilds von der behüteten Königstochter zur bösen Rächerin eingegangen.


Abstract

Die Kriemhild-Figur ist eine der wichtigsten Frauengestalten der mittelhochdeutschen Literatur. In dieser Hauptseminararbeit wird nicht eine neue Gesamtdeutung des 'Nibelungenliedes' vorgenommen, sondern vordergründig nur Kriemhild analysiert, sie und ihr Verhalten untersucht und sie in den jeweiligen Kontext der verschiedenen Szenen, in denen sie auftaucht, eingeordnet. Gleichzeitig wird auf das Problem der "Entwicklung" Kriemhilds von der behüteten Königstochter zur bösen Rächerin eingegangen.


Excerpt (computer-generated)

Technische Universität Dresden
Fakultät Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften
Institut für Germanistik
Lehrstuhl Germanistische Mediävistik und Frühneuzeitforschung

Hauptseminararbeit

Von der behüteten Königstochter zur bösen Rächerin?

- Die Darstellung Kriemhilds im ‚Nibelungenlied’

Thema des Hauptseminars: Das Nibelungenlied

Verfasserin: Annie Schoppe

Studienfächer: HF: Germanistik/Literaturwissenschaft
NF: Musikwissenschaft
NF: Rechtswissenschaft
Semesterzahl: 7

 

 

Inhaltsverzeichnis

I. WERK, FORSCHUNGSSTAND UND FRAGESTELLUNG  2

II. UNTERSUCHUNGEN ZUR FIGUR KRIEMHILDS IM‚ NIBELUNGENLIED’  4

A. Von der behüteten Königstochter zur trauernden Witwe – 
Die Darstellung Kriemhilds im ersten Teil des ‚Nibelungenliedes’ (1. bis 19. Âventiure) .4

1. Die Darstellung Kriemhilds als burgundische Königstochter sowie ihrer ersten Begegnung mit Siegfried (1. bis 5. Âventiure)  4
2. Die Rolle Kriemhilds gegenüber ihren Brüdern und Siegfried (1. bis 11. Âventiure)  7
3. Der Streit der Königinnen (14. Âventiure) und seine Folgen (15. und 16. Âventiure)  8
4. Kriemhilds Trauer um Siegfried und ihre ersten Rachegedanken (17. Âventiure)  11
5. Kriemhilds Leben nach dem Tod Siegfrieds und die Bedeutung des Hortraubes für sie (18. und 19. Âventiure)  13

B. Kriemhild als hunnische Herrscherin und burgundische Rächerin – Der zweite Teil des ‚Nibelungenliedes’ (20. bis 39. Âventiure)  15

1. Etzels Werbung als Anstoß zu Kriemhilds Rache (20. Âventiure)  15
2. Die Darstellung Kriemhilds auf der Fahrt ins Hunnenland bis zur Hochzeit mit Etzel (21. und 22. Âventiure)  16
3. Kriemhild in der Rolle als hunnische Königin und die Einladung ihrer Brüder als Teil ihres Racheplans (23. Âventiure)  17
4. Kriemhilds Empfang der Burgunden im Hunnenland (28. Âventiure) und ihre Provokation durch Hagen (29. Âventiure)  18
5. Kriemhilds Maßnahmen zur Rache: Werbung um Rachehelfer und Einsatz des Königssohnes (31. bis 33. Âventiure)  19
6. Die Folgen von Kriemhilds Racheplan: der grôze mort (34. bis 39. Âventiure)  20

C. Schlussbetrachtung  23

III. BIBLIOGRAPHIE  25

A. Primärliteratur  25
B. Sekundärliteratur  25

 

 

I. Werk, Forschungsstand und Fragestellung

Die Kriemhild-Figur hat seit dem Mittelalter sehr viel Aufmerksamkeit beim Rezipienten des ‚Nibelungenliedes’ erregt. Einige Handschriften verwenden sogar ihren Namen als Titel für den ganzen Epos: so wählt der Schreiber der Prünn-Münchner Handschrift D (Cgm31) aus dem 14. Jahrhundert die Überschrift Daz ist das Bùch Chreimhilden und die Ambraser Handschrift d aus dem 16. Jahrhundert lautet Ditz Puech heysset Chrimhilt. Da Kriemhild sowohl am Anfang als auch am Ende des Epos auftaucht, wird auch beim modernen Leser der Eindruck erweckt, sie sei die Hauptfigur. Zweifelsohne ist sie eine der wichtigsten Frauengestalten der mittelhochdeutschen Literatur. Für Joseph Körner stellt sie sogar „das großartigste Charaktergemälde der gesamten mittelalterlichen Kunst“1 dar.

