Religion treibt die Entzweiung des Menschen mit sich voran. Feuerbach fordert den progressiven Rückschritt, die Überwindung der Religion und damit die Überwindung der Entzweiung des Menschen. Marx lehnt sich an Feuerbach an, geht aber über ihn hinaus. Er glaubt, dass die anthropologische Reduktion, das heißt die Rücknahme der Projektion auf Gott, zu einer Enttäuschung führen würde, da sich das Diesseits des Menschen nicht verändert hat. Dieses Diesseits fordert in seinem Zustand die Schaffung eines Jenseits, die Schaffung Gottes. Marx glaubt an die Lösung des Problems durch die Revolution, die Aufhebung der Klassengesellschaft. Er fordert also die Schaffung eines neuen Diesseits, in dem keine Projektion mehr notwendig ist. Sartre, der behauptete, die Existenz des Menschen gehe der Essenz, dem was der Mensch werden soll, voraus, bildet wohl den auffallendsten Gegenpol zur kirchlichen Lehre, die den „Gregorius“ prägt.
Dies alles erwähne ich, um der Gottesfrage, beziehungsweise der Gnade Gottes, die im Werk Hartmanns eine zentrale Rolle spielt, nicht mit blindem Religionseifer zu begegnen. Des weiteren, um auf die Frage nach der Freiheit des Menschen, die, meiner Meinung nach, bereits im Gregorius- Prolog zu beschränkt dargestellt wird, das Augenmerk zu legen.
In diesem Einstieg lag mir daran, die Aktualität des Gregorius- Motivs darzulegen und auf die mir am wichtigsten erscheinen Fragen, die der Stoff aufwirft, einzugehen.
Inhaltsverzeichnis
1. DIE AKTUALITÄT DES „GREGORIUS“ - STOFFES
2. DIE ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DES „GREGORIUS“
2.1. DIE GESCHICHTE VOM GUTEN SÜNDER
2.2. DIE KONTAKTAUFNAHME MIT DEM PUBLIKUM
2.3 DER FREIE WILLE DES MENSCHEN
2.4. DAS VERSTÄNDNIS DER SÜNDE ZUR ZEIT HARTMANNS
2.5. DIE SÜNDE, DER ZWEIFEL UND DIE GÖTTLICHE GNADE
2.6 DAS ZWEI – WEGE - MOTIV
2.7. DAS SAMARITER - GLEICHNIS
2.8 VERTRAUEN UND ZWEIFEL
2.9 DIE LEHRE FÜR DAS PUBLIKUM
3. DER PROLOG - EIN AUFRUF ZUM KREUZZUG?
4. LITERATURVERZEICHNIS
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Prolog von Hartmanns von Aue „Gregorius“ unter besonderer Berücksichtigung der darin vermittelten Heilslehre, des Sündenverständnisses sowie der Aufforderung zur Buße. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert sich darauf, wie der Autor durch die rhetorische Gestaltung des Prologs und die Verwendung der Samariterallegorie das Publikum zu einer Änderung der Glaubenshaltung motivieren möchte und inwiefern der Text als eine politische Mobilisation zur Bekehrung interpretiert werden kann.
- Aktualität des Gregorius-Stoffes und seine Rezeptionsgeschichte
- Die Rolle von Schuld, Gnade und göttlicher Vorherbestimmung
- Hartmanns rhetorische Strategien zur Kontaktaufnahme mit dem Publikum
- Das Konzept des Zwei-Wege-Motivs und die Samariterallegorie
- Kritische Analyse des Prologs als Aufruf zum geistlichen Handeln
Auszug aus dem Buch
2.2. Die Kontaktaufnahme mit dem Publikum
Der Prolog des Gregorius nimmt allein durch seine Länge eine Sonderstellung ein. Er orientiert sich an der rhetorischen Schultradition. Hartmann versucht hier, die Aufmerksamkeit und Wohlgesonnenheit der Hörer zu wecken. Der Prolog gibt dem mittelalterlichen Autor am ehesten die Möglichkeit, seine Sicht der Dinge darzulegen und die Erzählung zu deuten. Mit 176 Versen ist der Gregorius- Prolog, in Relation zum Gesamtumfang des Werkes, der längste der hochhöfischen, mittelhochdeutschen Epik. Hartmann eröffnet ihn mit einem Zugeständnis. Mit Reue bekennt er, sein Herz habe zu oft die Macht über seine Zunge gewonnen und sich nach dem Lohn der Welt gerichtet. Vorerst möchte man meinen, dass der, welcher mit dem Herzen spricht, sich in voller Wahrheit äußert. Erinnert man sich an die Zeit der Romantik, so ist die Sprache des Herzens das Wahrhafte. Doch in Vers drei und vier stellt sich heraus, dass Hartman mit diesen Worten Anerkennung, Lob und, wie es Kippenberg ausdrückt, den Beifall der Welt (S.5. Vers 4) suchte. Hartmanns Worte verfolgten also einen Zweck, entsprangen nicht aus tiefster, eigener Überzeugung, sondern waren vielmehr nach außen orientiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. DIE AKTUALITÄT DES „GREGORIUS“ - STOFFES: Dieses Kapitel erörtert die Zeitlosigkeit der Gregorius-Legende und beleuchtet die Bedeutung von Schuld und göttlicher Gnade im Kontext der Literaturgeschichte.
