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Hauptseminararbeit, 2004, 32 Seiten
Autor: M.A. Friederike Kleinknecht
Fach: Romanistik - Italienische u. Sard. Sprache, Literatur, Landeskunde
Details
Institution/Hochschule: Ludwig-Maximilians-Universität München (Italienische Philologie)
Tags: Italienisch, Religiöse, Texte, Ausblick, Sizilien, Sardinien, Sprachdenkmäler, Mündlichkeit, Schriftlichkeit
Jahr: 2004
Seiten: 32
Note: 1,5
Literaturverzeichnis: ~ 35 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-61926-4
ISBN (Buch): 978-3-638-67452-2
Dateigröße: 248 KB
Eine Einordnung der ältesten erhaltenen Dokumente in "italienischer" Sprache nach den Kriterien Nähe- vs. Distanzsprache (vgl. Koch/Oesterreicher 1990) sowie ein historischer Überblick zur Literatur Siziliens und verschiedene Theorien zu den ältesten Schriftstücken Sardiniens.
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Zusammenfassung / Abstract
In dieser Arbeit sollen vier der bekanntesten antiken „italienischen“ Texte vorgestellt werden, nämlich die Formula di confessione umbra, die Sermoni subalpini, der Ritmo cassinese sowie der Ritmo di Sant’Alessio. Der Begriff „Italienisch“ steht deswegen in Anführungszeichen, weil selbstverständlich im Mittelalter die italienische Sprache im heutigen Sinne noch nicht existierte; es gab lediglich eine Vielzahl von Dialekten auf dem Boden des heutigen Italien, die aus dem Vulgärlateinischen hervorgegangen waren und mit dem klassischen Latein in einem Diglossieverhältnis standen, wobei eine klare Funktionsteilung bestand: Das Latein, als Dachsprache fast ganz Europas, war die Sprache der Schriftlichkeit, während der Bereich der Volkssprache die Mündlichkeit war. Eben dieses Spannungsfeld zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit ist der Ansatzpunkt, der zum besseren Verständnis der hier behandelten Texte beitragen soll. Es wird zunächst, in Anlehnung an Peter Koch (1993), auf die generelle Dynamik des Verhältnisses von Mündlichkeit und Schriftlichkeit eingegangen und einen darauf aufbauenden Klassifikationsansatz vorgestellt. Nach einem kurzen Überblick über die historische und sprachliche Situation im mittelalterlichen Italien folgt die genauere Untersuchung der oben aufgeführten Texte; anschließend wird noch ein Ausblick auf die Entwicklung der volkssprachlichen Schriftlichkeit in Sizilien und Sardinien gegeben. Im Anhang finden sich Abschriften und Faksimili der behandelten Texte sowie Karten von Italien und Sardinien.
Textauszug (computergeneriert)
Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut für Italienische Philologie
Hauptseminar: Älteste romanische Sprachdenkmäler zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit
Sommersemester 2004
„Italienisch“: Religiöse Texte bis ca. 1250
Ausblick auf Sizilien und Sardinien
von: Friederike Kleinknecht
Inhalt
1. Einleitung 3
2. Hauptteil 3
2.1 Mediale und konzeptionelle Einordnung von Dokumenten und Sprachdenkmälern 3
2.1.1 Kategorie A: Verschriftete Mündlichkeit 5
2.1.2 Kategorie B: Listen 5
2.1.3 Kategorie C: Zum mündlichen Vortrag bestimmte Schriftlichkeit 5
2.1.4 Kategorie D: Linguistische Spannungsfelder und Kontraste 7
2.2 Historisch-linguistischer Hintergrund 8
2.2.1 Zur Geschichte 8
2.2.2 Zur Sprache 9
2.3 Formula di confessione umbra 10
2.4 Sermoni subalpini 11
2.5 Ritmo cassinese 14
2.6 Ritmo di Sant’Alessio 16
2.7 Sizilien – die Scuola Siciliana 17
2.8 Sardinien 19
3. Schluss 23
4. Literatur 24
4.1 Texte 24
4.2 Faksimili und Karten 25
5. Texte 26
5.1 Formula di confessione umbra 26
5.2 Sermoni subalapini – Sermo X 27
5.3 Ritmo Cassinese 27
5.4 Ritmo di Sant’Alessio 29
5.5 Scuola Siciliana – Giacomo da Lentini: Sonett 31
5.6 Stefano Protonotaro: Canzone 31
5.7 Privilegio Logudorese 31
1. Einleitung
In dieser Arbeit sollen vier der bekanntesten antiken „italienischen“ Texte vorgestellt werden, nämlich die Formula di confessione umbra, die Sermoni subalpini, der Ritmo cassinese sowie der Ritmo di Sant’Alessio. „Italienisch“ deswegen in Anführungszeichen, weil selbstverständlich im Mittelalter die italienische Sprache im heutigen Sinne noch nicht existierte; es gab lediglich eine Vielzahl von Dialekten auf dem Boden des heutigen Italien, die aus dem Vulgärlateinischen hervorgegangen waren und mit dem klassischen Latein in einem Diglossieverhältnis standen, wobei eine klare Funktionsteilung bestand: Das Latein, als Dachsprache fast ganz Europas, war die Sprache der Schriftlichkeit, während der Bereich der Volkssprache die Mündlichkeit war. Eben dieses Spannungsfeld zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit ist der Ansatzpunkt, der zum besseren Verständnis der hier behandelten Texte beitragen soll.
