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Subtitle: Versuch über die „schwarze“ Klavierpädagogik des 19. Jahrhunderts
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 29 Pages
Author: Benjamin Baum
Subject: Musicology
Details
Institution/College: Saarland University
Tags: Klavier, Instrument, Erziehung, Klavier, Eine, Spurensuche
Year: 2007
Pages: 29
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 21 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-73642-8
ISBN (Book): 978-3-638-74087-6
File size: 184 KB
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Abstract
Die vorliegende Hausarbeit unternimmt den Versuch, die Wurzeln des noch heute latent wirksamen Stereotyps der „milden Weiblichkeit“ in der Zeit vom frühen Biedermeier (ab 1915) bis zum Beginn des 20. Jahrhundert auszugraben. Im Zentrum der Betrachtung steht das Titel gebende „Klavier als Instrument weiblicher Erziehung“. Der Begriff „Instrument“ wird dabei durchaus im doppelten Sinn verstanden, nämlich als Werkzeug zur Erzeugung von Musik einerseits (dieser Aspekt soll eine untergeordnete Rolle spielen) und andererseits als Mittel zur subtilen, musikalisch-codierten Vermittlung weiblicher Rollenideale, wie sie die bürgerliche Gesellschaft im 19. Jahrhundert in der ihr eigenen Schärfe und Konsequenz auf die pädagogische Agenda gesetzt hatte. Nach einer kurzen Bestandsaufnahme zur Rolle der Frau im 19. Jahrhundert („Gesegnete Häuslichkeit“) soll zunächst versucht werden, den innerfamiliären Bedingungen dieser gesamtgesellschaftlichen Situation durch Analyse der bürgerlichern Erziehungsmethoden näher zu kommen („Die Kunst des harmlosen Parlierens“). Im Anschluss konzentriert sich der Hauptteil auf das Klavier - allerdings nicht als Instrument zur Vermittlung ästhetischer Botschaften, sondern vielmehr in seiner Verwendung als (musikalisches) Mittel zum (pädagogischen) Zweck. Dabei sollen neben der Analyse von Motivation, Ablauf und Ziel des Klavierunterrichts junger Mädchen im 19. Jahrhundert auch verwandte Aspekte rund ums Klavier, wie etwa die zeitgenössische Kritik am Klavierunterricht, das Phänomen der Salonmusik und die Rolle des Klaviers im Rahmen der Eheanbahnung, behandelt werden. Im abschließenden dritten Teil ist dann vom doppelten Ende der „schwarzen“ Klavier-Pädagogik (d. h. der systematischen Installation eines gesellschaftlichen Über-Ichs im Kinde) die Rede. Der Fokus hierbei liegt zunächst auf deren Aussetzen innerhalb individuell-biografischer Kontexte („Die verheiratete Frau und das Klavier“), schließlich auf dem gesellschaftlichen Zusammenbruch des Klaviers als Instrument weiblicher Erziehung, der sich analog zum Niedergang des überkommenen Frauenbildes vollziehen sollte, wie es sich insbesondere in der Epoche des Biedermeier manifestiert hat; oder besser: wie es manifestiert wurde.
Excerpt (computer-generated)
Universität des Saarlandes, Fach Musikwissenschaft
Januar 2007, 6. Semester
Das Klavier als Instrument weiblicher Erziehung
Versuch über die „schwarze“ Klavierpädagogik des 19. Jahrhunderts
von
Benjamin Baum
Inhalt
1. Einführung
Generelle Einleitung [3]
Aspekte, Aufbau und Ziel der Hausarbeit
„Gesegnete Häuslichkeit“ [5]
Die Rolle der Frau im 19. Jahrhundert
Die Kunst des harmlosen Parlierens [9]
Was müssen Biedermeier-Mädchen lernen?
2. Hauptteil
Das Klavier als Instrument weiblicher Erziehung [14]
Kann man Kunst dressieren?
