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"Am Anfang war’s die ideale Lösung" – Bulimie als kultureller Spiegel individualisierter Gesellschaften

Magisterarbeit, 2003, 90 Seiten
Autor: Katharina Maas
Fach: Kulturwissenschaft

Details

Kategorie: Magisterarbeit
Jahr: 2003
Seiten: 90
Note: 1,1
Literaturverzeichnis: ~ 112  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V71712
ISBN (E-Book): 978-3-638-62328-5
ISBN (Buch): 978-3-638-70554-7
Dateigröße: 482 KB

Zusammenfassung / Abstract

Die Ess-Störung Bulimie breitet sich unter Frauen und Mädchen in westlichen Industrienationen seit den achtziger Jahren zunehmend aus und ist immer stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Das rege Medieninteresse ist einerseits positiv und wünschenswert, andererseits ist jedoch die Darstellung und das hiermit transportierte Frauenbild, oftmals problematisch. In der Regel wird das Bild einer Frau gezeichnet, die aufgrund einer meist schwierigen Familien- oder Lebenssituation „erkrankt“ ist und nun wahllos, unkontrolliert – tierisch – riesige Essensmengen verschlingt. Hinterher erbricht sie sich schamvoll und selbsterniedrigend auf der Toilette, um nicht zuzunehmen. Sie wird als übertrieben leistungsorientiert, perfektionistisch und abhängig von Schlankheitsnormen beschrieben. Bulimie wird damit als individuelles Defizit betrachtet und als Störung oder – „gestörte weibliche Entwicklung“ – festgeschrieben. Wer an Bulimie „leidet“, wird in der Regel als tragischer Einzelfall behandelt, und auch so erklärt. Eine Darstellungsweise jedoch, die Bulimie auf die Individualgeschichte einzelner Frauen reduziert, lässt entscheidende Fragen offen: Wie kommt es zur rapiden Zunahme von Bulimie? Was ist das ‚zeitgemäße‘ an dieser ‚Frauenkrankheit‘? Um sich dieser Frage annähern zu können, müssen auch soziokulturelle Faktoren systematisch in die Betrachtungsweise miteinbezogen werden. Ohne diese bleibt unerklärlich, warum die Zahlen zur Zunahme von Bulimie erschreckend sind und warum immer mehr Frauen ein gestörtes Verhältnis zum Essen und ihrem Körper entwickeln, wenn auch außerhalb pathologischer Zuschreibungskategorien. Trotz der Erkenntnis, „dass es sich bei Bulimie um ein allgemein gesellschaftliches Problem handelt, das sich mehr als andere Formen psychosomatischer Störungen mit gesellschaftlichen Normierungen verbinden lässt“ und dass insbesondere das Schlankheits- und Schönheitsdiktat eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Bulimie spielen, werden die ausschlaggebenden Gründe weitestgehend im individuellen Bereich verortet. [...] Das legt die Vermutung nahe, dass es aktuelle gesellschaftliche Rahmenbedingungen geben muss, die die Entstehung bulimischen Verhaltens begünstigen und dass jenseits der individualpsychologischen auch soziokulturelle Faktoren hier eine entscheidende Rolle spielen.


Textauszug (computergeneriert)

Humboldt Universität zu Berlin
Philosophische Fakultät III
Magisterteilstudiengang Kulturwissenschaft
Institut für Kunst- und Kulturwissenschaft
Kulturwissenschaftliches Seminar

„Am Anfang war’s die ideale Lösung“ – Bulimie als kultureller
Spiegel individualisierter Gesellschaften

Magisterarbeit

vorgelegt von: Katharina Maas

2003

 

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ... 3

1.1 Problemstellung ... 4
1.2 Fragestellung ... 5
1.3 Aufbau der Arbeit ... 7

2. Bulimie – Annäherung an ein Phänomen aus kulturwissenschaftlicher Perspektive ... 9

2.1 Klassifizierungsprobleme – Grenzen bisheriger Betrachtungsweisen ... 9
2.1.1 Normal oder krank? ... 10
2.1.2 Sucht und Kontrollverlust ... 12

2.2 Eine erweiterte Perspektive von Bulimie ... 15
2.2.1 Zur Konjunktur eines Phänomens ... 16
2.2.2 Besonderheiten der Bulimie aus kulturwissenschaftlicher Perspektive ... 20

