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'Im Zeitalter der Sachlichkeit muss man romantisch sein, das ist der Trick' - Die Verbindung von Elementen des Ästhizismus und der Neuen Sachlichkeit in Erich Maria Remarques „Drei Kameraden“

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2000, 26 Pages
Author: Katharina Maas
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2000
Pages: 26
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 13  Entries
Language: German
Archive No.: V71514
ISBN (E-book): 978-3-638-78326-2
ISBN (Book): 978-3-638-79405-3
File size: 271 KB

Abstract

Mit seinem Roman „Drei Kameraden“ beendete Erich Maria Remarque seine als Trilogie angelegte Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg. Den Anfang dieser Reihe bildet sein bekanntestes Werk „Im Westen nichts Neues“, in dem die Gräuel der Kriegsfront geschildert werden, gefolgt von dem Roman „Der Weg zurück“, der das Schicksal der Heimkehrer behandelt. In „Drei Kameraden“ versucht der Protagonist Robert Lohkamp zusammen mit zwei Kriegskameraden in der unruhigen, politisch brisanten Zeit der Zwanziger Jahre, seine Existenz zu sichern und seinen Platz im Leben zu behaupten. Damit schließt Drei Kameraden thematisch an die beiden vorangegangenen Romane an.[...] Während die beiden ersten Werke sich stilistisch in der dokumentierenden, beinah emotionslos präzisen Beschreibung des Krieges und seiner Folgen ähneln, ist in „Drei Kameraden“ der klare, sachliche Tonfall immer wieder durch gefühlsbetonte Passagen gebrochen, die zum Teil durch eine metaphernüberladene Symbolik ins Schwülstige kippen. Hier tritt eine andere Seite Remarques stärker hervor, die sich schon in seinen frühen, insbesondere seinen journalistischen Texten zeigte: sein Hang zum Schwärmerischen. [...] Remarque war nicht nur der „realistisch-reportagehafte“ Kriegsdokumentarist, wie er in der Öffentlichkeit bedingt durch sein meist gelesenes Werk „Im Westen nichts Neues“ erschien, sondern seit seiner Jugend geprägt von der geistigen Strömung des Ästhetizismus und der Décadence des fin de siécle. Gleichzeitig ist sein Schreiben sowohl stilistisch wie auch thematisch beeinflusst von der, Kunst und Literatur der Zwanziger Jahre beherrschenden, Ästhetik der Neuen Sachlichkeit. In der vorliegenden Arbeit wird anhand von ausgewählten Textstellen gezeigt, wie Remarque Elemente des Ästhetizismus und der Décadence mit Elementen der Neuen Sachlichkeit, also mit einer literarisch konträren Strömung, in einem Werk verbindet und damit etwas Innovatives schafft. Mein Anliegen ist es dabei nicht, eine literarische Einordnung oder Kategorisierung vorzunehmen, sondern textimmanent zu untersuchen, inwieweit der Autor stilistisch und thematisch die beiden literarischen Strömungen miteinander verbindet, indem er Romanfiguren schafft, die zwischen den beiden Polen Dekadenz und Sachlichkeit denken und agieren. [...]


Excerpt (computer-generated)

Freie Universität Berlin
Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften
Institut für Deutsche und Niederländische Philologie
HS: Schreiben zwischen Journalismus und
Kino. Der unbekannte Remarque

Hausarbeit

„Im Zeitalter der Sachlichkeit muss man romantisch sein, das ist der Trick“
Die Verbindung von Elementen des Ästhetizismus und der Neuen
Sachlichkeit in Erich Maria Remarques „Drei Kameraden“

von

Katharina Maas

 

 

Inhaltsverzeichnis  2

1 Einleitung  3

2 Zwischen ‘neusachlicher’ Abgeklärtheit und schwärmerischer Verklärung  5
2.1 Drei Kameraden im Spiegel der Neuen Sachlichkeit  5
2.2 Drei Kameraden im Spiegel des Ästhetizismus  8

