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Text- und Satzfunktionen des reflexiven Possessivpronomens im Schwedischen

Thesis (M.A.), 1998, 124 Pages
Author: Dr. Klaus Geyer
Subject: Scandinavian Languages

Details

Category: Thesis (M.A.)
Year: 1998
Pages: 124
Grade: sehr gut
Language: German
Archive No.: V7146
ISBN (E-book): 978-3-638-14492-6

File size: 486 KB


Excerpt (computer-generated)

Text- und Satzfunktionen
des reflexiven Possessivpronomens
im Schwedischen

Schriftliche Hausarbeit zur Erlangung des Grades
eines Magister Artium (M.A.)
der Philosophischen Fakultät
der Christian-Albrechts-Universität
zu Kiel

vorgelegt von

Klaus Geyer

Kiel
1998

Tag der mündlichen Prüfung: 25.11.1998
Zur Vervielfältigung genehmigt: Kiel, den 25.11.1998

Verzeichnis der Abkürzungen in den interlinearen Morphemübersetzungen


1,2,3

Personalpronomen der 1., 2., 3. Person

AKK

Objektkasus, Akkusativ

DEF

Markierung für Definitheit

DEM

Demonstrativum

F

Femininum

GEN

Genitiv

IDF

Markierung für Indefinitheit, indefiniter Artikel

INF

Infinitiv

IP

Infinitivpartikel beim Verb

KONJ

Konjunktiv

M

Maskulinum

N

Neutrum

NEG

Negationspartikel

NOM

Subjektkasus, Nominativ

NRP

nicht-reflexives Possessivpronomen

PASS

Passiv

PL

Plural

PZP1

Partizip Präsens

REFL

personales Reflexivpronomen `sich′

REL

Relativpronomen

RP

reflexives Possessivpronomen

SG

Singular

SUP

Superlativ

U

Utrum

Verzeichnis der Abkürzungen für die Sprachen
Für die schwedischen, deutschen und englischen Beispiele habe ich darauf verzichtet, explizit in jedem Beispiel die Sprache zu notieren. Bei allen anderen Beispielen wird die Sprache in eckigen Klammern unter der Beispielnummer angegeben:


DÄN

Dänisch

FER

Fering

ISL

Isländisch

JAP

Japanisch

OFR

Ostfränkisch

WGR

Westgrönländisch

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung 1


1.1 Reflexives und nicht-reflexives Possessivpronomen: eine Skizze 1
1.2 Ziel und Skopus der Arbeit 4
1.3 Struktur der Arbeit 6

2 Über Reflexivität und reflexive Possessivpronomina 8


2.1 Semantische, morphologische und explizite Reflexivität 9
2.2 Explizite reflexive Konstruktion und reflexives Possessivpronomen 11

2.2.1 Das Instrumentarium zur Beschreibung 12
2.2.2 Syntaktische Ähnlichkeiten zwischen possessiven und personalen Reflexivpronomina 16
2.2.3 Morphologische Ähnlichkeiten zwischen possessiven und personalen Reflexivpronomina 19

2.3 Reflexive Possessivpronomina in den nordgermanischen Sprachen und in den Sprachen der Welt: ergänzende Hinweise 20

3 Die Syntax des reflexiven Possessivpronomens im Schwedischen 27


3.1 Charakterisierung der ausgewerteten Literatur 27
3.2 Zur Reichweite der reflexiven Possessivpronomina: Bezugsrahmen und Prädikation 30
3.3 Nicht-prototypische Bezugsrahmen des reflexiven Possessivpronomens 36

3.3.1 Konstruktionen mit Nomen actionis 36
3.3.2 Konstruktionen mit Nomen agentis 39
3.3.3 Konstruktionen mit attributiver Adjektiv- oder Partizipphrase 40
3.3.4 Konstruktionen mit med-Attribut 42
3.3.5 Konstruktionen mit Apposition 44
3.3.6 Konstruktionen mit Komparativausdruck 46
3.3.7 Konstruktionen mit Infinitivphrase 50
3.3.8 Konstruktionen mit Prädikativphrase 54
3.3.9 Konstruktionen mit Nicht-Subjekt-Satzgliedern - ohne Prädikation 56
3.3.10 Konstruktionen mit ,,unechten" Präpositionen 64
3.3.11 Konstruktionen mit 2 finiten Sätzen 67