3. Ernährung, Körperdisziplinierung und die Konstruktion weiblicher Identität ... 22

3.1 Soziokulturelle Aspekte von Ernährung und Ernähren ... 23
3.1.1 Essverhältnisse: Von der Fremd- zur Selbstkontrolle des Appetits ... 24
3.1.2 Ernährung, Körper und die Konstruktion von Weiblichkeit ... 30
3.1.3 Die Formung des nackten Körpers ... 36
3.1.3.1 Diät als kulturelle Praxis zur Körperformung ... 36
Exkurs: Minnesota-Studie ... 39
3.1.3.2 Weitere anerkannte Kulturtechniken der Körperformung ... 42

4. Körper(leit)bilder und Normalisierung ... 43

4.1 Dickleibigkeit als gesellschaftliches Stigma und individuelles Manko ... 44

4.2 Die Bedeutung von Körper und der Spiegel der Anderen ... 50

4.3 Schönheit ist machbar ... 53
4.3.1 Schön – schlank – weiblich ... 55
4.3.2 Schön – schlank – modisch ... 57

4.4 Schönheit als soziales Zeichen – Körperrepräsentation und Verunsicherung ... 59

4.5 Bulimie auf dem Weg zur anerkannten Kulturtechnik? ... 63

5. Bulimie als Spiegel individualisierter Gesellschaften? ... 64

5.1 ‚Kulturimperialismus‘ und ‚Selbstregierung‘ ... 65
5.2 Ausblick: Wider Privatisierung und Individualisierung: Prävention und Kollektivität ... 69

Literatur ... 73


1. Einleitung

Die Ess-Störung Bulimie breitet sich unter Frauen und Mädchen in westlichen Industrienationen seit den Achtziger Jahren zunehmend aus und ist immer stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Spätestens seit Lady Diana ihre Ess-Störung öffentlich gemacht hat, ist Bulimie auch in der Allgemeinheit zum Begriff geworden. Eine Fülle von Publikationen sind erschienen, und auch in den Medien wird Bulimie häufig thematisiert.

Das rege Medieninteresse ist einerseits positiv und wünschenswert, andererseits ist jedoch die Darstellung und das hiermit transportierte Frauenbild, oftmals problematisch. In der Regel wird das Bild einer Frau gezeichnet, die aufgrund einer meist schwierigen Familien- oder Lebenssituation „erkrankt“ ist und nun wahllos, unkontrolliert – tierisch – riesige Essensmengen verschlingt. Hinterher erbricht sie sich schamvoll und selbsterniedrigend auf der Toilette, um nicht zuzunehmen. Sie wird als übertrieben leistungsorientiert, perfektionistisch und abhängig von Schlankheitsnormen beschrieben.1 Bulimie wird damit als individuelles Defizit betrachtet und als Störung oder – „gestörte weibliche Entwicklung“2 – festgeschrieben. Wer an Bulimie „leidet“, wird in der Regel als tragischer Einzelfall behandelt, und auch so erklärt.

Eine Darstellungsweise jedoch, die Bulimie auf die Individualgeschichte einzelner Frauen reduziert, lässt entscheidende Fragen offen: Wie kommt es zur rapiden Zunahme von Bulimie? Was ist das ‚zeitgemäße‘ an dieser ‚Frauenkrankheit‘? Um sich dieser Frage annähern zu können, müssen auch soziokulturelle Faktoren systematisch in die Betrachtungsweise miteinbezogen werden. Ohne diese bleibt unerklärlich, warum die Zahlen zur Zunahme von Bulimie erschreckend sind und warum immer mehr Frauen ein gestörtes Verhältnis zum Essen und ihrem Körper entwickeln, wenn auch außerhalb pathologischer Zuschreibungskategorien.


1.1 Problemstellung

Trotz der Erkenntnis, „dass es sich bei Bulimie um ein allgemein gesellschaftliches Problem handelt, das sich mehr als andere Formen psychosomatischer Störungen mit gesellschaftlichen Normierungen verbinden lässt“3 und dass insbesondere das Schlankheits- und Schönheitsdiktat eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Bulimie spielen, werden die ausschlaggebenden Gründe weitestgehend im individuellen Bereich verortet.