Ich werde zunächst, in Anlehnung an Peter Koch (1993), auf die generelle Dynamik des Verhältnisses von Mündlichkeit und Schriftlichkeit eingehen und einen darauf aufbauenden Klassifikationsansatz vorstellen. Nach einem kurzen Überblick über die historische und sprachliche Situation im mittelalterlichen Italien folgt die genauere Untersuchung der oben aufgeführten Texte; anschließend soll noch ein Ausblick auf die Entwicklung der volkssprachlichen Schriftlichkeit in Sizilien und Sardinien gegeben werden. Im Anhang finden sich Abschriften und Faksimili der behandelten Texte sowie Karten von Italien und Sardinien.
2. Hauptteil
2.1 Mediale und konzeptionelle Einordnung von Dokumenten und Sprachdenkmälern
Der Romanist, der den Übergang von Mündlichkeit zu Schriftlichkeit in den romanischen Sprachen, bzw. den Übergang von Latein zu Volkssprache in der Schriftlichkeit, die Umstände, unter denen Texte produziert und rezipiert wurden, beschreiben und erklären will, sieht sich vor eine fast unübersehbare Masse von Texten unterschiedlichster Art sowie zeitlicher und räumlicher Herkunft gestellt. Um dieses umfangreiche Korpus zu ordnen und damit überschaubar zu machen, ist ein chronologisches Kriterium absolut unzureichend, befinden sich doch zu einem gegebenen Zeitpunkt die einzelnen Gebiete der Romania in ganz unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Vielmehr muss eine explikative Typologie erstellt werden, die, wie Peter Koch (1993) ausführlich darstellt, auf verschiedenen Kriterien basieren kann:
a) Die (heutigen) romanischen Standardsprachen können als Referenzrahmen herangezogen werden, was allerdings gerade für das Mittelalter höchst problematisch ist, da eben diese Dachsprachen damals noch nicht existierten. Man kommt so zu einer Geschichte des „Französischen“, „Italienischen“ etc., die Texten in Sprachen wie dem Rätoromanischen oder dem Frankoprovenzalischen, die nicht von den großen Sprachen überdacht werden, nicht gerecht werden kann.
b) Unabhängig von den heutigen Staatsgebieten entwickelten die verschiedenen Gebiete der Romania unterschiedlich schnell einen Schriftstandard, so dass eine geographische Einordnung nach kleineren, sprachgeschichtlich zusammenhängenden Regionen denkbar wäre, wie etwa die Provence oder Sizilien. Eine solche Vorgehensweise lässt jedoch eine wichtige Tatsache außer Acht:
c) Das linguistische Bewusstsein derjenigen, die sich – gewollt oder aus mangelnder Kenntnis – von der Dachsprache Latein abwandten und in der Volkssprache zu schreiben anfingen, bezog sich viel mehr auf die Diskurstradition und den Inhalt des Niederzuschreibenden als auf die verwendete Sprachform; diese war sekundär und wurde der jeweiligen Diskurstradition gemäß gewählt, welche somit als gemeinsamer Nenner für die gesamte Romania (und darüber hinaus) gelten kann. Lorenzo Renzi (1985: Nuova introduzione alla filologia romanza) schlägt daher eine Klassifizierung anhand von Diskurstraditionen vor, nämlich in je zwei religiöse (Predigten und paraliturgische Texte) und zwei weltliche (weltliche Poesie und juristische / administrative Texte) Kategorien. Diese Einteilung erweist sich aber laut Koch als einerseits zu abstrakt, andererseits zu konkret: Zum einen werden Texte von äußerst unterschiedlichem Charakter nebeneinander gestellt, zum anderen bleiben immer noch Dokumente, die in keine der vier Klassen passen.
