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Öffnung zur christlichen Welt oder Identitätsverlust? Die Rolle des Hofjudentums in der Frühen Neuzeit

Scholary Paper (Seminar), 2006, 25 Pages
Author: Julia Kulbarsch
Subject: History - 19. Century

Details

Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2006
Pages: 25
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 17  Entries
Language: German
Archive No.: V74992
ISBN (E-book): 978-3-638-80937-5
ISBN (Book): 978-3-638-81062-3
File size: 166 KB
Notes :
Laut Dozentin sei diese Arbeit außerordenlich gut.


Abstract

Der 4. Februar 1738 war für die Bevölkerung der württembergischen Residenzstadt Stuttgart ein erinnerungswürdiges Ereignis mit dem Charakter eines Volksfestes. An diesem Tag fand vor den Toren der Stadt eine spektakuläre Hinrichtung statt, die das Leben des wohl bekanntesten Hofjuden der Geschichte beendete. Joseph Ben Issachar Süßkind Oppenheim, besser bekannt als Joseph Süß Oppenheimer oder Jud Süß, wurde in einem extra für diesen Anlass geschmiedeten Käfig zur Abschreckung aufgehängt. Nur fünf Jahre war er am Hofe des Herzogs Karl Alexander von Württemberg tätig, bevor sein facettenreiches Leben beendet wurde. Weniger aufsehenerregend war das Leben von Leffmann Behrens. Vierzig Jahre diente er am Hof der hannoverschen Kurfürsten, ohne jemals in der Form in Erscheinung zu treten, wie Oppenheimer es ca. 40 Jahre später tat. Die beiden kurz vorgestellten Persönlichkeiten waren zwei von vielen Hofjuden, die in der frühen Neuzeit an deutschen Fürstenhöfen beschäftigt waren. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit stehen sie exemplarisch für die gesamte Hofjudenschaft, um die Fragen zu klären, welche Bedeutung das Hofjudentum in der frühen Neuzeit hatte, ob für diese Gesellschaftsschicht die Möglichkeit bestand, sich der christlichen Umwelt zu öffnen und ob die Situation der Hofjuden einen Identitätsverlust verursachte. Um dieser Frage nachzugehen, sollen zunächst im zweiten Teil der Arbeit die Begrifflichkeiten geklärt werden. Was bedeutet der Terminus `Hofjude`, welche Aufgaben standen im Vordergrund und in welchen historischen Kontext ist diese Gruppierung einzuordnen? Das dritte Kapitel stellt dann den biografischen Zugriff auf das Thema dar, indem die bereits angesprochenen Hofjuden Oppenheimer und Behrens vorgestellt werden und ihr religiöses Selbstverständnis in Bezug auf ihr Judesein untersucht wird. Im vierten Teil der Arbeit wird dann auf die Hofjudenschaft im Allgemeinen eingegangen, wobei zunächst die Begriffe Akkulturation und Assimilation kurz erläutert werden. Anschließend soll untersucht werden, ob Hofjuden sich in einem Akkulturations- oder Assimilationsprozess befunden haben und wie ihre Bindung zur nicht-jüdischen Welt aussah.


Excerpt (computer-generated)

Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg
Wintersemester 2005/06, Fachsemester: 07

Öffnung zur christlichen Welt oder Identitätsverlust?
Die Rolle des Hofjudentums in der Frühen Neuzeit

von

Julia Kulbarsch

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung  3

2. Begriffliche Annäherung 5

3. Biografischer Abriss einzelner Hofjuden  8

3.1 Joseph Süß Oppenheimer  8

3.1.1 Aufstieg und Fall - Das Leben Joseph Oppenheimers 8
3.1.2 Religiöses Selbstverständnis Oppenheimers  10

3.2 Leffman Behrens 12

3.2.1 Biografische Aspekte und Tätigkeit des Leffmann Behrens 13
3.2.2 Religiöses Selbstverständnis Behrens  15

4. Akkulturation oder Assimilation? Hofjuden und ihr christliches Umfeld 17

4.1 Begriffsdefinitionen 17
4.2 Hofjuden im christlichen Umfeld 18

5. Schlussbetrachtung 21

Literaturverzeichnis  24




 

