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Die Welt der Bilder - Ottilie, Luciane und die Rolle der Kunst in Johann Wolfgang Goethes „Die Wahlverwandtschaften“

Termpaper, 1997, 19 Pages
Author: Katharina Maas
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Termpaper
Year: 1997
Pages: 19
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 11  Entries
Language: German
Archive No.: V71511
ISBN (E-book): 978-3-638-78113-8
ISBN (Book): 978-3-638-78300-2
File size: 188 KB

Abstract

In verschiedenster Form ist Kunst ein wichtiger Teil in den "Wahlverwandtschaften". Die gesamte Handlungsstruktur ist geprägt von der theoretischen Beschäftigung mit Kunst, ihrer Ausübung und der ästhetischen Präsentation der Figuren. Ich werde mich in dieser Arbeit auf zwei der Protagonistinnen beschränken: auf Ottilie und Luciane. Für beide spielt Kunst eine entscheidende Rolle und zwar in mehrfacher Hinsicht, wie ich im ersten Teil darstellen werde. Ottilie hat eine nach innen gerichtete Beziehung zur Kunst, durch sie erfährt sie eine Steigerung und Entwicklung ihrer Persönlichkeit; einerseits durch die Rezeption von Kunst, andererseits durch die praktische Tätigkeit des Malens. Entsprechend ihrem introvertierten Wesen dient ihr die Kunst - auf eine unauffällige, innerliche Art - zu wachsen. Lucianes Kunstauffassung steht ganz im Gegensatz zu Ottilies. Sie bedient sich der Kunst um das zu erreichen, was ihr Hauptziel ist: im Mittelpunkt der Gesellschaft zu stehen. Mit ungebrochenem Selbstbewußtsein bedient sie sich allen Genren, egal ob sie Talent besitzt oder nicht. Im "lebenden Bild" sieht sie letztendlich ihr Ziel erreicht. Diese Einstellung zur Kunst wird von Ottilie wiederholt kritisiert. Die Figur der Luciane ist als Kontrast, als Negierung Ottilies angelegt ist. Mir stellt sich jedoch die Frage, ob man Luciane mit einer eindimensional negativen Beurteilung gerecht wird. Darum möchte ich den "Luciane Teil" auf seine Bedeutung hin näher untersuchen. Beide Figuren werden durch die Gesellschaft selbst zum Kunstwerk stilisiert, werden als "Kunst" wahrgenommen. Eine typisch weibliche Problematik, denn in der Kulturgeschichte wird mit dem Weiblichen "Körper", mit dem Männlichen "Geist" verbunden. Ganz in diesem Sinne wird Ottilie zuallererst durch ihr reines Erscheinungsbild, ihre Schönheit wahrgenommen und beurteilt. Und auch die Rolle der Luciane ist geprägt durch diese gesellschaftliche Dichotomie. Der zweite Teil behandelt die Bedeutung der Kunst für Ottilies Heiligwerdung. In Rahmen der Handlung wird ihre Erhöhung an verschiedenen Stellen durch die Kunst antizipiert, bspw. in der Kapelle oder der Nachstellung der Heiligen Familie im "lebenden Bild". Gleichzeitig wird dies immer wieder dadurch gebrochen, daß es sich nicht um "wahre" Kunst handelt. Kunst ist in den "Wahlverwandtschaften" immer eng verbunden mit Dilettantismus. Diese Verbindung werde ich in Hinblick auf ihre Rolle im Roman darstellen.


Excerpt (computer-generated)

Technische Universität Berlin
Institut für Deutsche Philologie

Hausarbeit

Die Welt der Bilder. Ottilie, Luciane und die Rolle der Kunst
in Johann Wolfgang Goethes „Die Wahlverwandtschaften“

Seminar:

Textinterpretation Goethe

"Die Wahlverwandtschaften"

von

Katharina Maas

 

 

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 3

2. Kunst und Charakter: Die Gegenpole Luciane und Ottilie 4
2.1. Ottilie: Die Entdeckung der Kunst und innerer Wachstum 5
2.2. Luciane: Kunst als Mittel zum Zweck 6
2.3. Affen und Heilige 7
2.4. Sprachlose Kunst: Ottilie und Luciane, Kunstobjekte ihrer Zeit 8

3. Dilettantismus und Erhöhung: Bedeutung der Kunst für die Heiligung Ottilies 9
3.1. Die Kapelle 10
3.2. Die Heilige Familie im "lebenden Bild" 12
3.3. Erhöhung zur Heiligen 13

4. Schluß 14

Literaturverzeichnis 16

 

 

 

1. Einleitung

In verschiedenster Form ist Kunst ein wichtiger Teil in den "Wahlverwandtschaften". Die gesamte Handlungsstruktur ist geprägt von der theoretischen Beschäftigung mit Kunst, ihrer Ausübung und der ästhetischen Präsentation der Figuren.

Ich werde mich in dieser Arbeit auf zwei der Protagonistinnen beschränken: auf Ottilie und Luciane. Für beide spielt Kunst eine entscheidende Rolle und zwar in mehrfacher Hinsicht, wie ich im ersten Teil darstellen werde.