d) Um die verschiedenen Textsorten zu spezifizieren, schlägt Koch das Kriterium Mündlichkeit/Schriftlichkeit vor. Die einzelnen Texte werden auf ihre Entstehungsbedingungen und kommunikativen Merkmale hin untersucht und durch Anlegen der Kreuzklassifikation phonischer vs. graphischer Code (Realisierung) und kommunikative Nähe vs. Distanz (Konzeption)1, die durch die folgende Graphik veranschaulicht wird, in vier Kategorien eingeteilt.
[Graphik in der Downloaddatei vorhanden]2
Zwischen graphischem Code und kommunikativer Distanz sowie zwischen phonischem Code und kommunikativer Nähe bestehen deutliche Affinitäten – die aber nicht absolut sind, im Gegenteil, gerade die umgekehrten Kombinationen sind für die Forschung von besonderem Interesse, wie die folgende Einteilung zeigt. Es tauchen weder die „normale“ distanzsprachliche Schriftlichkeit noch die nähesprachliche Mündlichkeit darin auf, erstere, weil sie im Mittelalter nach wie vor Domäne des Lateins war, letztere, weil sie aus naheliegenden Gründen nicht erhalten ist.
2.1.1 Kategorie A: Verschriftete Mündlichkeit
Konzeptionell mündliche Texte werden niedergeschrieben, also verschriftet, dabei aber nicht verschriftlicht, d.h. ihr nähesprachlicher Charakter bleibt erhalten. Diese Kategorie ist weitaus weniger umfangreich, als man meinen möchte. Sie beinhaltet „sprechende Inschriften“ wie etwa das Graffito della catacomba di Commodilla, „Comics“ wie die Iscrizione di San Clemente, Protokolle wie die Testimonianze di Travale sowie (sehr wenige) Federproben.
2.1.2 Kategorie B: Listen
Diese sind von vornherein an den graphischen Code gebunden, konzeptionell jedoch nicht ganz einfach einzuordnen. Ihren Ursprung haben sie ebenfalls in der verschrifteten Mündlichkeit, sie zeichnen sich jedoch durch eine ganz neue pragmatische Qualität aus, die sie der konzeptionellen Distanz annähert und auch ihre große Quantität (sie sind viel zahlreicher als die Texte der Kategorie A) erklärt. Insgesamt weisen sie eine größere Nähe zur Nähesprache auf als zur Distanz, was es nicht verwunderlich macht, dass die Volkssprache relativ leicht und früh in sie eindringt.
2.1.3 Kategorie C: Zum mündlichen Vortrag bestimmte Schriftlichkeit
Unter diese Kategorie fallen alle Diskurstraditionen, für die der Medienwechsel vom schriftlichen zum mündlichen Code konstitutiv ist. Die dabei entstandenen Texte lassen sich in die Klasse der Sprachdenkmäler eher als in die der einfachen Dokumente fassen insofern, als sie für eine große kulturelle oder politische Reichweite konzipiert sind. Das bedeutet, sie gehören der Domäne der konzeptionellen Distanz an, die bis dahin dem Latein vorbehalten gewesen war. Damit finden wir hier die Anfänge des Ausbaus der Volkssprachen zu auch im Distanzbereich verwendbaren Dachsprachen. Die Texte dieser Kategorie sind damit zwar für die Erforschung der damals tatsächlich gesprochenen Sprache weniger aussagekräftig, umso mehr dagegen für die Beantwortung der Frage nach dem Wie und Warum der Verschriftlichung der Volkssprache. Innerhalb der Kategorie lassen sich die folgenden Diskurstraditionen unterscheiden:
[...]
1 Vgl. Koch 1993 sowie genauer Koch /Oesterreicher 1990.
2 Nach Koch / Oesterreicher 1990.
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