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“Divided Memory”: Die NS-Vergangenheit in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 35 Pages
Author: Christina Schmalz
Subject: History - Postwar Period, Cold War

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2004
Pages: 35
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 21  Entries
Language: German
Archive No.: V73200
ISBN (E-book): 978-3-638-73407-3
ISBN (Book): 978-3-638-73522-3
File size: 266 KB

Abstract

1. Einleitung Am 15. Juni 2001 überwies die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ 213 Millionen Mark zur Entschädigung der Zwangsarbeiter an Partnerorganisationen in Tschechien, Polen sowie an die „Jewish Claims Conference“. Damit fand auch diese letzte Debatte um die Entschädigung einer Verfolgtengruppe des NS- Regimes ihr Ende und zeigte gleichzeitig, wie langwierig der Prozess der Bewältigung der NS-Vergangenheit ist. Um diesen Prozess soll es im Folgenden gehen. Die vorliegende Arbeit trägt den Titel „NS-Vergangenheit in BRD und DDR“. Da eine Betrachtung unter Auslassung der Besatzungszeit von 1945-49 allerdings nicht möglich ist – in diesen Jahren wurden viele Grundlagen für die spätere Politik der beiden deutschen Staaten gelegt - soll diese im Vorab Erwähnung finden. Aufbauend auf diese Entwicklungen werden später die Entnazifizierungs- und Wiedergut-machungshaltung bzw. –politik von BRD und DDR dargestellt. Die Vergangenheitsbewältigung umfasst nach Jesse vier Bereiche: 1) die justitielle Aufarbeitung der NS-Verbrechen, 2) die Wiedergutmachung, 3) die öffentliche Auseinandersetzung und 4) die historische Aufarbeitung.1 Da eine Abarbeitung all dieser Themenbereiche jedoch in dem gegebenen Rahmen zu weit führen würde, sollen lediglich die ersten zwei Teilgebiete betrachtet werden. Hierbei spielen wiederum die Gründungsmythen eine entscheidende Rolle, weshalb diese zunächst erläutert werden. Neben den allgemeinen Fakten soll auch die politische Kultur der beiden Staaten bzw. der BRD angedeutet werden, die wiederum einen großen Einfluss auf das Handeln der jeweiligen Regierungen hatte. Zur politischen Kultur der DDR lässt sich nach dem heutigen Stand der Forschung nur wenig sagen, da aufgrund der weitreichenden Zensur und dem Verbot der Meinungsfreiheit aussagekräftige Zeitzeugnisse fehlen. Was die Literatur betrifft, scheint es eine nahezu unbegrenzte an Veröffentlichungen zum Thema der Vergangenheitsbewältigung zu geben.


Excerpt (computer-generated)

Universität Passau, Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte
HS Das „Dritte Reich“: Historiographie – Geschichtspolitik – Erinnerungskultur
Sommersemester 2004, 5. Semester

“Divided Memory”: Die NS-Vergangenheit in der
Bundesrepublik Deutschland und in der DDR

von

Christina Schmalz

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung  3

2. Gründungsmythen 5

2.1 Antifaschismus und antifaschistischer Widerstand – DDR 5
2.2 Währungsreform und Wirtschaftswunder -BRD 6

3. Justitielle Aufarbeitung 8

3.1 Besatzungszeit 8

3.1.1 Nürnberger Prozesse und die Folgeprozesse 8
3.1.2 Entnazifizierungspolitik in den einzelnen Besatzungszonen 1945 -1949 9

3.2 Justitielle Aufarbeitung in der BRD 1949-1990 11

3.2.1 Die großen Prozesse 14
3.2.2 Amnestien, Gnadenentscheidungen und Rehabilitierung  15
3.2.3 Verjährungsdebatten  17

3.3 Entnazifizierung in der DDR 1949-1990  19

4. Wiedergutmachung  22

4.1 Finanzielle Wiedergutmachung in den Westzonen  22
4.2 Wiedergutmachung in der BRD  23
4.3 Finanzielle Wiedergutmachung in der Sowjetischen Besatzungszone  25
4.4 Wiedergutmachung in der DDR  26
4.5 Fazit  31
4.6 Wiedergutmachung nach der Wiedervereinigung  31

5. Schlusswort 33

6. Literaturverzeichnis  34



 

