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Erlebnis- und Fertigkeitsorientiertes Turnen an Gerätearrangements unter besonderer Berücksichtigung des Aspekts sensumotorisches Bewegungs- und Koordinationslernen in einer 6. Klasse der Orientierungsstufe

Examination Thesis, 2000, 76 Pages
Author: Thomas Springub
Subject: Sport - Sport Pedagogy, Didactics

Details

Category: Examination Thesis
Year: 2000
Pages: 76
Grade: 1
Language: German
Archive No.: V7252
ISBN (E-book): 978-3-638-14567-1
ISBN (Book): 978-3-640-39615-3
File size: 287 KB
Notes :
Eine Unterrichtseinheit, die mir und den SchülerInnen sehr viel Spaß gebracht hat. Aber nicht nur das, motorische Tests vor und nach der Einheit haben bewiesen, dass die Inhalte sehr positiven Einfluss auf die koordinatorischen Fähigkeiten hatten.


Abstract

Schon bevor ich im Schulalter war, war ich ein echter `Turner´. Ich turnte wann ich wollte mit Freunden auf Wiesen, Bäumen, Hügeln, Spielplätzen, u. Ä. m.. In der Schule dann, freute ich mich immer am meisten auf den Turnunterricht , in dem wir klettern, springen, werfen, fangen, rennen, balancieren, schwingen, uns drehen, überschlagen, rollen, ... durften und dabei viele große und kleine Geräte benutzten. Ich turnte aber auch nachmittags in der Turnhalle an verschiedenen Geräten. Zunächst nur so, wie es mir Spaß machte, aber dann wollte ich Kunststücke lernen, die andere schon konnten. Zwischendurch benutzte ich die Geräte aber immer wieder so, wie ich wollte. Warum ist eine solche Bewegungsgeschichte in der heutigen Zeit sehr ungewöhnlich? Das `Turnen´ in der Natur lässt die veränderte Lebenswelt der Kinder (mangelnder Bewegungsraum, mediales Spielverhalten, u.a.) kaum noch zu. Auch der Sportunterricht in der Schule ist – nach Berichten und Erfahrungen – häufig einseitig. Gemeint ist eine Überbewertung von sportartspezifischen gegenüber freien, vielfältigen und grundlegenden Bewegungsformen. Die ganzheitlichen Bewegungen des Turnens an Geräten sind dabei immer mehr in den Hintergrund gerückt und erscheinen als gefährlich, aufwendig (Geräteaufbau) und uninteressant (alt, `verstaubt´). In jüngster Zeit ist die Arbeit mit Geräten wieder in Mode gekommen, wird aber m. E. häufig einseitig gestaltet. Es geht meistens nur darum, Erfahrungen zu machen, Erlebnisse oder gar Abenteuer zu haben. Es wird oft vergessen, dass `Turn-Kunststücke´ (normierte Bewegungsfertigkeiten) „... auch als gelungene Schöpfung, als Vollendung einer Idee gesehen werden [kann], deren Nacherfinden und Beleben eine bereichernde ästhetische Erfahrung verspricht“ (VOLGER 1996, 5).


Excerpt (computer-generated)

 

Erlebnis- und fertigkeitsorientiertes Turnen an Gerätearrangements 
unter besonderer Berücksichtigung des Aspekts
"sensumotorisches Bewegungs- und Koordinationslernen"
in einer 6. Klasse der Orientierungsstufe

Schriftliche Hausarbeit nach § 15 PVO-Lehr II
in der Fassung vom 15.06.1993

vorgelegt von Thomas Springub

Lehreranwärter im Ausbildungsseminar Nordhorn
für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen
und für das Lehramt an Realschulen

Januar 2000

Inhaltsverzeichnis

I. Theoretischer Teil - Vorüberlegungen

1. Einleitung ... 1

2. Sachanalyse ... 2
   
2.1 Turnen an Gerätearrangements ... 2
        2.1.1 Erlebnisorientiertes Turnen ... 3
        2.1.2 Turnen an Gerätearrangements ... 4
        2.1.3 Fertigkeitsorientiertes Turnen ... 5
            2.1.3.1 Bewegungsformen am `Trampolin mit Treppe und
            Abgangsmatte´ ... 5
                2.1.3.1.1 Bewegungsformen der reinen Translation ... 5
                2.1.3.1.2 Bewegungsformen mit Translation und Rotation ... 6
            2.1.3.2 Bewegungsformen an der `Zwillings-Minitramp-Anlage´ ... 7
            2.1.3.3 Bewegungsformen an den `vielgestaltigen Holmen´ ... 8
    2.2 Sensumotorisches Bewegungs- und Koordinationslernen ... 9
        2.2.1 Sensumotorik ... 9
        2.2.2 Bewegungslernen ... 12
        2.2.3 Koordinationslernen ... 13

