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Zu: Thüring von Ringoltingens "Melusine" - Verwandtschaftsbeziehung und Erzählstruktur

Scholary Paper (Seminar), 2005, 20 Pages
Author: Silvia Asser
Subject: German Studies - Older German Literature, Mediaevistik

Details

Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2005
Pages: 20
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 2  Entries
Language: German
Archive No.: V72495
ISBN (E-book): 978-3-638-63467-0
ISBN (Book): 978-3-638-93957-7
File size: 860 KB

Abstract

Thüring von Ringoltingen (* um 1415, † 1483) von Bern schrieb nach einer französischen Vorlage von Couldrette (1401) im Jahr 1456 die Erzählung „Melusine“, die später als Volksbuch weite Verbreitung fand. In ihr wird von der schönen Meerfee Melusine berichtet, die eine Ehe mit dem Grafen Reymund eingeht, um sich zu beseelen und von ihrer Naturhaftigkeit zu erlösen. Melusine erweist sich als Bauherrin und gebiert ihrem Mann zehn Söhne, von denen die ersten acht einen Makel im Gesicht tragen. Bei der Eheschließung hatte sich Melusine allerdings ausbedungen, dass sie jeden Samstag ungestört bleiben müsse. Entgegen dieser Abmachung überrascht sie Reymund im Bad, als sie wieder ihre Doppelgestalt angenommen hatte: vom Bauchnabel herab trägt sie einen langen beschuppten Wurmschwanz. Doch die Eskalation dieses Tabubruchs kann aufgehalten werden, solange Reymund für sich bewahrt, was er gesehen hat. Als jedoch sein Sohn Goffroy seinen eigenen Bruder Freymund tötet veröffentlicht Reymund Melusines Geheimnis. Melusine, ihrer Natur entlarvt, muss entschwinden. Erst im späteren Verlauf der Erzählung wird bekannt, dass Melusine einst mit ihren Schwestern Meliora und Palentine Rache an ihrem Vater Helmas übte, der wiederum das von seiner Frau Persine ausgesprochene Tabu verletzte und sie im Kindsbett besuchte. Als Strafe belegte Persine ihre Töchter jeweils mit einem Fluch. In der uns vorliegenden Erzählung spielt die Geschichte Melusines und Reymunds allerdings eine eher untergeordnete Rolle. Der Roman ist primär eine genealogisch zentrierte Familiengeschichte, die vier Generationen umspannt und fast die gesamte damals bekannte Welt zum Handlungsort hat. Ungeklärt bleiben die Fragen: Ist der Tabubruch schicksalhaft oder zwangsläufig? Ist der Fluch Melusines unentrinnbar? Wer ist Schuld an der letztendlichen Erfüllung der Prophezeiung: Reymund, der sich nicht an sein Versprechen hält? Oder Melusine, wegen der er dieses Versprechen überhaupt eingehen muss? Oder ist es Goffroy, dessen Brudermord Auslöser des Tabubruchs ist? Oder ist es Persine, die Urheberin des Fluches? Wird der Fluch physisch in Form von entstellten Körpermerkmalen an die Söhne Melusines weitervererbt? Oder gibt es eine Chance auf Erlösung? Der Versuch diese Fragen zu beantworten und in der Verwandtschaftsbeziehung und Erzählstruktur zu analysieren soll Inhalt dieser Hausarbeit sein.


Excerpt (computer-generated)

Universität Potsdam, Institut für Germanistik
Thüring von Ringoltingen: „Melusine“
Sommersemester 2005

Thüring von Ringoltingens "Melusine" -
Verwandtschaftsbeziehung und Erzählstruktur

von: Silvia Asser

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung - 4 -

2. Hauptteil - 5 -

2.1 Verwandtschaftsbeziehungen im Mittelalter - 5 -
2.2 Verwandtschaftsbeziehungen anhand des Stammbaumes - 5 -
2.3 Die innerfamiliäre Gewaltproblematik - 7 -
2.4 Die Mahrtenehe - 10 -
2.5 Schicksal oder Zufall - 12 -
2.6 Die Erzählstruktur - 14 -