3.4 Ergänzende Beobachtungen zum prototypischen Bezugsrahmen 70

3.4.1 Präsentierungskonstruktion 70
3.4.2 Markierte Reihenfolge von Korrelat und reflexivem Possessivpronomen 71

3.5 Zusammenfassung: syntaktische Präferenzen und Restriktionen 72

3.5.1 Syntaktische Präferenzen: Zur Effektivität der nicht-prototypischen Bezugsrahmen 72
3.5.2 Syntaktische Restriktionen: Hierarchien der möglichen Korrelate von reflexiven Possessivpronomina 76

4 Jenseits der Syntax 79


4.1 Semantische Faktoren: Belebtheit des Possessors 79

4.1.1 Hierarchie der möglichen RP-Korrelate vs. Hierarchie der syntaktischen Funktionen 79
4.1.2 Der Test von Dahl 1980 81
4.1.2.1 Testaufbau 82
4.1.2.2 Testergebnisse 84

4.2 Zur Bedeutung der Textgrammatik 86

4.2.1 Hellbergs Begriff des Textsubjekts 86

4.2.1.1 Empathie nach Kuno & Kaburaki 1977 bzw. Kuno 1987 87
4.2.1.2 Von der Empathie zum Textsubjekt 90
4.2.1.3 Merkmale von Textsubjekten 91
4.2.1.4 Auswirkungen von Textsubjekten auf reflexive Possessivpronomina 93

4.2.2 Prominenter Partizipant 95

4.3 Weitere nicht-syntaktische Faktoren: die Umstände der Äußerung 97

5 Ergebnisse und Ausblick 101

Literaturverzeichnis 104

Anhang 1: Übersicht über einige Sprachen, in denen reflexives und nichtreflexives Possessivpronomen unterschieden werden. 112
Anhang 2: Welche AutorInnen behandeln welche nicht-prototypischen Bezugsrahmen für reflexive Possessivpronomina? 114
Anhang 3: Statistische Auswertung des Datenmaterials aus dem Test von Dahl 1980. 115

 

 

1 1 Einleitung
1.1 Reflexives und nicht-reflexives Possessivpronomen: eine Skizze

Im Schwedischen gibt es - im Gegensatz zum Deutschen - zwei Possessivpronomina; sie werden i.a. als reflexives Possessivpronomen [im folgenden: RP] und als nicht-reflexives Possessivpronomen [im folgenden: NRP] bezeichnet.
In diesem ersten Abschnitt soll grob skizziert werden, wodurch sich die beiden Possessivpronomina unterscheiden. Ausgangspunkt der Überlegung ist der folgende deutsche Satz (1.1):


(1.1)

Sieh nur, jetzt gießt der Svensson seine Blumen!

Das Possessivpronomen seine in (1.1) hat zwei mögliche Lesarten:
i) Svensson ist das Korrelat von seine; diese ist die bevorzugte Lesart, wenn Satz (1.1) isoliert auftritt. Semantisch bedeutet diese Lesart, daß Svensson auch der Possessor der Blumen (= des Possessums) ist;
ii) seine bezieht sich auf einen anderen Ausdruck, z.B. wie in (1.2) auf eine NP im vorausgehenden Satz (Karlsson); Svensson ist dann nicht der Possessor der Blumen:


(1.2)

Dem Karlsson helfen alle Nachbarn gerne im Garten. Sieh nur, jetzt gießt der Svensson seine Blumen!

Die Entsprechung von (1.1) im Schwedischen läßt keine Ambiguität hinsichtlich des Possessivpronomens zu. Auch ohne Kontext wird klar, ob Svensson der Possessor ist oder ein anderer. Hierfür stehen zwei verschiedene Possessivpronomina zur Wahl: Ist im Beispiel Svensson der Possessor der Blumen, steht das RP, ist irgendein anderer, z.B. Karlsson in (1.2), der Possessor, steht das NRP. Satz (1.3) enthält das RP.PL sina. Korrelat des RP ist das Satzsubjekt Svensson, womit eindeutig Svensson als Possessor identifiziert wird.
Die Koreferenz von Possessivpronomen und Korrelat wird hier und im weiteren durch Halbfettdruck markiert.


