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Rezeption eines Gedenkjahres - Wie kritisch wurde die Judenpolitik Karls IV. beleuchtet?

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 23 Pages
Author: Ullrich Kroemer
Subject: History - Middle Ages, Early Modern

Details

Event: Hauotseminar Kaiser Karl IV.
Institution/College: University of Leipzig (GWZO Leipzig)
Tags: Rezeption, Gedenkjahres, Judenpolitik, Karls, Hauotseminar, Kaiser, Karl
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2007
Pages: 23
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 19  Entries
Language: German
Archive No.: V71053
ISBN (E-book): 978-3-638-62734-4
ISBN (Book): 978-3-638-67489-8
File size: 2494 KB

Abstract

Nur wenige Historiker haben sich mit der Rolle Karls IV. im Zusammenhang mit den Pestkatastrophen des 14. Jahrhunderts und der Dämonisierung der Juden befasst. Wolfgang von Stromer, Alfred Haverkamp oder Ruth Bork haben sich mit dem Thema Judenverfolgung zur Zeit Karls IV. beschäftigt und damit der Jubiläumsliteratur anläßlich der 600. Todesjahres Karls 1976 eine unverzichtbare Facette hinzugefügt. Ähnlich wie im Seminar, zu dem diese Arbeit entstanden ist, will ich versuchen, dem Thema in einem Mix aus Ereignisgeschichte und Historiographie näher zu kommen. Nachdem im folgenden Abschnitt zunächst kurz die Situation der Juden im Reich vor den Verfolgungen von 1348 bis 1350 thematisiert wird, soll beschrieben und erklärt werden, wie und warum sich die Pogrome in den Städten im Einzelnen zugetragen haben. Im dritten Kapitel folgt eine Bewertung, ob und gegebenenfalls wie Karl IV. sich in der Frage der Judenverfolgungen und –vertreibungen schuldig gemacht hat. Hatte Karl IV. überhaupt eine Möglichkeit auf die Judenverfolgungen zu reagieren oder war es dem König unmöglich, die Juden als „landesherrliche Fremdkörper inmitten der Stadt“ vor der aufgebrachten Bevölkerung zu schützen beziehungsweise war es vom damaligen Standpunkt aus gesehen überhaupt seine Pflicht? Das vierte Kapitel bietet einen kritischen Überblick über die im Dunstkreis des Karls-Jubiläums erschienene Literatur zum Thema dieser Arbeit. Das Schlusskapitel stellt die Rolle Karls bei den Judenverfolgungen im Reich Mitte des 14. Jahrhunderts neben die historiographischen Bearbeitung und Bewertung im Gesamtkontext des Jubiläumsjahres von 1978. Es soll geklärt werden, ob der Mentalitätsgeschichtler Graus berechtigterweise das Fehlen der oben genannten Themenkomplexe im allgemeinen und des speziellen Themas dieser Hausarbeit anprangert oder ob es legitim war, die angesprochenen sozial-, wirtschafts- und mentalitätsgeschichtlichen Themen, hier am Beispiel der Judenverfolgungen, auszuklammern oder eingeschränkter zu betrachten.


Excerpt (computer-generated)

Universität Leipzig, Historisches Seminar
Hauptseminar: Kaiser Karl IV.
SS 2006

Rezeption eines Gedenkjahres
Wie kritisch wurde die „Judenpolitik“ Karls IV. beleuchtet?

von: Ullrich Kroemer

 


1. EINLEITUNG 3

2. DIE JUDEN IM SPÄTMITTELALTER 5

2.1 Die Lage der Juden im Reich vor 1348  5

2.1.1 Rechtliche Lage 6
2.1.2 Wirtschaftliche Lage  7
2.1.3 Gesellschaftlicher Rang 8

2.2 Die Judenpogrome 1349/50  9

2.2.1 Abfolge der Verfolgungen 1348 bis 1350 9
2.2.2 Erklärungsansätze für den Judenhass im Mittelalter  11

3. DIE „JUDENPOLITIK“ KARLS IV.  12

3.1. Politische Rahmenbedingungen und Motive  12
3.2. Karls Rolle in der „Judenfrage“  14

4. BESPRECHUNG UND KRITIK DER ZUM THEMA ERSCHIENENEN PUBLIKATIONEN UM DAS JUBILÄUMSJAHR 1978  16

5. FAZIT  20

6. LITERATUR 22





 

