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Habermas' Diskursethik in der Humangenetik-Debatte - Zu Jürgen Habermas:

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2003, 43 Pages
Author: Eike Freese
Subject: Philosophy - Practical (Ethics, Aesthetics, Culture, Nature, Right, ...)

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2003
Pages: 43
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 15 Literaturquellen  Entries
Language: German
Archive No.: V74289
ISBN (E-book): 978-3-638-69041-6
ISBN (Book): 978-3-638-77667-7
File size: 238 KB

Abstract

In der Bioethik-Debatte kann der Philosophie, neben anderen Disziplinen, die wichtige Aufgabe zukommen, unausgesprochene Vorurteile, schwer lokalisierbare Ängste und verheißungsvolle Zukunftsphantasien auf ihre Herkunft, Bedeutung und Berechtigung zu überprüfen. Wenn sie diese Erkenntnisse erfolgreich vermittelt, leistet sie einen wertvollen Beitrag zur demokratischen Kultur, indem sie die zwangsläufig von Eliten diverser Art gefällten Entscheidungen über den weiteren Fortgang der Gentechnik für alle durchschaubar macht – bei einem Thema, das eines Tages alle angehen wird. In seinem Aufsatz „Die Zukunft der menschlichen Natur“ versucht Jürgen Habermas genau dies zu leisten: Die Debatte um die Bioethik auf ein rationales Fundament zu stellen und Begründungsmuster diesseits von Religion und Metaphysik zu entwickeln, mit denen sich eine Haltung finden lässt gegenüber der Gentechnik mit all ihren Verheißungen und Bedrohungen. Habermas will zeigen, inwiefern die Gentechnik an sich unser heutiges Selbstverständnis und Moralempfinden in Frage stellt und wo ihre Bedrohung jenseits des medizinischen Risikos liegt: Dass Autonomie und Freiheit des Menschen auf dem Spiel stehen. Nach einer skizzenhaften Einleitung in den Gegenstand der ethisch problematischen Technologien der Humangenetik (II.) sollen zunächst grundlegende Voraussetzungen, Eigenschaften und das Verfahren der von Habermas vertretenen Diskursethik dargestellt werden (III.). Im Folgenden (IV.) wird nachvollzogen, inwiefern Habermas durch die Anwendung der neueren eugenischen Techniken den egalitären Universalismus als solchen bedroht sieht – und wie seine Bewertungen und Empfehlungen für eine zukünftige eugenische Praxis zu verstehen sind. Seine Argumentation wird abschließend einer kritischen Prüfung unterzogen (V.), wobei Habermas’ eigener Anspruch im Vordergrund stehen soll: Der, eine universal vermittelbare, säkulare, verpflichtende, rational einsichtige, nachmetaphysische und nicht-tabuisierende Beurteilung des Problems zu finden. Jürgen Habermas muss, als Vertreter des kommunikativen Handelns, in dieser Debatte einen Weg einschlagen, der auf Verständigung ausgerichtet ist: Sein Ziel kann es nicht sein, moralische Richtigkeit einfach zu deklamieren – er will mit Gründen zeigen, wo genau ein Konsens möglich wird.


Excerpt (computer-generated)

Eberhard – Karls – Universität Tübingen, Philosophisches Seminar
Hauptseminar: Die Moralisierung der menschlichen Natur
Wintersemester 2002 / 2003

Habermas′ Diskursethik in der Humangenetik-Debatte
Zu Jürgen Habermas: „Die Zukunft der menschlichen Natur“

von

Eike Freese

 


Inhalt

I. Einleitung 3

II. Ethische Problemstellungen der Gentechnologie und die habermassche Perspektive 5

a) Neuere problematische Möglichkeiten der Gentechnologie 6
b) Differenzierungsschwierigkeiten: Negative und positive Eugenik. Wann beginnt Eugenik? 7
c) Ausgewählte ethische und politische Problemfelder der Eugenik 9
d) Habermas’ Fragestellung und sein Argumentationsziel 11

III. Habermas’ Theorie der Moral: Grundzüge der Diskursethik 12

a) Pragmatische, ethische und moralische Diskurse 12
b) Formalistische statt substanzialistische Moraltheorie: Moral als Verfahrensbegriff 17
c) Konsenstheorie der Wahrheit und linguistisch geprägte Moral 18
d) Kognitivistische Moraltheorie 21
e) Kommunikatives Handeln: Die Ordnung des moralischen Diskurses 23