Das Klavier als Kunst-Killer [17]
Kritik am Klavierunterricht als Massenphänomen
Das Klavier als Träume-Generator [20]
Wie bürgerliche Mädchen aus dem Alltag fliehen
Das Klavier als Status-Objekt [22]
Zu Gast im Salon
Das Klavier als Kuppler [24]
Eheschließung auf Tastendruck
3. Schlussbetrachtung
Vom Ende der Erziehung [25]
Die verheiratete Frau und das Klavier
Vom Ende einer Epoche [26]
Niedergang der Piano-Dressur und neue Weiblichkeit
4. Literaturverzeichnis
1. Einleitung
Generelle Einleitung
Aspekte, Aufbau und Ziel der Hausarbeit
Dass Frauen in aller Regel härter mit überkommenen Rollenklischees zu kämpfen haben als ihre männlichen Mitstreiter, ist sicher kein Geheimnis. Von staubig-atavistischen Gender-Etiketten wie dem der „Hausfrau und Mutter“, der „Bewahrerin“ und „Arbeiterin des Herzens“ über sprichwörtliche Stereotypen wie der Vorstellung, hinter jedem starken Mann habe wohl stets „eine starke Frau“ zu stehen, bis hin zur literarischkomödiantischen Koketterie über diametral ausgeprägte weibliche Einpark- und Einfühlungskompetenzen - die polarisierende Verzerrung von Geschlechter-bildern ist uns selbst im aufgeklärten 21. Jahrhundert, trotz „Gender Mainstreaminig“, nicht fremd geworden.
Die vorliegende Hausarbeit unternimmt den Versuch, die Wurzeln des noch heute latent wirksamen Stereotyps der „milden Weiblichkeit“ in der Zeit vom frühen Biedermeier (ab 1915) bis zum Beginn des 20. Jahrhundert auszugraben. Im Zentrum der Betrachtung steht das Titel gebende „Klavier als Instrument weiblicher Erziehung“. Der Begriff „Instrument“ wird dabei durchaus im doppelten Sinn verstanden, nämlich als Werkzeug zur Erzeugung von Musik einerseits (dieser Aspekt soll eine untergeordnete Rolle spielen) und andererseits als Mittel zur subtilen, musikalisch-codierten Vermittlung weiblicher Rollenideale, wie sie die bürgerliche Gesellschaft im 19. Jahrhundert in der ihr eigenen Schärfe und Konsequenz auf die pädagogische Agenda gesetzt hatte.
In der Öffentlichkeit, in Fragen der Politik, der Geschäfte, des Besitzes und in Rechtsfragen kam dem Mann während dieser Zeit eine nahezu uneingeschränkt vormundschaftliche Stellung zu. Diese Rollenverteilung hatte im Wertekanon des frühen Biedermeier ihren Ursprung, der sich wertetheoretisch auf den kantischen Entwurf der Pflichtethik („Kritik der praktischen Vernunft“) beruft. Die Folge: Nie zuvor wurde der Kindererziehung so viel Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet wie in den wohlhabenden bürgerlichen Familien des 19. Jahrhunderts. Fleiß und Arbeitsamkeit, Tüchtigkeit und rechtschaffener Lebenswandel wurden - teilweise unter Rückgriff auf aus heutiger Sicht zweifelhafte Methoden - bedingungslos eingeimpft. Und die Rolle des Instruments, an und mit dem jene Tugenden erlernt werden konnten, übernahm in den meisten bürgerlichen Familien das Klavier.
