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Mea res agitur? Rhetoriktheoretische Rückschlüsse aus den Ergebnissen der kognitiven Aufmerksamkeitsforschung

Bachelorarbeit, 2006, 19 Seiten
Autor: Andreas Glombitza
Fach: Rhetorik / Phonetik / Sprechwissenschaft

Details

Kategorie: Bachelorarbeit
Jahr: 2006
Seiten: 19
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 20  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V72423
ISBN (E-Book): 978-3-638-63404-5
ISBN (Buch): 978-3-638-77419-2
Dateigröße: 234 KB

Zusammenfassung / Abstract

Diese Arbeit zielt darauf ab, theoretische Kopnzepte der Kognitionspsychologischen Forschung für die Rhetoriktheorie nutzbar zu machen und Anschlussstellen aufzuzeigen. Nach einer kurzen Betrachtung der kognitionspsychologischen Hauptkonzepte zum Thema Aufmerksamkeit und deren Bewertung, wenden sie sich dem Problem zu, oratorische Techniken zu deren Herstellung zu finden. Aufmerksamkeit wird dazu analytisch in zwei Qualitäten aufgespalten: eine unwillkürliche, automatisch und tendenziell gleichförmig nach dem Stimulus- Response-Prinzip beeinflussbare "Aufmerksamkeit I", die hauptsächlich mit Performanzphänomenen in Verbindung gebracht werden kann, und eine willentlich und kognitiv steuerbare verbaltextuell orientierte "Aufmerksamkeit II". Die Unterscheidung wird getroffen analog zur Unterscheidung der auslösenden Reize und nach dem Kriterium ihrer semiotischen Komplexität. Der zweite Teil zerfällt in zwei Abschnitte, deren erster sich mit der Möglichkeit und Nützlichkeit einer allgemeinen Topik zur Erzeugung von Aufmerksamkeit I beschäftigen wird. Im zweiten Abschnitt wird versucht, auf Basis konstruktivistischer Vorstellungen und einer pragmatischen Theorie einen kognitiv fudierten Zugang zu Aufmerksamkeit II zu finden.


Textauszug (computergeneriert)

Eberhard-Karls Universität Tübingen
Seminar für Allgemeine Rhetorik
HS: Aufmerksamkeit
SS 2006

Mea res agitur? – Rhetoriktheoretische Rückschlüsse
aus den Ergebnissen der kognitiven Aufmerksamkeitsforschung

von

Andreas Glombitza

Magister: Allg. Rhetorik/Englische Linguistik
Fachsemester 09
08. 09. 2006

 

 

INHALT  1

1. EINLEITUNG UND BEGRIFFSBESTIMMUNG  2

2. ANALYSE  4
2.1 Aufmerksamkeit in der Kognitionspsychologie  4
2.1.1 Das Filtermodell  4
2.1.2 Das Kapazitätsmodell  6
2.2 Stellenwert der kognitiven Aufmerksamkeitsforschung für die Rhetorik, Anschlussstellen  7
2.3 Aufmerksamkeit als Präsenz des Orators im Adressatenbewusstsein  9
2.3.1 Aufmerksamkeit I: Aufmerksamkeitsheuristik?  9
2.3.2 Aufmerksamkeit II: Logosinduzierte Aufmerksamkeit, Relevanztheorie, tua res agitur bei Sperber/Wilson  11

3. ZUSAMMENFASSUNG  16

4. LITERATURVERZEICHNIS  18

 

 

1. Einleitung und Begriffsbestimmung

Um einen rhetoriktheoretisch verwertbaren Aufmerksamkeitsbegriff zu gewinnen müssen wir zunächst semantisch entschlacken. Wir bedienen uns dazu des „Aufmerksamkeitsbaumes“1 von Assmann/Assmann (2001), die einen Überblick über das gesamte semantische Potential des umgangssprachlichen Begriffes bieten. Sie unterscheiden zwei Hauptstränge von Aufmerksamkeiten, einen „strategischen“ und einen „transzendentalen“. Die strategische Aufmerksamkeit „[...] wird aktiviert, wo immer es um Gefahr und Gewinn, um Macht und Erfolg geht [...]“2. Sie spaltet sich weiter auf in „Vigilanz“ und „Inszenierung“: „Im einen Falle geht es darum, selbst möglichst viel zu übersehen, im anderen darum, von möglichst vielen gesehen zu werden.“3 Diese beiden Aspekte strategischer Aufmerksamkeit – und nur diese – sind für unsere Untersuchung unter verschiedenen Gesichtspunkten interessant: die Vigilanz des Adressaten, sollte sie sich anthropologisch, kulturell oder sonst irgend theoretisch festmachen lassen, muss der Orator per Inszenierung instrumentalisieren, um die Aufmerksamkeit des Adressaten – also Präsenz in dessen Bewusstsein – zu erlangen. Den selektiven Mechanismus, der über Zuwendung oder Nicht-Zuwendung entscheidet, nennen wir also Aufmerksamkeit4. Die Zuwendung kann von unterschiedlicher Qualität sein, sich etwa in objektgerichtete Kopf- oder Augenbewegung oder in der Aufwendung kognitiver Ressourcen. Vom Oratorstandpunkt ist Aufmerksamkeit beim Adressaten unabdingbar, um eine notwendige Bedingung für das Gelingen des Persuasionsaktes zu sichern. Sie lässt sich an die allgemeinen Bedingungen menschlicher Kommunikation direkt anschließen:

