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Jenseits des Wörtlichen - Theorien zu indirekten Sprechakten

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 34 Pages
Author: Benjamin Baum
Subject: German Studies - Semiotics, Pragmatics, Semantics

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2007
Pages: 34
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 6  Entries
Language: German
Archive No.: V72001
ISBN (E-book): 978-3-638-62857-0
ISBN (Book): 978-3-638-64647-5
File size: 141 KB

Abstract

Die Frage nach indirekten Sprechakten gehört seit knapp 30 Jahren zu den wichtigsten Fragen der allgemeinen Sprechakttheorie im Rahmen Pragmatik. In der vorliegenden Arbeit sollen, ausgehend von zwei grundlegenden Texten der Forschung auf entsprechendem Gebiet, einige Anwendungsfälle, Erklärungsansätze und kontroverse Hypothesen vorgestellt und diskutiert werden. Nach einer kurzen Einführung ins Forschungsfeld der indirekten Sprechakte unter dem Fragebanner „Was sind indirekte Sprechakte?“ in Kapitel 1.2 sollen zunächst die beiden Ur-Texte zur Theorie der indirekten Sprechakte vorgestellt und abgeglichen werden. John Searles Aufsatz „Indirekte Sprechakte“ (Searle: 1982) verfolgt dabei den vom Autor bereits Anfang der 70er Jahre eingeschlagenen Weg eng an der Semantik von Sprechakten entlang, indem behauptet wird, dass per Bezugnahme auf die bereits im Rahmen der allgemeinen Sprechakte definierten Glückenbedingungen bestimmter Sprechaktklassen auf den ihnen zu Grunde liegenden Sprechakt verwiesen werden könne (Kap. 2.1). Diesem Ansatz soll in Kapitel 2.2 unter dem Titel „Indirect Acts and Illocutionary Standardization“ (Bach/Harnish: 1979) die eher pragmatische Theorie von Bach & Harnish entgegen gestellt werden, im Rahmen derer für indirekte wie direkte Sprechakte gleichermaßen ein Schlussprozess angenommen wird. In Kapitel 3 schließlich sollen einige Reaktionen auf die inzwischen jeweils durchaus etwas in die Jahre gekommenen Texte vorgestellt und diskutiert werden. Da als Parade-Motiv zum Einsatz indirekter Sprechakte immer wieder die Höflichkeit angeführt wird, soll hier das in „Politeness“ skizzierte Höflichkeitskonzept von Brown & Levinson aus dem Jahr 1987 kurz zur Sprache kommen, ehe mit Meibauers Vorschlag zur Rhetorizität („Rhetorische Fragen“, 1986) in Kapitel 3.2 einige Standardanwendungen indirekter Sprechakte skizziert werden. Zum Ende des dritten Kapitels sei noch die skeptische Hypothese Bertolets („Are there indirect speech acts?“, 1994) diskutiert, im Rahmen derer die Existenz jeglicher indirekter Sprechakte in Frage gestellt wird. In einem kurzen Fazit (Kap. 4) sollen abschließend noch einmal die wichtigsten Erkenntnisse der Arbeit gebündelt werden.


Excerpt (computer-generated)

Universität des Saarlandes , FR Germanistik
Wintersemester 2006/07, 6. Semester
Hauptseminar: Sprechakte

Jenseits des Wörtlichen. Theorien zu indirekten Sprechakten

von: Benjamin Baum

 


Inhalt

1. Einleitung

1.1 Allgemeine Einleitung [3]
1.2 Was sind indirekte Sprechakte? [4]

2. Abgleich

2.1 Indirekte Sprechakte bei Searle [5]
2.2 Indirekte Sprechakte bei Bach & Harnish [16]

3. Nagelprobe

3.1 Rhetorizität – ein Parade-Beispiel [23]
3.2 Höflichkeit – ein Parade-Motiv [26]
3.3 Indirekte Sprechakte per Implikatur? [30]

4. Fazit [32]

5. Literatur [34]





1. Einleitung

1.1 Allgemeine Einleitung

Die Frage nach indirekten Sprechakten gehört seit knapp 30 Jahren zu den wichtigsten Fragen der allgemeinen Sprechakttheorie im Rahmen Pragmatik. In der vorliegenden Hausarbeit sollen, ausgehend von zwei grundlegenden Texten der Forschung auf entsprechendem Gebiet, einige Anwendungsfälle, Erklärungsansätze und kontroverse Hypothesen vorgestellt und diskutiert werden.

Nach einer kurzen Einführung ins Forschungsfeld der indirekten Sprechakte unter dem Fragebanner „Was sind indirekte Sprechakte?“ in Kapitel 1.2 sollen zunächst die beiden Ur-Texte zur Theorie der indirekten Sprechakte vorgestellt und abgeglichen werden. John Searles Aufsatz „Indirekte Sprechakte“ (Searle: 1982) verfolgt dabei den vom Autor bereits Anfang der 70er Jahre eingeschlagenen Weg eng an der Semantik von Sprechakten entlang, indem behauptet wird, dass per Bezugnahme auf die bereits im Rahmen der allgemeinen Sprechakte definierten Glückenbedingungen bestimmter Sprechaktklassen auf den ihnen zu Grunde liegenden Sprechakt verwiesen werden könne (Kap. 2.1). Diesem Ansatz soll in Kapitel 2.2 unter dem Titel „Indirect Acts and Illocutionary Standardization“ (Bach/Harnish: 1979) die eher pragmatische Theorie von Bach & Harnish entgegen gestellt werden, im Rahmen derer für indirekte wie direkte Sprechakte gleichermaßen ein Schlussprozess angenommen wird.

