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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 33 Pages
Author: M.A. Friederike Kleinknecht
Subject: German - German as a Foreign Language / Second Language
Details
Institution/College: LMU Munich (Deutsch als Fremdsprache/Transnationale Germanistik)
Tags: Sequenzen, Spracherwerbs, Anwendung, Fremdsprachenunterricht, Aspekte, Interkultureller, Kompetenz, Theorien, Sprachlehrforschung
Year: 2006
Pages: 33
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 51 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-61925-7
ISBN (Book): 978-3-638-67451-5
File size: 244 KB
Die Theorie der Spracherwerbsstufen im Zusammenhang mit anderen Theorien des Spracherwerbs, ihre Weiterentwicklung und die Möglichkeiten der Anwendung im Fremdsprachenunterricht.
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Abstract
Das (gesteuerte oder ungesteuerte) Erlernen einer Fremdsprache ist ein äußerst komplexer Prozess, der auf vielerlei Arten begonnen werden kann, der verschiedene Ausgänge haben kann und zu dessen Beschreibung und Erklärung eine Vielzahl von Aspekten zu berücksichtigen ist. Einer dieser Aspekte ist die Annahme, dass der Spracherwerb in invarianten Sequenzen vonstatten geht: die Theorie der Spracherwerbsstufen. Diese Theorie ist in der Sprachlehr- und -lernforschung seit den 1970er Jahren bekannt. Die Details, etwa die Gültigkeit der Ergebnisse für die verschiedenen Strukturbereiche und die psycholinguistischen Grundlagen der Sequenzen sowie die praktische Anwendbarkeit im Fremdsprachenunterricht, sind z.T. nach wie vor umstritten. Während bestimmte Sequenzen, etwa in Bezug auf die Reihenfolge des Erwerbs der deutschen Wortstellung, als empirisch abgesichert gelten können, wurde für andere erst wenig Evidenz gefunden. In der Frage nach dem Warum dieser Reihenfolge, wo sie denn als gegeben hingenommen wird, spiegelt sich die althergebrachte Diskussion zwischen den verschiedenen Strömungen der Wissenschaftstradition wider. Einige suchen die Ursachen in den Gegebenheiten einer Universalgrammatik, die bestimmte Parameter beinhaltet, die jeweils in einer bestimmten Reihenfolge aktiviert werden müssen; andere führen sie eher auf die neuronale Struktur des menschlichen Gehirns und auf die Natur der Sprachverarbeitungsprozesse im Gehirn oder auf die kognitiv-intellektuelle Entwicklung allgemein zurück. Die Theorie der Spracherwerbssequenzen wird zunächst in den allgemeinen Kontext der Wissenschaftsgeschichte gestellt, um die theoretischen Rahmenbedingungen zu klären, auf denen sie basiert bzw. von denen sie sich kontrastiv abhebt. In der Folge wird im Detail nachgezeichnet, wie diese Theorie von einem ihrer wichtigsten Vertreter, Manfred Pienemann, entwickelt und fortgeführt wurde: vom Multidimensionalen Modell über die Teachability Theory zur Processability Theory. Dabei wird festgestellt, welche Aspekte des Spracherwerbs damit erklärt und vorhergesagt werden könne, und auf welche Weise. Zu guter Letzt wird die praktische Relevanz der Erwerbssequenzen im Fremdsprachenunterricht diskutiert, d.h. die Möglichkeit und die Modalitäten ihrer Einbeziehung gerade in ein kommunikativ-interkulturell ausgerichtetes Curriculum.
