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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 30 Pages
Author: Tobias Breidenmoser
Subject: Philosophy - Practical (Ethics, Aesthetics, Culture, Nature, Right, ...)
Details
Institution/College: University of Rostock (Institut für Philosophie)
Tags: Diskussion, Eugenik, Berücksichtigung, Jürgen, Habermas, Kompaktkurs, Praktische, Philosophie
Year: 2007
Pages: 30
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 13 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-73910-8
ISBN (Book): 978-3-638-73990-0
File size: 184 KB
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Abstract
Die biotechnische Forschung hat sich in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts rasant entwickelt. Gentechnische Forschungen führen zu völlig neuen technischen Anwendungen, die stärker in die Natur eingreifen können, als man es je zuvor konnte. An technischen Möglichkeiten scheinen dem Menschen kaum Grenzen gesetzt zu sein. Doch gibt es vielleicht ethische Grenzen? Mit dieser Frage beschäftigt sich Jürgen Habermas in seinem Buch „Die Zukunft der menschlichen Natur“. Er geht speziell auf die Frage ein, ob man durch Präimplantationsdiagnostik und genetischer Manipulation in das Erbgut des Menschen eingreifen und ihn beliebig designen darf. Diese Arbeit soll sich ebenfalls dieser Frage widmen. Nach einem Überblick über die Kerngedanken von Habermas soll eine umfassende Grundlagendiskussion klären, wie sich dem Problem der liberalen Eugenik genähert werden kann. Es muss die Frage nach einer weltanschaulich neutralen Bewertungsmöglichkeit für diese Thematik aufgeworfen und beantwortet werden. Die Diskursethik von Habermas bietet hierfür gute Ansätze. Sie soll durch eine skizzierte Interessenethik erweitert und ergänzt werden. Diese bildet dann auch eine gute Möglichkeit, die angeführte Problematik wieder aufzugreifen und neu zu bewerten.
Excerpt (computer-generated)
Universität Rostock, Institut für Philosophie
Kompaktkurs Praktische Philosophie
Zur Diskussion über die liberale Eugenik unter
besonderer Berücksichtigung von Jürgen Habermas
von
Tobias Breidenmoser
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Habermas über die Frage der liberalen Eugenik 4
3. Mit welchen Methoden lässt sich Ethik begründen? 8
3.1 Kritik des metaphysischen Ethikverständnis 8
3.2 Darstellung und Kritik der Diskursethik 12
3.3 Interessenethik 15
4. Zur Diskussion um die liberale Eugenik bei Habermas 22
4.1 Zur negativen Eugenik 22
4.2 Zur positiven Eugenik 24
4.3 Positive Eugenik und Gerechtigkeit 27
Quellenverzeichnis 30
1. Einleitung
Die biotechnische Forschung hat sich in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts rasant entwickelt. Gentechnische Forschungen führen zu völlig neuen technischen Anwendungen, die stärker in die Natur eingreifen können, als man es je zuvor konnte. An technischen Möglichkeiten scheinen dem Menschen kaum Grenzen gesetzt zu sein. Doch gibt es vielleicht ethische Grenzen? Darf der Mensch alles, was er kann, oder würde die unreflektierte Anwendung der Biotechnologie Konsequenzen haben, die einem Großteil der Menschen schaden würden?
Mit diesen Fragen beschäftigt sich Jürgen Habermas in seinem Buch „Die Zukunft der menschlichen Natur“. Er geht speziell auf die Frage ein, ob man durch Präimplantationsdiagnostik und genetischer Manipulation in das Erbgut des Menschen eingreifen und ihn beliebig designen darf. Diese Arbeit soll sich ebenfalls dieser Frage widmen. Dabei soll der Argumentation Habermas eine kritische Überprüfung unterzogen werden. Es soll herausgestellt werden, unter welchen Prämissen die Schlussfolgerungen von Habermas gültig sind und wie sie motiviert werden können. Außerdem sollen Schwachpunkte mit neuen Argumenten gestützt werden.
Zunächst soll ein Überblick die Kerngedanken von Habermas gemacht werden. Anschließend soll eine umfassende Grundlagendiskussion klären, wie sich dem Problem der liberalen Eugenik genähert werden kann. Im nachmetaphysischen Zeitalter des 21. Jahrhunderts werden leider immer noch zu viele ethische Diskussionen mit Prinzipien geführt, die sich in keiner Weise begründen lassen und stark subjektiv eingefärbt sind. Daher muss die Frage nach einer weltanschaulich neutralen Bewertungsmöglichkeit für diese Thematik aufgeworfen und beantwortet werden. Die Diskursethik von Habermas bietet hierfür gute Ansätze. Sie soll durch eine skizzierte Interessenethik erweitert und ergänzt werden. Diese bildet dann auch eine gute Möglichkeit, die angeführte Problematik wieder aufzugreifen und neu zu bewerten.
