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Beziehungen und Geschlechterrollen in Ovids Ars Amatoria

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2002, 30 Pages
Author: M.A. Marion Näser
Subject: History - Early and Ancient History

Details

Event: HS Geschlechterverhältnisse im römischen Reich
Institution/College: University of Marburg (Institut für alte Geschichte)
Tags: Beziehungen, Geschlechterrollen, Ovids, Amatoria, Geschlechterverhältnisse, Reich
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2002
Pages: 30
Grade: 2
Language: German
Archive No.: V7152
ISBN (E-book): 978-3-638-14496-4
ISBN (Book): 978-3-638-63979-8
File size: 248 KB

Abstract

In seiner Ars amatoria verband der römische Dichter Publius Ovidius Naso (43 v. Chr. - 17/18 n. Chr.) die traditionellen Elemente der römischen Liebeselegie und des Lehrgedichtes zu etwas völlig Neuem, einem „Erotodidaktikon“, dem ersten umfassenden Flirt-, Sex- und Beziehungsratgeber der Welt. Ovid behandelt sämtliche Stadien, vom Flirt bis zur Aufrechterhaltung der Beziehung, und geht auf alle potenziell dabei auftretenden Probleme ein. Dabei beschreibt er ironisierend und bemerkenswert genau beobachtend die psychologischen Mechanismen von Balzverhalten, Liebe und Beziehung und geht auf psychische Besonderheiten von Frauen und Männern ein. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Strukturen der in der Ars propagierten Beziehungen zu untersuchen. Einen Schwerpunkt bildet dabei die psychologische Betrachtungsweise. Zuerst wird eine Bestimmung der Interpretationsmöglichkeiten und Handlungsfelder der Ars Amatoria versucht. An die Betrachtung der Beziehungsstrukturen schließt sich die Analyse des damit zusammenhängenden Frauenbildes der Ars Amatoria an, das sich durch Pessimismus und Ironie im Dienste der Desillusionierung liebestoller Jünglinge auszeichnet, diese gleichzeitig jedoch durch konkrete Charakterisierungen des „schwachen Geschlechts“ und lebensnahe Tips zu besseren „Frauenverstehern“ im Interesse einer für beide Seiten befriedigenden Beziehung machen möchte. Hinsichtlich der in der Ars Amatoria propagierten Beziehungsform erweist es sich, dass Ovid Anleitung gibt zum Führen einer möglichst konfliktfreien, auf oberflächlicher Rücksicht (Verheimlichen von Fremdgehen, Vermeidung von Kränkungen) basierenden, lockeren Beziehung. Ovid wendet sich zum einen gegen die von ihm als emotionslos dargestellte Ehe, nimmt jedoch auch eine objektivierende und ironisierende Position gegenüber den Tradition der Liebeselegien ein, die selbstzerstörerische Liebe und Treue besangen. Furor wird durch ratio ersetzt, Ovid will einen gezähmten Amor, die Leidenschaft soll immer kontrolliert bleiben und wird teilweise zur theatralischen Pose, zur reinen Geste. Die Tips der ars amatoria erfüllen eine dreifache Funktion: sie sind zum einen für den Verführer und zugleich als Warnung für die zu Verführenden anwendbar, stellen jedoch andererseits auch eine Hilfe für Probleme in einer „echten“ Liebesbeziehung dar.


Excerpt (computer-generated)

Beziehungen und Geschlechterrollen in Ovids Ars Amatoria

von Marion Näser



Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Grundsätzliches zum Verständnis der Ars Amatoria

Interpretationsebenen
Handlungsfelder

1. Beziehungsstrukturen in der Ars

1.1 Die Liebe - ein strategisches Spiel?
1.2 Furor vs. ratio - elegische und "rationale" Liebe im Vergleich
1.3 Ovid als Psychologe
1.4 Amor = Ars für alle? Anwendbarkeit des ovidischen Ansatzes

2. Das Frauenbild der Ars Amatoria

2.1 Einstellung gegenüber Frauen
2.2 Frauen - Objekte oder Partnerinnen?
2.3 Sexualität der Frau
2.4 Cui bono? Das 3. Buch der Ars

3. Fazit

Literaturverzeichnis

 


