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Die Ästhetik des Pedro Almodóvar

Thesis (M.A.), 2006, 227 Pages
Author: Marike Schmidt-Glenewinkel
Subject: Communications: Movies and Television

Details

Category: Thesis (M.A.)
Year: 2006
Pages: 227
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 97  Entries
Language: German
Archive No.: V71455
ISBN (E-book): 978-3-638-62067-3

File size: 1824 KB
Notes :
Nach einer einleitenden biografischen Skizze des Regisseurs und einer kurzen Produktions- und Inhaltsdarstellung wendet sich die Arbeit der Narration der Filme (Todo sobre mi madre, Hable con ella und Mala educación) zu. Hierbei wird sowohl die formale Ästhetik als auch Themen, Motive christliche Ikonografie und die melodramatische Grundstruktur herausgearbeitet.



Excerpt (computer-generated)

Universität Hamburg

Die Ästhetik des Pedro Almodóvar

Wissenschaftliche Hausarbeit
zur Erlangung des akademischen Grades
eines Magister Artium

vorgelegt von: Marike Schmidt-Glenewinkel

2006

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ... 2
1.1. Die Person Pedro Almodóvar und sein (?)uvre ... 4

2. Inhaltsangaben der untersuchten Filme ... 11
2.1. Produktionshintergrund: Todo sobre mi madre (Alles über meine Mutter) ... 12
2.2. Synopsis: Todo sobre mi madre ... 13
2.3. Produktionshintergrund: Hable con ella (Sprich mit ihr) ... 15
2.4. Synopsis: Hable con ella ... 16
2.4.1. Synopsis: Amante menguante (Der schrumpfende Liebhaber) ... 19
2.5. Produktionshintergrund: La mala educación (Schlechte Erziehung) ... 19
2.6. Synopsis: La mala educación ... 20

3. Narration ... 22
3.1.Dramaturgie ... 24
3.1.2. Die Narration als Kreis ... 28
3.2. Protagonisten ... 31
3.3. Themen ... 37
3.4. Motive und Symbole ... 40
3.5. Die melodramatische Form des Pedro Almodóvar ... 44
3.6. Komik ... 51

4. Formale Ästhetik ... 53
4.1. Farbdramaturgie ... 54
4.2. Führung der Zuschauerperspektive: Kamera und Montage ... 59
4.3. Bildaufbau (Rahmungen, Symmetrie und Spiegel) ... 68
4.3.1. Symmetrie ... 68
4.3.2. Spiegel und Spiegelungen ... 70
4.3.3. Interne und externe Rahmungen ... 71

5. Intertextuelle Bezüge und intermediale Verfahren ... 73
5.1. Musik im Film: Intermediale Praxis und formales Gestaltungsmittel ... 75
5.2. Theater im Film ... 79
5.3. Film im Film ... 82
5.4. Literatur im Film ... 85
5.5. Fernsehen im Film ... 87
5.6. Selbstreferentialität und Selbstzitat ... 89

6. Moral und Werte ... 93
6.1. Schuld ... 95
6.2. Familie und Geschlechterrollen ... 98
6.3. Freundschaft und Nächstenliebe ... 100
6.4. Leidenschaft ... 100

7. Schlussbemerkung ... 102
7.1. Resümee ... 102
7.2. Ausblick ... 103

8. Anhang ... 105
Quellen- und Literaturverzeichnis ... 105
Filmografie Pedro Almodóvar ... 112

Abbildungsverzeichnis ... 117

Filmprotokolle ... 137


 

1. Einleitung

Pedro Almodóvar ist der bekannteste und erfolgreichste Regisseur der aktuellen spanischen Kinolandschaft. Spätestens seit dem Oscar für Todo sobre mi madre und dem Oscar für das beste Drehbuch für Hable con ella gilt Almodóvar als einer der wenigen europäischen Regisseure, die sowohl als auteur wahrgenommen werden, als auch große kommerzielle Erfolge feiern. Er repräsentiert wie kein anderer spanischer Regisseur das moderne, fortschrittliche und tolerante Spanien, das durch seine Filme im Ausland toleranter scheint, als die spanische Gesellschaft tatsächlich ist. Es ist demnach umso erstaunlicher, dass ein homosexueller Filmemacher, der radikale Toleranz propagiert, dennoch zu den Erfolgreichsten des Landes zählt.
Ihm ist es gelungen, seinen Filmen seine individuelle Handschrift einzuschreiben, die sich durch einen expressiven visuellen Stil, das Spiel mit Erzähl- und Genrekonventionen und intermedialen Versatzstücken und nicht zuletzt durch seine charakteristischen Themen auszeichnet.

