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Eine Frage der Perspektive

Subtitle: Das neurobiologische Verständnis von Willensfreiheit und Determinismus in soziologischer Bedeutung

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 24 Pages
Author: Christian Hesse
Subject: Sociology - Miscellaneous

Details

Event: Soziologie des Hirns
Institution/College: University of Münster (Institut für Soziologie)
Tags: Eine, Frage, Perspektive, Soziologie, Hirns
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2007
Pages: 24
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 19  Entries
Language: German
Archive No.: V70084
ISBN (E-book): 978-3-638-62419-0
ISBN (Book): 978-3-638-67401-0
File size: 157 KB

Abstract

Hat der Mensch einen freien Willen oder ist er in seinen Entscheidungen und Verhaltensweisen determiniert? Anders gefragt: Sind wesentliche Grundannahmen über unser menschliches Weltbild eine Illusion? Auf diese - an sich philosophische Frage - glaubt nun seit einigen Jahren die Neurowissenschaft eine Antwort gefunden zu haben. Mit seinem Buch „Ein neues Menschenbild?“ hat der Neurophysiologe Prof. Wolf Singer eine öffentliche Diskussion entfacht, die weit über die Kreise der Wissen- schaft hinausgeht und auch in den Medien einen breiten Widerhall findet. Zusammen mit dem Biologen Prof. Gerhard Roth behauptet Singer, dass der freie Wille – im traditionellen und alltäglichen Verständnis – nicht existiert. Vielmehr sei alles Wollen, Wissen und Handeln ein Ergebnis der neurobiologischen Disposition und der Mensch damit nicht in der Lage, sein Verhalten über Einsicht und Willen zu ändern. Naturgemäß haben diese - zum Teil bewusst provokativ formulierten - Ausführungen heftige Reaktionen hervorgerufen, insbesondere bei Philosophen und Theologen, die sich mitunter auch über den Vorstoß der Hirnforschung auf ihr ureigenes Terrain überrascht zeigten. Aber auch andere wissenschaftliche Disziplinen, wie die Psychologie, die Rechtswissenschaft und nicht zuletzt die Soziologie sind von den Konsequenzen dieser Diskussion betroffen. Im folgenden soll nun erläutert werden, welches Weltbild Singer, Roth und andere Vertreter des Determinismus propagieren, wie ihre Gegner - u.a. so prominente Persönlichkeiten wie Jürgen Habermas - darauf reagieren und wie die Diskussion in den Medien möglicherweise verkürzt und verfälscht wiedergegeben wird. Im Anschluss daran soll geklärt werden, wie die Sozialwissenschaften von dieser Debatte beeinflusst werden, welche Auswirkungen die neurobiologischen Theorien für die Konstitution unserer Gesellschaft hätten. Schlussendlich soll die Frage beleuchtet werden, ob die Ergebnisse der Hirnforschung tatsächlich im absoluten Widerspruch zu unserem menschlichen Selbstverständnis in Geschichte und Gegenwart stehen, oder ob die Aussagen dieser beiden scheinbar unversöhnlichen Lager aus der interdisziplinären Perspektive möglicherweise relativierbar sind.


Excerpt (computer-generated)

Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Institut für Soziologie
Philosophische Fakultät, Fachbereich 6
Hauptseminar: Die Soziologie des Hirns
Sommersemester 2006

Eine Frage der Perspektive -
Das neurobiologische Verständnis von Willensfreiheit
und Determinismus in soziologischer Bedeutung

von: Christian Hesse

 


Inhaltsverzeichnis

1) Einführung  3

2) Begriffsbestimmung Determinismus  5

3) Die neurowissenschaftlichen Forschungsergebnisse 6

3.1) Das Libet-Experiment  6
3.2) Die Theorien von Wolf Singer und Gerhard Roth  7

4) Gegenreaktionen  10

4.1) Erwiderungen der Philosophie  10
4.2) Erwiderungen der Psychologie 13

5) Soziologische Konsequenzen 16

5.1) Gesellschaften und Determination  16
5.2) Werte, Normen und Schuld  17

6) Schlussbetrachtung 20

Literaturverzeichnis 23



 

