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Wie ist die christliche Ethik zu begründen? Ein Vergleich der Ansätze von Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer unter besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses von Gesetz und Evangelium

Examination Thesis, 2006, 88 Pages
Author: Fabian Labahn
Subject: Theology - Systematic Theology

Details

Category: Examination Thesis
Year: 2006
Pages: 88
Grade: 1,5
Bibliography: ~ 36  Entries
Language: German
Archive No.: V72993
ISBN (E-book): 978-3-638-63423-6
ISBN (Book): 978-3-638-67557-4
File size: 386 KB
Notes :
Wie ist die christliche Ethik zu begründen? Ein Vergleich der Ansätze von Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer unter besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses von Gesetz und Evangelium


Abstract

In dieser Arbeit werden die beiden Theologen Barth und Bonhoeffer spannungsreich gegenüber gestellt. Sie kommen aus verschiedenen gesellschaftlichen Kreisen. Ihre Väter sind beide Professoren, jedoch entwickeln sie sehr unterschiedliche Vorstellungen, wie die Welt zu organisieren sei. Barth nimmt eine Pfarrstelle in einem Schweizer Dorf an und interessiert sich besonders für die Probleme und Belange der Arbeiter der Gemeinde. Er wird dort sozialistisch geprägt, während Bonhoeffer sein Leben lang eine wertkonservative Grundordnung mit einem klaren Oben und Unten annimmt. Während Barth Mitte der 30er Jahre der SPD beitritt, um die Demokratie zu erhalten, bleibt Bonhoeffer parteipolitisch ungebunden, neigt aber zu einem aristokratischen Staatsmodell. Das soll aber keineswegs bedeuten, dass er damit starr und reaktionär wäre, sondern ganz im Gegenteil ist er ein geistig sehr flexibler Mensch - voller Energie. Auch Barth ist voller Energie und kann in dieser Kopnstellation als langjähriger, väterlicher Freund Bonhoeffers bezeichnet werden. Von dessen theologischem Denken lässt sich Bonhoeffer inspirieren und leiten, obwohl er in manchen Punkten eigene Wege geht, die er aber jeweils innerhalb der Theologie Barths und nicht außerhalb dieser verstanden wissen möchte. In dieser Arbeit wird untersucht, inwieweit sich diese Ansätze auf die Begründung und Ausführung ihrer jeweiligen Ethik auswirken. Diese unterschiedlichen Ansätze und Grundannahmen zeigen sich besonders in ihrem Verständnis von Gesetz und Evangelium, oder wie Barth sagen würde: Evangelium und Gesetz. Den Ausgangspunkt dieser Arbeit bilden die Ursprünge der Begriffe Gesetz und Evangelium im Judentum bzw. im Frühchristentum. Es wird erläutert, wie Paulus in den seinen Briefen mit der Spannung zwischen diesen Polen umgeht und wie sich das Verhältnis und die Betrachtungsweise auf beide im Laufe der Jahrhunderte bis hin zur liberalen Theologie im 20. Jahrhundert entwickelt hat. Die Erläuterung geht spotartig durch die Kirchengeschichte. Auf diesem Hintergrund wird das fachliche und menschliche Aufeinandertreffen von Barth und Bonhoeffer beleuchtet. Wer sich für die Auseinandersetzung mit der christlichen Ethik interessiert, sollte an diesem Werk nicht vorüber gehen.


Excerpt (computer-generated)

Universität Lüneburg

Wie ist die christliche Ethik zu begründen?
Ein Vergleich der Ansätze von Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer unter
besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses von Gesetz und Evangelium

Hausarbeit
im Rahmen des ersten Staatsexamens
für das Lehramt an Grund- Haupt- und Realschulen

vorgelegt von: Fabian Labahn

Bearbeitungszeitraum: 15.08. - 14.11.2006

 