Ziel dieser Arbeit ist es, diese charakeristische Ästhetik Pedro Almodóvars herauszustellen, die ihn als auteur seiner Filme auszeichnet. Hierbei soll sowohl auf inhaltlicher als auch auf formaler und stilistischer Ebene das Spezifische und Typische von Almodóvars filmischer Inszenierung herausgearbeitet werden, sowie die Funktion der inszenatorischen Mittel erläutert werden. In diesem Zusammenhang soll zudem auf den daraus resultierenden Umgang Almodóvars mit gesellschaftlichen Orientierungsmustern und tradierten Werten eingegangen werden.

Im Mittelpunkt der Arbeit steht die hermeneutische Filmanalyse der Filme Todo sobre mi madre (1999), Hable con ella (2002) und La mala educación (2004).
Für die Auswahl dieser Filme spricht die Aktualität, da diese Arbeit ein zeitnahes Bild Almodóvars aufzeigen möchte. Desweiteren sind Todo sobre mi madre und Hable con ella beispielhaft für die künstlerische Vorgehensweise Almodóvars, da gerade die formale Ästhetik auch exemplarisch für seine vorherigen Werke ist. La mala educación bricht inhaltlich und formal mit Almodóvars vorherigen Filmen. Aber am Beispiel dieses Films lässt sich zeigen, dass Almodóvar mit bestimmten ästhetischen Gestaltungsmitteln inhaltlich und athmosphärisch einen vordergründig untypischen Film produziert, jedoch seinen spezifischen persönlichen Themen treu bleibt.
Diese drei Filme, die Gegenstand der Untersuchung dieser Arbeit sind, stehen nicht stellvertretend für das gesamte (?)uvre Almodóvars, zeigen aber deutlich die unverkennbare Ästhetik und geben Aufschluss über sein Moralempfinden, in dem Liebe und Leidenschaft fast keine Grenzen kennen und Freundschaft und Selbstlosigkeit einen auffallend hohen Stellenwert einnehmen.
Neben der Filmanalyse dienten sowohl die Drehbücher der drei untersuchten Filme, veröffentlichte Interviews, Sekundärliteratur zu Almodóvar und zum spanischen Film, als auch Pressestimmen aus Deutschland der Analyse seiner Ästhetik.

Am Beispiel der untersuchten Filme sollen folgende Fragen erörtert werden:

Welche Formen der Narration wählt Almodóvar? Welchen Effekt hat dies auf die Dramaturgie?

Wie geht er mit Genres und filmischen Konventionen um?

Welche Themen und Diskurse erweisen sich als kennzeichnend für seine Werke?

Welche inszenatorischen Mittel verwendet er mit welcher Funktion?

Was zeichnet seinen visuellen Stil, also die formale Ästhetik aus?

Welche Bedeutung und Funktion haben intermediale und intertextuelle Verfahren in seinen Filmen?

Welche Moralvorstellungen und Werte vermittelt Almodóvar auf diese Weise?

Almodóvars Produktionsweise, seine Art der Inszenierung und seine Themenwahl stehen in engem Bezug zu seiner Biografie, weshalb das erste Kapitel dieser Arbeit mittles einer kurzen Biografie Almodóvars und dessen (?)uvre einen Überblick über sein filmisches Arbeiten und sein Leben gibt.
Das zweite Kapitel der Arbeit informiert über den Produktionshintergrund und skizziert den Inhalt der analysierten Filme.
Der Fokus des dritten Kapitels liegt zum einen auf der gewählten Dramaturgie und der Charakterisierung der Protagonisten, zum anderen auf Almodóvars spezifischem Umgang mit Genres und Genreelementen. Desweiteren wird auf die von Almodóvar verhandelten Themen und die verwendete Symbolik eingegangen.
Das vierte Kapiel erläutert die formale Ästhetik, also Almodóvars visuellen Stil, an dem seine Handschrift am deutlichsten zu erkennen ist. Im Vordergrund stehen das Verhältnis von Nähe und Distanz, die metaphorische Ebene der Filmbilder, sowie die Ästhetisierung der Bilder, die kennzeichnend für seine Filme ist.
Das fünfte Kapitel beschäftigt sich mit der für Almodóvar charakteristischen Integration intermedialer Verweise, durch die seine Filme mehrfache Lesarten zulassen. Der spielerische Umgang Almodóvars mit dem „kinematografischen Erbe“ zeichnet ihn als postmodernen auteur aus.
Auf den Ergebnissen dieser Analysen beruht in Kapitel sechs die Klassifizierung der von Almodóvar propagierten Werte, die einen Gegenentwurf zum christlichen Verhaltenskodex von Schuld und Sühne darstellen.
Das letzte Kapitel der Arbeit fasst die Ergebnisse der Analysen kurz zusammen und raisonniert über die Bedeutung Almodóvars für die Kinolandschaft.


