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„Jeder ist sich selbst der Nächste“ - Soziale Unterstützung in nationalsozialistischen Konzentrationslagern

Diploma Thesis, 2003, 108 Pages
Author: Diplom-Pädagoge Mandy Schmeißer
Subject: Social Pedagogy / Social Work

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 2003
Pages: 108
Grade: 2,8
Bibliography: ~ 49  Entries
Language: German
Archive No.: V73518
ISBN (E-book): 978-3-638-63595-0
ISBN (Book): 978-3-638-67587-1
File size: 373 KB

Abstract

Was passiert, wenn tausende Menschen unfreiwillig auf engstem Raum unter schlimmsten Bedingungen miteinander leben müssen? Wie verändern sie sich? Ist sich dann wirklich jeder selbst der Nächste? Unter Zuhilfenahme verschiedener soziologischer und psychologischer Abhandlungen, sowie hunderter Biografien werden diese und weiter Fragen bearbeitet. Gleichzeitig erscheint es auch sinnvoll, die Aussagen der Täter näher zu betrachten, um einer Erklärung näher zu kommen, wie es überhaupt zu diesem Morden kommen konnte. Dabei kann man den Tätern in den Lagern nicht die Alleinschuld zuweisen, sondern muss sie im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Ideologie und Hitlers Vernichtungspolitik betrachten. Die Autorin besuchte die Lager Buchenwald, Sachsenhausen, Dachau, Ravensbrück, Theresienstadt, Bergen- Belsen und Auschwitz. Dort konnte sie sich mit Hilfe der unzähligen Exponate, Fotos und autobiografischer Erzählungen in die Lage der KZ- Häftlinge einfühlen. Das Buch ist so aufgebaut, dass Kapitel 1 und 2 gegliedert sind wie Kapitel 5, um eine Verbindung zwischen Theorie und Praxis herzustellen. Die ersten beiden Kapitel beschäftigten sich mit dem theoretischen Konzept der sozialen Unterstützung, in Abhängigkeit von sozialen Netzwerken. Da die Häftlinge vollkommen rechtlos waren, wird in der Arbeit nicht auf formelle Netzwerke und Hilfen eingegangen. Im dritten Kapitel wird in kurzer Form auf die theoretischen Grundlagen der Biographieforschung eingegangen. Dadurch kann dem Leser die Methodik nahe gebracht werden. Im vierten Abschnitt folgt die Beschreibung des Setting „Konzentrationslager“. Hauptbezug besteht dabei auf Eugen Kogon, der als Überlebender einen nicht zu ersetzenden Einblick in die Systematik gewinnen konnte und Wolfgang Sofski, der eine wunderbare und ausführliche soziologische Abhandlung dazu verfasst hat. Nur mit diesem Vorwissen kann man sich in die Berichte der Überlebenden hinein versetzen und deren Erlebnisse zuordnen. Im fünften und letzen Kapitel wird schließlich die Frage bearbeitet, weshalb und in welcher Form es in dieser Extremsituation des KZ zu sozialen Unterstützungsleistungen kam. Dazu hat die Autorin eine große Anzahl (Auto-) Biographien von ehemaligen Häftlingen und Lagerpersonal bearbeitet, die zitiert der Arbeit beigefügt sind. Sie veranschaulichen einerseits die Situation, in der sich die Gefangenen befanden und belegen gleichzeitig Thesen und Aussagen, die im Voraus getroffen wurden.


Excerpt (computer-generated)

Technische Universität Dresden
Fakultät Erziehungswissenschaften
Institut für Sozialpädagogik und Sozialarbeit

„Jeder ist sich selbst der Nächste“
Soziale Unterstützung in nationalsozialistischen Konzentrationslagern

Freie wissenschaftliche Arbeit

für die Diplomprüfung in Erziehungswissenschaft,
Fachrichtung Sozialpädagogik und Sozialarbeit
an der Technischen Universität Dresden

vorgelegt von:

Schmeisser, Mandy

 