(1.3)

Titta bara, nu vattnar Svensson sina blommor!
 
sieh nur jetzt gießt S. RP.PL Blume.PL
 
`Sieh nur, jetzt gießt der Svensson seine (= Svenssons) Blumen.′

In (1.4) kann das Subjekt Svensson nicht das Korrelat des NRP hans sein. Svensson kommt als Possessor der Blumen nicht in Frage, der richtige Possessor muß vom Hörer / Leser im sprachlichen oder außersprachlichen Kontext außerhalb des Satzes identifiziert werden.


(1.4)

Titta bara, nu vattnar Svensson hans blommor!
 
sieh nur jetzt gießt S. NRP.M Blume.PL
 
`Sieh nur, jetzt gießt der Svensson seine (_Svenssons) Blumen.′

In (1.3) sind die Ausdrücke Svensson und sina koreferent, sie verweisen auf dieselbe Entität in der Diskurswelt, nämlich auf die Person namens Svensson. Wegen der Koreferenz des Korrelats Svensson, das typischerweise das Subjekt ist, und des Possessivpronomens sina innerhalb desselben Satzes1 heißt das Possessivpronomen hier reflexiv. Svensson und hans in (1.4) hingegen haben zwei verschiedene Entitäten (Personen) als Referenten innerhalb des Satzes. Deshalb wird das Possessivpronomen hier als nicht-reflexiv bezeichnet.
Auch im deutschen Satz (1.1) sind Svensson und seine koreferent. Das Possessivpronomen wird hier aber nicht als RP bezeichnet, weil es sich morphosyntaktisch nicht von seine in (1.2), wo keine Koreferenz vorliegt, unterscheidet. Man könnte das Possessivpronomen seine in (1.1) allerdings als reflexiv gebraucht bezeichnen und in (1.2) analog von nicht-reflexivem Gebrauch des Possessivpronomens sprechen.

RP und NRP werden im Schwedischen nur in der 3.Pers. (SG und PL) unterschieden; zu den Paradigmata ist folgendes anzumerken:
Bei den schwedischen Substantiven (und Adjektiven) unterscheidet man zwei Genera: Utrum und Neutrum. Im Utrum (lit. `eines von beiden′, im Gegensatz zu Ne-Utrum `keines von beiden′) fallen, vereinfacht gesagt, Maskulinum und Femininum älterer Sprachstufen zusammen. Das Utrum wird gelegentlich auch als ,,n-Genus" bezeichnet, weil z.B. der indefinite Artikel des Utrum auf -n endet: en stol `ein Stuhl′; im Gegensatz dazu ist das Neutrum als ,,t-Genus" durch ein -t markiert: ett bord `ein Tisch′.
Bei den Personalpronomina wird zusätzlich innerhalb des Utrum nach Sexus unterschieden (männlich vs. weiblich), vgl. en man - han `ein Mann - er (3SG.M)′ vs. en kvinna - hon `eine Frau - sie (3SG.F)′, aber en stol - den `ein Stuhl - er (3SG.U)′ und ett bord - det `ein Tisch - er (3SG.N)′. Im Plural sind alle diese Distinktionen aufgehoben.
Die Formen des NRP sind die Genitive des Personalpronomens.2 Sie kongruieren im Singular mit der Possessor-NP in Genus bzw. Sexus; grammatische Kategorien des Possessums wie Numerus und Genus werden in den NRP′s nicht ausgedrückt.
Schema (1.5) gibt eine Übersicht über das Paradigma des NRP im Schwedischen.