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ... 4

2. Begriffsklärung ... 6

2.1. Gesetz ... 6
2.2. Evangelium ... 7

3. Verhältnis von Gesetz und Evangelium dogmengeschichtlich ... 8

3.1. Paulus Verständnis ... 8

3.2. Augustins Verständnis ... 10

3.3. Luthers Verständnis ... 11
3.3.1. Erkenntnis Luthers ... 12
3.3.2. Verknüpfung von Gesetz und Evangelium ... 13
3.3.3. Sinn und Nutzen des Gesetzes bei Luther ... 15

3.4. Verständnis im Altprotestanten ... 16

3.5. Verständnis im theologischen Liberalismus ... 16

4. Karl Barth ... 19

4.1. Biographische und zeitgeschichtliche Einflüsse auf die Theologie Karl Barths ... 19

4.2. Verhältnis von Evangelium und Gesetz bei Barth ... 22
4.2.1. Gegensätzlich und doch geeint ... 23
4.2.2. Die Gnade Gottes ... 24
4.2.3. Jesus Christus als Gnade Gottes ... 25
4.2.4. Das Gesetz Gottes ... 26
4.2.5. Gesetz für die weltliche Ordnung ... 27
4.2.6. Gesetz als Sündenspiegel ... 28
4.2.7. Gesetz zum Handeln ... 28
4.2.8. Die Sünde des Menschen ... 29
4.2.9. Hineinkommende Gnade ... 31

4.3. Barths Begründung der Ethik ... 32
4.3.1. Gott als handelndes Subjekt ... 32
4.3.2. Erwählung der Menschen ... 33
4.3.3. Existieren im Handeln ... 34
4.3.4. Das Handeln Gottes im Menschen ... 35
4.3.5. Offenbarung Gottes ... 36
4.3.6. Die Rede von Gott ... 38
4.3.7. Der Anspruch Gottes an den Menschen ... 40

5. Wechselseitige Einflüsse von Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer ... 41

5.1. Erste Begegnungen ... 41
5.2. Briefwechsel ... 43

6. Dietrich Bonhoeffer ... 45

6.1. Biographische und zeitgeschichtliche Einflüsse auf die Theologie Dietrich Bonhoeffers ... 45

6.2. Verhältnis von Gesetz und Evangelium bei Bonhoeffer ... 50
6.2.1. Gesetz und Evangelium - Gegensatz und doch geeint ... 50
6.2.2. Gnade Gottes ... 53
6.2.3. Jesus Christus ist diese Gnade ... 54
6.2.4. Christus bindet an das Gesetz – das Gesetz bindet an Christus ... 55
6.2.5. Das Gesetz für die weltliche Ordnung ... 56
6.2.6. Gesetz als Sündenspiegel ... 57
6.2.7. Gesetz zum Handeln ... 58
6.2.8. Die Sünde des Menschen ... 59

6.3. Bonhoeffers Begründung der Ethik ... 61
6.3.1. Wirklichkeitsbegriff ... 62
6.3.2. Freiheitsbegriff ... 63
6.3.3. Die Kirche (überarbeiten!) ... 64
6.3.4. Das Kreuz auf sich nehmen ... 66
6.3.5. Relation zu Christus in der Relation zum Nächsten ... 67
6.3.6. Sind Jesu Gebote wörtlich gemeint? ... 70
6.3.7. Konkrete Ethik ... 70

7. Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Begründung der Ethik von Barth und Bonhoeffer ... 72

7.1. Gemeinsamkeiten ... 72

7.2. Unterschiede ... 75
7.2.1. Evangelium und Gesetz - Gesetz und Evangelium ... 75
7.2.2. Wirklichkeit und Existenz ... 76
7.2.3. Wissen von Gott ... 76
7.2.4. Freiheit ... 77
7.2.5. Die Kirche – Verkündigerin des Willens Gottes? ... 77
7.2.6. Sünde ... 79

7.3. Ergebnis ... 82

8. Fazit ... 83

8.1. Reflexionen von Barth und Bonhoeffer ... 83
8.2. Herausforderungen bei der Ausarbeitung der Arbeit ... 84
8.3. Ist ihre Ethik noch zeitgemäß? ... 85

9. Quellenverzeichnis ... 86


1. Einleitung

Mit dieser Arbeit möchte ich die Grundlagen und Hintergründe des theologischen Denkens von Karl Barth (1886-1968) und Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) erläutern, um daraus deren jeweilige Begründung der christlichen Ethik aufzuzeigen.