Inhaltsverzeichnis

Einleitung...4

1. Soziale Netzwerke ...6
1.1. Definition ...6
1.2. Bedeutung und Formen sozialer Netzwerke...7
1.2.1. Partnerbeziehungen...7
1.2.2. Familie, Verwandtschaft...8
1.2.3. Freunde, Bekannte ...9
1.2.4. Kollegen...10
1.3. Effektivität sozialer Unterstützung ...10
1.4. Entstehung und Erhaltung sozialer Netzwerke - Austauschtheorie (nach Kelley, Blau, Thibaut)...12
1.4.1. Psychologischer Ansatz der Austauschtheorie ...12
1.5. Eigenschaften sozialer Netzwerke ...13
1.5.1. Strukturmerkmale ...13
1.5.2. Interaktionskriterien...14
1.5.3. Qualität...15
1.6. Funktion sozialer Netzwerke ...16

2. Soziale Unterstützung...18
2.1. Definition ...18
2.2. Inhaltliche Typologie sozialer Unterstützung...20
2.2.1. Konkrete Interaktionen - Verhaltensaspekt ...20
2.2.2. Vermittlung von Kognitionen...21
2.2.3. Vermittlung von Emotionen ...21
2.3. Reziprozität...21
2.4. Wirkungen sozialer Unterstützung ...22
2.4.1. Haupteffekt ...23
2.4.2. Puffereffekt ...24
2.4.3. Negative Aspekte sozialer Unterstützung...25
2.5 Zusammenfassung ...26

3. Einführung in die qualitative Forschung...28
3.1. Grenzen qualitativer Forschung...28
3.2. Forschungsmethode der Biographieforschung ...30

4. Setting Konzentrationslager ...32
4.1 Entstehung der nationalsozialistischen Konzentrationslager...33
4.2. Die Massengesellschaft der Häftlinge ...35
4.3. Einrichtung der Lager ...36
4.3.1. Grenze...37
4.3.2. Tor...38
4.4. Die Häftlingsselbstverwaltung...39
4.4.1. Unterbringung...39
4.4.2. Verpflegung ...40
4.5. Formen des Terrors...41
4.5.1. Die Zeit im Lager...41
4.5.2. Dauer des Aufenthaltes...42
4.5.3. Vernichtung des Handelns ...43
4.6. Klassifikation der Häftlinge...44
4.6.1. Funktionshäftlinge und Häftlingsprominenz ...46
4.7. Arbeit als Form des Terrors ...48
4.8. Widerstand ...50
4.8.1. Formen des Widerstands in den Lagern ...51

5. Auswertung der Zeitzeugenberichte ...53
5.1. Verhältnis zwischen Häftlingen und SS-Personal ...57
5.2. Verhalten der Häftlinge untereinander ...63
5.3. Unterstützungsformen...68
5.3.1. Praktische Unterstützung ...69
5.3.2. Kognitive Unterstützung...74
5.3.3. Emotionale Unterstützung ...74
5.4. Unterstützungsbeziehungen ...76
5.4.1. Eltern – Kind...76
5.4.2. Geschwister...78
5.4.3. Verwandtschaft ...79
5.4.4. Freunde und Bekannte ...80
5.4.5. Kollegen...82
5.4.6. Fremde ...84
5.5. Hilfemotivation...86
5.6. Funktion der Funktion ...88
5.7. Moralischer Konflikt der Häftlinge ...95
5.8. Reziprozität...98

Zusammenfassung ...102

Quellenverzeichnis ...105
Internetquellen ...108

 

 

Einleitung

Im Juni 1998 besuchte ich im Zuge eines Kurzurlaubes in Polen das Konzentrationslager Auschwitz. Die Eindrücke, die ich während meines Besuches an diesem Ort sammeln konnte, beeindruckten mich so stark, dass ich mich ab diesem Zeitpunkt näher mit dem Thema beschäftigten wollte.

Im Laufe der Zeit nutzte ich verschiedene Möglichkeiten, um weitere KZ zu besichtigen. So sah ich auch die Lager Dachau, Buchenwald, Sachsenhausen, Ravensbrück, Bergen- Belsen, sowie das Ghetto Theresienstadt. Bei jedem Besuch war ich von neuem erschüttert über das, was ich dort sehen musste.

Die logische Konsequenz war, sich mit Berichten von Überlebenden und Zeitzeugen zu befassen.

Gleichzeitig erschien es mir auch sinnvoll, die Aussagen der Täter näher zu betrachten, um eventuell eine Erklärung dafür zu finden, wie es überhaupt zu diesem Morden kommen konnte. Allerdings kann man den Tätern in den Lagern nicht die Alleinschuld zuweisen, sondern muss sie im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Ideologie und Hitlers Vernichtungspolitik betrachten.