1.1. Die Person Pedro Almodóvar und sein OEuvre

Vom Untergrund-Filmer und Autodidakten gelang es Pedro Almodóvar in mehr als zwanzig Jahren Filmschaffens, zum bekanntesten zeitgenössischen Regisseur Spaniens zu avancieren.1 Alle seine Filme spielen in der spanischen Gegenwart, weshalb er wie kein anderer Filmemacher das Bild des postfranquistischen Spaniens im Ausland geprägt hat und noch heute prägt.2 Seine Entwicklung vom schrillen Provokateur und „enfant terrible“ zum stilsicheren Meister im Kombinieren von Genres und dem bewussten Spiel mit Genrekonventionen ist seinem OEuvre deutlich anzusehen. Spätestens seit dem bisher erfolgreichsten Film Todo sobre mi madre gilt er als meisterhafter Melodramatiker, dessen Werke unverkennbar seine Handschrift tragen und seine Werte vertreten. Er ist bekannt für seine ganz eigene collagenartige, labyrinthische Erzählweise, seine Pop-Ästhetik, jedoch:

Almodóvars Universum ist nicht nur eines, das sich einer Palette voller knallbunter Farben bedient, um das Auge zu reizen, sondern auch eines, das die verschiedensten gesellschaftlichen Themen unerwartet zusammenführt.3

Deshalb und wegen seiner vielfältigen intermedialen Verweise gilt er auch als Vertreter des postmodernen Autorenkinos.

Seine Filme sind eng mit den von ihm entdeckten Schauspielern4 verbunden. Häufig enthalten sie Kurzauftritte seines Bruders Augustín und seiner Mutter und auch sich selbst hat Almodóvar schon lange zur Kultfigur gemacht.5 Er wird von Kritikern und Kollegen hochgelobt, verglichen mit Filmgrößen wie Truffaut6, Wilder und Douglas Sirk7 und trifft (dennoch) den Geschmack des Massenpublikums, was die kommerziellen Erfolge seiner Filme beweisen.8 Seine Kindheit auf dem Land und in einem von katholischen Mönchen geführten Internat ließ allerdings nicht auf diesen Werdegang schließen.

[...]


1 Vgl. z.B. Haas, Christopher, 2001, Almodóvar; Kino der Leidenschaften, Hamburg, S.161: „Gut 20 Jahre, nachdem sein erster Film in die Kinos gekommen ist, hat Pedro Almodóvar eine Position erreicht, von der die meisten seiner europäischen Kollegen nur träumen können.“

2 Vgl. Triana-Toribio, Núria, 2003, Spanish National Cinema, New York, S.134: „ … his own persona became´`the embodiment of post-Franco Spain´, the representative of the new nation.”

3 Maeck, Stefanie, Gesetze in Bewegung gebracht, in: die tageszeitung, 3.1.02, S.II.

4 Vgl. z.B. Holguín, Antonio, 1999, Pedro Almodóvar, Madrid, S.45f.

5 Vgl. Fecé Gómez, Josep Lluis, 2003 Transgression der Frau-Mann-Polarität. Das Kino des Pedro Almodóvar im Kontext Spaniens von Franco bis heute, in: Wo/man Kino und Identität, Berlin, S.102: „[…] man kann nicht übersehen, dass Pedro Almodóvar nicht nur ein Filmregisseur ist, sondern auch eine Figur (eine der beliebtesten), die die spanische Kultur weltweit vertritt.“

6 Vgl. z.B. Kohlenschulte, Daniel, Liebe auf der Flucht, in: Frankfurter Rundschau, 30.9.04, S.27: „Tatsächlich ist er heute wohl der einzige lebende Filmemacher, der Truffaut tatsächlich ebenbürtig ist, wenn er sein großes Thema, die Liebe, durch alle Genres dekliniert.“

7 Vgl. z.B. Feldvoss, Marli, Reise in die Tabuzonen des Kinos, in: Neue Züricher Zeitung, 16.8.02, S.35: „Seine Erzählwindungen sind heute noch unvorhersehbarer als die von Sirk, der keine eigenen Filmstoffe schrieb, doch über die Dialektik zwischen der hohen Kunst und dem Banalen, das sich nur durch die richtige Prise Verrücktheit in Kunst verwandeln kann, ganz genau Bescheid wusste.“

8 Alles über meine Mutter gewinnt den Oscar, Almodóvar wird mit Filmgrößen wie Truffaut und Fassbinder verglichen und eins seiner Idole Billy Wilder sagt sogar, er könne nun beruhigt sterben, da er in Almodóvar einen Nachfolger gefunden habe: „Ya puedo morir tranquilo, porque sé que tengo un sucesor.“ (zitiert nach: Vidal, Nuria, 1990, El cine de Pedro Almodóvar, Barcelona, S.396.)


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