Der heutige Rezipient erwartet möglicherweise, dass ein Dichter die Handlungsweisen und die Entwicklung seiner Protagonisten logisch und psychologisch untersucht und erklärt. In der Forschung ist daher oft die Rede von einer Entwicklung Kriemhilds von der zarten Jungfrau, der minneclîchen meide (Str. 3,12), im ersten Teil zur entmenschten Rächerin, zur vâlandinne (Str. 1748,4), im zweiten Teil des ‚Nibelungenliedes’. Im Unterschied dazu begreift Roswitha Wisniewski Kriemhilds Werdegang vielmehr „als eine Abfolge exemplarisch erfüllter Stadien“3 und auch Helmut de Boor hat der Ansicht der Entwicklung Kriemhilds im ‚Nibelungenlied’ Folgendes entgegenzusetzen:


„Die eine Kriemhild ist so wahr und ergreifend wie die andere; für den Dichter ist sie hier und dort die exemplarische Gestalt, die der Stoff und sein Ethos erfordern. Aber sie i s t es; der Dichter fragt nicht danach, wie sie es w u r d e.“4

Diese Auffassung lehnt Bert Nagel wiederum ab und hält de Boor vor, dass er sie „aus einer genealogisch auseinandergliedernden Rückschau auf die Vorstufen gewonnen“5 habe und unterstreicht, dass es bei Kriemhild eine Figurenentwicklung durchaus gebe: 


„So wird im Blick auf die große L i e b e n d e des Siegfriedteiles die unsäglich L e i d e n d e der Zwischenpartien und schließlich die furchtbar R ä c h e n d e der Burgundenvernichtung folgerichtig motiviert, […] so daß – wenn auch die Darstellung einer Entwicklung nicht explicite (wie in einem modernen Roman) gegeben wird – eine solche Entwicklung doch durchaus gemeint ist und vom Leser schlechterdings impliziert werden muß.“6 

Und zusammenfassend behauptet er schließlich:


„Insgesamt wird man also nicht von unvereinbaren Widersprüchen in der Kriemhildgestalt des Nl. sprechen dürfen, sondern anerkennen müssen, dass der Dichter durch mannigfaltige Phasen einer in die Extreme ausgreifenden Entwicklung hindurch die Einheit der Person gewahrt wissen wollte.“7

Die Forschung ist sich in der Beurteilung der Figur Kriemhild keineswegs einig und hat sie auf die verschiedenste Art und Weise interpretiert. Diese unterschiedlichen Ansätze stehen oft in enger Verbindung zu den voneinander abweichenden Interpretationen des Werkes und dessen Gesamtkonzeption. Einige Forscher sehen im Nibelungenlied aufgrund der verschiedenen Unstimmigkeiten und manchen Leerstellen keine geschlossene Einheit.8 Andere klammern diese Stellen aus und gehen von einem abgeschlossenen Roman aus. Werner Schröder sucht beispielsweise die Einheit des Epos in derjenigen seiner „Charaktere“ und spricht von einem „Kriemhiltroman“.9 In der neueren Forschung werden jedoch die Widersprüche und Brüche des Nibelungenliedes als Darstellungsprinzip begriffen, welches dem Dichter ermöglichte, mit wechselnden Perspektiven zu arbeiten.10 Im Folgenden werde ich jedoch mit meiner Analyse nicht eine neue Gesamtdeutung des ‚Nibelungenliedes’ darstellen, sondern mich vordergründig nur mit Kriemhild befassen, sie und ihr Verhalten untersuchen und sie in den jeweiligen Kontext der verschiedenen Szenen, in denen sie auftaucht, einordnen. Da ich gleichzeitig auf das Problem der „Entwicklung“ Kriemhilds im Epos eingehen möchte, bietet es sich an, meine Untersuchungen entsprechend der Chronologie des Geschehens durchzuführen.

[....]


1 Joseph Körner, zitiert nach: John Greenfield (Hrsg.): „Frau, Tod und Trauer im Nibelungenlied: Überlegungen zu Kriemhilt“, in: Das Nibelungenlied. Actas do Simpósio Internacional 27 de Outubro de 2000, Porto 2001, S. 95-114, hier S. 96.

2 Diese und alle folgenden Strophenangaben beziehen sich auf: Das Nibelungenlied, nach der Ausgabe von Karl Bartsch, hrsg. von Helmut de Boor, 22., revidierte und von Roswitha Wisniewski ergänzte Auflage, Wiesbaden 1996 (= Deutsche Klassiker des Mittelalters).

3 Wisniewski [wie Anm. 2], S. XXII.

4 Einleitung von Helmut de Boor (Hrsg.): Das Nibelungenlied, 4. Auflage, Köln 2003, S. 9f.

5 Bert Nagel, zitiert nach: Peter Göhler: Das Nibelungenlied. Erzählweise, Figuren, Weltanschauung, literaturgeschichtliches Umfeld, Berlin 1989, S. 60.

6 Nagel [wie Anm. 5], S. 60f.

7 Ebd., S. 61.

8 Vgl. dazu Andreas Heusler: Nibelungensage und Nibelungenlied. Die Stoffgeschichte des deutschen Heldenepos, 6. Auflage, Dortmund 1965.

9 Vgl. dazu Werner Schröder: „Die Tragödie Kriemhilts im Nibelungenlied“, in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 90 (1960/61), S. 41-80; 123-160.

10 Vgl. dazu Jan-Dirk Müller: Spielregeln für den Untergang. Die Welt des Nibelungenliedes, Tübingen 1998.

 

 


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Author: Claudia Faschingbauer
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