damit Kommunikation stattfinden kann, muss der Adressat (1.) imstande sein, uns wahrzunehmen; der Adressat muss außerdem (2.) imstande sein, uns (sprachlich) zu verstehen; der Adressat muss (3.) unsere Botschaften5 entweder dekodieren wollen oder durch einen Stimulus-Response-Zusammenhang dazu gezwungen sein. Erst dann kann (4.) Persuasion (metabolie oder systase) entweder stattfinden oder misslingen. Abhängig von den konkreten Medialisierungszusammenhängen und dem sich daraus ergebenden Widerstandsprofil wird der Fokus im Einzelfall entweder auf dem rhetorischen Hauptwerkzeug „Text“ – und damit der so genannten central route der Persuasion – liegen (mutmaßlich etwa in tertiären Settings), oder es werden vermehrt peripheral route- Phänomene Beachtung finden. Wir werden dieser Zweiteilung der oratorischen Werkzeuge eine weitere Aufspaltung des Aufmerksamkeitsbegriffes gegenüberstellen, die sich schon in der obigen Unterscheidung von „wollen“ und „gezwungen sein“ andeutet6; wir werden eine unwillkürliche, automatisch und tendenziell gleichförmig nach dem Stimulus- Response-Prinzip beeinflussbare Aufmerksamkeit („Aufmerksamkeit I“), die wir hauptsächlich mit Performanzphänomenen in Verbindung setzen, unterscheiden von einer willentlich und kognitiv steuerbaren (also selbst dem Bewusstsein zugänglichen) verbaltextuell orientierten („Aufmerksamkeit II“). Die Unterscheidung treffen wir, wie gesagt, analog zur Unterscheidung der auslösenden Reize und nach dem Kriterium ihrer semiotischen Komplexität7. Nach einer kurzen Betrachtung der kognitionspsychologischen Hauptkonzepte zum Thema Aufmerksamkeit und deren Bewertung, wenden wir uns dem Problem zu, oratorische Techniken zu deren Herstellung zu finden. Der zweite Teil zerfällt in zwei Abschnitte, deren erster sich mit der Möglichkeit und Nützlichkeit einer allgemeinen Topik zur Erzeugung von Aufmerksamkeit I beschäftigen wird. Im zweiten Abschnitt werden wir versuchen, auf Basis konstruktivistischer Vorstellungen und einer pragmatischen Theorie einen kognitiv fundierten Zugang zu Aufmerksamkeit II zu finden.

2. Analyse

2.1 Aufmerksamkeit in der Kognitionspsychologie

Eine allgemeine Definition gibt Kellog (1997) folgendermaßen: “Attention refers to the process of selecting only certain stimuli and concentrating cognitive processes on them” (Kellogg 1997: 69). Aufmerksamkeit wird verstanden als Prozess, der Reize selektiert und ihnen kognitive Ressourcen zuweist.

[....]


1 vgl. Assmann/Assmann 2001, S. 21ff.

2 Assmann/Assmann 2001, S. 21

3 Assmann/Assmann 2001, S. 21

4 Umgangssprachlich bezeichnen wir mit „Aufmerksamkeit“ auch noch die Fähigkeit, einen längerdauernden Reiz, wie etwa ein Text ihn darstellt, für eine bestimmte Dauer im Bewusstsein zu halten. Den kognitiven Status der Person, die einen Text im Bewusstsein hält, bezeichnen wir als „aufmerksam“. In diesen Zusammenhängen steht der Begriff also nicht nur für den Selektionsmechanismus, der über Zuwendung oder Nicht-Zuwendung entscheidet, sondern auch für den kognitiven Status „Zuwendung von Bewusstsein“ und auch noch für die Fähigkeit, für eine bestimmte Zeitspanne willentlich diesen Mechanismus zu steuern. Wir werden jedoch versuchen, konsequent mit der Definition „Selektionsmechanismus“ zu arbeiten und die beiden anderen Bedeutungszusammenhänge darauf zurückzuführen;

5 „Botschaft“ ist hier zu verstehen als „Gedankensubstrat“ eines Textes: „Die Botschaft ist [...] eine Resultante aus diversen textuellen Komponenten, die sich analytisch unter Einbeziehung weiterer, kontextueller Komponenten ermitteln und darstellen lässt.“ (Knape 2000, S. 130)

6 im Deutschen etwa auch in der Unterscheidung von hören/lauschen, sehen/(zu)schauen, im Englischen seeing/watching und hearing/listening; also eine Unterscheidung von Perzeption/Apperzeption;

7 wir nehmen an, dass Texte der mimischen/gestischen/stimmlichen Zeichensysteme verbalen Texten an Komplexität und Semiotizität immer unterlegen sind – periphere Zeichen verweisen oft auf nichts anderes als sich selbst;


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