3. Anmerkungen zur Situation der Klasse ... 15
   
3.1 Rahmenbedingungen ... 15
    3.2 Allgemeine Lernvoraussetzungen ... 16
    3.3 Spezielle, zielbezogene Lernvoraussetzungen ... 17
    3.4 Unterrichtsspezifische Einstellungen, Verhaltensweisen und
    Kenntnisse ... 18

4. Didaktische Vorüberlegungen ... 18
   
4.1 Allgemein- und fachdidaktische Relevanz ... 18
    4.2 Curricularer Begründungszusammenhang ... 19
    4.3 Zielsetzung der Unterrichtseinheit ... 20
    4.4 Didaktische Reduktion der Unterrichtsinhalte ... 21

II. Praktischer Teil - Darstellung der Unterrichtseinheit

1. Übersicht über den Aufbau der Unterrichtseinheit ... 23
    1.1 Methodische Vorüberlegungen zur Einheit
    Anlage: Bilderbogen - Aufbau und Aufwärmen ... 23
    1.2 Tabellarischer Plan der Einheit ... 26

2. Neue Geräte erfahren und sicher turnen - erste Doppelstunde ... 29
   
2.1 Lernziele ... 29
    2.2 Stundenspezifische methodische Vorüberlegungen ... 30
    2.3 Geplanter Unterrichtsverlauf ... 33
    2.4 Reflexion
    Anlage: Bilderbogen - erste Doppelstunde ... 37

3. Einfache Kunststücke lernen und üben - zweite Doppelstunde ... 39
   
3.1 Lernziele ... 39
    3.2 Stundenspezifische methodische Vorüberlegungen ... 40
    3.3 Geplanter Unterrichtsverlauf ... 43
    3.4 Reflexion
    Anlage: Bilderbogen - zweite Doppelstunde ... 45

4. `Wettkampfturnen´ in der Schule und `Salti mortali´ - fünfte
Doppelstunde ... 47
   
4.1 Lernziele ... 47
    4.2 Stundenspezifische methodische Vorüberlegungen ... 49
    4.3 Geplanter Unterrichtsverlauf ... 52
    4.4 Reflexion
    Anlage: Bilderbogen - fünfte Doppelstunde ... 54

5. Gerätelandschaften erkunden - letzte Doppelstunde ... 56
   
5.1 Lernziele ... 56
    5.2 Stundenspezifische methodische Vorüberlegungen ... 57
    5.3 Geplanter Unterrichtsverlauf ... 60
    5.4 Reflexion
    Anlage: Bilderbogen - letzte Doppelstunde ... 63

6. Gesamtreflexion ... 65

Literaturverzeichnis ... 68

Anhang
Schulinterne Bekanntmachung der Testergebnisse ... 71
Grafische Darstellung der Genese von Bewegungen inklusive
des Lernprozesses ... 72
Plakat der Sicherheitsgebote ... 73