1. Einleitung

Der 4. Februar 1738 war für die Bevölkerung der württembergischen Residenzstadt Stuttgart ein erinnerungswürdiges Ereignis mit dem Charakter eines Volksfestes. An diesem Tag fand vor den Toren der Stadt eine spektakuläre Hinrichtung statt, die das Leben des wohl bekanntesten Hofjuden der Geschichte beendete. Joseph Ben Issachar Süßkind Oppenheim, besser bekannt als Joseph Süß Oppenheimer oder Jud Süß, wurde in einem extra für diesen Anlass geschmiedeten Käfig zur Abschreckung aufgehängt. Nur fünf Jahre war er am Hofe des Herzogs Karl Alexander von Württemberg tätig, bevor sein facettenreiches Leben beendet wurde.1 Weniger aufsehenerregend war das Leben von Leffmann Behrens. Vierzig Jahre diente er am Hof der hannoverschen Kurfürsten, ohne jemals in der Form in Erscheinung zu treten, wie Oppenheimer es ca. 40 Jahre später tat.2

Die beiden kurz vorgestellten Persönlichkeiten waren zwei von vielen Hofjuden, die in der frühen Neuzeit an deutschen Fürstenhöfen beschäftigt waren. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit stehen sie exemplarisch für die gesamte Hofjudenschaft, um die Fragen zu klären, welche Bedeutung das Hofjudentum in der frühen Neuzeit hatte, ob für diese Gesellschaftsschicht die Möglichkeit bestand, sich der christlichen Umwelt zu öffnen und ob die Situation der Hofjuden einen Identitätsverlust verursachte. Um dieser Frage nachzugehen sollen zunächst im zweiten Teil der Arbeit die Begrifflichkeiten geklärt werden. Was bedeutet der Terminus `Hofjude`, welche Aufgaben standen im Vordergrund und in welchen historischen Kontext ist diese Gruppierung einzuordnen? Das dritte Kapitel stellt dann den biografischen Zugriff auf das Thema dar, indem die bereits angesprochenen Hofjuden Oppenheimer und Behrens vorgestellt werden und ihr religiöses Selbstverständnis in Bezug auf ihr Judesein untersucht wird. Im vierten Teil der Arbeit wird dann auf die Hofjudenschaft im Allgemeinen eingegangen, wobei zunächst die Begriffe Akkulturation und Assimilation kurz erläutert werden. Anschließend soll untersucht werden, ob Hofjuden sich in einem Akkulturations- oder Assimilationsprozess befunden haben und wie ihre Bindung zur nicht-jüdischen Welt aussah.

Die vorliegenden Ausführungen stützen sich nicht auf ein Standardwerk zum Thema Hofjuden, da ein solches nicht vorliegt. Dennoch erschienen gerade in den letzten Jahren mehrere Aufsätze zur Thematik, so dass die Literaturlage recht umfassend ist. Neben sehr speziellen Beiträgen zum Hofjudentum gibt es in vielen Überblickswerken zur jüdischen Geschichte kurze Essays zur Materie.

Hilfreich ist hier das Buch “Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit. Band 1“ von Mordechai Breuer und Michael Graetz3 sowie Battenbergs „Die Juden in Deutschland vom 16. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts“4. Beide Werke liefern u.a. einen guten Überblick über das Thema Hofjuden. Der von Ries und Battenberg herausgegebene Band „Hofjuden - Ökonomie und Interkulturalität. Die jüdische Wirtschaftselite im 18. Jahrhundert“5 erschien im Rahmen eines Forschungsprojektes zum Thema der Akkulturation der jüdischen Wirtschaftselite und beinhaltet verschiedene spezielle Aufsätze zum Gegenstand.

Im Bereich der Monografien stellen die Bücher von Bernd Schedlitz6 über das Leben Leffmann Behrens sowie von Barbara Gerber7 und von Hellmut G. Haasis8 über Joseph Oppenheimer hilfreiche Werke dar.

