Friedhofskultur am Niederrhein - konkretisiert am Beispiel der Stadt Krefeld

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Details
Autor: Diplom Ingenieur Melanie Baehr
Fach: Landschaftsarchitektur, Landespflege
Institution/Hochschule: Universität Duisburg-Essen
Jahr: 2006
Seiten: 292
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 73 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 26859 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-62095-6
Sehr schön gestaltete Arbeit (Anm. der Red.)
Textauszug (computergeneriert)
Universität Duisburg-Essen
Fachbereich Bauwissenschaften – Landschaftsarchitektur
Friedhofskultur am Niederrhein - konkretisiert am Beispiel der Stadt Krefeld
Diplomarbeit
vorgelegt von: Melanie Baehr
2007
Zum Geleit
Die vorliegende Diplomarbeit wurde im Jahr 2006 verfasst. Zum besseren Verständnis werden an dieser Stelle einige Besonderheiten und Erläuterungen vorangestellt.
Friedhofskultur ist eine der ältesten und wichtigsten Zeugnisse der jeweiligen Völker- und Religionsgemeinschaften. Die Literaturlage in Bezug auf die Friedhofskultur am Niederrhein erforderte es, ein Gesamtbild aus vielen Einzelinformationen zusammenzustellen. Dabei wurde die Vegetation der Fried- bzw. Kirchhöfe in den einzelnen Kapiteln abgearbeitet und nicht als eigenständiger Teil aufgeführt, da dies den Umfang dieser Arbeit gesprengt hätte.
Es wurden die in der deutschen Sprache allgemein üblichen Abkürzungen verwendet.
Inhaltsverzeichnis
Leben, Tod und Trauer
Einleitung
Friedhofskultur am Niederrhein
Entwicklung der Friedhofskultur am Niederrhein und in der Stadt Krefeld
Der Kirchhof und das Kirchengrab im Mittelalter ... 2 - 15
Das Beerdigungsbrauchtum der Katholiken vom Mittelalter bis zum 18. Jahrhundert ... 16 - 21
Der protestantische Kirchhof zu Beginn der Neuzeit ... 22 - 25
Ästhetisch gestaltete Friedhöfe ab 1730 - Der Herrnhuter Gottesacker ... 26 - 28
Wandlungen in der Sepulkralkultur zwischen 1750 und 1900 ... 29 - 35
Verschiedene Friedhofsformen ab dem 19. Jahrhundert ... 36 - 41
Friedhofskultur heute & in Zukunft
Derzeitige und zukünftige Entwicklungen der Friedhofskultur
Tod und Trauer in der modernen Gesellschaft ... 42 - 54
Heutige Möglichkeiten der Bestattung - Vom Wahlgrab zum Weltraum ... 55 - 80
Der multikulturelle Friedhof - Trauerkultur in anderen Religionen ... 81 - 99
Die Trauerkultur der Zukunft - Aktuelle Trends in Deutschland ... 100 - 109
Bestattungen in anderen Ländern - Tendenzen in Europa ... 110 - 119
Visionen für zukünftige Friedhöfe ... 120 - 132
Krefelds Friedhöfe
Dokumentation der Friedhöfe Krefelds
Die einstigen Friedhöfe Krefelds ... 133 - 145
Der Krefelder Hauptfriedhof ... 146 - 151
Die Friedhöfe der Krefelder Vororte ... 152 - 197
Jüdische Friedhöfe in Krefeld ... 198 - 208
Exkurs: Grabmäler am Niederrhein ... 209 - 215
Diplomarbeit | Friedhofskultur am Niederrhein
Die Analyse
Analyse des Friedhofs Fischeln
Allgemeine Fakten über Krefeld ... 216
Der Friedhof Krefeld Fischeln ... 217 - 225
Das Konzept
Begründung des Gesamtkonzepts
Konzept - Erweiterungsfläche ... 226 - 227
Konzept - langfristig ... 228 - 229
Der Entwurf
Erläuterung des Gesamtentwurfs und der relevanten Teilbereiche
Entwurf ... 230 - 243
Zusammenfassung und Ausblick ... 244- 245
Quellen und Anhang
Quellen- und Abbildungsverzeichnis
Literaturverzeichnis ... 246 - 254
Internet-Adressen ... 255 - 256
Sendungen in Hörfunk und Fernsehen ... 257
Bildnachweis ... 258 - 275
Leben, Tod und Trauer
Einleitung
In unserer heutigen multikulturellen, anonymen Gesellschaft sind kulturelle Trauerformen größtenteils verloren gegangen. Im Leben eines modernen Menschen findet die Auseinandersetzung mit dem Tod erst dann statt, wenn ein geliebter Mensch gestorben ist. Ein bewusster Umgang mit dem Tod wird heute kaum noch praktiziert. Für die meisten Menschen ist der Umgang mit dem Tod und dem Sterben an sich ein unangenehmes Thema, das aus dem Leben ausgeblendet und verdrängt wird. Nur wenige setzen sich mit der Endlichkeit des Lebens auseinander. In den Großstädten des 21. Jahrhunderts sterben ca. 90 % der Menschen in Krankenhäusern oder Pflegeheimen, d.h. den Angehörigen fehlt größtenteils der direkte Kontakt zu den Sterbenden. Gerade alte Menschen sterben häufig einsam und isoliert. Wo früher die Aussicht auf das Jenseits dem Sterbenden und den Hinterbliebenen Trost spendete, ist heute der Blick auf das Diesseits gerichtet.