IV. Die Zukunft der menschlichen Natur 26

a) Moralisierung der menschlichen Natur 26
b) Die Diskursethik als formale und inhaltliche Argumentationsgrundlage 27
c) Das Fremdbestimmungsargument: Fragwürdige Mitautorschaft über ein fremdes Leben 29
d) Das Asymmetrie-Argument: Verstetigung der Abhängigkeit zwischen Generationen 31
e) Die gattungsethische Frage 32
f) Eugenik als kommunikatives Handeln 35
g) Argumentation an „vorgezogener Front“ 36

V. Habermas an Habermas gemessen: Grenzen seiner Argumentation 38

VI. Schluss 41

VII. Literatur 43




 

I. Einleitung

In der Bioethik-Debatte kann der Philosophie, neben anderen Disziplinen, die wichtige Aufgabe zukommen, unausgesprochene Vorurteile, schwer lokalisierbare Ängste und verheißungsvolle Zukunftsphantasien auf ihre Herkunft, Bedeutung und Berechtigung zu überprüfen. Wenn sie diese Erkenntnisse erfolgreich vermittelt, leistet sie einen wertvollen Beitrag zur demokratischen Kultur, indem sie die zwangsläufig von Eliten diverser Art gefällten Entscheidungen über den weiteren Fortgang der Gentechnik für alle durchschaubar macht – bei einem Thema, das eines Tages alle angehen wird.

In seinem Aufsatz „Die Zukunft der menschlichen Natur“ versucht Jürgen Habermas genau dies zu leisten: Die Debatte um die Bioethik auf ein rationales Fundament zu stellen und Begründungsmuster diesseits von Religion und Metaphysik zu entwickeln, mit denen sich eine Haltung finden lässt gegenüber der Gentechnik mit all ihren Verheißungen und Bedrohungen. Habermas will zeigen, inwiefern die Gentechnik an sich unser heutiges Selbstverständnis und Moralempfinden in Frage stellt und wo ihre Bedrohung jenseits des medizinischen Risikos liegt: Dass Autonomie und Freiheit des Menschen auf dem Spiel stehen. Die Diskursethik, sein „Begründungsprogramm der Moral in einer modernen Zeit“, stellt dabei, als für Habermas grundlegende Rekonstruktion dessen, was moralisch ist, den Maßstab dar, an dem sich die künftige Anwendung der Gentechnologien messen lassen muss. Als moralisch darf nur das gelten, was unter den Verfahrensbedingungen der Diskursethik als „gerecht“ ermittelt wurde. Aber was, wenn das, was zur Diskussion steht, gerade diese Bedingungen torpediert? Nach einer skizzenhaften Einleitung in den Gegenstand der ethisch problematischen Technologien der Humangenetik (II.) sollen zunächst grundlegende Voraussetzungen, Eigenschaften und das Verfahren der von Habermas vertretenen Diskursethik dargestellt werden (III.). Im Folgenden (IV.) wird nachvollzogen, inwiefern Habermas durch die Anwendung der neueren eugenischen Techniken den egalitären Universalismus als solchen bedroht sieht – und wie seine Bewertungen und Empfehlungen für eine zukünftige eugenische Praxis zu verstehen sind. Seine Argumentation wird abschließend einer kritischen Prüfung unterzogen (V.), wobei Habermas’ eigener Anspruch im Vordergrund stehen soll: Der, eine universal vermittelbare, säkulare, verpflichtende, rational einsichtige, nachmetaphysische und nicht-tabuisierende Beurteilung des Problems zu finden.

Futuristen und Konservative, Glückssucher und Schwerkranke, auch Wirtschaft und Kirche liefern sich auf dem Feld der Bioethik erbitterte Gefechte mit größtenteils legitimen Ansprüchen. Jürgen Habermas muss, als Vertreter des kommunikativen Handelns, in dieser Debatte einen Weg einschlagen, der auf Verständigung ausgerichtet ist: Sein Ziel kann es nicht sein, moralische Richtigkeit einfach zu deklamieren – er will mit Gründen zeigen, wo genau ein Konsens möglich wird.