Diese Argumentation greift jedoch zu kurz. Denn die individual-psychologische Herleitung des Phänomens Bulimie lässt die Tatsache außer Acht, dass es einen gesellschaftlichen Trend zur Bulimie gibt. Im Gegensatz zur Anorexie steigen die Zahlen der Bulimiefälle kontinuierlich an.4 Daraus ergibt sich auch die Frage, warum bei kontinuierlichem Anstieg der Ess-Störungsfälle die absolute Zahl der Anorexiefälle stagniert, während Bulimie und Adipositas zunehmen.5 Das legt die Vermutung nahe, dass es aktuelle gesellschaftliche Rahmenbedingungen geben muss, die die Entstehung bulimischen Verhaltens begünstigen und dass jenseits der individualpsychologischen auch soziokulturelle Faktoren hier eine entscheidende Rolle spielen.

Die Pathologisierung und Individualisierung von Bulimie blendet solche Fragen jedoch systematisch aus, statt sie ins Bild zu holen. Zwar wird im Zusammenhang mit Bulimie immer wieder darauf hingewiesen, dass es sich bei diesem Phänomen – ähnlich wie auch bei der Magersucht – um extreme Formen des für die Mehrzahl von Frauen geltenden problematischen Verhältnisses zu ihrem Körper und zum Essen handelt. Die weiterführende Frage aber, was dies in der Konsequenz für eine veränderte Betrachtungsweise oder Definition von Bulimie bedeuten würde, wird kaum gestellt. Die Abgrenzung zwischen „kranken bulimischen Frauen“ und „normal essgestörten Frauen“ wird so lediglich zu einer Frage des Störungs- Grades. Die Feststellung, dass fast alle Frauen ein mehr oder weniger problematisches Verhältnis zu ihrem Körper und mit dem Essen haben, bleibt dabei ohne weitere Bedeutung; sie führt weder zum Aufschrei noch wird sie zum Skandal. Pathologisierung und Individualisierung funktionieren hier als Muster: Indem die extremen Formen von Essstörungen wie Bulimie oder Magersucht pathologisiert und individualisiert werden, wird das ‚normal‘ gestörte Essverhalten und seine immense Verbreitung bei Frauen zur ‚unbedenklichen‘ Normalität. Die Bedingungen und Begünstigungen dieser Entwicklungen, etwa die ‚krankmachende‘ Gesellschaft rückt so gar nichts erst ins Licht der Kritik


1.2 Fragestellung

Ich werde in dieser Arbeit fragen, welche soziokulturellen Bedingungen dem Entstehen von Bulimie vorgelagert sind und wie sie die Verbreitung von Bulimie begünstigen. Dabei soll der Frage nachgegangen werden, wie das im Einzelfall als psychopathologisch eingestufte bulimische Denken und Handeln nicht tatsächlich auch Bestandteil unserer alltäglichen Normalität ist. In meiner Argumentation werde ich mich dabei immer wieder auf den dieser Arbeit vorangegangen Film6 beziehen und insbesondere Aussagen aus den Interviews in meine theoretischen Überlegungen einfließen lassen.7 In dem Film haben wir verdeutlichen können, dass sich die Grenze zwischen ‚gesundem’ und ‚gestörtem’ Essverhalten, als durchlässig erweist.8 Hier haben wir, ebenso wie bei der Praxis der Gewichts- und Nahrungskontrolle, erstaunliche Parallelen zwischen bulimischen und nichtessgestörten Menschen gefunden. Die Ähnlichkeiten der Aussagen unterschieden sich teilweise so wenig, dass vielen ZuschauerInnen nicht aufgefallen ist, dass nur die Hälfte unserer Befragten bulimisch war. Auf einen erklärenden Kommentar haben wir bewusst verzichtet und den Hinweis auf die Interview-Zusammensetzung an das Ende des Filmes gestellt. Dadurch wollten wir einer möglichen Distanzierung und Vorverurteilung durch die ZuschauerInnen entgegenwirken und eine Sensibilisierung für die Normalität des essgestörten Alltags fördern. Denn die Absurdität des täglichen Wiegens, Kalorienzählens, der heimlichen Heißhungerattacken und des mit den Kilos schwankenden Selbstbewusstseins verschwindet angesichts einer – in gängigen Medienberichten oftmals praktizierten – dramatisierenden Darstellung des ‚Fressens und Kotzens’ der Bulimikerin. Ein Effekt davon ist, dass erst das Extrem, nicht aber die alltägliche Praxis, hinterfragt wird. Dadurch gerät auch ins Hintertreffen, dass viele Fälle von Bulimie nicht dramatisch, sondern quasi alltagsbegleitend und unauffällig über viele Jahre oder Jahrzehnte verlaufen.

