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Film und Mythos

Diploma Thesis, 1999, 129 Pages
Author: Catharina Roland
Subject: Theater Studies

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 1999
Pages: 129
Grade: gut
Bibliography: ~ 21  Entries
Language: German
Archive No.: V727
ISBN (E-book): 978-3-638-10478-4

File size: 539 KB
Notes :
Ein strukturanalytischer Vergleich zwischen Mythen und Spielfilmdrehbüchern (Joseph Campell Hero with a thousand faces , Syd Field, Christopher Vogler, Linda Seeger, Peter Hant etc. im Vergleich)



Excerpt (computer-generated)

UNSER HELD HAT TAUSEND GESTALTEN

Ein strukturanalytischer Vergleich
von Heldenmythos und Drehbuch

D I P L O M A R B E I T

zur Erlangung des Magistergrades der Philosophie
an der Grund- und Integrativwissenschaftlichen
Fakultät der Universität Wien

eingereicht von
Katharina ROLAND
Wien, Jänner 1998

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung ... 4

2. Mythentheorien ... 11
    2.1.Geschichte der Mythenrezeption ... 14
    2.2. Das Volksmärchen ... 18
    2.3. Mythos versus Märchen - ein theoretischer Ansatz des Erziehungswissenschaftlers und Psychaters Bruno Bettelheim ... 19
    2.4. Mythos und Märchen als Grundstruktur eines ,,Lebensskripts" - die Sicht des Transaktionsanalytikers Eric Berne. ... 21
        2.4.1. Mythen und Märchen ... 23
        2.4.2. Helden und Handlungen ... 24

3. Der ,,Monomythos" von Joseph Campell ... 26
   
3.1. "Der Heros in tausend Gestalten" - psychologische Betrachtungen nach ausgewählten Schwerpunkten ... 27
        3.1.1. Ursprung und Bedeutung mythischer Symbole ... 27
        3.1.2. Begegnung mit dem Unbewußten ... 29
        3.1.3. Der Übergangsritus ... 30
        3.1.4 Der Mythos als Heilungskraft ... 30
        3.1.5. Die Figur des tyrannischen Ungeheuers ... 30
        3.1.6. Der erlösende Held ... 31
        3.1.7. Weiterentwicklung durch Ablösung oder Abkehr ... 32
        3.1.8. Der Traum als verpersönlichter Mythos ... 33
    3.2. Die Struktur des ,,Monomythos" - Die mythische Abenteuerfahrt des Helden ... 33
        3.2.1 Die Stationen des ,,Monomythos" ... 34
        3.2.2. Der Heros in Märchen und Mythos ... 36

4.Die Identifikation mit dem ,,Helden" und deren Einfluß auf die Psyche des Rezipienten ... 36
   
4.1. Der Begriff der Katharsis ... 37
        4.1.1. Der Katharsisbegriff bei Freud ... 37
    4.2. Aktuelle Reaktionen auf die Diskussion um die Wirkung gewaltorientierter Filme ... 38
    4.3.Ein kurzer Exkurs in die Psychologie ... 39
        4.3.1.Theorie1: Aggression als provozierte Bereitschaft ... 39
        4.3.2.Theorie 2: Sozial gelernte Aggression ... 40
        4.3.3.Theorie 3: Soziales Lernen ... 41
        4.3.4.Beobachtungslernen und der Einfluß von Medien ... 42

5. Der Protagonist als Identifikationsfigur ... 44
    5.1.Der Protagonist, der ,,Held" im Filmdrehbuch ... 44
    5.2.Dramaturgische Mittel zur Optimierung der Identifikationsbereitschaft des Rezipienten ... 45
    5.3. Die Motivation des Helden ... 55
        5.3.1. Äußere und innere Motivation ... 56
        5.3.2. Plot, Thema und Grundfrage des Filmes ... 57
        5.3.3. Die physische und die emotionale Handlung ... 59
        5.3.4.Der Konflikt des Helden ... 60

6. Ein Strukturvergleich von Mythos und Spielfilm ... 64
    6.1. Das Paradigma - die klassische Dreiakteinteilung ... 66
    6.2. Der Struktur des ,,Monomytos" von Joseph Campell ... 71
    6.3. Kombiniertes Modell ... 72
    6.4. Das Abenteuer des Helden ... 73
        6.4.1."Station 1" - Set up oder ,,Die Alltagswelt des Helden" ... 73
            Exkurs: Die Titelsequenz 74
        6.4.2. ,,Station2" - Der Plot Beginn oder,,Die Berufung" ... 76
            Exkurs: Nebenfiguren und deren dramatische Funktion ... 81
        6.4.3. ,,Station 3" - Die Weigerung des Helden ... 83
        6.4.4. ,,Station 4 - Übernatürliche Hilfe ... 86
        6.4.5. ,,Station 5" - Das Überschreiten der ersten Schwelle ... 89
        6.4.6. ,,Station 6" - Der Weg der Prüfungen beginnt ... 94
        6.4.7. ,,Station 7" - In der Höhle des Löwen oder Die große Prüfung ... 96
        6.4.8. ,,Station 8" - Das Erlangen des Schatzes ... 107
        6.4.10. ,,Station 10" - Die magische Flucht ... 115
        6.4.11. ,,Station 11" - Der Höhepunkt ... 118
        6.4.12. ,,Station 12" - Die Rückkehr mit dem Elixier ... 123
        6.4.13. Joseph Campell: Zusammenfassung des Monomythos ... 127

