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Soziopsychologische Betrachtungen zu Christoph Heins 'Der fremde Freund'

Seminararbeit, 2007, 26 Seiten
Autor: Dr. phil. Daria Hagemeister
Fach: Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Details

Veranstaltung: Neuere dt. Literatur: Novelle
Institution/Hochschule: Universität Wien (Germanistik)
Tags: Soziopsychologische, Betrachtungen, Christoph, Heins, Freund, Neuere, Literatur, Novelle, Drachenblut, DDR Literatur
Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2007
Seiten: 26
Note: 2
Literaturverzeichnis: ~ 27  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V73939
ISBN (E-Book): 978-3-638-67894-0
ISBN (Buch): 978-3-638-76983-9
Dateigröße: 189 KB

Zusammenfassung / Abstract

Individuum und Gesellschaft sind in der Novelle minutiös miteinander verwoben. Die Psyche der Gesellschaft als Ganzheit ist nicht identisch mit einer Summe der Psychen der einzelnen Individuen, sondern soziopsychologische Phänomene erhalten eine neue Dimension durch diverse Antagonismen. Inwieweit die literarische Produktion, Vermarktung und Rezeption, in diesem Spannungsfeld stehen, soll die folgende Untersuchung anhand der Novelle „Der fremde Freund“ versuchen aufzuzeigen Bei der Interpretation müssen sowohl „interne“, also textimmanente Faktoren, als auch „externe“, gesellschaftsbedingte Faktoren berücksichtigt werden. Das Individuum, verkörpert durch die Protagonistin Claudia und die anderen handelnden Personen, ist aufgrund zahlreicher Wechselwirkungen und Antagonismen eng mit der Gesellschaft verwoben. Daher bietet sich eine soziopsychologische Analyse an, bei welcher die Erkenntnisse aus der Psychoanalyse ihre Anwendung finden. Die Identifikation mit der Protagonistin, die bei den Rezipienten in Ost und West gleichermaßen stattgefunden hat, lässt darauf schließen, dass Claudias Lebensstil und Einstellung keine ausschließlich DDR-spezifische ist. Trotzdem ist anzunehmen, dass der Autor selbst von eben dieser von ihm unmittelbar als kritikwürdig wahrgenommenen Gesellschaft geprägt war, als er seine Novelle verfasste. Dass der Leser auch seine persönlichen Erfahrungen in die Interpretation des Textes mit einbezieht, ist offensichtlich vom Autor, der einen Dialog mit dem Leser anstrebt und fordert, intendiert. Hein schrieb seine Novelle als „aufklärerischer Moralist“ und als „Chronist“, wie er selbst von sich behauptet, aber er möchte nicht belehren, sondern zum kritischen Hinterfragen der gesellschaftlichen Verhältnisse anregen. Somit bleibt es wohl dem Leser überlassen, ob er den sozialen und historischen Kontext und die Ursachen für die Entfremdung der stalinistischen DDR-Gesellschaft zuschreibt, oder nicht. Eine der möglichen Lesarten der Novelle wäre es, den Text als eine Kritik an der Zivilisation generell zu verstehen. Mit fortschreitender Zivilisation gerät das Individuum in ein Interdependenzverhältnis, wodurch es zur Unterdrückung von Affekten und zum Selbstbetrug gezwungen wird. ½ Mio. Menschen haben die Novelle mit großem Interesse gelesen, denn durch die vielen Leerstellen entsteht eine Vielfalt von Deutungsmöglichkeiten. Je nach Lesart hält die Novelle in unterschiedlichen Situationen und Zeiten verschiedene Warnungen bereit.


