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Generelle Aspekte einer Rhetorik der Stammesgesellschaften

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2002, 25 Pages
Author: Eike Freese
Subject: Rhetoric / Elocution / Oratory

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2002
Pages: 25
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 12 Literaturquellen  Entries
Language: German
Archive No.: V74290
ISBN (E-book): 978-3-638-69042-3
ISBN (Book): 978-3-638-77666-0
File size: 165 KB

Abstract

Eine Analyse der Rhetorik der Stammesgesellschaften liefert im Idealfall nicht nur Aufschlüsse über die gegenwärtige Redepraxis, die uns in fremden Kulturen begegnet, sondern verschafft Einblicke in die Formen der Kommunikation, die in einer prähistorischen Vergangenheit vorherrschten: Einer Zeit, als die Schrift noch nicht das Selbst- und Weltbild des Menschen unwiderruflich veränderte, als ein Begriff von Wissenschaft noch nicht existierte, als die sozialen Ungleichheiten sich noch auf einfache Aufgabenteilung nach Geschlecht und Alter beschränkten und es das Individuum nach modernem Verständnis noch nicht gab. Der von der Kulturanthropologie gebrauchte evolutionäre Ansatz kann uns helfen, den Forschungsgegenstand sinnvoll einzugrenzen. Dieses Modell, das vornehmlich dazu benutzt wird, „kulturübergreifende Gleichheiten zwischen Gesellschaften hervorzuheben“, geht davon aus, dass die adaptiven Verfahren, derer sich eine Gesellschaft zu ihrer Reproduktion bedient, in Verbindung mit ihrer Umwelt maßgeblich zur Ausbildung ganz charakteristischer sozialer, politischer, und kultureller Strukturen führen. Im Allgemeinen werden vier Hauptgruppen adaptiver Strategien beobachtet: 1. Wildbeutertum (Jagen und Sammeln, Fischerei) 2. Niederer Bodenbau (Sesshaftigkeit, Gartenbau mit einfachsten Werkzeugen) 3. Höherer Bodenbau (Ackerbau mit Pflug, Rad, Bewässerung) 4. Industrialismus (Nutzung von Maschinen) Diese Reihe adaptiver Strategien folgt der generellen Evolution der Menschheit in den Industrieländern. Aus dieser Perspektive ist es erlaubt, zeitgenössische Stammesgesellschaften als quasi „prähistorisch“ zu betrachten: Behutsame Interpretation ihrer Lebensweise kann zusammen mit archäologischem Wissen zu einem konkreteren Bild des vorzeitlichen Menschen führen. Da generelle Aspekte der Rhetorik dieser Kulturen das Thema der Arbeit sind, werden nur ausgewählte Aspekte (und bei weitem nicht alle) behandelt, die auch tatsächlich generalisierbar sind. Am Ende sollen Aspekte einer „idealtypischen“ traditionalen Gesellschaft benannt sein, von der sich real existierende traditionale Gesellschaften möglicherweise in Einzelpunkten unterscheiden. Die Beispiele aus der Feldforschung aber sollen das vorgeschlagene Modell unterstützen. Wichtig ist auch, alle diese allgemeinen Charakteristika einer traditionalen Gesellschaft als Tendenzen zu verstehen, die sich um so mehr verflüchtigen, je weiter jene im „evolutionären Kontinuum“ fortgeschritten ist.


Excerpt (computer-generated)

Eberhard – Karls – Universität Tübingen, Seminar für Allgemeine Rhetorik
Hauptseminar: Grundfragen der rhetorischen Anthropologie
Wintersemester 2001 / 2002

Generelle Aspekte einer Rhetorik der Stammesgesellschaften

von

Eike Freese

 


Inhalt

I. Einleitung 3

II. Soziokulturelle Aspekte und Formierung des „rhetorischen Raums“ 6

a) Lebensverhältnisse und Wirtschaftsform 6
b) Sozialordnung 7
c) Nichtformalisiertes Recht 9
d) Die Bedeutung der Magie 10
e) Kultur des Mythos 11
f) Primäre Oralität 12

III. Beispiele aus der Feldforschung 14

a) Politische Entscheidungsfindung bei den Hamar – das osh 14
b) Formalsprache: Die Merina auf Madagaskar 16
c) Alltagskommunikation bei den Hamar 18

IV. Generelle Aspekte einer Rhetorik der Stammesgesellschaften 19

a) Ars 19
b) Artifex 21
c) Opus 22

V. Schluss 23

VI. Literatur 25



 

I. Einleitung

Eine Analyse der Rhetorik der Stammesgesellschaften liefert im Idealfall nicht nur Aufschlüsse über die gegenwärtige Redepraxis, die uns in fremden Kulturen begegnet, sondern verschafft Einblicke in die Formen der Kommunikation, die in einer prähistorischen Vergangenheit vorherrschten: Einer Zeit, als die Schrift noch nicht das Selbst- und Weltbild des Menschen unwiderruflich veränderte, als ein Begriff von Wissenschaft noch nicht existierte, als die sozialen Ungleichheiten sich noch auf einfache Aufgabenteilung nach Geschlecht und Alter beschränkten und es das Individuum nach modernem Verständnis noch nicht gab.