II. Ethische Problemstellungen der Gentechnologie und die habermassche Perspektive

„Heute sieht sich das allgemeine Publikum der Staatsbürger mit Fragen konfrontiert, deren moralisches Gewicht weit über die Substanz der üblichen politischen Streitgegenstände hinausreicht.“1

Habermas stellt fest, dass die Fortschritte in Biowissenschaften und –technologie Möglichkeiten und Gefahren bergen, die einer Regelung bedürfen. Die Frage nun, die ihn umtreibt und zu einem eigenen Standpunkt führt, ist: Aufgrund welcher Kriterien lässt sich die Regelung gegenwärtiger und künftiger Forschungs- und Anwendungspraxis der Gentechnologie bewerkstelligen? Was sind die überindividuell gültigen Argumente, die in einer pluralistischen, postmetaphysischen Ära eine moralische Beurteilung eugenischer Wissenschaft und Technik erlauben?

Für Habermas muss darum vor allem geklärt werden, inwiefern erstens die technischen und wissenschaftlichen Fortschritte in der Biomedizin überhaupt den Bereich der menschlichen Moral betreffen, also Fragen des gerechten Lebens sind, die somit intersubjektiv, überindividuell verbindlich beantwortet werden müssen. Zweitens stellt Habermas die Frage in den Raum, ob nicht, vor dem Hintergrund einer langfristig möglichen Selbstveränderung der „menschlichen Natur“, die Philosophie Standpunkte einer sogenannten „Gattungsethik“ formulieren sollte, die auch inhaltliche Aspekte aufweist. Bedarf möglicherweise die menschliche Natur an sich eines fürsprechenden Schutzes durch die Philosophie?

a) Neuere problematische Möglichkeiten der Gentechnologie

Habermas rückt vor allem drei Aspekte des biotechnologischen Fortschritts ins Zentrum des Interesses, Aspekte, die neue ethische und moralische Fragen aufwerfen und deren normative Bewertung heute umstritten ist.

- Präimplantationsdiagnostik (PID)2: Im Unterschied zur pränatalen Diagnostik, die seit längerem möglich ist, erlaubt es die Präimplantationsdiagnostik, Embryonen in einem äußerst frühen Stadium der Entwicklung genetisch zu untersuchen und erst dann darüber zu entscheiden, ob sie dem Mutterleib zur weiteren Entwicklung und Geburt eingepflanzt werden. Im Falle prognostizierter schwerer Missbildungen des Kindes kann so das Risiko einer Abtreibung und ihrer Folgen vermieden werden. Der problematische Aspekt dieser Praxis ist natürlich der Begriff der Selektion (mit all seinen positiven und negativen Konnotationen): Aufgrund welcher Kriterien wird über das Ja oder Nein der zukünftigen Entwicklung des Kindes entschieden? Wer gehört zur Gruppe der Entscheider? Welche Rechte kommen möglicherweise einer solch frühen Form menschlichen Lebens zu? Welche Einstellung dem Wert menschlichen Lebens kommt durch eine solche Praxis zum Vorschein und wird durch sie möglicherweise verstärkt?
Anzumerken ist, dass es auch bei der Pränataldiagnostik zu einer Selektion kommen kann: Dann nämlich, wenn sich die Eltern nach festgestellter Fehlbildung des Ungeborenen im Mutterleib zu einer Abtreibung entschließen – aus welchen Gründen auch immer.

- Organzüchtung und Verwendung embryonaler Stammzellen: Mit dem Aspekt der Organzüchtung ist die Möglichkeit angesprochen, aus totipotenten Zellen, also embryonalen Stammzellen, neue Gewebe vornehmlich für die Transplantationschirurgie, also als Organersatz für bereits lebende Patienten zu gewinnen. Auch hier rückt das Problem in den Vordergrund, welche Rechte dem Menschen in diesem frühen Stadium seiner Entwicklung zugesprochen werden können, mit anderen Worten auch, zu welchem Zeitpunkt überhaupt von einem Menschen mit einem spezifischen Rechtsanspruch gesprochen werden sollte. Im dem Falle, dass embryonale Stammzellen nicht einfach als „Material“ für spätere Verwendung in anderen menschlichen Körpern oder zu Forschungszwecken betrachtet werden, stellt sich darauffolgend die Frage, ob und unter welchen Umständen eine solche Verwendung und Forschung dennoch als gerechtfertigt gelten darf.

[...]


1 HABERMAS, Jürgen: Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik? Frankfurt/ Main 2001. S. 35.

2 international „PGD“


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