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Auf der Spur von Marcel Mauss´ "Die Gabe"

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2001, 20 Pages
Author: M.A. Mirjana Sarac-Petric
Subject: German Studies - Older German Literature, Mediaevistik

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2001
Pages: 20
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 9  Entries
Language: German
Archive No.: V70249
ISBN (E-book): 978-3-638-62501-2

File size: 165 KB


Excerpt (computer-generated)

Ludwig – Maximilians – Universität München
Institut für Germanistische Mediävistik
HS: „Das Nibelungenlied“, WS 2000/01

Auf der Spur von Marcel Mauss` „Die Gabe“

von: Mirjana Sarac-Petric

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung  3

2. System der “totalen Leistungen” versus Potlach  5

2.1. Etzels Werbung um Krimhild u. Giselhers Werbung um Rüdigers Tochter  5
2.2. Siegfrieds Werbung um Krimhild  7
2.3. Gunthers Werbung um Brünhild  7
2.4. Hoffeste  9

3. Das „hau“ einer Sache  10

3.1. Balmung, Siegfrieds Schwert  10
3.2. Rüdigers Geschenke  11
3.3. Das Hochzeitsfest am Wormser Hof  13

4. Pflicht zu geben und zu nehmen   14

4.1. Hoffeste  14
4.2. Botenempfang  16

5. Resümee  19

6. Bibliographie  20



 

1. Einleitung

In § 516 I heißt es „Eine Zuwendung, durch die jemand aus seinem Vermögen einen anderen bereichert, ist Schenkung, wenn beide Teile darüber einig sind, dass die Zuwendung unentgeltlich erfolgt“1. Das Schenken, das der Gesetzgeber so nüchtern definiert, gehört zu den angenehmsten Seiten unseres Lebens, denn jeder von uns freut sich, wenn er ein Geschenk bekommt. Ebenso suchen wir in der Regel mit großer Sorgfalt nach etwas Passendem, wenn wir jemandem, der uns lieb und teuer ist, ein Geschenk machen wollen2. Zudem gibt es in unserer Gesellschaft unzählige Gelegenheiten, zu denen geschenkt wird – man denke nur einmal an Weihnachten, Geburtstag, Valentinstag oder Muttertag, um nur einige von ihnen zu nennen.
Der moderne Geschenkaustausch, wie er in unserer Zeit praktiziert wird, weist nach Meinung von Gerhard Schmied „die zunehmend schärfere Trennung der öffentlichen und der privaten Sphäre“3 auf. Während in der öffentlichen Sphäre der Austausch von Gütern durch Kauf erfolgt, bedient man sich in der privaten Sphäre der Geschenke. Mit ihrer Hilfe sollen Bindungen in der Familie und im Freundeskreis freiwillig betont und verstärkt werden.
Und doch, in dem eben Gesagten offenbart sich ein Widerspruch, der gerade in dieser Weise in unserer Gesellschaft akzeptiert wird. Während das Gesetz die Schenkung als einseitigen Akt betont, bei dem der Gebende dem Nehmenden freiwillig und kostenlos etwas zukommen lässt, wissen wir aus unserer eigenen Erfahrung, dass wir dieses Geschenk nicht annehmen können, ohne uns verpflichtet zu fühlen, das Geschenk zu erwidern. Es zeigt sich in diesem Kontext, dass die Freiwilligkeit des Schenken, obwohl das Gegengeschenk juristisch nicht eingefordert werden kann, sehr relativ ist. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass es oft nur das erste Geschenk ist, das freiwillig gegeben wird; man selbst bestimmt frei, ohne Zwang, den Anlass, den Zeitpunkt und das Ambiente der Geschenkübergabe. Und in diesem Moment der freiwillig gegebenen und freiwillig angenommenen Schenkung passiert es: dem Geschenk geht durch die Pflicht der Gegengabe4 ein Teil seiner Freiwilligkeit verloren.
Da also selbst wir mit unserer modernen Auffassung von Schenken doch nicht so weit entfernt sind von dem „Kerngedanke[n] germanischer Schenkungsethik“, der sich durch „Jede Gabe fordert ihre Gegengabe“5 definieren lässt, muss dieses Prinzip der Gegenseitigkeit von Geben und Nehmen, das Irmgard Gephart zufolge „den Germanen, und auch noch weitgehend dem Mittelalter“ typisch war, in einem noch stärkeren Maße in einem mittelalterlichen Werk wie dem Nibelungenlied ausgeprägt sein.
Doch wodurch wird diese Gegenseitigkeit von Geben und Nehmen bedingt? Was ist es, was die Menschen, die verschiedenen Jahrhunderten und verschiedenen Kulturen entstammen, immer wieder dazu veranlasst, auf Geschenke mit Gegengeschenken zu reagieren? Der französische Soziologe Marcel Mauss hat in seinem Werk „Die Gabe“ versucht, eine Antwort auf diese Frage zu finden, indem er mehrere archaische Völker (Polynesier, Samoaner, Maori u.a.) auf ihre Geschenkrituale hin untersuchte, denn bei diesen wie auch „in vielen anderen Kulturen finden Austausch und Verträge in Form von Geschenken statt, die theoretisch freiwillig sind, in Wirklichkeit jedoch immer gegeben und erwidert werden müssen“6. Er vertrat die Meinung, dass „unsere Rechts- und Wirtschaftssysteme aus ähnlichen Institutionen wie den erwähnten hervorgegangen sind“7. Wenn das richtig ist, müssten Mauss` Beobachtungen zum Geschenkverhalten der archaischen Völker in (vielleicht) abgeschwächter Form auch im Nibelungenlied8 zu finden sein, da die Welt der Nibelungen ebenfalls in eine Zeit gehört, in der „Geben und Nehmen [...] nur die verschiedenen Seiten einer Geste [sind], deren eine notwendig zur anderen gehört“9.
Den Überlegungen von Mauss folgend, sollen in der vorliegenden Arbeit ausgewählte Textpassagen des Nibelungenlieds auf die Zutreffendheit von Mauss Annahmen, die den Geschenkaustausch in archaischen Völkern betreffen, untersucht werden.