3. Abschließende Betrachtung - 18 -

4. Literaturverzeichnis - 19 -





1. Einleitung

Thüring von Ringoltingen (* um 1415, † 1483) von Bern schrieb nach einer französischen Vorlage von Couldrette (1401) im Jahr 1456 die Erzählung „Melusine“, die später als Volksbuch weite Verbreitung fand. In ihr wird von der schönen Meerfee Melusine berichtet, die eine Ehe mit dem Grafen Reymund eingeht, um sich zu beseelen und von ihrer Naturhaftigkeit zu erlösen. Melusine erweist sich als Bauherrin und gebiert ihrem Mann zehn Söhne, von denen die ersten acht einen Makel im Gesicht tragen. Bei der Eheschließung hatte sich Melusine allerdings ausbedungen, dass sie jeden Samstag ungestört bleiben müsse. Entgegen dieser Abmachung überrascht sie Reymund im Bad, als sie wieder ihre Doppelgestalt angenommen hatte: vom Bauchnabel herab trägt sie einen langen beschuppten Wurmschwanz. Doch die Eskalation dieses Tabubruchs kann aufgehalten werden, solange Reymund für sich bewahrt, was er gesehen hat. Als jedoch sein Sohn Goffroy seinen eigenen Bruder Freymund tötet veröffentlicht Reymund Melusines Geheimnis. Melusine, ihrer Natur entlarvt, muss entschwinden. Erst im späteren Verlauf der Erzählung wird bekannt, dass Melusine einst mit ihren Schwestern Meliora und Palentine Rache an ihrem Vater Helmas übte, der wiederum das von seiner Frau Persine ausgesprochene Tabu verletzte und sie im Kindsbett besuchte. Als Strafe belegte Persine ihre Töchter jeweils mit einem Fluch.
In der uns vorliegenden Erzählung spielt die Geschichte Melusines und Reymunds allerdings eine eher untergeordnete Rolle. Der Roman ist primär eine genealogisch zentrierte Familiengeschichte, die vier Generationen umspannt und fast die gesamte damals bekannte Welt zum Handlungsort hat.
Ungeklärt bleiben die Fragen: Ist der Tabubruch schicksalhaft oder zwangsläufig? Ist der Fluch Melusines unentrinnbar? Wer ist Schuld an der letztendlichen Erfüllung der Prophezeiung: Reymund, der sich nicht an sein Versprechen hält? Oder Melusine, wegen der er dieses Versprechen überhaupt eingehen muss? Oder ist es Goffroy, dessen Brudermord Auslöser des Tabubruchs ist? Oder ist es Persine, die Urheberin des Fluches? Wird der Fluch physisch in Form von entstellten Körpermerkmalen an die Söhne Melusines weitervererbt? Oder gibt es eine Chance auf Erlösung?
Der Versuch diese Fragen zu beantworten und in der Verwandtschaftsbeziehung und Erzählstruktur zu analysieren soll Inhalt dieser Hausarbeit sein.

2. Hauptteil

2.1 Verwandtschaftsbeziehungen im Mittelalter

Verwandtschaft stellt sich in der mittelalterlichen Perspektive immer über die männlichen Subjekte her, die sich im Austausch von Frauen, dem so genannten Frauentausch, zueinander in Beziehung setzten. Frauen haben dabei einen Objektstatus. Eine selbstständige weibliche Identität war in diesem Weltbild somit nicht vorgesehen. Die Figur Melusine ist aber nicht etwa "Objekt des Frauentauschs", sondern "Subjekt der Dynastiebildung", "Glücks- und Genealogieproduzentin", "Kulturstifterin und Mutter eines adligen Geschlechts". Man kann Melusine also als dekonstruierenden Kommentar zu den kulturellen Setzungen von Verwandtschaft im Mittelalter lesen (vgl. Klinger 2003, S. 47). Auch die Inzestproblematik spielt in diesem Roman keine Rolle, was für die damaligen Verhältnisse zwar vorbildlich christlich war, aber in den seltensten Fällen eingehalten wurde bzw. eingehalten werden konnte.

2.2 Verwandtschaftsbeziehungen anhand des Stammbaumes

Im folgenden Abschnitt will ich auf Zusammenhänge und Auffälligkeiten hinsichtlich Melusines und Reymunds Genealogie eingehen (zur Veranschaulichung dient der Stammbaum).

[Stammbaum in der Downloaddatei vorhanden]

Zunächst fällt bei der Betrachtung des Stammbaumes auf, dass Melusine und Reymund jeweils die Jüngsten von insgesamt drei Geschwistern sind, wobei Melusines Eltern ausschließlich weibliche und Reymunds Eltern ausschließlich männliche Nachkommen zeugten. Die Geschwister Melusines und Reymunds haben alle keine Nachkommen. Die Genealogie von Palentine und Meliora ist zudem noch eingeschränkt, da ihre Erlösung und somit überhaupt irdisches Leben und die Ermöglichung sich fortzupflanzen abhängig von Melusine bzw. ihren Nachkommen ist.
Die mittelalterliche Erblinie wird zunächst befolgt, denn sowie Reymunds ältester Bruder als auch Melusines älteste Schwester Palentine erben den väterlichen Besitz. Palentine erbt allerdings eher indirekt, da sie von ihrer Mutter dazu verflucht wurde den Schatz ihres Vaters auf dem Berg Rottnische im Königreich Arragon zu bewachen. Melusine und Reymund erben also nicht, erlangen aber trotzdem durch eine List und durch Melusines überirdische Fähigkeiten weltlichen materiellen Reichtum. Nachdem Goffroy seinen Onkel Graf vom Forst (Reymunds ältesten Bruder) in den Tod treibt und das Erbe an Reymund übergeht (sein zweiter Bruder ist offensichtlich bereits tot, wovon aber im ganzen Roman, vermutlich wegen Bedeutungslosigkeit, nicht die Rede ist) wird die Erblinie jedoch nicht nach üblicher mittelalterlicher Tradition weiter vollzogen, denn nicht der älteste, sondern der jüngste von insgesamt zehn Söhnen erbt den väterlichen Besitz Reymunds und wird Graf vom Forst. Diese Auffälligkeit lässt sich aber vielleicht aus dem Kontext des Romans heraus erklären: die erste Gruppe der Söhne (Uriens, Gedeon, Gyot, Anthonius und Reinhard) hat sich bereits, verstreut in der damals bekannten Welt, erfolgreich Land erworben. Der nächst ältere Sohn Goffroy hat sich, zwar nicht offiziell, aber innerfamiliär, durch den begangenen Brudermord enterbt. Der siebente Sohn Freymund starb, wie bereits erwähnt, durch die Hand seines Bruders Goffroy und Horribel wurde auf Veranlassung Melusines von seiner Familie getötet. Dieterich, der zweitjüngste Sohn, erbt den mütterlichen Nachlass und wird Herr von Lusignan und somit fällt dem jüngsten Sohn der väterliche Besitz zu.

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