3 Das ′Auto′-Motiv  12
3.1 Symbolstruktur  14
3.2 ‚therapeutische‘ Autofahrt  15

4 Das ‚Alkohol‘-Motiv  18

5 Gefühlsregulierung durch Ästhetisierung  21

6 Schluss  24

Literatur  26

 

 

1 Einleitung

Mit seinem Roman Drei Kameraden beendete Erich Maria Remarque seine als Trilogie angelegte Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg. Den Anfang dieser Reihe bildet sein bekanntestes Werk Im Westen nichts Neues (1929), in dem die Gräuel der Kriegsfront geschildert werden, gefolgt von dem Roman Der Weg zurück (1930), der das Schicksal der Heimkehrer behandelt. In Drei Kameraden(1935/36)1 versucht der Protagonist Robert Lohkamp zusammen mit zwei Kriegskameraden in der unruhigen, politisch brisanten Zeit der Zwanziger Jahre, seine Existenz zu sichern und seinen Platz im Leben zu behaupten. Damit schließt Drei Kameraden thematisch an die beiden vorangegangenen Romane an und hat


„im Grunde das gleiche Thema. Die Frage, die in den ersten beiden Büchern für Hunderttausende gestellt wurde, kehrt hier wieder für einen einzigen Menschen. Es ist die Frage des Lebens und des Todes; die Frage: Warum?“2

Während die beiden ersten Werke sich stilistisch in der dokumentierenden, beinah emotionslos präzisen Beschreibung des Krieges und seiner Folgen ähneln, ist in Drei Kameraden der klare, sachliche Tonfall immer wieder durch gefühlsbetonte Passagen gebrochen, die zum Teil durch eine metaphernüberladene Symbolik ins Schwülstige kippen. Hier tritt eine andere Seite Remarques stärker hervor, die sich schon in seinen frühen, insbesondere seinen journalistischen Texten zeigte: sein Hang zum Schwärmerischen. „Reflektiert wird in diesen frühen Werken vor allem Remarques Sehnsucht nach intensivem Erleben der Welt, sein Hang zum Vornehmen, Romantischen, Effektvollen.“3 Nach Im Westen nichts Neues, das literaturhistorisch sein Frühwerk4 abschließt, scheint diese jugendliche Prägung immer wieder mehr oder weniger explizit durch.

Remarque war nicht nur der „realistisch-reportagehafte“5 Kriegsdokumentarist, wie er in der Öffentlichkeit bedingt durch sein meist gelesenes Werk Im Westen nichts Neues erschien, sondern seit seiner Jugend geprägt von der geistigen Strömung des Ästhetizismus und der Décadence des fin de siécle, die er in seiner Heimatstadt Osnabrück durch den Maler Fritz Hörstemeier, seinem väterlichen Freund und Mentor, kennengelernt hat, und die ihn zu seinem ganz in dieser Tradition stehenden Jugendwerk Die Traumbude6 inspiriert hat. Gleichzeitig ist sein Schreiben sowohl stilistisch wie auch thematisch beeinflusst von der, Kunst und Literatur der Zwanziger Jahre beherrschenden, Ästhetik der Neuen Sachlichkeit.

Ich möchte in der vorliegenden Hausarbeit anhand von ausgewählten Textstellen zeigen, wie Remarque Elemente des Ästhetizismus und der Décadence mit Elementen der Neuen Sachlichkeit, also mit einer literarisch konträren Strömung, in einem Werk verbindet und damit etwas Innovatives schafft. Mein Anliegen ist es dabei nicht, eine literarische Einordnung oder Kategorisierung vorzunehmen, sondern textimmanent zu untersuchen, inwieweit der Autor stilistisch und thematisch die beiden literarischen Strömungen miteinander verbindet, indem er Romanfiguren schafft, die zwischen den beiden Polen Dekadenz und Sachlichkeit denken und agieren. Zudem werde ich der Frage nach der möglichen Funktion einer solchen Verbindung nachgehen. Dies werde ich schwerpunktmäßig anhand des ‚Alkohol‘- und des ‚Auto‘-Motivs erarbeiten, denn beide Motive ziehen sich als wichtige Elemente durch Remarques gesamtes Werk. Sie sind schon in seinen frühen Texten präfiguriert und tauchen zum Teil in den gleichen Formulierungen in seinen Romanen wieder auf.7