1. Einleitung

Am 15. Juni 2001 überwies die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ 213 Millionen Mark zur Entschädigung der Zwangsarbeiter an Partnerorganisationen in Tschechien, Polen sowie an die „Jewish Claims Conference“. Damit fand auch diese letzte Debatte um die Entschädigung einer Verfolgtengruppe des NS- Regimes ihr Ende und zeigte gleichzeitig, wie langwierig der Prozess der Bewältigung der NS-Vergangenheit ist. Um diesen Prozess soll es im Folgenden gehen. Die vorliegende Arbeit trägt den Titel „NS-Vergangenheit in BRD und DDR“. Da eine Betrachtung unter Auslassung der Besatzungszeit von 1945-49 allerdings nicht möglich ist – in diesen Jahren wurden viele Grundlagen für die spätere Politik der beiden deutschen Staaten gelegt - soll diese im Vorab Erwähnung finden. Aufbauend auf diese Entwicklungen werden später die Entnazifizierungs- und Wiedergut-machungshaltung bzw. –politik von BRD und DDR dargestellt. Die Vergangenheitsbewältigung umfasst nach Jesse vier Bereiche: 1) die justitielle Aufarbeitung der NS-Verbrechen, 2) die Wiedergutmachung, 3) die öffentliche Auseinandersetzung und 4) die historische Aufarbeitung.1 Da eine Abarbeitung all dieser Themenbereiche jedoch in dem gegebenen Rahmen zu weit führen würde, sollen lediglich die ersten zwei Teilgebiete betrachtet werden. Hierbei spielen wiederum die Gründungsmythen eine entscheidende Rolle, weshalb diese zunächst erläutert werden. Neben den allgemeinen Fakten soll auch die politische Kultur der beiden Staaten bzw. der BRD angedeutet werden, die wiederum einen großen Einfluss auf das Handeln der jeweiligen Regierungen hatte. Zur politischen Kultur der DDR lässt sich nach dem heutigen Stand der Forschung nur wenig sagen, da aufgrund der weitreichenden Zensur und dem Verbot der Meinungsfreiheit aussagekräftige Zeitzeugnisse fehlen. Was die Literatur betrifft, scheint es eine nahezu unbegrenzte an Veröffentlichungen zum Thema der Vergangenheitsbewältigung zu geben. Namhafte Autoren auf diesem Gebiet sind unter anderem Lothar Mertens, der in zahlreichen Aufsätzen vor allem dem Antizionismus und Antisemitismus der DDR-Führung nachgeht; Eckhard Jesse, betrachtet in sehr guten Überblicken den gesamten Aspekt der Vergangenheitsbewältigung. Helmut Eschwege, beschäftigt sich ebenfalls vor allem mit dem Antisemitismus in der DDR bis Mitte der 50er Jahre. Einen sehr guten Einstieg in das Thema bietet das Werk „Divided Memory“ von Geoffrey Herf, der darin unter anderem sehr ausführlich auf die jeweils agierenden Führungspersönlichkeiten der beiden Staaten eingeht und damit eine differenzierte Betrachtung staatlichen Handelns ermöglicht. Zum Thema der Gründungsmythen stellt der Aufsatz von Herfried Münkler einen sehr guten und informativen Einstieg dar. Das aktuellste Werk zum Thema ist das Buch von Peter Reichel, das einen gründlich recherchierten Überblick über das Thema der Vergangenheitsbewältigung in Ost und West allgemein gibt. Es wurden weiterhin Publikationen verschiedener Parteistiftungen rezipiert. Hierbei muss ich sagen, dass vor allem die Literatur linksgerichteter Gruppen aufgrund mangelnder Objektivität und Wissenschaftlichkeit der Autoren nicht verwendet werden konnte. Allgemein ist festzustellen, dass es beim vorliegenden Thema kaum Kontroversen gibt. Die Aussagen variieren lediglich hinsichtlich bestimmter Zahlenangaben. Zum Thema der DDR-Geschichte mangelt es zum Teil noch an verwendbaren Ergebnissen, da hier Material aus verschiedenen Archiven erst noch zu sichten und zu bewerten ist.

2. Gründungsmythen

Betrachtet man den Aspekt der Vergangenheitsbewältigung des deutschen Volkes, so spielen dabei die verschiedenen Gründungsmythen eine entscheidende Rolle, weshalb im Vorfeld der Betrachtungen auf diese eingegangen wird. Politische Mythen sind „Herkunfts- oder Zukunftserzählungen, die Bedeutungsinvestitionen in die Gegenwart tätigen und so für das politische Selbstverständnis einer Gemeinschaft von großer Relevanz sind.“2 Laut Münkler haben politische Gemeinschaften stets zur Selbstdarstellung nach außen sowie Integration nach innen auf politische Mythen zurückgegriffen. Diese vermitteln nicht so sehr die Ereignisse selbst, sondern deren Bedeutung hinsichtlich des Fortgangs der Geschichte. Politische Mythen berichteten demnach von Zäsuren der Zeit und „Interpunktionen der Geschichte“. Sie dienen vor allem der Vermeidung von historisch Zufälligem und Beliebigem. Die Welt wird letztlich in Gut und Böse unterteilt. Da jedoch kein politischer Mythos die alleinige Definitionskompetenz besitzt, entsteht ein System von Gegenmythen, die aufs Engste aufeinander bezogen seien, indem sie sich wechselseitig die Verbindlichkeit streitig machten.3 So auch bei den beiden deutschen Staaten. Mit Hilfe der Gründungsmythen wurden laut Münkler aus einer vormals gemeinsamen Geschichte deutlich voneinander unterscheidbare Geschichten gemacht, denen gegenüber das politisch Neue umso schärfer hervortrat.4