Textauszug (computergeneriert)

Soziopsychische Betrachtungen zu Christoph Hein ′Der Fremde Freund′

von

Dr. phil. Daria Hagemeister

 


INHALTSANGABE

1. Einleitung 3

1.1. Die Analyse eines Werkes oder Textes 3

1.1.1. Die „interne“ Analyse 3
1.1.2. Die „externe“ Analyse 4

1.2. Die „soziopsychologische“ Analyse 5

1.2.1. Was ist Literatursoziologie? 5
1.2.2. Individuum und Gesellschaft 7
1.2.3. Der Einfluss der Psychoanalyse 8
1.2.4. Der soziopsychologische Aspekt 10

2. Heins Novelle „Der fremde Freund“ 11

2.1. Der Autor 11
2.2. Der Text selbst 11

2.2.1. Sprache und Stil 11
2.2.2. Der Inhalt 12
2.2.3. Die Erzählperspektive 12
2.2.4. Die Symbole 13

2.3. Lebensglück oder Lebensverfehlung? 14

3. Soziopsychologische Betrachtungen 15

3.1. Die Frage nach der Produktion 15

3.1.1. Die DDR-Literatur 15
3.1.2. Hein als typischer Vertreter der DDR Literaten 16

3.2.1. Welche Gesellschaft wird hier dargestellt? 18
3.2.2. Eine mögliche Lesart 19

4. Zusammenfassung und Schlussbetrachtungen 22

5. Literatur- und Quellenverzeichnis 24


 

 

1. Einleitung

Die vorliegende Proseminararbeit wurde zunächst unter dem Arbeitstitel „Soziologische Betrachtungen zu Christoph Heins ‚Der fremde Freund’ begonnen. Im Zuge der Recherche ergab sich die Notwendigkeit, den Titel den Ergebnissen anzupassen. Individuum und Gesellschaft sind in der Novelle minutiös miteinander verwoben. Dennoch ist die Psyche der Gesellschaft als Ganzheit nicht identisch mit einer Summe aller Psychen der einzelnen Individuen, sondern soziopsychologische Phänomene erhalten eine neue Dimension durch die zahlreichen Wechselwirkungen und Antagonismen zwischen dem Individuum und der Gesellschaft. Inwieweit kulturelle Werke, und somit auch die literarische Produktion, Vermarktung und Rezeption, in diesem Spannungsfeld stehen, soll die folgende Untersuchung anhand der Novelle „Der fremde Freund“, als Fallbeispiel, versuchen aufzuzeigen.

1.1. Die Analyse eines Werkes oder Textes

Die Analyse eines Textes kann entweder „intern“, also werk- oder textimmanent erfolgen, oder aber „ extern“, d.h. von äußeren Faktoren bestimmt und geleitet vorgenommen werden. Bourdieus1 Verdienst war es „interne“ und „externe“ Faktoren in seiner „Theorie des Felds“ zu vereinen.

1.1.1. Die „interne“ Analyse

Man kann wie Saussure, der von einer „inneren Sprachwissenschaft“ gesprochen hat, auch einen Text nach formalen Kriterien interpretieren. Diese so genannte „interne“ Interpretation ist in der institutionellen Doxa (griech.: Meinung, bei Bourdieu: Prinzipien des Urteilens und Bewertens) verankert. Der „New Criticism“ hat die „reine“ Lektüre zur Theorie erhoben und den Text verabsolutiert und somit eine sozusagen zeitlose Bedeutung der kulturellen Werke postuliert. Es gäbe also keine historischen Bedingungen oder sozialen Funktionen von Literatur. Die Interpretation wäre somit eine ausschließlich werkimmanente und ahistorische. Die kulturellen Werke würden als Strukturen ohne strukturierendes Subjekt begriffen. Demnach würden also Texte historische Realisierungen ohne Bezug auf ökonomische oder soziale Bedingungen der Produktion, beziehungsweise der Produzenten, darstellen.

