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Der tragische Gott - Über den Begriff des Dionysischen in Nietzsches "Die Geburt der Tragödie"

Bachelor Thesis, 2001, 22 Pages
Author: Sylvie Magerstädt
Subject: Philosophy - Practical (Ethics, Aesthetics, Culture, Nature, Right, ...)

Details

Category: Bachelor Thesis
Year: 2001
Pages: 22
Grade: 1,5
Bibliography: ~ 7  Entries
Language: German
Archive No.: V71280
ISBN (E-book): 978-3-638-63155-6
ISBN (Book): 978-3-638-67512-3
File size: 171 KB

Abstract

In seinem Erstlingswerk Die Geburt der Tragödie setzt sich Friedrich Nietzsche ausführlich mit dem Dionysos-Mythos auseinander, eine Idee, die auch in seinem späteren Werk eine tragende Rolle spielen wird. Für Nietzsche symbolisiert das dionysische Element das wilde und freie im Menschen, ein Ausdruck des reinen Willens, jenseits zivilisatorischer Schranken. Die Musik als die Kunstform, in der sich dieser Wille am unmittelbarsten widerspiegelt, stellt in Nietzsches Theorie einen zentralen Gedanken dar. In Verbindung mit dem Apollinischen, Ausdruck der Ordnung und des schönen Scheins gelangt das Dionysische zur Hochform, die sich in der attischen Tragödie wieder findet. Apollinisch und Dionysisch sind bei Nietzsche zwei unmittel bar der Natur entspringende Kunstprinzipien, die einander ergänzen und benötigen und nur als Einheit Perfektion erlangen. Dies ist vielleicht am ehesten vergleichbar mit dem Ying-Yang Prinzip östlicher Mythologie. Aus der Ableitung der beiden Kunstprinzipien direkt aus der Natur schließt Nietzsche auch, dass jeder Mensch von Natur aus eine allgemeine künstlerische Potenz besitzt, die sich in den Urformen des Traumes und des Rausches manifestiert, wobei ersteres die Kunstwelt des Apollinischen, letzteres die des Dionysischen repräsentiert. In Nietzsches später der Geburt der Tragödie hinzugefügten Versuch einer Selbstkritik spricht er auch davon, die Kunst unter der Perspektive des Lebens zu sehen. Dadurch erlangen das Apollinische und das Dionysische auch eine Bedeutung für die Rechtfertigung und Wertschätzung des Lebens. Auch die Kunst der Tragödie wird bei Nietzsche in diesen Dimensionen betrachtet und entwickelt sich von einer antiken Kunstform zur Daseinsmethapher schlechthin. Auch wenn Nietzsches Geburt der Tragödie an vielen Stellen logische Unschärfen aufweist, ist dieses Werk nicht nur ausgesprochen interessant zu lesen, sondern auch sehr inspirierend.


Excerpt (computer-generated)

Universität Leipzig, Institut für Philosophie
Seminar: "Der Pionier der Ästhetik - Aristoteles′ Kunsttheorie"
Wintersemester 1999/2000

Der tragische Gott - Über den Begriff des Dionysichen
in Nietzsches "Die Geburt der Tragödie"

von: Sylvie Magerstädt

 


Selig, wer in hohem Glück
Um der Götter Weihen weiß
Und sein Leben so heiligt;
Selig, wer schweift in dem Gebirg
Und die Seel im Schwärmen fromm
Sich bewahrt durch Läuterung;
Wer, sich haltend an der Großen
Mutter Kybele hohen Festbrauch,
Mit des Thyrsos wildem Schwingen
Sich, das Haupt eppichbekränzt, weiht
Ganz dem Dienst des Dionysos!
Auf, ihr Bakchen, führt ihn heim nun,
Euren Schwarmgott, höchsten Gotts Sohn,
Dionysos, fort von Phrygiens
Hohen Bergen hin zu Hellas′
Weiten Fluren, die zum Tanz
laden; führt heim Bromios!