(1.5)

Possessor

NRP
 
SG männlich

hans
 
SG weiblich

hennes
 
SG Utrum / Neutrum

dess3
 
PL

deras

Das RP hingegen kongruiert wie ein Adjektiv mit dem Possessum in Genus und Numerus, die Kategorien des Possessors bleiben unberücksichtigt. Die Genusdistinktion wird im Plural aufgehoben; vgl. Schema (1.6):


(1.6)

Possessum

RP
 
SG Utrum

sin
 
SG Neutrum

sitt
 
PL

sina

Possessivität schließlich ist nicht in einem eingeschränkten Sinn von ,,Besitz" zu verstehen, auch wenn die Bezeichnung ,,besitzanzeigendes Fürwort" für Possessivpronomen in der deutschen Grammatikterminologie dies mißverständlich nahelegt (vgl. Serzisko 1984:1). Ein Possessivpronomen bezeichnet viel allgemeiner eine Zugehörigkeitsbeziehung zwischen einem Possessor und einem Possessum. Der Wörterbucheintrag zum RP sin im großen Wörterbuch der Schwedischen Akademie illustriert, wie vielseitig diese Zugehörigkeitsbeziehung sein kann (Svenska Akademien 1969:Spalte 2524; meine Übersetzung):


,,sin: [...] mit reflexivem Bezug auf ein Subjekt der 3.Pers., Bezeichnung dafür, daß etwas dem Subjekt gehört oder ihm zukommt (oder daß das Subjekt über etwas verfügt) oder ihm obliegt oder von ihm geleistet oder hervorgebracht wird (oder geleistet oder hervorgebracht worden ist) oder das Subjekt (speziell) auszeichnet oder auf eine andere Weise mit ihm zusammengehört oder sich auf es bezieht; oder Bezeichnung dafür, daß jemand auf die eine oder andere Weise mit dem Subjekt zusammengehört oder in einem bestimmten Verhältnis zu ihm steht; [...]"

Auf die Frage, wie Possessivität zu interpretieren ist, ob als ,,versteckter" Relativsatz (Svenssons Blumen < die Blumen, die Svensson hat) oder als Lokation (Svenssons Blumen < die Blumen bei Svensson) oder auf andere Weise, braucht an dieser Stelle nicht weiter eingegangen zu werden.4

Aus der bisherigen Diskussion kann in erster Annäherung die folgende vorläufige Regel (1.7) zur Verteilung von RP vs. NRP im Schwedischen formuliert werden:


(1.7)

Wenn in einem einfachen Satz mit den beiden Argumenten S (Subjekt) und X (Objekt oder präpositionales Argument) das Argument X durch ein Possessivpronomen determiniert wird, steht als Possessivpronomen das RP, wenn der Possessor von X koreferent mit S ist.
Andernfalls steht das NRP.

Aus (1.7) folgt insbesondere, daß das NRP als Determinans des Subjekts steht, vgl. (1.8); hier muß der Referent des NRP.M hans, nämlich Svensson, außerhalb des finiten Satzes, der das NRP enthält, identifiziert werden:


(1.8)

Svensson älskar blommor. Hans granne gör det också.
 
S. liebt Blume.PL NRP.M Nachbar tut 3SG.N auch
 
`Svensson liebt Blumen. Sein Nachbar tut dies auch.′

Auch in koordinierten Subjekt-NP′s steht das NRP, vgl. (1.9):


(1.9)

Svensson och hans granne älskar blommor.
 
S. und NRP.M Nachbar lieben Blume.PL
 
`Svensson und sein Nachbar lieben Blumen.′

Die o.g. Regel ist in dieser oder leicht abweichender Form in den grammatischen Darstellungen zu den schwedischen Possessiva meist als sog. ,,Subjektsregel" zu finden (z.B. Lindholm 1986:91; Thorell 1977:87; Holmes & Hinchliffe 1994:152).
Es muß betont werden, daß die Subjektsregel die Verteilung von RP und NRP nicht zufriedenstellend beschreibt, sondern nur eine spezielle, wenn auch recht häufige syntaktische Struktur erfaßt, nämlich den einfachen Satz mit zwei Argumenten. Im Laufe der Arbeit wird die Subjektsregel in ein umfassenderes System von Regelmäßigkeiten integriert werden.

1.2 Ziel und Skopus der Arbeit

Die folgende Äußerung Wellanders gehört zu den Klassikern in der Diskussion um die Possessivpronomina der 3.Pers. im Schwedischen (Wellander 1973:122; meine Übersetzung):5


,,Die Frage nach dem richtigen Gebrauch der possessiven Pronomina sin [= RP] und hans (hennes, dess, deras) [= NRP] ist vielleicht die strittigste Frage überhaupt in der ganzen schwedischen Grammatik. In vielen Fällen kann man eine bestimmte Regel geben und ihr folgen, aber in anderen Fällen steht Regel gegen Regel, und das Sprachgefühl ist unsicher. Oft gibt das Sprachgefühl des einen einen bestimmten Ausschlag in die eine Richtung, das des anderen in eine andere Richtung, in Abhängigkeit von irgendeinem Unterschied im Gedankengang, in bewußten oder unbewußten Analogien, in sprachlicher Ausbildung, und im Geschmack."