Ich bin Bonhoeffer das erste Mal während meines Zivildienstes in Bremen begegnet – wohl bemerkt nur in Form seines Werkes ‚Widerstand und Ergebung’. Dabei war ich gleich fasziniert von seinen warmherzigen Briefen aus der der Kälte der Haft heraus. Er beeindruckte mich mit der Kraft, die er für andere Menschen zu haben schien, während es ihm selbst nicht gut ging. Diese Stärke in schwierigen Situationen begeisterte mich, ließ mich noch andere Werke von ihm lesen und weckte mein Interesse am Christsein. Seine Gedanken und Werke begleiteten mich auch während der Studienzeit. Immer wieder fiel in seinen Arbeiten der Name Karl Barth. Bonhoeffer schien großes Interesse und großen Respekt vor diesen Mann zu haben. Ich wollte daher wissen, was dahinter steckt. Daher hatte ich schon frühzeitig, vor meinem Auslandssemester in Schweden, den Entschluss gefasst, über dieses Themengebiet meine Examensarbeit zu schreiben. Vorweg möchte ich die beiden Menschen kurz vorstellen und daraufhin meine Gliederung darstellen.

Barth und Bonhoeffer kommen aus verschiedenen gesellschaftlichen Kreisen. Ihre Väter sind beide Professoren, jedoch entwickeln sie sehr unterschiedliche Vorstellungen, wie die Welt zu organisieren sei. Barth nimmt eine Pfarrstelle in einem Schweizer Dorf an und interessiert sich besonders für die Probleme und Belange der Arbeiter der Gemeinde. Er wird dort sozialistisch geprägt, während Bonhoeffer sein Leben lang eine wertkonservative Grundordnung mit einem klaren Oben und Unten annimmt. Während Barth Mitte der 30er Jahre der SPD beitritt, um die Demokratie zu erhalten, bleibt Bonhoeffer parteipolitisch ungebunden, neigt aber zu einem aristokratischen Staatsmodell. Das soll aber keineswegs bedeuten, dass er damit starr und reaktionär wäre, sondern ganz im Gegenteil ist er ein geistig sehr flexibler Mensch, voller Energie. Das gilt auch für Barth, der sich wie Bonhoeffer von der politischen wie liberalen theologischen Grundströmung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts absetzt. Dabei kann Barth als langjähriger väterlicher Freund Bonhoeffers bezeichnet werden, von dessen theologischem Denken Bonhoeffer sich inspirieren und leiten lässt, obwohl er in manchen Punkten eigene Wege geht, die er aber jeweils innerhalb der Theologie Barths und nicht außerhalb dieser verstanden wissen möchte.

In dieser Arbeit wird untersucht, inwieweit sich diese Ansätze auf die Begründung und Ausführung ihrer jeweiligen Ethik auswirken. Diese unterschiedlichen Ansätze und Grundannahmen zeigen sich besonders in ihrem Verständnis von Gesetz und Evangelium, oder wie Barth sagen würde: Evangelium und Gesetz. Den Ausgangspunkt dieser Arbeit bilden die Ursprünge der Begriffe Gesetz und Evangelium im Judentum bzw. im Frühchristentum. Es wird erläutert, wie Paulus in den seinen Briefen mit der Spannung zwischen diesen Polen umgeht und wie sich das Verhältnis und die Betrachtungsweise auf beide im Laufe der Jahrhunderte bis hin zur liberalen Theologie im 20. Jahrhundert entwickelt hat. Die Erläuterung geht spotartig durch die Kirchengeschichte. Sie startet bei Augustin, macht bei Luther und den Altprotestanten Halt wirft ein Schlaglicht auf die historisch-kritischen Ansätze der liberalen Theologie. Dieser dogmengeschichtliche Teil dient der Verdeutlichung der Bezüge in Anlehnung und Ablehnung der Theologie Barths und Bonhoeffers.