Die von uns gewählte Herangehensweise verweist ebenso darauf, dass viele Mädchen und Frauen ja nicht einfach so an Bulimie ‚erkranken’. Der Einstieg in die Bulimie beruht in der Regel zunächst auf der bewussten Entscheidung, durch selbstinduziertes Erbrechen das Gewicht zu kontrollieren, nachdem anerkannte Kulturtechniken wie Diäten oder Sport versagt haben. Dies geschieht in einem Kontext aus normativen Zwängen. Stichworte hierzu sind: Ernährungsnormen (Mäßigung im Essen), Schönheits- und Schlankheitsdruck sowie die Vielzahl divergierender Erwartungen und Anforderungen, die unsere individualisierte Gesellschaft an die einzelnen Individuen stellt. In diesem Zusammenhang ist auch das Charakteristikum der ‚Unsichtbarkeit’ von Bulimie hervorzuheben. Anders als Anorexie kann Bulimie nicht als nach außen gerichteter Protest – im Sinne einer Verweigerung – gedeutet werden9, denn die Verheimlichung der Krankheit und damit die Unauffälligkeit ist ein wesentliches Spezifikum. Bulimie scheint so eher als eine individualisierte Konfliktlösungs- oder Coping-Strategie, die Frauen zumindest nach außen das reibungslose „Funktionieren“ in unserer Gesellschaft ermöglicht.

[...]


1 Schlank, aber krank – Ess-Störungen: http://www.hr-online.de/fs/servidegesundheit/archiv/010426.html, (download 25.05.2002)

2 vgl. Thies, Christine J.: Bulimie als soziokulturelles Phänomen. Konsequenzen für Theorie und Praxis. Pfaffenweiler, 1998, S. 2

3 Tarr-Krüger, Irmtraud: Bulimie und Widerstand. Ein musiktherapeutisch orientierter Ansatz. Heidelberg, 1990, Vorwort, S. VIII

4 Die Zahl der Anorexiefälle stagniert seit Jahren bei einem Prozent. vgl. Buchholz, Helga: Die verzehrte Frau. Anorexie und Bulimie im Spiegel weiblicher Subjektivität. Opladen, 2001, S. 28

5 Aufgrund der Themensetzung konzentriere ich mich im Folgenden in erster Linie auf das Phänomen der Bulimie und lasse die Ess-Sucht außen vor, da die Symptomatik anders gelagert ist. Die Berücksichtigung der Ess-Sucht im gesellschaftlichen Kontext würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

6 „Wenn’s nur mich als Maßstab gäbe...“, Anja Mayr u. Katharina Maas. Humboldt Universität zu Berlin, 2002.

7 Unsere Interviewpartner haben wir über Kleinanzeigen in verschiedenen Berliner Stadtmagazinen gefunden (siehe Anhang). Da unsere Auswahl sich darauf beschränkte, Menschen zu finden, die bereit waren vor einer Kamera zu sprechen, können unsere Interviews im Sinne einer empirischen Sozialforschung nicht generalisiert werden. Als Fallbeispiele sind sie jedoch von Relevanz und sollen in diesem Sinne entsprechend eingesetzt werden.

8 Dies wurde insbesondere an dem Beispiel deutlich, wie sich Selbstwert und Körperbild gegenseitig bedingen.

9 vgl. Braun, Christina von: Das Kloster im Kopf. Weibliches Fasten von mittelalterlicher Askese zu moderner Anorexie. In: Weibliche Adoleszenz: zur Sozialisation junger Frauen. Hg. v. K. Flaake u. V. King. Frankfurt a. M., 1998, S. 213-239


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