1. Einleitung

„Der rein äußerliche Anlaß, ein auftauchendes Kalenderdatum, dient dazu, ein ‚Jubiläum’ zu feiern, wobei sich zunehmend die Gefahr steigert, dass diese Feiern mit ihren Festpublikationen und groß angelegten Ausstellungen zu den Surrogaten des Geschichtsbewußseins werden.“1 Mit diesen Worten beginnt Frantisek Graus seine Besprechung der gesamten erschienenen Literatur anlässlich des Karls-Jubiläums 1978. Schon diese ersten Zeilen lassen erahnen, dass der „Meister der sozial-, wirtschafts- und mentalitätsgeschichtlichen Analyse“2 mit dem Ertrag des Gedenkjahres anlässlich der 600. Todestages Karls IV. wohl nicht zufrieden war. Die Weiterführung der Krisen-Diskussion3 betrachtet er als „wenig ergiebig“.4 Am Ende seines Artikels wird Graus deutlicher: „(..) Völlig im Dunkeln tappen wir zunächst bei einigen grundlegenden Fragen der Wirtschaftsgeschichte (..). Wohl noch schlechter ist es um die Sozialgeschichte dieser Zeit bestellt.“ In den Anmerkungen moniert Graus, dass beispielsweise jedwede Stellungnahme zu den Fragekomplexen der historischen Demographie und des Schwarzen Todes fehlt.5 Dabei ist eine kritische Auseinandersetzung mit der Herrscherpersönlichkeit unbedingt von Nöten, um die Leistungen Karls umfassend einschätzen zu können. Nur wenige Historiker haben sich mit der Rolle Karls im Zusammenhang mit den Pestkatastrophen des 14. Jahrhunderts und der Dämonisierung der Juden befasst. Wolfgang von Stromer, Alfred Haverkamp oder Ruth Bork haben sich mit dem Thema Judenverfolgung beschäftigt und damit der Jubiläumsliteratur eine unverzichtbare Facette hinzugefügt. Ähnlich wie im Seminar, zu dem diese Arbeit entstanden ist, will ich versuchen, dem Thema in einem Mix aus Ereignisgeschichte und Historiographie näher zu kommen.

Nachdem im folgenden Abschnitt zunächst kurz die Situation der Juden im Reich vor den Verfolgungen von 1348 bis 1350 thematisiert wird, soll beschrieben und erklärt werden, wie und warum sich die Pogrome in den Städten im Einzelnen zugetragen haben. Im dritten Kapitel folgt eine Bewertung, ob und gegebenenfalls wie Karl IV. sich in der Frage der Judenverfolgungen und –vertreibungen schuldig gemacht hat. Hatte Karl IV. überhaupt eine Möglichkeit auf die Judenverfolgungen zu reagieren oder war es dem König unmöglich, die Juden als „landesherrliche Fremdkörper inmitten der Stadt“6 vor der aufgebrachten Bevölkerung zu schützen beziehungsweise war es vom damaligen Standpunkt aus gesehen überhaupt seine Pflicht? Das vierte Kapitel bietet einen kritischen Überblick über die im Dunstkreis des Karls-Jubiläums erschienene Literatur zum Thema dieser Arbeit. Das Schlusskapitel stellt die Rolle Karls bei den Judenverfolgungen im Reich Mitte des 14. Jahrhunderts neben die historiographischen Bearbeitung und Bewertung im Gesamtkontext des Jubiläumsjahres von 1978. Es soll geklärt werden, ob der Mentalitätsgeschichtler Graus berechtigterweise das Fehlen der oben genannten Themenkomplexe im allgemeinen und des speziellen Themas dieser Hausarbeit anprangert oder ob es legitim war, die angesprochenen sozial-, wirtschafts- und mentalitätsgeschichtlichen Themen, hier am Beispiel der Judenverfolgungen, auszuklammern oder eingeschränkter zu betrachten.

2. Die Juden im Spätmittelalter

Über die genauen Anfänge jüdischer Siedlungen im entstehenden Heiligen Römischen Reich lässt sich nichts Genaues sagen. Durch die Entwicklung einer starken Königsmacht war auch die Grundlage gegeben, Minderheiten im Innern des Reiches Schutz zu gewähren. Der Sage nach habe 982 ein Angehöriger der jüdischen Familie Kalonymos dem Kaiser Otto II. in einer Schlacht das Leben gerettet, was die enge Verbindung des Judentums zum ottonischen Kaisertum zeigt. Die Juden, die als Fernhändler in das Reichsgebiet kamen, siedelten sich entlang der großen Handelswege an und etablierten so gegen Ende des 10. Jahrhunderts die ersten Gemeinden.7 Die älteste und wichtigste dieser Kaufmannskolonien ist die 917 gegründete Mainzer Judengemeinde. 8

2.1 Die Lage der Juden im Reich vor 1348

[...]


1 Graus 1980, S. 71.

2
Moraw 1980, S. 237.

3 Gemeint ist die Krise des spätmittelalterlichen Gesellschaftssystems, in der Bürgertum, Adel und Monarchie um eine neue Ordnung rangen. Vgl. Ferdinand Seibt (Hrsg.): Kaiser Karl IV. Staatsmann und Mäzen (1978), S.16 ist der Meinung, dass der Tod Karls diese Krise endgültig auslöste. Graus hält die Bedeutung Karls in diesem Kontext für „ zweifellos überbetont“ (Graus 1980, S. 86).

4 Graus 1980, S. 86.

5 Vgl. ebd., S. 86/87.

6 Haverkamp 1981, S. 85.

7 Vgl. Cohen 2005, S. 88

8 Vgl. Battenberg 2001, S. 15


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