Im Folgenden wird Barths Werdegang mit zeitgeschichtlichen Einflüssen und persönlichen Entwicklungen bis zum Erscheinen der Schrift ′Evangelium und Gesetz′ 1935 aufgezeigt, auf der ein Schwerpunkt dieser Untersuchung liegt. Es folgt seine Begründung der christlichen Ethik. Nach einem kurzen Schlaglicht auf persönliche und briefliche Kontakte zwischen Barth und Bonhoeffer, wird Bonhoeffers Werdegang mit zeitgeschichtlichen und persönlichen Umständen bis zu seinem Werk der ′Nachfolge′ 1937 dargestellt. In der Beleuchtung seiner Sichtweise auf Gesetz und Evangelium wird dieses Werk besonders berücksichtigt. Es folgt seine Begründung für die christliche Ethik. Zuletzt werden die Gemeinsamkeiten der theologischen Ansätze in der Abgrenzung vor allem zur liberalen Theologie aufgezeigt und beleuchtet. Außerdem wird dargestellt, in welchen Punkten Barth und Bonhoeffer unterschiedliche Ansätze haben und wie sich diese auf deren jeweilige Ethik auswirken.

Meine Arbeit bezieht sich in der Hauptsache auf die Zeit bis Ende der 30er Jahre. Spätere Werke und Veröffentlichungen treten nur als Randnotizen in Erscheinung.


2. Begriffsklärung

Um den Streit über den Stellenwert von Gesetz und Evangelium in der Geschichte und Zeitgeschichte des Christentums zu verstehen, werden beide Begriffe näher untersucht. Dabei geht es um die Wandlung deren Bedeutung und die Frage, welchen ursprünglichen Stellenwert sie im Judentum bzw. im Urchristentum hatten.


2.1. Gesetz

Gesetz ist die deutsche Übersetzung des griech. nomos, mit dem die griech. Bibelübersetzungen der Septuaginta das hebr. Tora wiedergibt. Wörtlich meint Tora jedoch ‚Lehre’. Das in den letzten vier Büchern des Pentateuchs1 enthaltene Gesetz genießt als Offenbarung Gottes höchste Autorität bei den Juden.2 Geschriebene Tradition und mündliche Überlieferungen erhielten später dieselbe Autorität wie das Pentateuch selbst, denn beides wurde auf die Gesetzestafeln, die Mose am Berg Sinai erhielt, zurückgeführt. Aus Sicht der Rabbiner ist das Gesetz schon vor der Schaffung der Welt existent gewesen. Gott hat seinen Willen für Israel alleine im Gesetz kundgetan und daher kann der Mensch allein durch das Gesetz ein Verhältnis zu Gott aufbauen. Da Israel von Gott erwählt sei, seien die Juden auch Gott die unbedingte Einhaltung der Gesetze schuldig. Es wird also stets vorausgesetzt, dass die Gesetze erfüllbar sind und die Gebote von Menschen eingehalten werden können. Den Stammvätern Abraham und Mose war es möglich, das Gesetz einzuhalten. Ihnen wird dafür göttlicher Lohn zuteil: Sie werden der Auferstehung der Toten gewürdigt werden und in das Leben der zukünftigen Welt eingehen. Daher ist die Übergabe des Gesetzes an Israel ein Akt der Liebe Gottes, denn er hat seinem Volk dadurch die Möglichkeit gegeben, gute Werke zu vollbringen, sich Verdienste zu erwerben und die Gerechtigkeit zu erlangen. Darum bedeutet das Gesetz Leben; ohne das Gesetz gibt es kein Leben.3 Die grundsätzliche Aufhebung kann nur Gott selbst bewirken und so wird – wie im Talmud erklärt wird – in den Tagen des ‚Messias’ das weit verästelte Zeremoniell, das allein der Erhaltung und Festigung der jüdischen Gemeinde dient, seine verpflichtende Kraft verlieren.“4

[...]


1 griech. „Fünfgefäß“, meint die fünf Bücher Moses.

2 Jüdisches Lexikon, S.1104.

3 Vgl. RGG Bd. 2, S. 1515f.

4 Jüdisches Lexikon, S.1105f.


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