(aus: Euripides, "Die Bakchen")

Inhalt

Kapitel 1: Der neue Gott 4

Kapitel 2: Gezeichnet: Dionysos 5

Kapitel 3: "Ein unmögliches Buch" 7

Kapitel 4: Dionysos versus Apollo oder das Allgemeine gegen das Individuelle 9

Kapitel 5: Dionysos versus Sokrates oder Tragik gegen Theorie 16

Kapitel 6: Der gezähmte Gott - Versuch einer Kritik 19

Literaturliste 22




Kapitel 1: Der neue Gott

Um die Grundlagen von Nietzsches Denken und seiner "Geburt der Tragödie" besser analysieren zu können, halte ich es einleitend für sinnvoll, mit einigen Worten die mythologischen und historischen Hintergründe des Dionysos-Begriffs zu skizzieren.
Im heutigen Verständnis gilt Dionysos, der auch unter den Namen Bakchos, Bromios oder Lysios bekannt ist, vor allem als der Gott des Weines. Sein "Zuständigkeitsbereich" umfaßt aber die Vegetation überhaupt, so daß er auch Fruchtbarkeitsgott ist, der häufig in der Begleitung von Naturdämonen wie Satyrn, Silenen und Nymphen dargestellt wird. Seine Herkunft wird meist im thrakischen oder lydisch-phrygischen Raum angesiedelt. Aus letzterem stammt auch der Kult der Kybele, ebenfalls eine Fruchtbarkeitsgöttin, die gelegentlich in Verbindung mit Dionysos genannt wird. (Euripides, 1998, S.7) Ihrem Kult wird auch die Erfindung des Tympanons, einer Handtrommel mit zwei Fellen, zugeschrieben, die dann auch für die orgiastischen Kulthandlungen zu Ehren des Dionysos übernommen wurde. (siehe: Euripides, 1998, Anmerkungen) Die Verwendung von Trommeln und den ebenfalls wichtigen Flöten, spielt auch in der "Geburt der Tragödie" eine Rolle, wenn Nietzsche die Besonderheiten der dionysischen Musik gegenüber der apollinischen darlegt.
In die griechische Mythologie ist Dionysos meist als Sohn des Zeus und der sterblichen Semele, einer Tochter des Thebenkönigs Kadmos, eingegangen. Nachdem diese durch eine Intrige der eifersüchtigen Hera zu Tode kam, nähte Zeus das ungeborene Kind in seinen Schenkel ein und trug ihn dort aus.
Einer anderen Überlieferung nach, die auch bei Nietzsche anklingt (1994, S.157), wird Dionysos mit Zagreus gleichgesetzt, welcher nach den Überlieferungen der Orphik, einem sektenartigen Mysterienkult der altgriechischen Religion, Sohn des Zeus und der Persephone ist, der auf Anstiftung Heras von den Titanen in Stücke gerissen wurde. Nach der Vernichtung der Titanen durch Zeus und der Entstehung der Menschen aus deren Asche, stellt Dionysos das gute Element im Menschen dar. Dieser Aspekt der Orphik ist meines Erachtens nach für die Interpretation des Dionysischen nicht uninteressant, denn nach der orphischen Lehre besitzt der Mensch von Dionysos das Göttliche und Gute, während das Böse und Verwerfliche im Menschen von den Titanen stammt. Bei Nietzsche werden die Begriffe dionysisch - titanisch hingegen oft synonym verwandt. Die Anhänger der orphischen Lehre wollten durch eine asketische und sittlich einwandfreie Lebensweise die Befreiung der Seele, die das gute Element widerspiegelt, und damit ein glückseliges Leben im Jenseits erreichen. Diese Rolle des Dionysischen steht zum Teil im starken Gegensatz zu dem in anderen Werken, zum Beispiel in den Bakchen des Euripides, dargestellten Charakter des Gottes. Hier "vereint er höchste Milde und grausamste Härte als Zeichen seiner Göttlichkeit" (Euripides, 1998, Nachwort). Auch Bremmer weist in seinem Buch auf eine gewisse Doppeldeutigkeit im Wesen des Dionysos hin: "Obwohl Dionysos′ Feste voll von Frohsinn aller Art waren, wiesen sie auch Merkmale einer Aufhebung der Gesellschaftsordnung auf [...]. Auch auf einigen Nachbarinseln war die ′gefährliche′ Seite des Dionysos deutlich, hier in einigen seiner Beinamen: Auf Chios selbst hieß er Omadios, der ′Rohe′, auf Lesbos Omestes, der ′Rohfleisch-Esser′, und auf Tenedos Anthrporrhaistes, der ′Menschen-Zerreißer′. Der Mythos betonte diese negative Seite dadurch, Daß er Dionysos aus einem barbarischen Land, aus Thrakien, kommen ließ." (Nietzsche, 1994, S.24-25)
Aus dem Gott der Orgien und Mysterienkulte wurde in Athen im Laufe der Zeit der Gott des Theaters "kultiviert". An seinen Festen, den Dionysien, kam es zur Aufführung von Tragödien. Wie es zu dieser Entwicklung des dionysischen Kultes kam, versucht Nietzsche in seiner "Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik" darzustellen.

