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Die Darstellung und Darstellungsperspektivität des Wahnsinns in Georg Heyms Werk 'Der Irre'

Termpaper, 2005, 19 Pages
Author: Florian Dülks
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Termpaper
Year: 2005
Pages: 19
Grade: 2,5
Bibliography: ~ 13  Entries
Language: German
Archive No.: V71064
ISBN (E-book): 978-3-638-63092-4

File size: 167 KB


Excerpt (computer-generated)

WESTFÄLISCHE WILHEMS-UNIVERSITÄT MÜNSTER
Proseminar: Naturalismus, Ästhetizismus, Expressionismus
Institut für deutsche Philologie II
WS 2004/2005

Die Darstellung und Darstellungsperspektivität
des Wahnsinns in Georg Heyms Werk „Der Irre“

von: Florian Dülks

 


INHALT

1. EINLEITUNG  3

2. DER TYPUS DES IRREN IM EXPRESSIONISMUS  4

2.1 Die Darstellung des Wahnsinns im Expressionismus 4
2.2 Die Darstellungsperspektiven des Wahnsinns in expressionistischer Literatur  5

3. DIE DARSTELLUNG DES WAHNSINNS IN GEORG HEYMS “DER IRRE”  6

3.1 Gewalt als Ausdrucksform des Wahnsinns  8

3.1.1 Die Übertragung der Aggressionen  9

3.2 Die Rauschzustände 11

3.2.1 Ist das Handeln und der Wahnsinn des Irren zielgerichtet ?  13

4. DIE DARSTELLUNGSPERSPEKTIVITÄT IN GEORG HEYMS “DER IRRE”  14

5. SCHLUSS 16

6. LITERATUR 18


 

 

1. Einleitung

Der 1911 von Georg Heym verfasste Kurzprosatext „Der Irre“ steht nicht im Kontext der um 1920 herum populären Darstellung von Verbrechen und deren Genese in der literarischen Reihe der „Außenseiter der Gesellschaft“1. Denn Heym schockiert in seiner Beschreibung des Amoklaufs eines Irren nicht durch die Authentizität der Geschehnisse, sondern durch willkürlich erscheinende Grausamkeit und der Norm des beginnenden 20. Jahrhunderts stark entrückte Denk- und Verhaltensprozesse seiner Figur.

Entladung und Erlösung also. Ekstase und Untergang. Rausch und Rettung. Raserei und
Gericht. Traum und Tod. Brutalste Gewalt und „unermeßliche Seligkeit“. Wobei das Wer und
Wann und Wo keine Rolle spielt.2

Die Erzählung „Der Irre“ bündelt in den dargebotenen Ausdrucksformen des Wahnsinns die expressionistischen Motive der Heimatlosigkeit, des Orientierungsverlusts in der Gesellschaft und der Vorstellung eines unkonventionalisierten höheren Geisteszustandes.

Diese Arbeit stellt zunächst diese Motivik des Wahnsinns im Expressionismus vor. Dabei wird auf die utopische und die existentpathologische Darstellungsperspektive des Wahns eingegangen und der Irre als literarischer Typus vorgestellt. Der Hauptteil der Betrachtungen untersucht den Text Georg Heyms auf darin auftretenden Ausdrucksformen des Wahnsinns, die in ihren Haupterscheinungsformen, in den einzelnen Unterkapitellen gegliedert, erläutert werden. Diese spezifische Betrachtung der Gewalt und der Rauschzustände soll klären welches Verständnis des Wahnsinns hier vorliegt. Existiert ein dem Wahnsinn immanentes System, ist Wahnsinn von willkürlicher Natur, oder stellt er sich als psychologisch deutbare Reaktion auf Vorausgegangenes dar? Verläuft der Wahnsinn linear, oder erfährt er eine Entwicklung? Diese Fragestellungen gilt es im dritten Kapitell dieser Arbeit in einer chronologisch funktional ausgerichteten Darstellung zu diskutieren. Im letzten Kapitell soll die Darstellungsperspektivität näher beleuchtet werden. Die Figur des Irren wird auf ihre existenzpathologischen und utopischen Züge hin betrachtet. Es werden zu dieser Thematik verschiedene Stellungnahmen der Sekundärliteratur gegeneinander abgewogen.

