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"Die demografische Zeitbombe" oder "Die Deutschen sterben immer wieder aus" - Diskursanalytische Untersuchung der Berichterstattung des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" zum demografischen Wandel in Deutschland

Thesis (M.A.), 2006, 157 Pages
Author: M.A, Claudia Nolden-Temke
Subject: Communications: Print Media, Press

Details

Category: Thesis (M.A.)
Year: 2006
Pages: 157
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 45  Entries
Language: German
Archive No.: V72401
ISBN (E-book): 978-3-638-62649-1
ISBN (Book): 978-3-638-71199-9
File size: 1124 KB
Notes :
Die Magisterarbeit wurde interdisziplinär an der Fakultät für Literaturwissenschaft + Linguistik und der Fakultät für Gesundheitswissenschaften/AG Demografie geschrieben.


Abstract

Für einen Teil der traditionellen Medienforschung hat die Annahme, dass die Funktion der Medien in der Abbildung von realen Geschehnissen liegt, um diese für nicht beteiligte Rezipienten erfahrbar zu machen, noch heute Gültigkeit. Dieser Auffassung zufolge existiert eine objektiv erfassbare Alltagsrealität, die in ihrer Existenz nur nach dem journalistischen Objektivitätsanspruch passiv beschrieben und abgebildet werden muss, um ein möglichst genaues Abbild der realen Lebenswelt zu erhalten. Hiernach wird die Realität selbst als eine von den Medien unbeeinflusste Größe betrachtet, Medien kommt die Aufgabe zu, der Realität nachfolgend über diese zu informieren. Im Gegensatz zu dieser abbildtheoretischen Annahme entwickelten sich im Rahmen von konstruktivistischen als auch diskursanalytischen Perspektiven neue medientheoretische Sichtweisen. Realität wird nicht mehr als objektiv erkennbar Vorhandenes, sondern als etwas durch einen sozialen Konstruktionsprozess ständig neu Geschaffenes konzeptualisiert. Die Medien bzw. der Diskurs konstruieren somit eine „Palette unterschiedlicher Realitätsdeutungen mit unterschiedlichen Akzenten aus verschiedenen Perspektiven (...). Es liegt nun beim Publikum, sich daraus (aktiv) eine eigene Realitätsvorstellung zu bilden (...).1 Demzufolge findet eine Beeinflussung der Rezipienten durch die Medien statt, Medien konstruieren subjektive Bedeutung und Realität. Somit stellt sich die Frage, welche Konstrukte der „Realität“, welche Konstrukte von Themen und Ereignissen durch die Medien geschaffen werden, die unsere Vorstellung, unser Wissen und somit auch unsere Einstellung gegenüber Ereignissen, wie politischen Entscheidungen, Individuen und dem sozialen Miteinander prägen.


Excerpt (computer-generated)

Universität Bielefeld
Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft

„Die demographische Zeitbombe“ oder
„Die Deutschen sterben immer wieder aus“
Diskursanalytische Untersuchung der Berichterstattung
des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ zum
demografischen Wandel in Deutschland

Abschlussarbeit zur Erlangung des Magistergrades

vorgelegt von: Claudia Mössner
vorgelegt im: Oktober 2006

 

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis ... v
Tabellenverzeichnis ... vi
Tabellenverzeichnis ... vi

1. Einleitung ... 1

1.1 Erkenntnisinteresse und Untersuchungsgegenstand ... 2
1.2 Zentrale Forschungsfragen ... 5
1.3 Vorgehensweise der Analyse ... 7

2. Der demografische Wandel – Charakter und Elemente ... 8

2.1 Die demografische Entwicklung in Deutschland ... 10
2.2 Demografie und öffentliche Aufmerksamkeit ... 12

3. Theoretischer Hintergrund ... 15

3.1 Diskurstheoretische Perspektive der Wirklichkeitsdeutung oder „Der Spiegel“ ist kein Spiegel der Realität ... 15
3.2 Die Struktur des Diskurses: Terminologien und Definitionen ... 22

4. Das Analyseverfahren der kritischen Diskursanalyse ... 25

4.1 Methodische Verfahren der kritischen Diskursanalyse ... 26
4.2 Methodisches Vorgehen dieser Arbeit ... 29

5. Analyse und Auswertung ... 35

5.1 Der Demografische Wandel, seine Unterthemen und ihre quantitative Präsenz im Zeitverlauf ... 36
5.2 Bewertung des demografischen Wandels und seiner Unterthemen im Zeitverlauf ... 57