Ganz anders ist die Sichtweise von Braunmüller 1991:54ff:


,,Die größten Schwierigkeiten im pronominalen Bereich liegen zweifelsohne bei der richtigen Verwendung der Possessiva der 3. Person [B.′s Hervorhebung]. Je syntaktisch komplexer die Sätze mit solchen Pronomina werden, desto schwieriger wird es - selbst für manche Schweden - zu bestimmen, ob nun die formal reflexive Form (sin, sitt, sina `sein-/ihr-′) oder die formal nicht reflexive Form (hans, hennes, dess, deras `sein-/ihr-′) zu verwenden sind.[...]
Im übrigen sind der Sprachgebrauch und die sprachlichen Normen hier sehr schwankend und uneinheitlich: Wer grammatisch geschult worden ist und es gewohnt ist, Normen der Schulgrammatik strikt einzuhalten, wird bei jeder Satzeinbettung, ja selbst bei jeder Wortbildungskonstruktion, die der Satzverkürzung dient [...], streng auf die Einhaltung der Koreferenzregel achten. [...]
Die anderen erlauben sich einen freieren Umgang mit der Norm."

Mit Perridon 1996:379 halte ich Braunmüllers Ansatz für inadäquat. Es ist Aufgabe der Schulgrammatik, auf der Basis einer möglichst exakten Analyse des Sprachgebrauchs verbindliche Regeln zu formulieren. Wenn die Schulgrammatik aber Regeln formuliert, die vom Sprachgebrauch deutlich abweichen, sind es nicht die Sprecher, die ,,Fehler machen", sondern es sind die Regeln, die die sprachlichen Phänomene ungenügend beschreiben, indem sie z.B. aus einer Vielzahl von Variationen eine Alternative herausgreifen und für ,,richtig" erklären, oder indem sie Veränderungen im Sprachgebrauch durch Sprachwandelprozesse nicht ausreichend berücksichtigen.

Der Ansatz von Wellander 1973 ist, trotz der ausdrücklich normativen Orientierung (vgl. oben: ,,Die Frage nach dem richtigen Gebrauch..."), vielversprechender. Er erkennt die Grenzen der Regeln, die, wie die Subjektsregel (1.7) deutlich zeigt, zum einen nur auf der Ebene der syntaktischen Funktionen operieren und zum anderen lediglich die Alternativen ,,richtig" - ,,falsch" zulassen. Variation im Sprachgebrauch in Fällen, in denen die Regeln nicht ausreichen, führt Wellander 1973 auf individuelle Unterschiede im ,,Sprachgefühl" zurück.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, diesem etwas nebulösen ,,Sprachgefühl" auf die Spur zu kommen. Es ist voreilig und nicht notwendig, in Fällen, in denen die ausschließlich syntaktischen Regeln nicht zur Beschreibung ausreichen, gleich ein interindividuell variierendes Sprachgefühl anzunehmen. Mein Ziel ist es, über eine detaillierte Analyse des Vorkommens von RP vs. NRP herauszufinden, welche Faktoren wann dafür entscheidend sind, welches der Pronomina von den Sprechern verwendet wird; aus der Perspektive der Rezeption formuliert: Wie interpretiert ein Hörer unter welchen Umständen ein RP oder NRP?
Untersucht wird deshalb nicht nur, welche Rolle die syntaktische Funktionen (z.B. Subjekt) spielen, sondern auch, wie sich pragmatisch motivierte Prozesse des ,,information packaging in the clause" (Foley & Van Valin 1985), z.B. Topikalisierung und Passiv, auswirken. Außerdem wird der Einfluß semantischer Faktoren und der Textgrammatik sowie der Umstände der Äußerung (schriftliche oder mündliche, formelle oder private Kommunikation) mit einbezogen.
Die Analyse umfaßt nur den referentiellen und den ,,frei kombinierbaren" Gebrauch des RP, es werden also weder der generische Gebrauch noch die Verwendung in Phraseologismen, Idiomen, festen Wendungen etc. berücksichtigt.
Die Untersuchung ist auf das Schwedische beschränkt. Zum überwiegenden Teil habe ich bereits vorhandene Literatur verschiedener Art zum schwedischen RP und typologische Literatur zu Reflexivität allgemein verarbeitet, ergänzt um Informantengespräche.6 Eigene Tests wurden nicht durchgeführt.
Die Arbeit folgt keinem speziellen Grammatikmodell, sie ist aber insgesamt funktional orientiert.