2. Der Typus des Irren im Expressionismus

2.1 Die Darstellung des Wahnsinns im Expressionismus

Der Typus des Irren in der Literatur um 1910 manifestiert sich als äußerst kontrastär zum bürgerlichen Ideal der wilhelminischen Gesellschaft. Unter Verwendung der expressionistischen Literaten fungiert er als Identifikationsfigur der sozial Geächteten und Ausgestoßenen. Die Angehörigen des fünften Standes3, sahen in dem Wahnsinn der Irren ein Gegenbild „zu den [verhassten] bürgerlichen Tugenden wie Selbstdisziplin, Arbeitsfreude, soziale Anpassungsfähigkeit, Pflichtbewusstsein [und] Affektkontrolle (kurz: Vernünftigkeit)“4. Im 18.- und 19. Jahrhundert noch als abschreckendes Beispiel für menschliche Entgleisung suggeriert, entwickelte sich der Wahnsinn für die Expressionisten zu einer inspirierenden und bewundernswerten Daseinsform. Die expressionistische Literatur konstatiert den Wahnsinn ihrer pathologischen Figuren auf zweierlei Weise. Einerseits wird dem Irren ein positiver Wahnsinn attribuiert, der sich durch die damit verbundene Schöpfung eines neuen Menschen5 im Expressionismus manifestiert.

Der Geisteskranke ist sicher fähig, glücklicher zu sein, als wir es vermögen: denn er ist
natürlicher und menschlicher als wir. Ihn treibt Gefühl zum Handeln, nicht Logik. Sein Tun ist
machtvoll, unmittelbar. [Er ist] künstlerisch begabt, [hat] ehrlichen Sinn für das Schöne und
Bezeichnende, [er arbeitet] schöpferisch und mit Hingabe [und] nimmt nur in sich auf, was mit
seinen seelischen Wallungen in Einklang steht, nichts Wesenfremdes.6

Dieser neue Mensch stellt eine Entfremdung des starren Bürgertums dar. Er erscheint unbelastet von allen gesellschaftlichen Konventionen und frei von jeglicher Rationalität, lebt seine Triebe in befreiter, der Natur naher Weise aus, wie sonst nur ein Kind oder Tier dies vermag. Der Irre löst sich aus konventionalisierten Denkstrukturen, er lebt und denkt affektgesteuert und flexibel, kombiniert unzusammenhängend, teilweise Irreales mit Realem und löst alle Grenzen der gesellschaftlichen Norm.

[...]


1 In der Reihe „Die Außenseiter der Gesellschaft“ werden um 1920 im Verlag „Die Schmiede“ spektakuläre und prekäre juristische Fälle literarisch aufbereitet dargestellt.

2 Schwarz, Waltraut (1979): Von Wittenau ins Kaufhaus Wertheim. „Der Irre“ von Georg Heym. Expressionismus durch Weglassen. In: Neue Deutsche Hefte. 26. Jg., Bd. 161, H.1, S. 72.

3 Vgl.: Anz, Thomas (Hg.) (1980): Phantasien über den Wahnsinn. Expressionistische Texte. München: S. 149. Anz beschreibt den so genannten fünften Stand als Prostituierte, Dichter, Unterproletarier, Liebespaare, Säufer, Süchtige, Kritiker, Gesindel und andere von der Gesellschaftlichen Norm entrückte Lebensformen.

4 Anz, Thomas (2002): Literatur des Expressionismus. Stuttgart: Metzler, S. 83.

5 Vgl. zur Thematik des neuen Menschen: Anz, T.: Literatur des Expressionismus. S. 44 – 49.

6 Anz, Thomas (1977): Literatur der Existenz. Literarische Psychopathographie und ihre soziale Bedeutung im Frühexpressionismus. Stuttgart: Metzler, S. 40f, zitiert nach Wieland Herzfelde (1982): Die Ethik des Geisteskranken. In: Thomas Anz und Michael Stark (Hrsg.): Expressionismus. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1910 – 1920. Stuttgart: Metzler.


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