5.3 Gründe der Ursachen des demografischen Wandels ... 61

5.4 Folgen des demografischen Wandels ... 66

5.5 Interventionsansätze ... 71

5.6 Dargestellte Szenarien - Zusammenfassung ... 78
5. 6.1 Die demografische Zeitbombe ... 78
5.6.2 Sonderlasten der Alterung ... 79
5.6.3 Der Zeugungsstreik ... 80
5.6.4 Zuwanderung in Parallelwelten ... 81
5.6.5 Der schleichende Tod - Abwanderung innerhalb Deutschlands ... 82
5.6.6 Elite im Exil - Abwanderung ins Ausland ... 83

5.7 Kollektivsymbole und sprachliche Bilder ... 83

6. Spezialdiskurs der Bevölkerungswissenschaft ... 89

6.1 Prognosen, Szenarien und Symbole ... 94
6.2 Statistiken und Zahlen ... 102

7. Zusammenfassende Diskussion und Ausblick ... 105

8. Literaturverzeichnis ... 111

Anhang ... 116

Codebuch ... 116

Auflistung der Zitate nach thematischer Zuordnung ... 125

Auflistung nach Ausgabenummer, Erscheinungsdatum ... 127

Abbildungen ... 140

Tabellen ... 141


1. Einleitung

Für einen Teil der traditionellen Medienforschung hat die Annahme, dass die Funktion der Medien in der Abbildung von realen Geschehnissen liegt, um diese für nicht beteiligte Rezipienten erfahrbar zu machen, noch heute Gültigkeit. Dieser Auffassung zufolge existiert eine objektiv erfassbare Alltagsrealität, die in ihrer Existenz nur nach dem journalistischen Objektivitätsanspruch passiv beschrieben und abgebildet werden muss, um ein möglichst genaues Abbild der realen Lebenswelt zu erhalten. Hiernach wird die Realität selbst als eine von den Medien unbeeinflusste Größe betrachtet, Medien kommt die Aufgabe zu, der Realität nachfolgend über diese zu informieren.
Im Gegensatz zu dieser abbildtheoretischen Annahme entwickelten sich im Rahmen von konstruktivistischen als auch diskursanalytischen Perspektiven neue medientheoretische Sichtweisen. Realität wird nicht mehr als objektiv erkennbar Vorhandenes, sondern als etwas durch einen sozialen Konstruktionsprozess ständig neu Geschaffenes konzeptualisiert. Die Medien bzw. der Diskurs konstruieren somit eine „Palette unterschiedlicher Realitätsdeutungen mit unterschiedlichen Akzenten aus verschiedenen Perspektiven (...). Es liegt nun beim Publikum, sich daraus (aktiv) eine eigene Realitätsvorstellung zu bilden (...).1 Demzufolge findet eine Beeinflussung der Rezipienten durch die Medien statt, Medien konstruieren subjektive Bedeutung und Realität.
Somit stellt sich die Frage, welche Konstrukte der „Realität“, welche Konstrukte von Themen und Ereignissen durch die Medien geschaffen werden, die unsere Vorstellung, unser Wissen und somit auch unsere Einstellung gegenüber Ereignissen, wie politischen Entscheidungen, Individuen und dem sozialen Miteinander prägen.

Ein solches Konstrukt, das durch die Medien geschaffen wurde, ist das des demografischen Wandels in Deutschland, der als ein gesellschaftliches Phänomen in seinen Auswirkungen jedes Individuum betrifft. Seine Darstellung durch die Medien und das so vermittelte Wissen über den demografischen Wandel und seine Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft prägen verbreitete subjektive oder kollektive Vorstellungen und Bilder. Diese beeinflussen wiederum die Haltungen gegenüber beispielsweise politischem Handeln (Gesetzgebung, Reformen, etc.). Die Erkenntnis, dass der mediale Diskurs für die Herstellung von Handlungsbereitschaften auf allen gesellschaftlichen Ebenen von entscheidender Bedeutung ist, hat sich besonders in der Wissenschaft und Politik weitestgehend durchgesetzt. Aus diesem Grund soll die vorliegende Arbeit zu einer Analyse des medialen Diskurses, den medial verbreiteten Konstrukten, der medialen Realität des demografischen Wandels beitragen.