7. Eine Betrachtung des amerikanischen Spielfilmes Star Wars (von George Lucas, 1977) nach den erarbeitenden Kriterien  ... 130
    7.1. Der Autor und Regisseur ... 130
    7.2. Inspirationsquellen ... 131
    7.3. Inhalt ... 134
    7.4. Die ,,mythische Struktur" von Star Wars ... 133
    7.5. Stab, Besetzung, Auszeichnungen ... 147

8.Bibliographie ... 148

1. Einführung

Ohne Übertreibung läßt sich
sagen, daß der Mythos
der geheime Zufluß ist, durch den
die unerschöpflichen Energien des Kosmos
in die Erscheinungen der menschlichen Kultur einströmen.
Religionen, Philosophien, Künste, primitive und zivilisierte Gesellschaftsformen, die Urentdeckungen der Wissenschaft
und die Technik, selbst die Träume, die den Schlaf erfüllen,
all das gärt empor
aus dem magischen Grundklang des Mythos.
(Joseph Campell)

Es war einmal . . .
Wir haben uns in die mehr oder weniger bequemen Sitze eines Kinosaales fallen lassen, und schon werden wir mit dem Ausgehen der Kinobeleuchtung, dem Aufziehen des Vorhanges in den magischen Bann universeller Geschichten gezogen.
Waren es in vergangener Zeit die Seher und Schamanen, die ihre Visionen und Träume an die Menschen weitergaben, oder die großen Mythen, aus denen man durch Jahrtausende aus dem Urquell der Erfahrungen und des Wissens schöpfen konnte, so bleibt heute in einer Zeit in der für viele Menschen das ,,Zweitbuch" schon zu einem Luxus geworden ist, einer Gesellschaft, die von den Medien dominiert ist, oft nur mehr das Medium Film, das der breiten Masse Inhalte kommuniziert.
Kaum ein Mensch, der sich nicht von der Faszination einer guten Geschichte in seinen Bann ziehen ließe. Was aber macht diese Faszination aus ?
Für Joseph Campell bedeutet der Beginn einer der uralten Geschichten ,,den Augenblick, indem wir in ein Niemandsland getragen werden, das uns doch irgendwie schon bekannt ist"1

Die Faszination solcher Geschichten liegt für ihn aber darin, daß sie ein Leben vor uns ausbreiten, welches sich von
R unserem grundlegend unterscheidet und dennoch etwas in uns anspricht, dem wir bisher vielleicht keine Beachtung geschenkt haben: die Phantasie und den Traum, die zu einer Vision und weiter zu einer Art von Offenbarung führen können - wenn nicht über die Welt, so doch zumindest über uns selbst.2

Denn jeder Mensch, gleich welcher Kultur er auch entstammen mag, durchlebt im Laufe seines Lebens doch immer wieder ähnliche Erfahrungen, die Entwicklung und Transformation implizieren. Sei es nun die Suche nach dem idealen Lebenspartner, der Wunsch nach Erfüllung, das Streben nach einem Ideal, das Erreichen eines beruflichen Zieles oder die ,,Jagd nach einem wertvollen Schatz" etc.- all dies sind universelle ,,Abenteuer", die die Basis für all unsere speziellen und persönlichen Geschichten bilden.
Die spezifische Ausprägung auf die - unterschiedlichen - Charaktere mag zwar von Kultur zu Kultur differieren, aber in ihrer Tiefe entspringen all diese Geschichten doch einem gemeinsamen Urquell der Erfahrungen.
Die meisten erfolgreichen Filme basieren genau auf diesen universellen Geschichten und durch die Identifikation mit den Helden dieser Geschichten erkennen wir unbewußt den tiefen Zusammenhang mit unserem eigenen Leben.
Sei es nun der Märchenheld, der den drei goldenen Haaren des Teufels nach jagt und als Belohnung die Prinzessin gewinnen kann oder der römische Sklave, der sich durch Geschick und Mut aus den Fesseln der Sklaverei befreien kann - dies alles sind letztlich unsere ureigenen Geschichten.
Manche dieser Geschichten bilden sich um eine ,,Suche" und wenden sich dabei an unser innerstes Bedürfnis einen seltenen und wundervollen Schatz zu entdecken - sei der Schatz nun ein äußerer Wert, wie etwa ein guter Job, eine zwischenmenschliche Beziehung oder der Erfolg, oder ein innerer Wert wie Respekt, Sicherheit, Liebe, Selbstfindung oder Geborgenheit.
Andere Geschichten sind richtige ,,Heldengeschichten" und spielen mit jenen Erfahrungen, die jeder von uns beispielsweise bei der Überwindung von Schwierigkeiten machen mußte bzw. mit dem uns immanenten Wunsch nach bedeutungsvollen Taten. Wir kämpfen und leiden mit dem Helden und feiern mit ihm seinen heißumkämpften Sieg mit der unbewußten Hoffnung, daß der Weg dieses Helden unserem eigenen zutiefst verwandt ist.3