1.3 Struktur der Arbeit

Die Arbeit ist in 5 Kapitel unterteilt. Nach der Einleitung wird in Kapitel 2 herausgearbeitet, was unter Reflexivität im Zusammenhang mit Possessivpronomina zu verstehen ist und insbesondere, wo die Unterschiede und wo die Gemeinsamkeiten zwischen personalen und possessiven Reflexivpronomina liegen.
Kapitel 3 ist eine ausführliche Darstellung der Syntax der schwedischen RP′s. Der Schwerpunkt liegt auf den zahlreichen ,,Ausnahmen" von der Subjektsregel. In diesem Kapitel wird gezeigt, daß es viele Konstruktionen gibt, in denen das Korrelat eines RP nicht eindeutig das Subjekt ist; die Syntax läßt oft verschiedene NP′s als Korrelate zu. Dennoch ist die Möglichkeit einer NP, Korrelat eines bestimmten RP sein zu können, syntaktischen Restriktionen und Präferenzen unterworfen, die in den bisherigen, auch in den jüngsten Darstellungen der Syntax der schwedischen RP′s nicht oder nur unsystematisch berücksichtigt sind.
In Kapitel 4 wird den Faktoren jenseits der Syntax nachgegangen, die oben bereits erwähnt wurden (Textgrammatik usw.).
Kapitel 5 schließlich faßt die Ergebnisse zusammen; an diese Zusammenfassung schließen sich einige weiterführende Überlegungen zu den reflexiven Possessivpronomina und zu ihrem Verhältnis zu Reflexivpronomina und Possessivpronomina insgesamt an, sowohl einzelsprachlich in Bezug auf das Schwedische als auch typologisch.

[...]

1 Satz wird hier und im folgenden verwendet in der Bedeutung von einfacher Satz (wie engl. clause oder schwed. sats). Die Strukturen, die entstehen, wenn mehrere Sätze durch Bei- oder Unterordnung zusammengefügt werden, bezeichne ich als komplexe Sätze (engl. sentence, schwed. mening). In einem komplexen Satz mit Unterordnung heißt der übergeordnete Satz Matrixsatz.

2 Es ist möglicherweise nicht unproblematisch, diese Genitivformen als Possessivpronomina zu bezeichnen. Da es in der vorliegenden Arbeit aber nicht um die Klassifizierung von Pronomina oder um die Systematisierung des gesamten Pronomen-Inventars geht, sondern um das reflexive Possessivpronomen - oft im Kontrast zu seinem nicht-reflexiven Pendant -, halte ich die Bezeichnung NRP für zweckmäßig.

3 Die Form dess ist das Ergebnis einer regressiven Assimilation in den Genitivformen des Personalpronomens für sexuslose Substantive, im Utrum den-s bzw. im Neutrum det-s. Der Genusunterschied ist z.B. im Dänischen und im norwegischen Bokmål erhalten (dens bzw. dets).

4 Ein guter Überblick hierzu findet sich bei Serzisko 1984.

5 Zitiert auch z.B. bei Dahl 1980:22, Perridon 1996:379.

6 Zu besonderem Dank für ihre Geduld und Hilfsbereitschaft bei meinen zahlreichen Detailfragen zum Schwedischen bin ich Camilla Håkansson und ihrem Mann Arne verpflichtet. Danken möchte ich darüber hinaus Michael Barz für die Hilfe bei den dänischen Beispielen, Jón Bjarni Atlason für das Isländische, Elin Hinrichsen für das Fering und Ismet Ramm für das Türkische.


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