1. Einleitung Wenn wir heute das Wort „Magier“ hören, assoziieren wir dies oftmals mit einem alten Mann mit einem langen weißen Bart, der zwar vielleicht etwas verwirrt ist, aber den Menschen im Grunde Gutes tun möchte. Der Begriff „Hexe“ andererseits ruft bei uns ein vollkommen unterschiedliches Bild hervor. Er wird häufig mit einem vollständig schwarz gekleideten alten Weib mit Warzen, einem Besen und einer Katze in Verbindung gebracht. Für den heutigen Leser von Christopher Marlowes Doctor Faustus bedeuten diese Stereotypen, dass er das Stück ganz anders lesen wird und eine andere Meinung darüber haben wird, ob Faustus nun ein Hexer oder ein Magier ist, als diejenigen die das Stück zur Zeit seiner Entstehung gesehen haben. In der Renaissance existierten diese Stereotypen noch lange nicht und die Vorstellungen von einer Hexe oder einem Magier wurden dadurch verkompliziert, dass man allgemein an die Existenz von Hexen glaubte und sie für eine Gefahr für die Gesellschaft hielt. In der vorliegenden Arbeit werde ich zunächst den Glauben und die Vorstellungen rund um sowohl Magie als auch Hexerei im Zeitalter der Renaissance detailliert untersuchen. Die Ergebnisse werden es mir ermöglichen, einige Richtlinien aufzustellen, die mit bei der Bewertung von Faustus und seinem Verhalten in Kapitel 4 behilflich sein werden.
Universität Mannheim, Anglistisches Seminar
Proseminar: „All the world’s a stage“
WS 2005/2006
Christopher Marlowes
Doktor Faustus - Magier oder Hexer?
von
Alexandra Nadler
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Magie im elisabethanischen Zeitalter 3
2.1 Neuplatonismus und okkulte Philosophie 3
2.2 Cornelius Agrippa 5
2.3 Magie wird zu Hexerei 6
3. Hexerei im elisabethanischen Zeitalter 8
4. Interpretation: Wie Doktor Faustus zum Hexer wird 11
4.1 Faustus’ Sehnsucht nach okkulter Philosophie 11
4.2 Faustus’ Weg in die Hexerei 14
4.3 Faustus’ Verdammung 16
5. Schlussbemerkung 19
6. Literaturverzeichnis 20
1. Einleitung
Wenn wir heute das Wort „Magier“ hören, assoziieren wir dies oftmals mit einem alten Mann mit einem langen weißen Bart, der zwar vielleicht etwas verwirrt ist, aber den Menschen im Grunde Gutes tun möchte. Der Begriff „Hexe“ andererseits ruft bei uns ein vollkommen unterschiedliches Bild hervor. Er wird häufig mit einem vollständig schwarz gekleideten alten Weib mit Warzen, einem Besen und einer Katze in Verbindung gebracht. Für den heutigen Leser von Christopher Marlowes Doctor Faustus bedeuten diese Stereotypen, dass er das Stück ganz anders lesen wird und eine andere Meinung darüber haben wird, ob Faustus nun ein Hexer oder ein Magier ist, als diejenigen die das Stück zur Zeit seiner Entstehung gesehen haben. In der Renaissance existierten diese Stereotypen noch lange nicht und die Vorstellungen von einer Hexe oder einem Magier wurden dadurch verkompliziert, dass man allgemein an die Existenz von Hexen glaubte und sie für eine Gefahr für die Gesellschaft hielt.
In der vorliegenden Arbeit werde ich zunächst den Glauben und die Vorstellungen rund um sowohl Magie als auch Hexerei im Zeitalter der Renaissance detailliert untersuchen. Die Ergebnisse werden es mir ermöglichen, einige Richtlinien aufzustellen, die mit bei der Bewertung von Faustus und seinem Verhalten in Kapitel 4 behilflich sein werden.
2. Magie im elisabethanischen Zeitalter
Während der Renaissance begann man in Europa damit, die Werke der Alten Griechen und Römer neu zu bewerten und fing deshalb an, anders über das eigene Leben zu denken. Es war auch die Epoche der Humanisten, die glaubten, dass Menschen durch ihre inneren Kräfte und ihre Rationalität die Welt verändern können. Viele Gelehrte wandten die Ideale des Humanismus auf die Magie an und erweiterten somit seine Definition. Die Neuplatonisten verbanden das jüdische Kabbala mit dem Christentum und glaubten, dass sie in speziellen Zeremonien Kontakt mit himmlischen Geistern aufnehmen könnten, die ihnen helfen würden die Welt zu verbessern. Der Glaube dieser Gelehrten, die auch als okkulte Philosophen bekannt wurden, bezieht sich auf eine Macht, die Doktor Faustus während des Stücks auszuüben versucht. In diesem Kapitel werde ich den Glauben der Neuplatonisten, insbesondere den des Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim, und die Bräuche der Magier untersuchen, um später zu entscheiden ob Faustus nach ihrem Glauben gelebt hat und sich deshalb den Titel eines Magiers verdient hat.
2.1 Neuplatonismus und okkulte Philosophie
Der Neuplatonismus ist eine moderne Bezeichnung für die spätantike philosophische Schule oder Strömung, die im 3. Jahrhundert aus dem Mittelplatonismus entstand und bis zum Ende der Antike im 6. Jahrhundert zahlreiche bedeutende Vertreter hervorbrachte.1 Dieser neue philosophische Okkult baut auf der Vorstellung der Humanisten auf, dass Menschen die Welt und sich selbst kontrollieren können. Im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert vertraten die Anhänger dieser philosophischen Magie die Ansicht, dass die Suche nach der Wahrheit nicht nur traditionellen religiösen, politischen oder intellektuellen Befugten zustehen sollte, sondern allen Menschen offen stehen sollte.
Sie glaubten auch, dass die Natur des Menschen perfektioniert werden könne und dass die Menschen die Pflicht hätten, die Welt um sich herum - so weit es ihnen mit Hilfe von Frömmigkeit und Liebe möglich ist - zu verbessern. Der entscheidende Unterschied zwischen dem Magier und anderen „Künstlern“ der Renaissance ist, dass die Okkultisten keinerlei Grenzen akzeptierten; sie verkündeten, dass der menschliche Verstand sich vollkommen mit sich selbst vereinen könne und dass Gott sie persönlich auserwählt habe, alle Spuren der Korruption in der menschlichen Gesellschaft zu beseitigen. Manche mögen behauptet haben auserwählt worden zu sein, doch andere glaubten wiederum, dass alle Menschen eine angeborene Kraft besäßen. Marsilio Ficino zum Beispiel war der Ansicht, dass der Wunsch des Menschen, Gott zu begegnen kein Gnadenakt war, sondern auf der freien Entscheidung jedes Einzelnen beruhte. Pico della Mirandola vertrat die Auffassung, dass, obwohl Gott die Menschen nach seinem eigenen Bild geschaffen habe, die Menschen das Potenzial das Gott ihnen gab erkennen müssen und danach handeln müssen.2
[...]
1 http://de.wikipedia.org/wiki/Neuplatonismus (25.7.06)
2 Mebane, John. Renaissance Magic and the Return of the Golden Age. S. 7-12
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