Ottilie hat eine nach innen gerichtete Beziehung zur Kunst, durch sie erfährt sie eine Steigerung und Entwicklung ihrer Persönlichkeit; einerseits durch die Rezeption von Kunst, andererseits durch die praktische Tätigkeit des Malens. Entsprechend ihrem introvertierten Wesen dient ihr die Kunst - auf eine unauffällige, innerliche Art - zu wachsen.

Lucianes Kunstauffassung steht ganz im Gegensatz zu Ottilies. Sie bedient sich der Kunst um das zu erreichen, was ihr Hauptziel ist: im Mittelpunkt der Gesellschaft zu stehen. Mit ungebrochenem Selbstbewußtsein bedient sie sich allen Genren, egal ob sie Talent besitzt oder nicht. Im "lebenden Bild" sieht sie letztendlich ihr Ziel erreicht. Diese Einstellung zur Kunst wird von Ottilie wiederholt kritisiert. Die Figur der Luciane ist als Kontrast, als Negierung Ottilies angelegt ist. Mir stellt sich jedoch die Frage, ob man Luciane mit einer eindimensional negativen Beurteilung gerecht wird. Darum möchte ich den "Luciane Teil" auf seine Bedeutung hin näher untersuchen.1

Beide Figuren werden durch die Gesellschaft selbst zum Kunstwerk stilisiert, werden als "Kunst" wahrgenommen. Eine typisch weibliche Problematik, denn in der Kulturgeschichte wird mit dem Weiblichen "Körper", mit dem Männlichen "Geist" verbunden. Ganz in diesem Sinne wird Ottilie zuallererst durch ihr reines Erscheinungsbild, ihre Schönheit wahrgenommen und beurteilt. Und auch die Rolle der Luciane ist geprägt durch diese gesellschaftliche Dichotomie.

Der zweite Teil behandelt die Bedeutung der Kunst für Ottilies Heiligwerdung. In Rahmen der Handlung wird ihre Erhöhung an verschiedenen Stellen durch die Kunst antizipiert, bspw. in der Kapelle oder der Nachstellung der Heiligen Familie im "lebenden Bild". Gleichzeitig wird dies immer wieder dadurch gebrochen, daß es sich nicht um "wahre" Kunst handelt. Kunst ist in den "Wahlverwandtschaften" immer eng verbunden mit Dilettantismus. Diese Verbindung werde ich in Hinblick auf ihre Rolle im Roman darstellen.

2. Kunst und Charakter: Die Gegenpole Luciane und Ottilie

Im Gegensatz zu der stillen, ätherischen Ottilie, erscheint Luciane egoistisch und oberflächlich. Sie ist sehr aktiv und lebhaft und äußert sich spöttisch und scharf über die Gesellschaft, wobei ihre Kritik nicht unberechtigt ist und ihr Betragen nie wirklich die Sitte verletzt. Allerdings beweist sie immer wieder ihr mangelndes Feingefühl, bspw. in der Episode mit dem kranken Mädchen2. In der Germanistik wird sie fast grundsätzlich negativ beurteilt und traditionell im Kontrast oder sogar als Kontrast zu Ottilie gesehen.3 Auf dem Gebiet der Kunst wird der Vergleich zwischen Ottilie und Luciane besonders deutlich. Luciane liebt Affen und vergleicht sie mit Menschen, was Ottilie zutiefst verabscheut. Ottilie malt Engel und wird später selbst zu einem.4 Aus diesem Grund werde ich mich auf die Kunst beschränken, auch wenn sich Vergleiche auch auf anderen Gebieten (bspw. Wohltätigkeit) finden lassen.

2.1. Ottilie: Entdeckung der Kunst und innerer Wachstum

"Im gemeinen Leben begegnet uns oft, was wir in der Epopöe als Kunstgriff des Dichters zu rühmen pflegen, daß nämlich, wenn die Hauptfiguren sich entfernen, verbergen, sich der Untätigkeit hingeben, gleich sodann schon ein zweiter, dritter, bisher kaum Bemerkter den Platz füllt und, indem er seine ganze Tätigkeit äußert, uns gleichfalls der Aufmerksamkeit, der Teilnahme, ja des Lobes und Preises würdig scheint."5 Mit diesen wohlmeinenden Worten führt der Erzähler die Ankunft des Architekten am Anfang des Zweiten Teils ein.

[....]


1 Anzumerken ist hier, daß in meiner Herangehensweise nicht nur kulturgeschichtliche, sondern auch aktuelle Aspekte berücksichtigt werden sollen.

2 Johann Wolfgang Goethe: Die Wahlverwandtschaften. Diogenes, Zürich, 1996. S.209f.

3 vgl. Puszkar, Norbert: Frauen und Bilder: Luciane und Ottilie. In Neophilologus. Groningen, 1989. Bd.73. S. 397.

4 vgl.: Verweis auf Rudolf Abeken: Über Goethes "Wahlverwandtschaften", in Puszkar, Norbert: Frauen und Bilder. S. 397.

5 Johann Wolfgang Goethe: Die Wahlverwandtschaften. S.158.


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