1.1.2. Die „externe“ Analyse

Die externe Analyse begreift das Verhältnis zwischen sozialer Welt und kulturellen Werken nach der Logik der Widerspiegelung. Die äußere Analyse versucht, die Werke auf die Weltanschauung oder auf die gesellschaftlichen Interessen einer Gesellschaftsklasse zurückzuführen. Foucault hat mit seinem „symbolischen Strukturalismus“ den Begriff der „Relationen“ von Saussure zwar beibehalten, doch sind ihm sehr wohl die Interdependenzbeziehungen der Werke untereinander bewusst geworden. Das „Regelsystem von Unterschied und Streuung“ wird somit als ein „Feld strategischer Möglichkeiten“ verstanden. Kulturelle Produzenten haben also einen gemeinsamen „Raum des Möglichen“, gemeinsame Bezüge und gemeinsame Orientierungspunkte.

Laut Bourdieu taugen alle diese Analysen nichts und er hat deshalb die „Theorie des Felds“ entwickelt. Er ist der Ansicht, dass die menschliche Freiheit vielfältigen Begrenzungen durch unbewusste verinnerlichte Faktoren, durch Illusionen und sozioökonomische Strukturen, aber auch durch historische Gegebenheiten, Geschlecht, Nationalität und Weltanschauung unterliege. Ein individueller Handlungsspielraum sei dennoch gegeben und auf diesem beschränkten Hintergrund gebe es sozialen Wandel und Innovation aufgrund zahlreicher Antagonismen.

Die Intention der vorliegenden Proseminararbeit ist es, aufzuzeigen, inwieweit in Heins Novelle „Der fremde Freund“ individuell-psychischen, sowie epochalen gesellschaftsbedingten Faktoren und Phänomenen Ausdruck verliehen wird. Auch Christoph Hein geht es darum, eine Verbindung zwischen der ästhetischen Kategorie und der aufklärerischen Funktion der Literatur in der Gesellschaft herzustellen. Die „direkte Mitteilung über die Welt“ durch Bewusstmachung des Unbewussten betrachtet er sogar nicht nur als eine moralische, sondern vor allem als eine ästhetische Kategorie. Hein hätte es sogar laut seiner eigenen Aussage, begrüßt, wenn sich die Rezipienten auch mehr auf seine Texte einlassen würden, anstatt in seinen Werken ständig nur „Mitteilungen“ von einem „unterdrückten Autor aus der DDR“ zu sehen. Er räumt jedoch ein, dass oft „ein dritter auch genauer sieht als man selbst“2

Doch gerade mit Heins Texten kann man so seine Schwierigkeiten haben, denn aus ihrem sozialen Kontext gerissen, klingen sie sprachlich flach und inhaltlich banal und man könnte geneigt sein, sie eher der so genannten „Trivialliteratur“ zuzuordnen. Denkt man sich den literarischen Markt als eine Einheit und die Literatur als autonome Kunst für eine kleine Leserelite, so lässt sich die Trivial- oder Unterhaltungslektüre auch anhand der Verkaufszahlen zur „reinen“ Literatur abgrenzen. Daran kann man jedoch bereits erkennen, dass eine Abgrenzung sich tatsächlich als schwierig erweisen muss, denn durch die Ausweitung des literarischen Marktes ergibt sich ein Auseinandertreten der zuvor als Einheit gedachten Literaturszene und der Trivialliteratur für die breite Masse.

1.2. Die „soziopsychologische“ Analyse

1.2.1. Was ist Literatursoziologie?

[...]


1 Vgl.: Bourdieu, Pierre: „Für eine Wissenschaft von den kulturellen Werken“ (1986), Vortrag, gehalten im Rahmen des Christian Gauss Seminars in Criticism, Princeton University, 1986. In: Bourdieu, Pierre: „Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns“, aus dem Frz. v. Hella Beister, Suhrkamp, Frankfurt/M. 1998 (= es 1985), S. 55 – 74 (Originalausgabe: „Raisons pratiques. Sur la théorie de l’action“, Ed. du Seuil, Paris 1994).

2 „Dialog ist das Gegenteil von Belehren. Gespräch mit Christoph Hein“, in: Hammer, Klaus (Hrsg.): „Chronist ohne Botschaft – Christoph Hein. Ein Arbeitsbuch“, 1. Aufl., Aufbau-Verlag Berlin und Weimar GmbH 1992, S. 11 - 50.


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