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(De)Konstruktion von Körper und Geschlecht in Shakespeare's Titus Andronicus

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 28 Pages
Author: Christine Schlünder
Subject: English Language and Literature Studies - Literature

Details

Event: Hauptseminar „Shakespearean Bodies”
Institution/College: University of Cologne (Englisches Seminar)
Tags: Körper, Geschlecht, Shakespeare, Titus, Andronicus, Hauptseminar, Bodies”
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 28
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 32  Entries
Language: English
Archive No.: V70136
ISBN (E-book): 978-3-638-62457-2

File size: 189 KB


Excerpt (computer-generated)

Universität zu Köln, Englisches Seminar
Hauptseminar „Shakespearean Bodies”
Wintersemester 2005/06, 9. Semester

(De)Konstruktion von Körper und Geschlecht in
Shakespeare’s Titus Andronicus

von: Christine Schlünder

 


I N H A L T

1. Einleitung  3

2. Judith Butler: Diskursive Geschlechtsidentität  5

3. Geschlechterdiskurse der Renaissance 8

3.1 Körperpolitik in Shakespeares Titus Andronicus  9

3.1.1 Weibliche Sexualität und Macht  10

3.1.1.1 …am Beispiel von Lavinia 10
3.1.1.2 …am Beispiel von Tamora  18

3.1.2 „Racial Otherness“ – Aaron, der Mohr  20

4. Schlussbetrachtung 24

5. Literaturverzeichnis 26

Quelle:  26
Darstellungen:  26



 

1. Einleitung

Im poststrukturalistischen Sinne ist die Wirklichkeit ein Konstrukt, das sich über einen dynamischen Prozess fortwährend neu konstituiert. Sie ist immer abhängig von dem jeweiligen Bedeutungskontext und der Bedeutung, die ihr zugewiesen wird. Diese Sichtweise der konstruierten Wirklichkeit erstreckt sich auch auf die Felder Geschlecht und Körper. Folglich sind auch diese Komponenten nicht Träger einer festen Bedeutung. Insbesondere Judith Butler hat diese Wahrnehmung von der konstruierten Geschlechteridentität etabliert. Sie betont den Konstruktcharakter der Geschlechtsidentität und ihre Abhängigkeit von den Diskursen der jeweiligen Kultur und Gesellschaft. Demnach ist Gender ein diskursives Produkt und muss immer im soziokulturellen Kontext gesehen werden.

In dieser Arbeit soll gezeigt werden, dass auch in Shakespeares Dramen, hier am Beispiel der Tragödie Titus Andronicus1, der diskursive Charakter von Geschlechtsidentität zum Ausdruck kommt. Hierzu soll zunächst einmal der Ansatz Judith Butlers in Kapitel 2 zum besseren Verständnis näher erläutert werden. Daraufhin folgt in Kapitel 3 die Darstellung der Geschlechterdiskurse der Renaissance, die vor allem geprägt sind durch das so genannte Ein- Geschlecht-Modell. Kapitel 3.1 soll die Körperpolitik im Stück selbst aufzeigen, die spezifiziert wird in Kapitel 3.1.1 durch die Darlegung von der Korrelation zwischen weiblicher Sexualität und Macht. Dies soll an den beiden Frauenfiguren des Stücks festgemacht werden. Zum einen an Lavinia in Kapitel 3.1.1.1 und zum anderen an Tamora in Kapitel 3.1.1.2. Im Falle Lavinias ist deutlich zu erkennen, dass Identität über den Körper konstruiert wird und zwar in Abhängigkeit von der Unversehrtheit desselben. Es soll gezeigt werden, wie sich die Sicht auf Lavinia und ihre gesellschaftliche Position im Verlauf des Stücks wandelt und welche Rolle ihr Körper in diesem Kontext spielt. Auch die Darstellung Tamoras weist deutlich auf, inwieweit die weibliche Identität in Abhängigkeit zu den Geschlechterdiskursen (in diesem Fall die der Renaissance) steht. Kapitel 3.2 hingegen fokussiert eine männliche Identität, nämlich die Aarons. Auch er ist ein Beispiel, wie Identität über den Körper bzw. über Körperdiskurse geschaffen wird. In seinem Fall ist das Bild der Gesellschaft von ihm geprägt durch seine schwarze Hautfarbe, durch die er, in Anlehnung an die Rassendiskurse der Renaissance, per se als Bösewicht gilt. Zudem soll auch der 1999 unter der Regie von Julie Taymor entstandene Film Titus in knapper Form mit in die Betrachtungen einfließen.

2. Judith Butler: Diskursive Geschlechtsidentität

Die amerikanische Philosophin Judith Butler und ihre einflussreichen Bücher Gender Trouble (1990) und Bodies that Matter (1993) provozieren eine neue Diskussion über Kategorien wie Geschlecht, Körper und Identität. Ausgehend von Simone de Beauvoirs These, dass man nicht als Frau geboren, sondern dazu gemacht wird, dekonstruiert Butler gewohnte und etablierte Vorstellungen von Geschlechtsidentität. Ihr poststrukturalistischer Ansatz verweigert die Idee des Essentialismus, sprich die Vorstellung einer angeborenen und biologisch determinierten Geschlechteridentität: „She argues that the body should not be understood as a natural entity that is bound up in an irreducible tension with cultural norms and ideals. Instead […], the body ought to be understood as being this tension“ (Fisher 2001: 155). Es geht Butler vor allem darum, die „Formel ‚Biologie ist Schicksal’ anzufechten“ (Butler 1991: 22). Butlers Lesart von Geschlecht und Körper erkennt somit den Konstruktcharakter von Identität, die ein diskursives Produkt darstellt in Unabhängigkeit von der biologischen Disposition. Diese zu der binären Struktur von Geschlechterkategorien gegenläufige diskurstheoretische Perspektive des Subjekts entwirft ein Verständnis von Geschlechterrolle (oder Gender), welche sich in einem diskursiven Prozess konstituiert und damit niemals abgeschlossen ist. Dies „bedeutet, die kulturell intelligiblen Subjekte als Effekte eines regelgebundenen Diskurses zu begreifen, der sich in die durchgängigen und mundanen Bezeichnungsakte des sprachlichen Lebens einschreibt“ (Butler 1991: 212). Nach Butler, die bei der Sprachphilosophie, nach der Sprache nicht die Wirklichkeit abbildet, sondern erst schafft, ansetzt, entsteht Geschlechtsidentität nicht durch eine einmalige Bezeichnung, sondern erst durch den Diskurs darüber: „Die wiederkehrenden Serien von Diskursen bilden die Wirklichkeit nicht ab, sondern konstituieren sie“ (Borsò 2004: 148). Durch die immerwährende Veränderung des Diskurses und die Rekurrierung von Diskursen auf andere (in Form von Erweiterung des Diskurses oder durch einen Gegendiskurs) ist auch die Geschlechtsidentität nicht in sich abgeschlossen. Butler spricht in diesem Kontext von Performanz (angelehnt an die Sprechakttheorie), so dass Identität

nicht außerhalb eines Prozesses der Wiederholbarkeit verstanden werden kann, außerhalb einer geregelten und restingierten Wiederholung von Normen. Und diese Wiederholung wird nicht von einem Subjekt performativ ausgeführt; diese Wiederholung ist das, was ein Subjekt ermöglicht und was die zeitliche Bedingtheit für das Subjekt konstituiert (Butler 1997: 139).

[...]


1 Shakespeares erste Tragödie, die 1594 uraufgeführt wurde. Alle Zitate aus dem Stück werden im Folgenden durch die Angabe von Seiten- und Verszahl genannt.


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