2. Begriffliche Annäherung

Eine neue Definition nach Rotraud Ries, die in der Forschungsliteratur immer wieder zu lesen ist, bezeichnet den

“Terminus `Hofjuden` [...] als Oberbegriff für diejenigen Juden, die in einem
auf Kontinuität angelegten Dienstleistungsverhältnis zu einem höfisch
strukturierten Herrschaftszentrum standen”.9

Demnach stellt der Begriff “Hofjude” die Subsummierung verschiedenster Tätigkeiten dar, die von jüdischen Hofbediensteten in Auftrag genommen wurden. Hierunter fallen beispielsweise gewöhnliche Lieferungen oder Heereslieferungen, aber auch spezielle Aufgaben, wie die des Hofjuweliers und -bankiers. Ebenfalls diplomatische Verhandlungen finden sich in dem Aufgabenbereich eines Hoffaktoren.10 Vorraussetzung für die Tätigkeiten der Hoffaktoren war also die Existenz einer entsprechenden Institution - die Residenz eines Herrschers, der Hof. Um den finanziellen Verpflichtungen nachzukommen, die die feste Anstellung an den Hof mit sich brachte, war eine weitere wichtige Bedingung das Grundkapital, das die in Dienst genommenen Hofjuden mitzubringen hatten. Wohlstand war also weniger eine Folge des Daseins als Hofjude, sondern die Vorraussetzung.11 Da sich diese wirtschaftlichen Bedingungen erst im absolutistischen Zeitalter mit seiner merkantilistischen Handelspolitik herauskristallisierten, kann man im Allgemeinen von dem Beginn der Hofjudenära also erst ab dieser Epoche, um die Mitte des 17. Jahrhunderts sprechen.12

[...]


1 vgl.: Gay, Ruth: Geschichte der Juden in Deutschland. Von der Römerzeit bis zum zweiten Weltkrieg, München 1993, S. 91ff

2 vgl.: Marx, Albert: Geschichte der Juden in Niedersachsen, Hannover 1995, S. 76f

3 Breuer, Mordechai/ Graetz, Michael: Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit. Band I. Tradition und Aufklärung 1600 - 1780; in: Meyer, Michael A. (Hrsg.): Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit, München 1996

4 Battenberg, J. Friedrich: Die Juden in Deutschland vom 16. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, München 2001

5 Ries, Rotraud/Battenberg, Friedrich (Hrsg.): Hofjuden - Ökonomie und Interkulturalität. Die jüdische Wirtschaftselite im 18. Jahrhundert, Hamburg 2002

6 Schedlitz, Bernd: Leffmann Behrens. Untersuchungen zum Hofjudentum im Zeitalter des Absolutismus, Hildesheim 1984

7 Gerber, Barbara: Jud Süß. Aufstieg und Fall im frühen 18. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Historischen Antisemitismus- und Rezeptionsforschung, Hamburg 1990

8 Haasis, Hellmut G.: Joseph Süß Oppenheimer, genannt Jud Süß. Finanzier, Freidenker, Justizopfer, Hamburg 1998

9 Ries, Rotraud: Hofjuden - Funktionsträger des absolutistischen Territorialstaates und Teil der jüdischen Gesellschaft. Eine einführende Positionsbestimmung, in: Ries/Battenberg, S. 11 - 40; hier: S. 15f

10 vgl.: ebd.

11 vgl.: Grabherr, Eva: Hofjuden auf dem Lande und das Projekt der Moderne, in: Ries/Battenberg, S. 209 - 231; hier: S. 213f

12 vgl.: Klein, Birgit E.: „Hofjuden“ im Rheinland. Von Titeln und Privilegien, ihren Hintergründen und Folgen; in: Grübel, Monika/ Mölich, Georg (Hrsg.): Jüdisches Leben im Rheinland. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Köln/Weimar/Wien 2005, S. 46 - 78; hier: S. 46f


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