In Kapitel 3 schließlich sollen einige Reaktionen auf die inzwischen jeweils durchaus etwas in die Jahre gekommenen Texte vorgestellt und diskutiert werden. Da als Parade-Motiv zum Einsatz indirekter Sprechakte immer wieder die Höflichkeit angeführt wird, soll hier das in „Politeness“ skizzierte Höflichkeitskonzept von Brown & Levinson aus dem Jahr 1987 kurz zur Sprache kommen, ehe mit Meibauers Vorschlag zur Rhetorizität („Rhetorische Fragen“, 1986) in Kapitel 3.2 einige Standardanwendungen indirekter Sprechakte skizziert werden. Zum Ende des dritten Kapitels sei noch die skeptische Hypothese Bertolets („Are there indirect speech acts?“, 1994) diskutiert, im Rahmen derer die Existenz jeglicher indirekter Sprechakte in Frage gestellt wird. In einem kurzen Fazit (Kap. 4) sollen abschließend noch einmal die wichtigsten Erkenntnisse der Arbeit gebündelt werden.

1.2 Was sind indirekte Sprechakte?

Bsp. [1]
a. Der Kleine hat in die Windeln geschissen.
b. Hier zieht es.
c. Es gibt noch eine Kleinigkeit.
d. Kannst du mir das Salz reichen?
e. Wissen Sie, wo der Bahnhof ist?
r. Ist das realistisch?
(vgl. Meibauer: 2001, S. 101)

Bei den oben aufgeführten Sätzen handelt es sich augenscheinlich nicht um einfache, direkte Sprechakte, deren Illokution sich aus verschiedenen Indikatoren widerspruchsfrei konstituiert, sondern um Sprechakte, bei denen der Sprecher offenbar etwas anderes meint, als das, was er wörtlich äußert. Anders gesagt: Die Sätze haben gemeinsam, dass ihre vom Sprecher intendierte und vom Hörer verstandene Illokution von der wörtlich bzw. syntaktisch nahe gelegten Illokution abweicht.

Diese Form von Indirektheit kommt bei Stilfiguren wie Metapher, Ironie, bei rhetorischen Frage sowie Über- und Untertreibung zum Tragen. Die entscheidende Frage dabei ist nun: Wie bzw. woran erkennt der Hörer, dass es sich a) um eine andere als die wörtlich nahe gelegte Illokution handelt, und b) welcher Sprechakt anstelle des (oder der) „übergangenen“ gemeint sein könnte.
Sind diese Fragen geklärt, so kann weiter gefragt werden, ob die indirekte Illokution zusätzlich zur oder anstelle der direkten Illokution den Hörer erreicht und wie es dazu kommt, dass sich zum einen gewisse Sprechakte offenbar hervorragend zum Vollzug eines anderen eignen („Kannst Du mir (mal) das Salz reichen?“, Frage --> Aufforderung), während andere Sprechaktkombinationen diesbezüglich höchst inkompatibel anmuten (*“Reich mir das Salz?“ Aufforderung
-/-> Frage), und zum anderen innerhalb dieser Sprechaktklassenkombination wiederum gewisse Formulierungsmuster („Kannst/ Magst / Willst Du mir mal das Salz reichen?“) besser funktionieren als andere (?*“Bist Du fähig, mir das Salz zu reichen“).

All diese Fragen sollen in der vorliegenden Arbeit untersucht werden. Zunächst werden dazu mit den Aufsätzen von Searle und Bach & Harnish im folgenden Kapitel zwei Grundkonzepte indirekter Sprechakte abgeglichen.

2. Abgleich

2.1 Indirekte Sprechakte bei Searle

2.1.1 Allgemeines

Searles Theorie der Sprechakte, die dieser in Searle (1969) zum ersten Mal zusammenhängend darlegt, zählt zu den einflussreichsten Schriften der pragmatischen Sprachwissenschaft. Auf dem Gebiet der Sprechakte markiert sie den Ausgangspunkt und gleichsam eine vielerorts kritisierte Diskussionsgrundlage jenes nunmehr zentralen Themenkomplexes der Pragmatik. Nachdem der Begriff des Sprechakts bereits durch John L. Austin (1962) in Zusammenhang mit einem geringfügig anders konzipierten System in Umlauf geriet, wurde die dort skizzierte Theorie von dessen Schüler Searle noch einmal entscheidend ausdifferenziert.
Ein Sprechakt gliedert sich laut Searle in drei Teile:

a. Äußerung von Wörtern (Äußerungsakt)
b. Referenz von Prädikaten (propositionaler Akt)
c. Sprachliches Handeln (illokutionärer Akt)

[...]


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