1.1 Erkenntnisinteresse und Untersuchungsgegenstand

In den letzten Jahren hat die Diskussion über den demografischen Wandel mit seinen verschiedenen Ausprägungen und vielfältigen Auswirkungen in den Medien, der Politik, der Administration und der Öffentlichkeit stark zugenommen. Die fast täglichen Berichterstattungen in Zeitungen und Fernsehen intensivieren die Fokussierung auf eine Diskussion, die sich stets zwischen den beiden Extremen Katastrophe und Chance bewegt. Gerade in den Medien sind seit geraumer Zeit Berichte über das Thema Demografie, den demografischen Wandel und seine Folgen nicht mehr nur informative Zahlenberichte der statistischen Bevölkerungsentwicklung Deutschlands, sondern bewertende Aussagen zu einer als bedrohlich dargestellten sozialen Wirklichkeit.2 Metaphoriken wie die „demographische Zeitbombe“3 und der häufig diskutierte „Generationenkrieg“4 sind hierfür nur Beispiele. Der Bevölkerungsrückgang, die Alterung der Gesellschaft, die anhaltend geringe Fertilitätsrate und die Migration verändern die deutsche Gesellschaft und sind somit als Teile bzw. Auswirkungen des demografischen Wandels, der sich in Deutschland vollzieht, in den Medien als Themen gesteigert präsent. Dabei schafft die allgemeine Berichterstattung über die möglichen Folgen des demografischen Wandels ein neues Leitbild auf dessen Basis Themen wie „Schrumpfen“ und „Wachsen“, soziale und alterungsbedingte Polarisierung und Migration neu diskutiert und bewertet werden.

Die Altersvorsorgesysteme, das Gesundheitssystem, der Arbeitsmarkt, der private Konsum hängen eng mit der Bevölkerungsentwicklung zusammen. Da der demografische Wandel somit als Phänomen in seinen einzelnen Facetten Auswirkungen auf fast jeden Bereich unserer gesellschaftlichen Realität beinhaltet und seine Auswirkungen jeden, ob jung oder alt betreffen, ist seine Darstellung und Erklärung in den Medien als sozial relevantes Ereignis nachvollziehbar. Doch das so geschaffene Leitbild5 des demografischen Wandels operiert keineswegs auf der Basis objektiver und somit unumstößlicher Tatsachen. Auch dieses Leitbild agiert, wie jedes Leitbild, auf der Basis spezifischer diskursiver Ein- und Ausschlüsse. Exemplarisch hierfür sind die Bilder vom Alter, die durch Medien6 im Zuge des demografischen Wandels verbreitet werden und eine anders gewertete produktive Auseinandersetzung mit dem Älterwerden und den Älteren kaum mehr zulassen. Es stellt sich aber nicht nur die Frage nach der Entstehung dieses Leitbildes, der gewachsenen Aufmerksamkeit der Medien und dadurch der gesteigerten Präsenz des Themas in der Bevölkerung, sondern auch die Frage nach der propagierten Bewertung der Veränderungen, die sich in Folge dieses Phänomens vollziehen. Werden wissenschaftliche Hypothesen in der Berichterstattung zu sicheren Gewissheiten umgedeutet, um zur Steigerung der Auflagenzahlen ein plakatives demografisches Niedergangsszenarium7 zu verbreiten? Das Untergangsszenario ist mediengängiger als eine differenzierte Analyse. Welche Rolle spielt bei der medial verbreiteten Diskussion die Wissenschaft der Demografie und ihre Ergebnisse und Prognosen? In erster Linie eine empirische Wissenschaft, berechnet sie aus vergangenen und aktuellen Werten der Bevölkerungsstatistik mögliche zukünftige Szenarien. Wie genau kann aber eine Prognose sein, die von vielen Komponenten abhängt und über einen Prognosezeitraum von bis zu 50 Jahren läuft? Werden statistische Sachverhalte in den Medien richtig dargestellt und erläutert oder wird alles, was sich verdächtig nach Zahlen, trockenen Formeln anhört, lieber in die Fußnoten und Anhänge verbannt, da sich für eigene Argumentationszwecke Interpretiertes und Zugespitztes für eine breite Öffentlichkeit der Leser besser vermarkten lässt? Medien gestalten durch ihre Berichterstattung soziale Wirklichkeit, die Einstellung und Motivation gegenüber Themen und Trends schafft.

[ ... ]


1 Früh, Werner (1994): Realitätsvermittlung durch Massenmedien: die permanente Transformation der Wirklichkeit. Westdeutscher Verlag, Opladen, S. 28f.

2 Bsp.: „ Unsere demographische Uhr steht auf „dreißig Jahre nach zwölf“ unter der Überschrift „Schlimmer als der 30jährige Krieg“. Zitat des Bevölkerungswissenschaftlers Herwig Birg in DIE WELT (05.10.2005)

3 DIE WELT (29.09.2005)

4 s.o.

5 Unter „Leitbild“ wird das für einen bestimmten Zeitabschnitt in einer Gesellschaft als charakteristisch geltende Bild eines Phänomens, eines Ereignisses verstanden.

6 Beispiel eines solchen Bildes ist der Artikel in Focus Money Online, der den Begriff „Greisenrepublik“ im Zusammenhang mit der Frage: „Können wir uns das Altern leisten?“ verwendet. Vgl. http://focus.msn.de/finanzen/versicherung/demographie; Zugriff 14.02.2005.

7 Vgl. Artikel „Der letzte Deutsche“ (Der Spiegel, Nr.2/2004)


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