1) Einführung

Hat der Mensch einen freien Willen oder ist er in seinen Entscheidungen und Verhaltensweisen determiniert? Anders gefragt: Sind wesentliche Grundannahmen über unser menschliches Weltbild eine Illusion? Auf diese - an sich philosophische Frage - glaubt nun seit einigen Jahren die Neurowissenschaft eine Antwort ge- funden zu haben.
Mit seinem Buch „Ein neues Menschenbild?“1 hat der Neurophysiologe Prof. Wolf Singer eine öffentliche Diskussion entfacht, die weit über die Kreise der Wissen- schaft hinausgeht und auch in den Medien einen breiten Widerhall findet. Zusammen mit dem Biologen Prof. Gerhard Roth behauptet Singer, dass der freie Wille – im traditionellen und alltäglichen Verständnis – nicht existiert. Vielmehr sei alles Wollen, Wissen und Handeln ein Ergebnis der neurobiologischen Disposition2 und der Mensch damit nicht in der Lage, sein „[…] Verhalten über Einsicht und Willen zu ändern.“3
Naturgemäß haben diese - zum Teil bewusst provokativ formulierten - Ausführungen heftige Reaktionen hervorgerufen, insbesondere bei Philosophen und Theologen, die sich mitunter auch über den Vorstoß der Hirnforschung auf ihr ureigenes Terrain überrascht zeigten. Aber auch andere wissenschaftliche Disziplinen, wie die Psychologie, die Rechtswissenschaft und nicht zuletzt die Soziologie sind von den Konsequenzen dieser Diskussion betroffen. Im folgenden soll nun erläutert werden, welches Weltbild Singer, Roth und andere Vertreter des Determinismus propagieren, wie ihre Gegner - u.a. so prominente Persönlichkeiten wie Jürgen Habermas - darauf reagieren und wie die Diskussion in den Medien möglicherweise verkürzt und verfälscht wiedergegeben wird. Im Anschluss daran soll geklärt werden, wie die Sozialwissenschaften von dieser Debatte beeinflusst werden, welche Auswirkungen die neurobiologischen Theorien für die Konstitution unserer Gesellschaft hätten. Schlussendlich soll die Frage beleuchtet werden, ob die Ergebnisse der Hirnforschung tatsächlich im absoluten Widerspruch zu unserem menschlichen Selbstverständnis in Geschichte und Gegenwart stehen, oder ob die Aussagen dieser beiden scheinbar unversöhnlichen Lager aus der interdisziplinären Perspektive möglicherweise relativierbar sind.

2) Begriffsbestimmung Determinismus

Der Begriff des Determinismus entstand historisch in der klassischen Mechanik und der Naturphilosophie und beschreibt die Festlegung physikalischer Systeme bei vollständig gegebenen Bedingungen. Ein echter Zufall ist demnach ausgeschlossen. In der Wissenschaftstheorie ist er für die Relativitätstheorie, die Quantenmechanik und die Wahrscheinlichkeitstheorie relevant. Jenseits der Naturwissenschaften fand das deterministische Modell seit dem 17. Jahrhundert auch in der Anthropologie und der Staatsphilosophie Verwendung. Immanuel Kant beschäftigte sich unter diesen Voraussetzungen mit dem Problem der Willensfreiheit, welches nach ihm nur im Bereich der praktischen Philosophie gelöst werden kann.4 Grundsätzlich ist zu unterscheiden zwischen einem allgemeinen Determinismus, der sich auf das Weltgeschehen an sich bezieht, und dem persönlichen Determinismus, der die Vorherbestimmtheit des Menschen durch äußere und innere Einflüsse bezeichnet, somit im Gegensatz zur Willensfreiheit steht und im folgenden hier behandelt wird.

3) Die neurowissenschaftlichen Forschungsergebnisse

3.1) Das Libet-Experiment

[...]


1 Suhrkamp, Frankfurt 2003, ISBN 3-518-29171-8

2 Vgl. Kotlorz: Das Gehirn des Menschen kennt keinen Präsidenten. Die Welt (21.4.01)

3 Vgl. Zewell: Früchte des Dialogs. Rheinischer Merkur 12/05

4 Vgl. Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaftstheorie. 2005, Band 2, S. 167-168


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