2. DIE ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DES „GREGORIUS“: Hier wird der Entstehungshintergrund des Werkes analysiert, wobei Hartmanns Umgestaltung romanischer Vorlagen und die Mischung aus Legenden- und Romanelementen im Fokus stehen.
2.1. DIE GESCHICHTE VOM GUTEN SÜNDER: Es erfolgt eine Zusammenfassung der Handlung des Gregorius, um die zentralen Stationen des Sündenfalls, der Buße und der göttlichen Erwählung greifbar zu machen.
2.2. DIE KONTAKTAUFNAHME MIT DEM PUBLIKUM: Dieser Abschnitt analysiert die rhetorische Gestaltung des Prologs und wie Hartmann mittels persönlicher Bekenntnisse die Gunst der Zuhörer gewinnt.
2.3 DER FREIE WILLE DES MENSCHEN: Die Autorin reflektiert kritisch über das Spannungsfeld zwischen göttlicher Vorherbestimmung und menschlicher Willensfreiheit innerhalb der Welt Hartmanns.
2.4. DAS VERSTÄNDNIS DER SÜNDE ZUR ZEIT HARTMANNS: Es wird der theologische Hintergrund des Sündenbegriffs im frühen Mittelalter erläutert und auf die Unterscheidung zwischen bewusster und unbewusster Tat eingegangen.
2.5. DIE SÜNDE, DER ZWEIFEL UND DIE GÖTTLICHE GNADE: Dieses Kapitel untersucht, wie Hartmann durch den Verzicht auf Zweifel und den Glauben an Gottes Barmherzigkeit die Heilung und Vergebung für den Sünder begründet.
2.6 DAS ZWEI – WEGE - MOTIV: Die Analyse konzentriert sich auf die Gegenüberstellung des bequemen, aber verderblichen Weges und des beschwerlichen Weges zur Erlösung.
2.7. DAS SAMARITER - GLEICHNIS: Der Abschnitt interpretiert die Samariterallegorie als zentrales Exempel für den Heilsweg des Sünders durch Gottes Gnade.
2.8 VERTRAUEN UND ZWEIFEL: Hier wird der Stellenwert des unbedingten Vertrauens in Gott im Vergleich zu kritischem Denken und Zweifeln diskutiert.
2.9 DIE LEHRE FÜR DAS PUBLIKUM: Das Kapitel schließt die Interpretation des Prologs ab, indem es die Vorbildfunktion der Geschichte und Hartmanns Motivation als Dichter zusammenfasst.
3. DER PROLOG - EIN AUFRUF ZUM KREUZZUG?: Die Arbeit mündet in einer kritischen Betrachtung, ob der Prolog als ein politisch motiviertes Mobilisierungsinstrument zur Bekehrung und zum Aufruf zum Kreuzzug zu verstehen ist.
Schlüsselwörter
Gregorius, Hartmann von Aue, Prolog, Sünde, Buße, Gnade, Samaritergleichnis, Heilsgeschichte, Mittelalter, Literaturwissenschaft, Zwei-Wege-Motiv, christliche Ethik, Vorbildfunktion, Glaube, Erlösung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet eine literaturwissenschaftliche Interpretation des Prologs zu Hartmanns von Aue „Gregorius“ und untersucht dessen theologische und rhetorische Tiefe.
Welche zentralen Themenfelder behandelt das Dokument?
Zu den zentralen Themen gehören das Sündenverständnis des Mittelalters, die Rolle der göttlichen Gnade, das Verhältnis von menschlichem Willen und göttlicher Führung sowie die Funktion des Erzählers im Prolog.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die didaktische Absicht des Autors aufzuzeigen, das mittelalterliche Publikum durch gezielte rhetorische Mittel zur Reue und Umkehr zu bewegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philologische Textanalyse des Prologs, gestützt auf fachwissenschaftliche Sekundärliteratur zu Hartmann von Aue und mittelalterlicher Theologie.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der einzelnen Motive des Prologs, insbesondere der Samariterallegorie, des Zwei-Wege-Motivs und des memento-mori-Motivs.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Gregorius-Stoff, Heilslehre, Bußverhalten, göttliche Barmherzigkeit und rhetorische Captatio benevolentiae beschreiben.
Wie bewertet die Autorin Hartmanns Darstellung der menschlichen Freiheit?
Die Autorin äußert Skepsis gegenüber der von Hartmann postulierten, stark eingeschränkten menschlichen Freiheit, da diese den Menschen auf ein marionettenhaftes Regelsystem reduziere.
Warum wird im Prolog der Vergleich mit dem Samariter gewählt?
Die Samariterallegorie dient als zentrales Exempel, um die menschliche Ohnmacht nach dem Sündenfall und die heilsbringende, rehabilitierende Gnade Gottes zu veranschaulichen.
Inwiefern sieht die Autorin den Prolog als politischen Text?
Im letzten Kapitel diskutiert die Autorin, dass Hartmanns Aufforderung zur Bekehrung und die klare Polarisierung zwischen Gut und Böse als Mobilisationsversuch gelesen werden kann, der politische Züge trägt.
- Quote paper
- Maria Schmid (Author), 2004, Zu: Hartmann von Aues "Gregorius", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/74641