2. Habermas über die Frage der liberalen Eugenik
Es soll zunächst ein Blick auf den Standpunkt von Jürgen Habermas zur liberalen Eugenik geworfen werden. Er geht auf einige Standpunkte zu dieser Thematik ein, so dass es überflüssig wäre, die Diskussion von vorne zu beginnen und stattdessen in diesem Essay Stellung zu Habermas bezogen werden soll.
Habermas stellt zunächst die technologische Sachlage der Gegenwart dar. Durch die In-Vitro-Fertilisation sind menschliche Stammzellen verfügbar. Techniken der Reproduktionsmedizin und Genetik haben zur Präimplantationsdiagnostik geführt und genverändernde Eingriffe möglich gemacht. Dies lässt einerseits negative Eugenik zu, in der schwere Erbkrankheiten wie Sichelzellenanämie, aber auch erst im Zeugungsprozess entstehende genetische Defekte wie Trisonomie 21 behandelt werden können. Dem gegenüber ist es das Ziel der positiven Eugenik, Merkmale einer künftigen Person gezielt zu verändern und dadurch seine Nachkommen beliebig designen zu können.
Diese Sachlage muss ethisch bewertet werden, bevor sie uns überrollt und wir den technischen Fortschritt nur noch beobachten, aber nicht mehr kontrollieren können. Diese Bewertung kann nicht nach metaphysischen und weltanschaulich aufgeladenen Kriterien geschehen. Der wissenschaftliche Fortschritt darf somit nur beeinträchtigt werden, wenn gewichtige und weltanschaulich neutrale Gründe dagegensprechen. Daher nimmt Habermas gegenüber intuitiver Opposition gegen verbrauchende Embryonenforschung und reproduzierendem Klonen von Menschen eine andere Perspektive ein: „Ein ganz anderes Bild ergibt sich freilich, wenn man die ‚Moralisierung der menschlichen Natur’ im Sinne der Selbstbehauptung eines gattungsethischen Selbstverständnisses begreift, von dem es abhängt, ob wir uns auch weiterhin als ungeteilte Autoren unserer Lebensgeschichte verstehen werden und uns gegenseitig als autonom handelnde Personen anerkennen können“ (Habermas 2005, S.49).
Dies bildet die Hauptfrage des Buches von Habermas. Es geht um die Frage, „ob sich der Schutz der Identität unmanipulierter Erbanlagen mit der Unverfügbarkeit der biologischen Grundlage personaler Identität begründen lässt“ (Habermas 2005, S.51). Diese Frage soll somit auch in diesem Essay beantwortet werden.
Die Frage könnte sich allerdings als irrelevant herausstellen, wenn es einen absoluten Lebensschutz der befruchteten Eizelle gibt und Genmanipulation von vorne herein ausgeschlossen wird. Dieses Argument stammt von der konservativen Seite aus der Abtreibungsdebatte. Abtreibung und PID unterscheiden sich jedoch, da bei PID und anschließender Selektion oder gentechnischen Veränderungen des Embryos eine „Instrumentalisierung eines unter Vorbehalt erzeugten menschlichen Lebens für die Präferenzen und Wertvorstellungen Dritter“ vollzogen wird (Habermas 2005, S.58).
Habermas unterstellt sowohl den konservativen als auch den liberalen Vertretern der Abtreibungsdebatte, zu keinem weltanschaulich neutralen Ergebnis gekommen zu sein. Die konservative Seite setzt willkürliche Grenzen, die weder begründet noch neutral motiviert werden können. Die liberale Seite verkennt, dass menschliches Leben auch schützenswert sein kann, wenn es noch nicht den Status einer Rechtsperson hat. „’Unverfügbar’ ist nicht nur das, was Menschenwürde hat“ (Habermas 2005, S.59). Menschenwürde wird laut Habermas erst dann verliehen, wenn ein Mensch in interpersonale Beziehungen eintritt und dadurch zur Person wird. Dies ist erst durch die Geburt möglich. Das vorgeburtliche Leben kann allerdings auch aus anderen Gründen heraus Schutz gewährleistet werden.
Habermas hebt die Diskussion auf eine neue Ebene und problematisiert gattungsethische Fragestellungen. Grundlage der nachmetaphysischen Ethik ist eine intuitive Auffassung, dass moralisches Handeln vernünftig ist und sich für jeden Menschen als vorteilhaft erweisen kann. Daher muss beachtet werden, „dass die abstrakte Vernunftmoral der Menschenrechtssubjekte selber wiederum in einem vorgängigen, von allen moralischen Personen geteilten ethischen Selbstverständnis der Gattung ihren Halt findet“ (Habermas 2005, S.74). Sein Haupteinwand gegen die positive Eugenik hängt daher mit der Frage zusammen, „ob die Technisierung der Menschennatur das gattungsethische Selbstverständnis in der Weise verändert, dass wir uns nicht länger als ethisch freie und moralisch gleiche, an Normen und Gründen orientierte Lebewesen verstehen können“ (ebd.).
[...]
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