Da ich bereits in das Thema eingearbeitet war, war es für mich naheliegend, meine Diplomarbeit zum Thema Konzentrationslager zu verfassen.

Soziale Unterstützung, die in den KZ erbracht wurden, kann oft nur zwischen den Zeilen der Zeitzeugenberichte herausgelesen werden. Ich habe keine Abhandlung finden können, die sich explizit mit diesem Thema beschäftigt. Deshalb befand ich es für sinnvoll, mein bisheriges Wissen mit dem Versuch, eine Aussage zu informeller Hilfe zu finden, zu verknüpfen.

Ich habe meine Arbeit so aufgebaut, dass die Kapitel eins und zwei gegliedert sind wie das fünfte Kapitel, um die Nähe zwischen Theorie und Praxis herzustellen.

Die ersten beiden Kapitel beschäftigten sich mit dem theoretischen Konzept der sozialen Unterstützung. Diese wird in Abhängigkeit von sozialen Netzwerken betrachtet, die Voraussetzung dafür sind, dass Hilfeleistungen erbracht werden.

Da die Häftlinge vollkommen rechtlos waren, wird die Arbeit hauptsächlich informelle Unterstützung behandeln und die formellen Netzwerke und Hilfen außen vor lassen.

Im dritten Kapitel werde ich in kurzer Form auf die theoretischen Grundlagen der Biographieforschung eingehen. Dadurch kann dem Leser die Methodik nahegebracht werden. Das ist nötig, da sich der Hauptteil der Arbeit vorrangig mit (auto-) biographischen Texten beschäftigen wird.

Danach folgt im vierten Abschnitt die Beschreibung des Setting "Konzentrationslager".

Ich beziehe mich dazu an erster Stelle auf Eugen Kogon, der als Überlebender einen nicht zu ersetzenden Einblick in die Systematik gewinnen konnte und sie der Nachwelt hinterließ. Das zweite grundlegende Werk ist von Wolfgang Sofski, der eine wunderbare und ausführliche soziologische Abhandlung dazu verfasst hat.

Gleichzeitig gewinnt man einen Einblick in die KZ- Systematik. Nur mit diesem Vorwissen kann man sich in die Berichte der Überlebenden hinein versetzen und deren Erlebnisse nachvollziehen.

Im fünften und letzen Kapitel werde ich die Frage untersuchen, warum und in welcher Form es in dieser Extremsituation, wie sie im KZ vorlag, zu sozialen Unterstützungsleistungen kam. Dazu habe ich eine große Anzahl (Auto-) Biographien von ehemaligen Häftlingen und Lagerpersonal bearbeitet. Zitate, die die Aussagen verdeutlichen, habe ich in die vorliegende Arbeit eingefügt. Sie veranschaulichen einerseits die Situation, in der sich die Gefangenen befanden und belegen gleichzeitig Thesen und Aussagen, die im Voraus getroffen wurden.


1. Soziale Netzwerke

Soziale Bindungen wirken sich auf das psychische Wohlbefinden von Individuen aus. Um herauszufinden wieso, müssen auch deren Inhalte untersucht werden.

Aus den Ergebnissen kann abgeleitet werden, inwiefern sie sich positiv auf die psychische Gesundheit auswirken.

Man kann soziale Bindungen nach vier Charakteristika unterscheiden:

  • motivationale Grundlagen
  • Annahmen zur Art der Beziehung und damit verbundenen Verpflichtungen
  • ihre Entwicklungsgeschichte aufgrund gemeinsamer Erfahrungen und Erlebnisse
  • Hilfebereitschaft

Damit Menschen soziale Bindungen eingehen können, müssen sie in Netzwerken verankert sein.

Soziale Netzwerke sind wichtig für ein Rollenverhalten, Wahrnehmung sozialer Normen und soziales Handeln. In dichten Netzwerken sind die Einstellungen der Mitglieder durch Prozesse des sozialen Vergleichs und der gegenseitigen Attraktion ähnlich. Andernfalls würden die Personen nicht in ein und demselben Netzwerk verkehren können.


1.1. Definition

Soziale Netzwerke bestehen aus einer definierten Anzahl sozialer Beziehungen (Verbindungen) zwischen einer definierten Anzahl von Individuen (Knoten).
Ein soziales Netz schließt formelle Hilfen und Institutionen ein.

[...]


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