Im Gegensatz zu heute starben die Menschen früher im Kreise der Familie im eigenen Hause. Der Tod war ein selbstverständlicher Teil des Lebens, ein natürlicher Endpunkt des Lebens. Der Verstorbene wurde von Familienangehörigen, Freunden oder Nachbarn gewaschen, angezogen und im Haus aufgebahrt. Man bekam die Möglichkeit, den Toten ein letztes Mal zu besuchen und sich zu verabschieden. Selbst Kinder wurden so schon frühzeitig mit dem Tod konfrontiert, lernten ihn als normales Ereignis des Lebens kennen und mit ihm umzugehen. Nachdem Freunde oder Nachbarn den Sarg beim Begräbnis trugen, gab es einen Leichenschmaus, mit dem man den Helfern bei der Bestattung dankte und der den Übergang zum normalen Leben herstellte. Solche Rituale halfen bei der Bewältigung des Schmerzes und der Trauer.
Stirbt heute ein geliebter Mensch, kommen auf die nächsten Angehörigen etliche Aufgaben zu: Formalitäten, Behördengänge, Organisation der Trauerfeier und vieles mehr. Man erhält nur selten die Chance sich in einer gewohnten Umgebung von dem Toten zu verabschieden. In Deutschland herrscht Friedhofszwang; das bedeutet, Urnen und Särge dürfen ausschließlich auf öffentlichen Friedhöfen beigesetzt werden. Jeder Friedhof besitzt eine Friedhofssatzung, in der genau festgelegt wird, welche Vorschriften auf dem jeweiligen Friedhof zu befolgen sind. Für individuelle Gestaltungswünsche bleibt oft wenig Spielraum. Die Möglichkeit, die Asche des Verstorbenen mit nach Hause zu nehmen oder im eigenen Garten zu vergraben, ist ebenfalls durch den Friedhofszwang unterbunden. Dieser kann nur in Ausnahmefällen aufgehoben werden, und die Alternativen sind auch dann noch sehr beschränkt.
Deutschland ist ein Land, in dem der Umgang mit den Verstorbenen extrem stark durch staatliche Rechtsnormen geregelt wird. In der heutigen Zeit, in der traditionelle Bindungen wie Ehe und Familie immer mehr an Bedeutung verlieren und die Menschen immer mobiler werden, tritt auch der Friedhof als Ort des Gedenkens und Trauerns weiter in den Hintergrund. Die Bestattungskultur erlebt einen dramatischen Wandel. Neben der starken Zunahme anonymer Bestattungen gibt es auch immer ausgefallenere Möglichkeiten, die Verstorbenen auf ihren letzten Weg zu schicken, wie beispielsweise See-, Luft- oder Weltraumbestattungen. Auch gibt es mittlerweile die Alternative, die Asche in einen Diamanten umzuwandeln und so den geliebten Menschen als Schmuckstück immer bei sich zu tragen; dies ist auch möglich, in dem man einen Teil der Asche in ein Amulett oder ein Medaillon umfüllt.
Des Weiteren habe sich in den letzten Jahren so genannte virtuelle Friedhöfe entwickelt. Diese digitalen Gedenkstätten, die man im Internet besuchen kann, beinhalten zum Beispiel Fotos, Musik, Videos und andere Dokumente. Sie umfassen eine Großzahl verschiedenster Erinnerungsstücke, der Leichnam an sich spielt eine untergeordnete Rolle.