2 Zwischen ‘neusachlicher’ Abgeklärtheit und schwärmerischer Verklärung 

2.1 Drei Kameraden im Spiegel der Neuen Sachlichkeit 

Die neusachliche Bewegung lässt sich als eine literarische Antwort und Reaktion auf die Urbanisierung und Technisierung der Lebenswelt verstehen. In Abgrenzung zum Expressionismus postulierte und praktizierte sie einen neuen Dokumentarismus im Zusammenhang mit der Forderung nach Zeitromanen und Zeitstücken. Lion Feuchtwanger sah das Hauptkennzeichen neusachlicher Literatur in der Vermischung realer Fakten und fiktionaler Elemente, in der Gleichzeitigkeit der Objektivität des Materials und der subjektiven Handhabung.8 Eines der Ziele, das die Vertreter der Neuen Sachlichkeit verfolgten, war die Ausbildung einer an die Reportage angenäherten Romanliteratur, die durch folgende ästhetische Forderungen erreicht werden sollte:

[....]


1 Thomas F. Schneider verweist in seinem Aufsatz „Von Pat zu Drei Kameraden - Zur Entstehung des ersten Romans in der Exil-Zeit Remarques“ darauf, dass schon 1933 eine druckfertige Version des Romans unter dem Titel „Pat“ vorlag, der in veränderter, aber in seiner Grundstruktur erhaltenen Fassung erst 1935/36 veröffentlicht wurde, als Remarque schon im Exil lebte. Es kann also davon ausgegangen werden, dass die Machtergreifung der Nationalsozialisten eine Rolle gespielt haben mag, dass nicht alle drei Romane in kürzerer Abfolge hintereinander herauskamen. In: Erich Maria Remarque Jahrbuch - Yearbook II. Hg. v. Thomas F. Schneider u.a. Osnabrück, 1992. S. 69.

2 Remarque-Collection 1.48/005. Zitiert nach: Thomas F. Schneider: Von Pat zu Drei Kameraden. Osnabrück, 1992. S. 69.

3 Mizinski, Jan: Einige Bemerkungen zum literarischen Frühwerk von Erich Maria Remarque. In: Mitteilungen der Erich Maria Remarque Gesellschaft Osnabrück e.V., Heft 5/6 (November 1989), S. 3.

4 Zu Remarques Frühwerk zählen seine journalistischen Texte und die beiden wenig erfolgreichen Romane Die Traumbude (1920) und Station am Horizont (1927/28).

5 Frenzel, H.A. und E.: Daten deutscher Dichtung. Chronologischer Abriss der deutschen Literaturgeschichte. Köln, 1986. Bd.2, S.573.

6 Erich Maria Remarque: Die Traumbude. In: Das Unbekannte Werk. Frühe Prosa. Werke aus dem Nachlass, Briefe und Tagebücher. Hg. v. Thomas F. Schneider u. Tilman Westphalen. Bd. 1. Köln, 1998.

7 Vgl. Parr, Rolf: Tacho. km/h. Kurve. Unfall. Körper. Erich Maria Remarques journalistische und kunstliterarische Autofahrten. In: Erich Maria Remarque. Leben, Werk und weltweite Wirkung. Hg. v. Thomas F. Schneider. Osnabrück, 1998. S. 69.

8 Vgl. Becker, Sabina: Alfred Döblin im Kontext der Neuen Sachlichkeit. In: Jahrbuch zur Literatur der Weimarer Republik, Bd. 1. Hg. v. Sabina Becker. St. Ingbert, 1995. S. 202.


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