Excerpt (computer-generated)
Ludwig-Maximilians-Universität München
Hauptseminar: Aspekte Interkultureller Kompetenz
in den Theorien der Sprachlehrforschung
Wintersemester 2005/06
Die Sequenzen des Spracherwerbs und
ihre Anwendung im Fremdsprachenunterricht
von: Friederike Kleinknecht
Inhalt
1 Einleitung 3
2 Die Theorie der Erwerbssequenzen im Kontext der Wissenschaftsgeschichte 4
2.1 Theorien des L1-Erwerbs 5
2.1.1 Behaviorismus und Funktionalismus 6
2.1.2 Nativismus und Universalgrammatik 7
2.1.3 Kognitivismus und Konstruktivismus 8
2.2 Theorien und Methoden des Fremdsprachenunterrichts 9
2.3 Der ungesteuerte L2-Erwerb 10
2.3.1 Das Heidelberger Projekt und das Kieler Projekt 11
2.3.2 Die ZISA-Studie 12
2.3.3 L1 vs. L2 12
3 Spracherwerbsstufen: Vom Multidimensionalen Modell zur Processability Theory 14
3.1 Die ZISA-Studie und das Multidimensionale Modell 14
3.2 Die Teachability Theory 16
3.3 Die Processability Theory 17
3.3.1 Spracherzeugung und Sprachverarbeitung 18
3.3.2 Der Hypothesenraum 19
3.3.3 Generative Entrenchment 20
3.3.4 Die Steadyness Hypothesis 20
3.3.5 Universalität des PT-Ansatzes 21
3.3.6 Nicht-verarbeitungsbezogene Variablen 21
4 Konsequenzen für Praxis und Forschung 22
4.1 Das Lernbarkeitsproblem: PT vs. Markiertheitstheorien 23
4.2 Erkenntnisse über die Natur des Spracherwerbs 24
4.3 Praktische Anwendbarkeit 25
4.3.1 Verzicht auf Steuerung 25
4.3.2 Progression gemäß den Erwerbssequenzen 26
4.3.3 Der Input 27
4.3.4 Output und Fehleranalyse 28
4.3.5 Grammatikprogression 29
5 Fazit 31
6 Literatur 32
1 Einleitung
Jeder, der schon einmal angefangen hat, (gesteuert oder ungesteuert) eine Fremdsprache zu lernen, weiß, dass dies ein äußerst komplexer Prozess ist, der auf vielerlei Arten begonnen werden kann, der verschiedene Ausgänge haben kann und zu dessen Beschreibung und Erklärung eine Vielzahl von Aspekten zu berücksichtigen ist. Einer dieser Aspekte ist die Annahme, dass der Spracherwerb (zunächst ohne Differenzierung zwischen L1- und L2- Erwerb) in invarianten Sequenzen vonstatten geht: die Theorie der Spracherwerbsstufen. Diese Theorie ist in der Sprachlehr- und -lernforschung seit den 1970er Jahren bekannt. Die Details, etwa die Gültigkeit der Ergebnisse für die verschiedenen Strukturbereiche und die psycholinguistischen Grundlagen der Sequenzen sowie die praktische Anwendbarkeit im Fremdsprachenunterricht, sind z.T. nach wie vor umstritten. Während bestimmte Sequenzen, etwa in Bezug auf die Reihenfolge des Erwerbs der deutschen Wortstellung, als empirisch abgesichert gelten können, wurde für andere erst wenig Evidenz gefunden. In der Frage nach dem Warum dieser Reihenfolge, wo sie denn als gegeben hingenommen wird, spiegelt sich die althergebrachte Diskussion zwischen den verschiedenen Strömungen der Wissenschaftstradition wider. Einige suchen die Ursachen in den Gegebenheiten einer Universalgrammatik, die bestimmte Parameter beinhaltet, die jeweils in einer bestimmten Reihenfolge aktiviert werden müssen; andere führen sie eher auf die neuronale Struktur des menschlichen Gehirns und auf die Natur der Sprachverarbeitungsprozesse im Gehirn oder auf die kognitiv-intellektuelle Entwicklung allgemein zurück.
In dieser Arbeit soll zunächst die Theorie der Spracherwerbssequenzen in den allgemeinen Kontext der Wissenschaftsgeschichte gestellt werden, um die theoretischen Rahmenbedingungen zu klären, auf denen sie basiert bzw. von denen sie sich kontrastiv abhebt. In der Folge soll im Detail nachgezeichnet werden, wie diese Theorie von einem ihrer wichtigsten Vertreter, Manfred Pienemann, entwickelt und fortgeführt wurde: vom Multidimensionalen Modell über die Teachability Theory zur Processability Theory. Dabei soll festgestellt werden, welche Aspekte des Spracherwerbs damit erklärt und vorhergesagt werden könne, und auf welche Weise.
Die Sequenzen des Spracherwerbs und ihre Anwendung im Fremdsprachenunterricht Zu guter Letzt soll die praktische Relevanz der Erwerbssequenzen im Fremdsprachenunterricht diskutiert werden, d.h. die Möglichkeit und die Modalitäten ihrer Einbeziehung gerade in ein kommunikativ-interkulturell ausgerichtetes Curriculum.
2 Die Theorie der Erwerbssequenzen im Kontext der Wissenschaftsgeschichte
Die Frage nach den Grundlagen der Sprachfähigkeit und des Spracherwerbs hat eine lange Tradition in der Diskussion zwischen Vertretern verschiedener Schulen der Linguistik, der Psychologie und verwandter Disziplinen. Die unterschiedlichen Ansätze spiegeln sich in der Psycholinguistik und in der Sprachlehrforschung (= Sprachlehr- und Sprachlernforschung) und beeinflussen, wenn auch in relativierter Form, noch heute die Theoriebildung. Aus diesem Grund sollen an dieser Stelle zunächst die wichtigsten der konkurrierenden Erklärungsansätze vorgestellt und aus dem Blickwinkel des neueren Forschungsstandes1 beurteilt werden.