I. Theoretischer Teil - Vorüberlegungen

1. Einleitung

Schon bevor ich im Schulalter war, war ich ein echter `Turner´. Ich turnte wann ich wollte mit Freunden auf Wiesen, Bäumen, Hügeln, Spielplätzen, u.Ä.m.. In der Schule dann, freute ich mich immer am meisten auf den Turnunterricht , in dem wir klettern, springen, werfen, fangen, rennen, balancieren, schwingen, uns drehen, überschlagen, rollen, ... durften und dabei viele große und kleine Geräte benutzten. Ich turnte aber auch nachmittags in der Turnhalle an verschiedenen Geräten. Zunächst nur so, wie es mir Spaß machte, aber dann wollte ich Kunststücke lernen, die andere schon konnten. Zwischendurch benutzte ich die Geräte aber immer wieder so, wie ich wollte.
Warum ist eine solche Bewegungsgeschichte in der heutigen Zeit sehr ungewöhnlich? Das `Turnen´ in der Natur lässt die veränderte Lebenswelt der Kinder (mangelnder Bewegungsraum, mediales Spielverhalten, u.a.) kaum noch zu. Auch der Sportunterricht in der Schule ist - nach Berichten und Erfahrungen - häufig einseitig. Gemeint ist eine Überbewertung von sportartspezifischen gegenüber freien, vielfältigen und grundlegenden Bewegungsformen. Die ganzheitlichen Bewegungen des Turnens an Geräten sind dabei immer mehr in den Hintergrund gerückt und erscheinen als gefährlich, aufwendig (Geräteaufbau) und uninteressant (alt, `verstaubt´). In jüngster Zeit ist die Arbeit mit Geräten wieder in Mode gekommen, wird aber m. E. häufig einseitig gestaltet. Es geht meistens nur darum, Erfahrungen zu machen, Erlebnisse oder gar Abenteuer zu haben. Es wird oft vergessen, dass `Turn-Kunststücke´ (normierte Bewegungsfertigkeiten) "... auch als gelungene Schöpfung, als Vollendung einer Idee gesehen werden [kann], deren Nacherfinden und Beleben eine bereichernde ästhetische Erfahrung verspricht" (VOLGER 1996, 5).
Ich habe diese Glücksmomente nach gelungenen `Kunststücken´ nie vergessen und möchte, dass auch heute aufwachsende Kinder dies erleben können. Deshalb habe ich das Gerätturnen in der vorliegenden Unterrichtseinheit auch fertigkeitsorientiert gestaltet. Mir ist jedoch ebenfalls bewusst, dass Kinder auch selber Bewegungen erfinden und erleben wollen und müssen, denn v.a. das freie und erfahrungsbetonte Bewegen fehlt zum einen in der kindlichen Welt, und fördert zum anderen koordinative Grundeigenschaften am besten. Daher enthält der beschriebene Unterricht etwa zum gleichen Teil erlebnisorientierte Inhalte. Die von mir gewählten bzw. kreierten Gerätearrangements eröffnen die Möglichkeit zu vielen aus dem Trampolin- und Barrenturnen bekannten Bewegungsfertigkeiten, aber auch zu vielfältigen, selbstorganisierten Bewegungserlebnissen. Das Springen auf labilem Untergrund und das Klettern und Stützen auf minimierter Oberfläche fördern zudem in besonderer Weise die sensumotorische Entwicklung.
Mein besonderes Interesse liegt also darin, dass die Schüler sowohl (normierte) Fertigkeiten des Gerätturnens erwerben, als auch in ihrer sensumotorischen Entwicklung gefördert werden. Deshalb werde ich in dieser Arbeit untersuchen, inwieweit die von mir gewählten Unterrichtsinhalte Bewegungs- und Koordinationslernen nach sich ziehen. Während das Bewegungslernen leicht zu erfassen ist (welche Bewegungsfertigkeiten wurden dazu gelernt?), ist dies beim Koordinationslernen nicht der Fall. Aus diesem Grund werde ich vor und nach der Unterrichtseinheit einen Körperkoordinationstest für Kinder (KIPHARD/ SCHILLING 1975) durchführen , um zu sehen, ob die allgemeine sensumotorische Leistungsfähigkeit gestiegen ist.
Um die (Wahl der) Inhalte und Methoden dieser Unterrichtseinheit verständlich zu machen, habe ich dem praktischen Teil der Arbeit einen theoretischen vorangestellt. Hier wird zunächst die Sache näher beleuchtet. Dieser Part nimmt einen relativ großen Raum ein, da das hier zu Grunde liegende Verständnis von Turnen und besonders von Bewegung und Bewegungslernen (noch) unkonventionell und daher erklärungsbedürftig ist. Die Betrachtung der Klassensituation und didaktische Hintergründe komplettieren die Vorüberlegungen des ersten Teils. Im zweiten, praktischen Teil beschreibe ich dann jeweils vorerst die geplanten Ziele, Methoden und Inhalte des sechswöchigen Unterrichts in einer 6. Klasse, gefolgt von bewertenden Betrachtungen des tatsächlichen Verlaufs. Um nicht den Rahmen dieser Arbeit zu sprengen, habe ich vier charakteristische Doppelstunden ausgewählt, auf die ich näher eingehe. Der Geräteaufbau und die Unterrichtsinhalte werden den Stunden jeweils als grafische Anlagen beigefügt. Der Anhang enthält dann neben einigen Ergänzungen zum Theorieteil, Lernmedien und Bildern zu Spielformen hauptsächlich einen Auszug aus dem Körperkoordinationstest Kiphards.