Zu diesen neuen Formen der Bestattung und des Totengedenkens sind
bei den Überlegungen, wie ein Friedhof in Zukunft aussehen kann und
sollte, auch die Bestattungskulturen anderer Religionsgemeinschaften zu berücksichtigen. In Deutschland lag der Anteil von Ausländern an der Gesamtbevölkerung im Jahre 2000 bei ca. 9 %. Die hier geborenen Kinder der ehemaligen Einwanderer fühlen sich in Deutschland beheimatet und wollen auch hier bestattet werden. Eine multikulturelle Gesellschaft entsteht, und damit wächst auch die Nachfrage nach multikulturellen Friedhöfen, die die Bedürfnisse von anderen Weltreligionen befriedigen können.
Im Rahmen dieser Diplomarbeit wird einerseits die geschichtliche Entwicklung des Bestattungswesens am Niederrhein aufgezeigt mit besonderem Bezug auf die heute noch existierenden Friedhöfe Krefelds, die kurz dokumentiert werden, andererseits werden aktuelle Tendenzen und Trends in der Bestattungskultur dargestellt. Ziel ist es, für den Friedhof Fischeln mit Bezug auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Lösungsansätze aufzuzeigen, wie ein zeitgemäßer Friedhof den verschiedenen unterschiedlichen Bedürfnissen einer modernen, multikulturellen Gesellschaft Rechnung tragen kann. Dabei wird die übergeordnete Frage stets lauten: Wie sollte eine würdevolle Bestattung heutzutage aussehen, und welche letzte Ruhestätte hilft den Hinterbliebenen am besten bei der Bewältigung ihrer Trauer?
Friedhofskultur am Niederrhein
Unter Friedhofskultur versteht man grundsätzlich die Gesamtheit aller materiellen und geistigen Erscheinungen der Bestattungsplätze, die Anlage des Friedhofes einschließlich seiner Symbolwerte, seiner Ausgestaltung, seiner Bauten und Grabzeichen. Ebenfalls fällt unter den Begriff das auf dem Friedhof ausgeübte Brauchtum im sich stets vollziehenden Wandel der Geschichte. Während der Friedhofsreform wurde die Friedhofskultur zum Inhalt eines zielgerichteten Handelns, in dem man bestimmte Vorstellungen von dem entwickelte, was Friedhofskultur sei und wie sie zu verwirklichen wäre. Um sie zu definieren, bediente man sich des eklektizistischen Rückgriffs auf historische Ideale. Dazu gehörten der Kirchhof, der jüdische Friedhof und die vielfältigen Formen des Gemeinschaftsfriedhofes. So wurde beispielsweise der Herrnhuter Gottesacker zum Ideal der Friedhofskultur stilisiert. Auch die 1915 entstandenen Soldatenfriedhöfe übten mit ihrem nicht mehr zu überbietenden Gemeinschaftscharakter einen Einfluss aus. Zudem wurde sie geprägt von den Idealen einer Heimat bezogenen Formensprache und Materialität, einer Rückbesinnung auf die handwerklichen Traditionen der vorindustriellen Zeit und einer etwas diffusen Religiosität. Gleichzeitig wurde die Friedhofskultur allerdings instrumentalisiert, um ökonomischen Interessen Rechnung zu tragen. (SÖRRIES, 2002, S. 96/97 )
Der Kirchhof und das Kirchengrab im Mittelalter
Am Niederrhein gibt es heutzutage kaum noch traditionelle Kirchhöfe. Einer existiert allerdings auch heute noch in Krefeld. Direkt neben dem Bayer-Werk, das vom Rhein nur durch einen Deich getrennt wird, befindet sich der kleine Friedhof Hohenbudberg. Beerdigungen finden hier nur noch sehr selten statt, da nur bereits vorhandene Familiengräber weiter belegt werden. In den Nischen der Kirchenmauern stehen heute die alten Grabkreuze, was dem letzten reinen Kirchhof in Krefeld ein besonders archaisches Gepräge verleiht. (KREMERS, 2002, S. 112)
Die römisch geprägte Kirche hielt zu Beginn des frühen Mittelalters (5. – 9. Jahrhundert) an Bestattungen „ex muros“ (lat. außerhalb der Mauern) fest, d. h. es wurde ausschließlich außerhalb der Stadtmauern auf freiem Feld, das stets eine Einfriedung besaß, bestattet. Dies war nicht nur bei den Römern, sondern auch bei den Germanen und Kelten Brauch. Für diese Gräber tauchte der Name Friedhof auf, der sich aus dem althochdeutschen Wort „Freithof“ ableitet, welches ursprünglich eingefriedetes Grundstück bedeutete. (NELLESSEN, 2001, S. 162)
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