Kapitel 2: Gezeichnet: Dionysos

Um den Begriff des Dionysischen in Friedrich Nietzsches "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik" (Erstausgabe 1872) besser untersuchen zu können, möchte ich einen kurzen Einblick geben, welchen Einfluß die griechische Literatur und Mythologie, vor allem in Bezug auf den Gott Dionysos auf das Nietz′sche Denken hatte.
Werner Ross hat in seinem Buch "Der wilde Nietzsche oder die Rückkehr des Dionysos" auf meiner Ansicht nach außergewöhnliche Weise versucht, diesen Einfluß auf die Biographie Nietzsches nachzuzeichnen und ich möchte an dieser Stelle einige seiner Thesen kurz skizzieren, die mir für meine Betrachtungen sinnvoll erscheinen.
Wie den einschlägigen Biographien Friedrich Nietzsches zu entnehmen ist, studierte er von 1864 bis 1869 Theologie und klassische Philologie an den Universitäten Bonn und Leipzig. Bereits im Februar 1969 wird Nietzsche auf Empfehlung seines Philologielehrers F.W.Ritschls als außerordentlicher Professor der klassischen Philologie an die Universität Basel berufen. Auch wenn sich Nietzsche im weiteren Verlauf seines Lebens immer weiter von der Philologie distanziert, bleiben seine Kenntnisse der Literatur, Mythologie und Sprache der Griechen und seine Vorliebe für das klassische Altertum nach wie vor ein wichtiger Bestandteil seines Lebens und Schaffens. Seine beiden in Basel Anfang 1870 gehaltenen Vorträge "Das griechische Musikdrama" und "Socrates und die Tragödie" fließen in die Entstehung der "Geburt der Tragödie" ein.
Stärker noch als die griechische Lebensauffassung im Allgemeinen erlangte die Vorstellung des Gottes Dionysos Einfluß auf Nietzsches Denken. Etwas ironisch bemerkt Werner Ross in seinem oben erwähnten Buch dazu: "In der Tat, der Griechenverehrer, der von einer Wiederkunft der griechischen Schönheit träumte, hat in seinem Leben keinen Schritt unternommen, um ein griechisches Bildwerk mit eigenen Augen zu sehen. Apollinisch war er beim besten Willen nicht, nicht einmal in Rom." (Nietzsche, 1994, S.87) Um so mehr faszinierte ihn das Dionysische. Ross weist des Öfteren auf den interessanten Aspekt hin (Siehe Ross, 1994, S.42), daß Nietzsche seine sogenannten "Wahnsinnsbilette", also die Briefe, welche er nach seinem Zusammenbruch 1889 verfaßt hat, bis auf eine Ausnahme mit "Dionysos" unterschrieben hat und sieht darin eine Art logische Konsequenz in seinem Lebensplan. "Nietzsche will den alten Gott absetzen, um einen neuen (oder neue Götter) an seine Stelle zu setzen, [...] eine neue Ethik zu verkünden. Dieses Gottes Prophet will er sein; und im Wahnsinn identifiziert er sich mit ihm."(Nietzsche, 1994, S.38) Und an anderer Stelle schreibt er zu Nietzsches Entwicklung: "An den Anstandsregeln, an der Strenge der Lebensformen rüttelt er nicht. Nur die Musik und das Denken dürfen alles, in ihnen kann er sich auslassen, hier darf er die Umwelt, und am liebsten die gelehrten Kollegen, brüskieren." (Nietzsche, 1994, S.97) "Sehr viel später wagt er, sich auch der Wohlanständigkeit der Sitten zu entledigen, nicht nur ein ′freier Geist′, sondern auch ein freier Mensch zu werden: [...] und er wird wahnsinnig, um endlich wild zu sein."(Nietzsche, 1994, S.41)

[...]


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