2.1 Antifaschismus und antifaschistischer Widerstand – DDR

Die Sowjetunion übertrug nach Ende des Zweiten Weltkrieges den Marxismus-Leninismus als offizielle Staatsideologie auf die neu in ihren Machtbereich gefallenen osteuropäischen Staaten. Vorerst tolerierte man in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) jedoch, mit Rücksicht auf die Hoffnung einer deutschen Einheit, ein Nebeneinander verschiedener Weltanschauungen und hob lediglich den Antifaschismus als verbindende Doktrin hervor, da dieser dem politischen Zeitgeist entsprach. Später wurde er von der SED allerdings zur Sicherung ihrer eigenen Macht instrumentalisiert. Man nutzte ihn neben der Abgrenzung zur NS-Vergangenheit verstärkt zur Feinderklärung der Bundesrepublik, die nach Aussagen führender SED-Politiker eben nicht mit der Vergangenheit gebrochen hatte und in der die ‚monopolkapitalistische’ Gesellschaftsordnung unverändert geblieben sei5. Gerade diese Gesellschaftsordnung sei es gewesen, die Deutschland schon einmal in den Faschismus geführt habe. Im Zusammenhang mit der Gründung der DDR sprach man demnach von einer „antifaschistisch-demokratischen Umwälzung“. Weit über den tatsächlich geleisteten Widerstand hinaus sei dabei das Bild eines kontinuierlichen, breite Bevölkerungsschichten umfassenden Widerstands entworfen worden, in dessen Tradition sich die DDR gestellt habe.6 Der Antifaschismus und der antifaschistische Widerstand wurden so zum politischen Gründungsmythos. Der Begriff „Antifaschismus“ ging dabei nahtlos in den des „Antikapitalismus“ und „Antiimperialismus“ über.7 In der DDR vertrat man die Ansicht, der Nationalsozialismus sei eine Etappe in der Epoche des sich verschärfenden Klassenkampfes zwischen Kapitalismus und Sozialismus gewesen. Entscheidendes Mittel hierbei war die Faschismustheorie. Der Nationalsozialismus wurde nicht als ein spezifisches Ereignis der deutschen Geschichte gesehen, sondern auf ganz Europa ausgeweitet. Nicht die deutsche Geschichte oder deutsche Mentalitäten waren demnach ausschlaggebend für den Lauf der Ereignisse, sondern vielmehr eine kleine Gruppe von „Monopolkapitalisten“, die mit Geld und Intrigen Hitler den Weg zur Macht gebahnt hätten. Für viele, die „irgendwie mitgemacht hatten“, kam dies einem kollektiven Freispruch gleich.8 Weiterhin erschien der Antisemitismus hierbei nur noch als Manipulationsinstrument gegenüber der deutschen Bevölkerung und die Vernichtung der Juden wurde zum Randphänomen erklärt, als bloße Erscheinungsform des deutschen Imperialismus.9 Die Kapitalisten hätten ihn vor allem als Werkzeug zur Verwirrung, Spaltung und Schwächung der Arbeiter eingesetzt.10 Die Gesellschaft wurde, so Mertens, durch den verordneten Antifaschismus an die Seite des „Großen Bruders“, der siegreichen Sowjetmacht, gestellt und so zum „Mitsieger“ der Geschichte uminterpretiert. „Das NS-Erbe wurde zum Problem der Westdeutschen. Hitler war gleichsam ein Westdeutscher geworden.“11 Eine öffentliche Auseinandersetzung etwa über das Fortbestehen rassistischen Gedankenguts oder die Ursachen und die Verantwortung für den Völkermord an europäischen Juden hat es bis zum Zusammenbruch des Systems 1989 nicht gegeben.12

2.2 Währungsreform und Wirtschaftswunder -BRD

[...]


1 Jesse, 1997, S. 13

2 Münkler, 1998, S. 17

3 Vgl. Münkler, 1998, S. 20

4 Vgl. Münkler, 1998, S. 20

5 Vgl. Münkler, 1998, S. 79

6 Vgl. ebd. S. 17

7 Vgl. Schroeder, 1998, S. 548

8 Vgl. Münkler, 1998, S. 22

9 Vgl. Herbert, 1992, S. 22 f.

10 Vgl. Herf, 1998, S. 26

11 Faulenbach 1997, Bd. 1, S. 149

12 Vgl. Herbert, 1992, S. 23


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