2. System der „totalen Leistungen“ versus Potlach

[...]


1 Palandt: „Bürgerliches Gesetzbuch“. S.555

2 Ludwig Bamberger definiert dieses Passende als etwas, was „weder etwas ganz Überflüssiges, noch etwas ganz Nützliches sein [soll]. Ist`s ganz überflüssig, d.h. auch zur Befriedigung des letzten Luxus- und Verschönerungsbedürfnisses nicht zu brauchen, so ist es lästig (man denke an die hunderttausend gänzlich sinn- und zwecklosen Stickereien und Häkeleien, die in solchen Tagen durch die Lüfte schwirren) – und ist es nützlich, so ist es erstens prosaisch und zweitens sinnwidrig“. in: Ludwig Bamberger: Die Kunst zu schenken. S. 144

3 Gerhard Schmied: „Schenken. Über eine soziale Form des Handelns“. S. 18.

4 Gegengabe meint in diesem Zusammenhang nicht unbedingt ein gleichwertiges oder sogar hochwertigeres Geschenk. Es kann sich bei dem zweiten oder folgenden Geschenk auch nur um eine Kleinigkeit handeln, die dem Erstschenkenden zu verstehen geben soll, dass man selbst auch an ihn gedacht hat

5 Irmgard Gephart: Geben und Nehmen im „Nibelungenlied“ und in Wolframs von Eschenbach „Parzifal“. S.8.

6 Marcel Mauss: Die Gabe. S. 16.

7 Marcel Mauss: Die Gabe. S. 120.

8 Alle Strophenangaben in der Arbeit beziehen sich auf: Nibelungenlied. Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, 22. Auflage, 1999.

9 Irmgard Gephart: Geben und Nehmen im „Nibelungenlied“ und in Wolframs von Eschenbach „Parzifal“. S.8.


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