Zur Aufteilung der Arbeit: Nach einer kurzen Bestandsaufnahme zur Rolle der Frau im 19. Jahrhundert („Gesegnete Häuslichkeit“) soll zunächst versucht werden, den innerfamiliären Bedingungen dieser gesamtgesellschaftlichen Situation durch Analyse der bürgerlichern Erziehungsmethoden näher zu kommen („Die Kunst des harmlosen Parlierens“). Im Anschluss konzentriert sich der Hauptteil auf das Klavier - allerdings nicht als Instrument zur Vermittlung ästhetischer Botschaften, sondern vielmehr in seiner Verwendung als (musikalisches) Mittel zum (pädagogischen) Zweck. Dabei sollen neben der Analyse von Motivation, Ablauf und Ziel des Klavierunterrichts junger Mädchen im 19. Jahrhundert auch verwandte Aspekte rund ums Klavier, wie etwa die zeitgenössische Kritik am Klavierunterricht, das Phänomen der Salonmusik und die Rolle des Klaviers im Rahmen der Eheanbahnung, behandelt werden.
Im abschließenden dritten Teil ist dann vom doppelten Ende der „schwarzen“ Klavier- Pädagogik (d. h. der systematischen Installation eines gesellschaftlichen Über-Ichs im Kinde) die Rede. Der Fokus hierbei liegt zunächst auf deren Aussetzen innerhalb individuell-biografischer Kontexte („Die verheiratete Frau und das Klavier“), schließlich auf dem gesellschaftlichen Zusammenbruch des Klaviers als Instrument weiblicher Erziehung, der sich analog zum Niedergang des überkommenen Frauenbildes vollziehen sollte, wie es sich insbesondere in der Epoche des Biedermeier manifestiert hat; oder besser: wie es manifestiert wurde.
„Gesegnete Häuslichkeit“
Die Rolle der Frau im 19. Jahrhundert
„Dem Mann gehört der Kampf und die Arbeit, aber das Weib wische den Schweiß von seiner Stirn und
stärke seine Kraft, indem sie [sic] durch ihr Sein und Walten das Haus zu einer Stätte der Harmonie und des
Friedens, zu einer idealen Welt bildet.“ (Hermann Jakoby)
Das Haus als „Stätte der Harmonie und des Friedens“ – die knappen Worte des Autors Hermann Jakoby, die die Frau als Zentrum aller emotionalen und reproduktiven Bindungskräfte beschreiben, lassen sich als Kompression eines familiären Idealbildes lesen, das im frühen 19. Jahrhundert weitgehend alternativlos den mikrosozialen Teil der Konformkultur prägte. Zum entscheidenden (Mit-)Begründer dieses Rollenbildes wurde dabei Fürst Metternich, dessen Karlsbader Beschlüsse von 1819 eine starke Einschränkung jeglicher politischer Betätigung zur Folge hatte. Ohne die Karlsbader Beschlüsse wäre die Biedermeierzeit also nicht denkbar1: Veröffentlichungen wurden einer strengen Zensur unterzogen, anstößige Musikwerke wurden verboten, Literaten wie Heinrich Heine und Georg Büchner emigrierten, ebenso Karl Marx - damals noch Redakteur der Rheinischen Zeitung in Köln.
Als Folge dieses „Informations-Staus“ waren breite Teile des Bürgertums von politischer Anteilnahme abgeschnitten und zogen sich in die engen Grenzen kleinerer sozialer Einheiten zurück. Ehedem politische Begriffe wie „Humanität“, „Pflichtbewusstsein“ und „Selbstverwirklichung“ wurden umgedeutet und fürs private Umfeld nutz- und lebbar gemacht. Eine gelungene Erziehung innerhalb der Familie, der Wunsch nach einer zufriedenen und funktionierenden Ehe, begleitet und veredelt von größtmöglicher häuslicher Harmonie, rückte schnell an die Spitze der Bedürfnispyramide eines gelungenen bürgerlichen Lebensentwurfs.
[...]
1 Ein Indiz dafür liefert die Tatsache, dass außerhalb Deutschlands, Österreichs und Skandinaviens der Begriff Biedermeier gar nicht existiert, da die gesellschaftliche Entwicklung in anderen Ländern teilweise komplett anders verlief.
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