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Termpaper, 2007, 19 Pages
Author: Christoph Sprich
Subject: Politics - Methods, Research
Details
Institution/College: University of Freiburg (Seminar für Wissenschaftliche Politik)
Tags: Alte, Konflikte, Neue, Formen, Milieubegriffe, Aussagekraft, Wahlforschung, Cleavage-Ansatz, Politische, Soziologie
Year: 2007
Pages: 19
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 12 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-72624-5
File size: 148 KB
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Abstract
Der Milieubegriff erlebte in der soziologischen Sozialstrukturforschung der 1980er Jahre ein Comeback unter dem Leitmodell der Lebensstilforschung als übergreifendes Konzept. Diesen neuen soziologischen Milieus werden zumindest teilweise ebenfalls klar zuzuordnende politische Orientierungen zugeschrieben. Zur Klärung der Frage, ob, und wenn inwiefern bestimmte neue Milieukonstruktionen in Deutschland Trägergruppen von politischen Orientierungen oder gar gesellschaftlichen Konfliktlinien darstellen könnten, wird im Folgenden zunächst der Cleavage-Ansatz und insbesondere sein Gruppenverständnis nochmals umrissen und um den darauf aufbauenden Milieu-Begriff nach Lepsius ergänzt. Im Folgenden sollen die Milieubegriffe von Michael Vester, Stefan Hradil, und dem Sinus Institut dargestellt werden und in einem abschließenden Schritt auf ihre Aussagekraft im Sinne einer politisierten Sozialstruktur bezogen werden. Berücksichtigung sollen dabei insbesondere die Bedingungen, die ein Konflikt erfüllen muss, um als Cleavage gelten zu können, sowie die Bedingungen, die demzufolge ein Milieu erfüllen muss, um als Ausdruck und Basis eines Cleavage gelten zu können. Leitthese soll dabei sein, dass nur ein theoretischer Milieubegriff, der die kulturelle und politische Homogenität als Grundbedingung zur Konstitution eines Milieus mit der Bedingung der Identität des Milieus als Gruppe in der Selbst- und Fremdwahrnehmung kombiniert, als Trägergruppe für ein Cleavage in Frage kommt.
Excerpt (computer-generated)
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Philosophische Fakultät
Seminar für Wissenschaftliche Politik, Grundkurs I: Politische Soziologie
Wintersemester 2006/2007, Hochschulsemester: 3
Alte Konflikte, Neue Formen -
Milieubegriffe und ihre Aussagekraft für Wahlforschung mit dem Cleavage-Ansatz
von
Christoph Sprich
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 2
1 Der Cleavage-Ansatz nach Lipset/Rokkan 4
1.1 Das Konzept 4
1.2 Sozialmoralische Milieus nach M. Rainer Lepsius 6
2 Der reine Lebensstil-/Lebensweltansatz 8
2.1 Der Millieu-Begriff nach Stefan Hradil 8
2.2 Die SINUS-Milieus als politische Zielgruppen 10
3 Gesellschaftlich-politische Milieus und Lager nach Michael Vester et. al 12
4 Eignung der Milieubegriffe zur Konstitution von Cleavage-Trägergruppen 15
Fazit 17
Literaturverzeichnis 18
Einleitung
Das Verhalten der Wähler in demokratischen Abstimmungen zu erklären, ist eines der zentralen Anliegen der politischen Soziologie. Dieses Erkenntnisinteresse ist nicht nur für ein wissenschaftliches Publikum attraktiv: Politiker, Parteien, die Medienöffentlichkeit, sie alle bewegt die Frage nach dem „Warum?“ hinter der Wahlentscheidung der Bürger. Ein viel beachteter Ansatz auf der Ebene des Parteiensystems ist der sogenannte „Cleavage“-Ansatz von Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan. Er erklärt das Entstehen der „westlichen“ Parteiensysteme aus den historischen Entwicklungen der Sozialstruktur in der Neuzeit heraus als in Institutionen und kulturelle Werte transformierte, tief greifende Interessengegensätze zwischen gesellschaftlichen Großgruppen, die sich bis zum Zeitpunkt der Untersuchung 1967 weitestgehend erhalten haben.1 Er gehört somit zu jenen genuin soziologischen Ansätzen, die versuchen, den Zusammenhang zwischen der Struktur soziodemographischer Merkmale, in diesem Fall Religion, Klasse, und Region, und Wahlverhalten herzustellen.2 Zur Erklärung der Ergebnisse aktueller Wahlen ist dabei neben dem bloßen Vorhandensein einer oder mehrerer historisch gewachsener Konfliktlinien besonders deren tatsächliches Wirken auf konkretes Wahlverhalten interessant. Somit rücken die Struktur, die Identität und die Funktion der gesellschaftlichen Großgruppe in den Mittelpunkt des Interesses. Basierend auf dem Cleavage-Ansatz hat M. Rainer Lepsius das Konzept der sozialmoralischen Milieus als nach außen abgegrenzte gesellschaftliche Gruppe entwickelt, mit deren Hilfe er die sozialen und politischen Spaltungslinien der Weimarer Republik verortet und erklärt.3
Es bedarf allerdings der Klärung, ob ein Ansatz, der Wahlen „idealtypisch als Zählappell der sozialen Großgruppen“4 auffasst, für die Wählerverteilung im Parteiensystem unserer Tage überhaupt noch Aussagekraft besitzt. Lepsius schreibt der Sozialstruktur der Bundesrepublik bis 1970 lediglich noch ein bedeutendes Cleavage zu, das zwischen Arbeit und Kapital, allerdings in anderer Form als vor dem 2. Weltkrieg.5 Empirische Studien weisen auf die abnehmende Zahl von „Trägern“, also Gruppenmitgliedern, der klassischen Cleavages Konfession sowie Arbeit/Kapital hin6, sozialmoralische Milieus als weltanschauliche Einheiten im Sinne Lepsius’ können als seit den 1950ern nicht mehr existent angesehen werden7, generell kann von einer Erosion homogener sozialer Milieus durch wachsende soziale Mobilität in jeglicher Hinsicht und damit von einer Schwächung des Zusammenhangs zwischen der Position in der Sozialstruktur und dem Wahlverhalten ausgegangen werden8. Haben Cleavages ihre Aussagekraft verloren?