2. Sachanalyse

2.1 Turnen an Gerätearrangements
"Turnen ist mehr" (DIECKERT 1995). Um diese `Definition´ des derzeitigen DTB-Präsidenten und Sportpädagogen hinreichend zu verstehen, ist ein Blick in die Geschichte dieses Kulturgegenstandes unausweichlich, v.a. deshalb, weil die historische bzw. ursprüngliche Betrachtungsweise der Sache Turnen - in manchen Köpfen wieder, in anderen immer noch - hoch aktuell ist.
Zurecht betiteln TREBELS/ CRUM die ersten ca. 160 Jahre dieser Geschichte als eine Entwicklung "vom Jahn´schen Turnen zum verschulten und versporteten Turnen" (die Besagten 1980, 13). Das Konzept des Turnens von JAHN, das er 1816 zusammen mit EISELEN in der "Deutschen Turnkunst" manifestierte, wird sachlich bzw. inhaltlich beschrieben durch die Turnübungen und das Turnspiel. Zu den Turnübungen gehörten leichtathletische und gymnastische Grundformen sowie Geräteübungen, Übungen mit Handgeräten und Kampfformen. Die Turnspiele beinhalteten gemeinschaftliche Spielformen mit und ohne Geräte. Zudem waren bei JAHN `Turnschule´ (Unterweisung in bestimmten Haupt- und Nebenübungen) und `Turnkür´ (jeder ist frei in der Wahl seiner Beschäftigung auf dem Turnplatz) gleichberechtigte Bestandteile des Turnens (vgl. II 1.1). In der vom `Turnvater´ entfachten Turnbewegung sorgte v.a. SPIEß für die Verschulung des Turnens. Nicht die institutionelle Einbindung des Turnens in Schule und Verein, sondern seine rigoros strenge Festlegung der Inhalte bis hin zu detailliert vorgeschriebenen Bewegungsformen führten zur immer stärkeren Verdrängung des Prinzips der `Turnkür´ bzw. des freien Sich-Bewegens. Von außen wurde das Turnen v.a. von der um die Jahrhundertwende aufkommenden Sportbewegung beeinflusst. Nach anfänglich strikter Trennung von Turnen und Sport erhielt letztendlich der sportliche Wettkampf Einzug ins Turnen. "Damit wird aus einer nationalen Tradition der Bewegungskultur eine den Sportprinzipien verpflichtete Sportart, die [...] wettkampfmäßig betrieben wird" (CRUM/ TREBELS 1980, 15). Parallel dazu ist auch das aktuelle Alltagsverständnis des Turnens durch die beiden Erfahrungsquellen `Massenmedien´ und `eigene Schulerfahrungen´ auf das Kunstturnen bzw. seine Vorformen reduziert.
Aber wie ich Eingangs sagte, ist Turnen mehr, v.a. mehr als eine Sportart. Zum einen fasst der Oberbegriff Turnen heute verschiedene Bewegungsspiele und -formen , zum anderen wird auch das Gerätturnen, welches in dieser Einheit vornehmlich thematisiert wird, mehrschichtig gesehen. DIECKERT gliedert das heutige Gerätturnen in `Kunstturnen´, `formgebundenes Gerätturnen´ und `freies Turnen an Geräten´ (vgl. der Besagte 1995, 124f.) - wobei letzteres einen fließenden Übergang zu anderen Bewegungsspielen und -formen aus dem Bereich Turnen bildet. Das Kunstturnen kann v.a. wegen mangelnder motorischer und funktioneller Voraussetzungen der meisten Schüler (vgl. I 4.4) und vielleicht auch aus ethisch-pädagogischen Gründen nicht zum Gerätturnen in der Schule gehören, wohl aber - obligat - die beiden anderen Bereiche. Nun möchte ich diesen Bereichen andere, eher didaktisch-methodisch fundierte Termini zuweisen. So beinhaltet die Sache `Gerätturnen´ in dieser Unterrichtseinheit sowohl erlebnisorientiertes Turnen (`freies Turnen an Geräten´) als auch fertigkeitsorientiertes Turnen (`formgebundenes Gerätturnen´) an Geträtearrangements.

[...]


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