Einleitung

In seiner Ars amatoria verband der römische Dichter Publius Ovidius Naso (43 v. Chr. - 17/18 n. Chr.) die traditionellen Elemente der römischen Liebeselegie und des Lehrgedichtes zu etwas völlig Neuem, einem "Erotodidaktikon", dem ersten umfassenden Flirt-, Sex- und Beziehungsratgeber der Welt. Ovid behandelt sämtliche Stadien, vom Flirt bis zur Aufrechterhaltung der Beziehung, und geht auf alle potenziell dabei auftretenden Probleme ein. Dabei beschreibt er ironisierend und bemerkenswert genau beobachtend die psychologischen Mechanismen von Balzverhalten, Liebe und Beziehung und geht auf psychische Besonderheiten von Frauen und Männern ein.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Strukturen der in der Ars propagierten Beziehungen zu untersuchen. Einen Schwerpunkt bildet dabei die psychologische Betrachtungsweise. Als Voraussetzung für die Analyse der Beziehungen in der Ars Amatoria wird zuerst versucht, ihrem Bedeutungsfeld durch eine Bestimmung ihrer Interpretationsmöglichkeiten und Handlungsfelder näher zu kommen. Erschwert wird das Vorhaben durch die sich auch in der Vielfalt der Forschungsansätze manifestierenden Vielschichtigkeit des Werkes. Diese bedingt auch, daß hier lediglich verschiedene Aspekte der Ars Amatoria gegeneinandergestellt werden können; eine einheitliche und eindeutige Interpretation kann es m.E. nicht geben. An die Betrachtung der eigentlichen Beziehungsstrukturen schließt sich die Analyse des damit zusammenhängenden Frauenbildes der Ars Amatoria an. Ich werde mich bei meiner Untersuchung weitgehend auf die Ars amatoria beschränken und nur vereinzelt auf andere Werke Ovids eingehen, da eine umfassende Analyse der Liebesbeziehungen bzw. des Frauenbildes bei Ovid den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

1. Grundsätzliches zum Verständnis der Ars Amatoria

1.1 Interpretationsebenen

Bevor man die dargestellten Beziehungsstrukturen bewertet, muß man sich darüber klar sein, ob Ovid seine Lehren ernst meint. Ist die Ars nur ein intelligentes literarisches Spiel, eine Parodie? Verbirgt sich hinter Kühle und Distanz eine Ironisierung von Normierungs- und Kanalisierungsbestrebungen der Liebe, z.B., wenn klar ist, daß bestimmte Tipps gar nicht funktionieren können bzw. ziemlich durchschaubar sind? Dient der utilitaristische Charakter der Ratschläge vielleicht z.T. dazu, zu kaschieren, daß es dem Autor hier um ernst gemeinte Ratschläge für ein liebevolleres Umgehen miteinander geht? Liebeslehren gehören gattungshistorisch zur Komödie wie zur erotischen Dichtung. Stellt die ars also eine Parodie der didaktischen Poesie und der elegischen Liebe dar?
Satirisch wirken zweifellos die Darstellungsweisen mancher Mythen (z.B. Pasiphae und der Stier; ars 1, 289-326; Herakles beim Wollespinnen; ars 2, 221f. ) und ihre Instrumentalisierung für die Erotik (ars 3, 775-85), die Tatsache, daß Plätze für Frauenjagen meist mit der augusteischen Familie in Beziehung stehen (z.B ars 1, 69-72), sowie die (selbstironisch?) überzogene Schilderung der Verhaltensweisen eines Flirtenden beim Wagenrennen (ars 1, 135-170) und beim Triumphzug (ars 1, 213-228), die Tips, wie man möglichst geschickt um Geschenke und wirklich harte Liebesdienste herumkommt (ars 2, 177-250) oder das peinliche Mißgeschick der Frau, die sich die Perücke falsch herum anzieht (ars 3, 245f.). Z.T. kommt auch ironisch gefärbte Bitterkeit zum Vorschein, z.B. wenn Ovid den Frauen rät, sie sollten sich nicht mit einem Liebhaber zufrieden geben, sondern möglichst für jeden Zweck einen haben (ars 2, 535f.). Ganz eindeutige und somit ironisierte Eigenwerbung betreibt Ovid, wenn er die Vorzüge der Dichter den Frauen anpreist (ars 3, 533ff.). Den spielerischen Charakter des Werkes betont die komplementäre Anlage: Ovid tut so, als läsen seine Leser nur bestimmte Teile, da er z.B. den Frauen das als Chance darstellt, wovor er die Männer warnt (ars 3, 753f. vs. ars 1, 237f.: Weingenuß beim Gastmahl).

[...]


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