Der Milieubegriff erlebte in der soziologischen Sozialstrukturforschung der 1980er Jahre ein Comeback unter dem Leitmodell der Lebensstilforschung als übergreifendes Konzept. Diesen neuen soziologischen Milieus werden zumindest teilweise ebenfalls klar zuzuordnende politische Orientierungen zugeschrieben. Zur Klärung der Frage, ob, und wenn inwiefern bestimmte neue Milieukonstruktionen in Deutschland Trägergruppen von politischen Orientierungen oder gar gesellschaftlichen Konfliktlinien darstellen könnten, wird im Folgenden zunächst der Cleavage-Ansatz und insbesondere sein Gruppenverständnis nochmals umrissen und um den darauf aufbauenden Milieu-Begriff nach Lepsius ergänzt. Im Folgenden sollen die Milieubegriffe von Michael Vester, Stefan Hradil, und dem Sinus Institut dargestellt werden und in einem abschließenden Schritt auf ihre Aussagekraft im Sinne einer politisierten Sozialstruktur bezogen werden. Berücksichtigung sollen dabei insbesondere die Bedingungen, die ein Konflikt erfüllen muss, um als Cleavage gelten zu können, sowie die Bedingungen, die demzufolge ein Milieu erfüllen muss, um als Ausdruck und Basis eines Cleavage gelten zu können. Leitthese soll dabei sein, dass nur ein theoretischer Milieubegriff, der die kulturelle und politische Homogenität als Grundbedingung zur Konstitution eines Milieus mit der Bedingung der Identität des Milieus als Gruppe in der Selbst- und Fremdwahrnehmung kombiniert, als Trägergruppe für ein Cleavage in Frage kommt.
1 Der Cleavage-Ansatz nach Lipset/Rokkan
1.1 Das Konzept
Der Cleavage-Ansatz von Lipset und Rokkan will das aktuelle Verhalten der Wählermassen aus der historischen Entwicklung der Sozialstruktur erklären. In ihrer historischen Analyse untersuchen sie die Entstehung der westlichen Parteiensysteme als Entwicklung der grundsätzlichen Wahlalternativen in einer Gesellschaft. Grundlage der Parteiensysteme bilden demzufolge so genannte „Cleavages“, tiefgreifende gesellschaftlich-weltanschauliche Konflikte, die zu Spaltungslinien und Gruppenbildung führen und unter bestimmten Bedingungen sich zu Parteien und Parteiensystemen stabilisieren.9 Das Vorgehen basiert auf einer Typologie möglicher Cleavage-Ursachen, die dann anhand der Klassifikation tatsächlicher Parteiensysteme mittels dieser Kriterien auf Existenz und Anwendbarkeit überprüft werden. So lassen sich die Unterschiede im voter alignment zwischen unterschiedlichen nationalen Parteiensysteme auf soziokulturelle Merkmale wie Region, Klasse und Religion, sowie auf politische Zugehörigkeit in so genannten „we“ versus „they“-Gruppen zurückführen.10
[...]
1 Vgl. Seymour Martin Lipset / Stein Rokkan: Cleavage Structures, Party Systems, and Voter Alignments. An Introduction, in: Dies. (Hrsg.): Party Systems and Voter Alignments. Cross-National Perspectives, New York / London 1967, S. 1-63.
2 Vgl. Harald Schoen: Soziologische Ansätze in der empirischen Wahlforschung, in: Jürgen W. Falter / Harald Schoen (Hrsg.): Handbuch Wahlforschung, Wiesbaden 2005, S. 135–185, hier S. 135-136.
3 Vgl.M. Rainer Lepsius: Parteiensystem und Sozialstruktur. Zum Problem der Demokratisierung der deutschen Gesellschaft, in: Wilhelm Abel / Knut Borchard / Hermann Kellenbenz / u. a. (Hrsg.): Wirtschaft, Geschichte und Wirtschaftsgeschichte. Festschrift zum 65. Geburtstag von Friedrich Lütge, Stuttgart 1966, S. 371-393.
4 Schoen: Soziologische Ansätze, S. 147.
5 Vgl. M. Rainer Lepsius: Demokratie in Deutschland: soziologisch-historische Konstellationsanalysen. Ausgewählte Aufsätze, Göttingen 1993, S. 151.
6 Vgl. Schoen: Soziologische Ansätze, S. 158-185.
7 Vgl. Werner Fuchs-Heinritz: Artikel „sozialmoralisches Milieu“, in: Ders. / Rüdiger Lautmann / u.a. (Hrsg.): Lexikon zur Soziologie, Opladen 31994, S.356.
8 Vgl. Schoen: Soziologische Ansätze, S. 155-156.
9 Vgl. Lipset / Rokkan: Cleavage Structures, S. 1-3.
10 Vgl. Ebd., S. 3.
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