Wir bezeichnen diese Geschichten, die sich in allen Kulturen und in jeder Literatur, sei es nun schon in der Antike oder noch früher, sei es in Märchen, Legenden oder Geschichten, die sich um die unterschiedlichen Religionen ranken, allgemein als ,,Mythen"


A myth is a story that is ,,more than true". Many stories are true because one person, somwhere, at some time, lived it. It´s based on fact. But a myth is more then true because it is lived by all of us, at some level. It´s a story that connects and speaks to us all.
Some myths are true stories that attain mythic significance because the people involved seem larger than life, and seem to live their lifes more intensely than common folk. Martin Luther King, Ghandi, Sir Edmund Hillary, and Lord Mountbatten personify the types of journeys we identify with because we´ve taken similar journeys - even only in a very small way.4


Sein Leben lang hat Joseph Campell die Mythen aller Völker und Epochen gesammelt um das Gemeinsame zu ergründen, das die scheinbar unterschiedlichsten Geschichten miteinander verbindet. Tatsächlich ist Campell auf eine Struktur gestoßen, die den Geschichten all dieser verschiedenen Welten gemeinsam ist. Diese Struktur nennt er ,,The Monomyth". (Kapitel 3.2. )
Der Monomythos zeigt, daß die Chinesen 2000 v.Chr., die Eskimos vor 300 Jahren, die Maya im 15.Jahrhundert und die Filmemacher von heute Geschichten erzählen, die letztlich demselben Erzählmuster folgen.
Es ist jenes grundsätzliche Muster, nach dem sich Erkenntnis und Selbsterfahrung vollziehen. Geschichten, die nach diesem Muster aufgebaut sind, entsprechen der Landkarte der menschlichen Psyche. Daher erscheinen sie uns psychologisch wahr und emotionell glaubhaft, selbst wenn sie phantastische, unmögliche oder unwirkliche Ereignisse darstellen oder Ereignisse aus uns vollkommen fremden Welten oder Kulturen.
Ich glaube daher, daß die Auseinandersetzung mit der universellen Struktur des Heldenmythos von unersetzlichem Wert sowohl für Drehbuchautoren, als auch für Regisseure sein kann.

Filme als Mythen zu interpretieren und zu analysieren galt bis vor nicht allzu langer Zeit noch als ein esoterisch anmutender Standpunkt von Außenseitern.
Dieser Standpunkt wurde von den Amerikanern Thomas Schlesinger, Keith Cunningham und Christopher Vogler entwickelt und ist heute ein wichtiger Bestandteil der Arbeit von Filmemachern auf der ganzen Welt.
Bei Betrachtung der Untersuchungen des Mythenforschers Joseph Campell zeigt sich in der Folge, daß die Strukturen von Mythos und Film einander sehr ähnlich sind.
Die Struktur des Mythos hilft zu verstehen, warum Filme einen ganz bestimmten Aufbau haben müssen. Damit ist die Struktur des Mythos ein wertvolles Werkzeug für die
Analyse, die Entwicklung und Erarbeitung von Filmstoffen.
Diese Arbeit wird sich im Wesentlichen mit einem Vergleich der Theorien Campells
und klassischer Drehbuchdramaturgietheorien, insbesondere mit dem klassischen Paradigma der Dreiaktstrukur von Filmen, das wiederum auf die in der Poetik von Aristotelisches dargelegten Theorien zurückzuführen ist, auseinandersetzen
(Kapitel 6).
Dazu werde ich primär die von Syd Field in dessen Werk ,,The Screenwriters Workbook" dargelegte Strukturanalyse verwenden, da es sich hiebei um ein international anerkanntes Werk handelt, das sowohl auf Filmhochschulen als auch in anderen universitären Bereichen zur Standardlektüre gehört, des weiteren habe ich mich vor allem auf die Theorien von Peter Hant, Michael Hauge oder Linda Seger gestützt.

[...]

1 Campell, Joseph: Der Heros in tausend Gestalten,Suhrkamp Taschenbuch Verlag, New York1978

2 a.a.O.

3 nach Seger ,Linda: Making a Good Script Great, Samuel French Trade, Hollywood, CA1991

4 Seger, Linda: Making a Good Script Great, Samuel French Trade, Hollywood, CA 1991,Seite 136


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