Die Benennung des Untersuchungsgegenstandes „traditionale Gesellschaften“ oder „Stammesgesellschaften“ ist dabei zwangsläufig unscharf. Auf welchen Aspekt der jeweiligen Kultur beziehen sie sich? Spielen traditionale Elemente nicht auch in modernen Industriegesellschaften ihre Rolle? Sind uns manche gegenwärtige Stammesgesellschaften nicht kulturell „näher“ als die hochkomplex in Staaten organisierten Gesellschaften der frühen Hochkulturen?

Die von der Kulturanthropologie gebrauchte evolutionäre Ansatz kann uns helfen, den Forschungsgegenstand sinnvoll einzugrenzen. Dieses Modell, das vornehmlich dazu benutzt wird, „kulturübergreifende Gleichheiten zwischen Gesellschaften hervorzuheben“1, geht davon aus, dass die adaptiven Verfahren, derer sich eine Gesellschaft zu ihrer Reproduktion bedient, in Verbindung mit ihrer Umwelt maßgeblich zur Ausbildung ganz charakteristischer sozialer, politischer, und kultureller Strukturen führen. Im Allgemeinen werden vier Hauptgruppen adaptiver Strategien beobachtet:

1. Wildbeutertum (Jagen und Sammeln, Fischerei)
2. Niederer Bodenbau (Sesshaftigkeit, Gartenbau mit einfachsten Werkzeugen)
3. Höherer Bodenbau (Ackerbau mit Pflug, Rad, Bewässerung)
4. Industrialismus (Nutzung von Maschinen)2

Diese Reihe adaptiver Strategien folgt der generellen Evolution der Menschheit in den Industrieländern. Aus dieser Perspektive ist es erlaubt, zeitgenössische Stammesgesellschaften als quasi „prähistorisch“ zu betrachten: Behutsame Interpretation ihrer Lebensweise kann zusammen mit archäologischem Wissen zu einem konkreteren Bild des vorzeitlichen Menschen führen.

Wie oben beschrieben gehen mit der adaptiven Strategie ganz spezielle Charakteristika der jeweiligen Gesellschaft in Sozialstruktur, politischer Organisation, Kultur und Verhalten einher. So sind beispielsweise Wildbeuter im Allgemeinen in lockeren Horden, Gartenbauer in Stämmen, Ackerbauern und moderne Gesellschaften in Staaten mit Zentralgewalt organisiert. Für eine Untersuchung genereller Aspekte einer Rhetorik der Stammesgesellschaften bzw. einer Rhetorik traditionaler Gesellschaften (quasi einer Rhetorik der Prähistorie) ist es daher sinnvoll, die Untersuchung auf Wildbeuter und Gartenbauer zu begrenzen. Die nicht unerheblichen Gemeinsamkeiten dieser Kulturen sollen im Folgenden im Hinblick auf die Rhetorik herausgearbeitet werden.

Da generelle Aspekte der Rhetorik dieser Kulturen das Thema der Arbeit sind, werden nur ausgewählte Aspekte (und bei weitem nicht alle) behandelt, die auch tatsächlich generalisierbar sind. Am Ende sollen Aspekte einer „idealtypischen“ traditionalen Gesellschaft benannt sein, von der sich real existierende traditionale Gesellschaften möglicherweise in Einzelpunkten unterscheiden. Die Beispiele aus der Feldforschung aber sollen das vorgeschlagene Modell unterstützen. Wichtig ist auch, alle diese allgemeinen Charakteristika einer traditionalen Gesellschaft als Tendenzen zu verstehen, die sich um so mehr verflüchtigen, je weiter jene im „evolutionären Kontinuum“ fortgeschritten ist.

II. Soziokulturelle Aspekte und Formierung des „rhetorischen Raums“

[...]


1 VIVELO, F.R.: Handbuch der Kulturanthropologie. Stuttgart, 1981. S. 63

2 VIVELO, S. 60.


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