In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu bemerken, dass bis heute keine Theorie existiert, die sämtliche Aspekte des Spracherwerbs in glaubhafter und kohärenter Weise erklären könnte; dagegen haben trotz aller Mängel alle der vielfach kritisierten und verworfenen Ansätze, die unten besprochen werden sollen, auch ihre Vorzüge hinsichtlich gewisser Aspekte, während andere nicht oder nur unzureichend erklärt werden. Es wird daher heute v.a. ein modularer Erklärungsansatz2 vertreten, d.h. einer, der für die verschiedenen Teilbereiche des Spracherwerbs auf verschiedene Theorien zurückgreift und versucht, sie miteinander in Einklang zu bringen; das Schwarz-Weiß-Denken der Vergangenheit (man vgl. die Diskussion zwischen Behaviorismus und Nativismus) ist glücklicherweise überwunden. Die wichtigsten der gegeneinander antretenden, Exklusivität beanspruchenden Theorien sind:
a) der auf den Theorien von Skinner und Leonard Bloomfield fußende Behaviorismus;
b) der Nativismus im Gefolge von Noam Chomsky;
c) der von Piaget begründete Kognitivismus.
All diese Theorien beziehen sich allerdings in der Form, in der sie ursprünglich konzipiert wurden, bestenfalls auf den L1-Erwerb (wenn sie überhaupt den Spracherwerb selber mit einschließen) und lassen den L2-Erwerb in „natürlicher Umgebung“ wie auch im Fremdsprachenunterricht3 vollkommen außer Acht. Die Strategien und Ergebnisse des L2- Erwerbs blieben damit weitgehend unreflektiert, was sich sowohl in den landläufigen Ansichten über Zweisprachigkeit und Zweitspracherwerb als auch in der Diskussion um die Methoden des Fremdsprachenunterrichts spiegelt (vgl. Wilhelm Viëtor und die neusprachliche Reformbewegung, deren Forderungen noch weit ins 20. Jahrhundert hinein großteils unbeachtet blieben). Erst in jüngerer Zeit versuchen die Sprachlehrforschung sowie die Psycholinguistik, eine umfassende Theorie des Spracherwerbs aufzustellen, die alle drei Erwerbstypen systematisch mit einbezieht und Gemeinsamkeiten wie Unterschiede nicht nur aufzeigt, sondern auch zu erklären versucht. Gerade in dieser Hinsicht ist die Theorie der Spracherwerbsstufen – und ihre weiterentwickelte Form, die Processability Theory – von großem Interesse insofern, als sie für jedwede Art des Spracherwerbs dieselbe – verarbeitungsbedingte – Basis postuliert, die dann aufgrund von anderen Faktoren auf spezifische Weise zur Ausprägung kommt.
2.1 Theorien des L1-Erwerbs
Die Wissenschaft, die sich mit dem Spracherwerb befasst, ist in erster Linie die Psycholinguistik, die versucht, die psychologischen und die linguistischen Aspekte des komplexen Phänomens Sprache und Sprechen miteinander in Einklang zu bringen. Die ersten, die sich ausführlicher mit dem L1-Erwerb befassten, waren allerdings bezeichnenderweise nicht Linguisten, sondern (bereits Ende des 19. Jahrhunderts) Psychologen, Philosophen und Pädagogen.4 Zu einem erneuten Aufschwung in der diesbezüglichen Forschung kam es in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts unter Miteinbeziehung der neuen Konzeptionen in der Linguistik, die aus der Sprachtheorie Noam Chomskys erwuchsen.
In den Beschreibungs- und Erklärungsansätzen dieser Zeit, aber auch noch heute, spiegelt sich die alte Diskussion zwischen Empiristen und Rationalisten: Während erstere jegliche Erklärung, die sich der direkten Beobachtung entzieht, ablehnen, beziehen letztere mentale Die Sequenzen des Spracherwerbs und ihre Anwendung im Fremdsprachenunterricht Prozesse als unerlässliche Grundlage für das tatsächlich beobachtbare Verhalten systematisch mit ein.
2.1.1 Behaviorismus und Funktionalismus
[...]
1 Vgl. Pienemann 1998.
2 Vgl. Pienemann 1998:32ff.
3 Zur Terminologie „Erwerb“ vs. „Lernen“ siehe unten.
4 Vgl. Wode 1993:32.
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