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'Don Karlos', eine Scheinfreundschaftstragödie - Ein Versuch den einheitsstiftenden Konflikt’ in Schillers „Don Karlos“ aufzudecken

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 42 Pages
Author: Dipl.-Volkswirt (BA) Oliver Heiden
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 42
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 19  Entries
Language: German
Archive No.: V74998
ISBN (E-book): 978-3-638-74323-5
ISBN (Book): 978-3-638-79525-8
File size: 463 KB
Notes :
Beurteilung des korrigierenden Professors: Eine perspektivreiche und doch den Kern des Stückes neu belebende Darstellung. (…) Schlüssig, überzeugend, umsichtig und von großem Engagement.


Abstract

„Worum geht es eigentlich in diesem ersten klassischen Drama Schillers?“ , so fragt Helmut Koopmann gleich am Anfang seiner Abhandlung von 1979 mit der Überschrift Don Karlos. Koopmann stellt damit eine berechtigte Frage, die so oder ähnlich seit mehr als 200 Jahren immer erneut gefragt und mehr oder weniger – eher weniger – überzeugend beantwortet wurde. Die vorliegende Arbeit nimmt sich nichts Geringeres vor, als dieser Frage abermals nachzugehen. Sie versucht den roten Faden, mit Schillers Worten „das geheime Räderwerk“ , in Don Karlos aufzudecken, das heißt das Moment, das die Einheit des Stückes bildet, von der sich alle Handlungen erklären lassen. Ein Unterfangen, das schon einige weisen Germanisten zum Scheitern verurteilt haben und das deshalb auch als anmaßend betrachtet werden kann. Zumindest hat es die Don Karlos-Forschung in der zweihundertjährigen Rezeptionsgeschichte nicht geschafft, sich auf einen Kompromiss zu einigen, den alle Kritiker mittragen könnten. Im Jahr 2005 – das dem „Dichter der Freiheit“ gewidmet durch eine Reihe von Veröffentlichungen die Debatte um das Drama wiederbelebte – zeigte sich zuletzt, wie sehr die Interpretationen des Dramas auseinander gehen und dass noch immer keine Schublade gefunden werden konnte, in die das Stück sich ohne Widerwillen hineinzwingen ließe.


Excerpt (computer-generated)

Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Germanistische Literaturwissenschaft

„Don Karlos“, eine Scheinfreundschaftstragödie -

ein Versuch den einheitsstiftenden Konflikt’ in Schillers „Don Karlos“ aufzudecken

Hausarbeit

 zum Hauptseminar: Schiller als Dramatiker
Sommersemester 2005

vorgelegt von:

Oliver Heiden

14/11. Fachsemester, Lehramt an Gymnasien
HF Deutsch (14.FS)
NF Sozialkunde (11.FS)
Jena, den 17.09.2006

 

 

Inhaltsangabe  2

1. Einleitung  3

2. Die Frage der Einheit  6

3. Widerlegungsversuch der üblichen Interpretationen  9
3.1 Das Familiendrama und die Spannung zwischen Privatem und Öffentlichem 9
3.1.1 Der Übergang vom Familiengemälde zum politischen Drama  12
3.2 Das politische Drama, das Ideendrama  15
3.2.1 Die Kritik des geistlich-totalitären Despotismus und des religiösen Dogmatismus  16
3.2.2 Die Rebellion und die Freiheitsideale Posas  19
3.2.3 Der Freiheitsidealismus  21
3.3 Die Liebestragödie  25
3.4 Das Charakterdrama  27
3.5 Das Freundschaftsdrama  29

4. Fazit  39

5. Literaturangabe  41

 

 

1. Einleitung

„Worum geht es eigentlich in diesem ersten klassischen Drama Schillers?“1, so fragt Helmut Koopmann gleich am Anfang seiner Abhandlung von 1979 mit der Überschrift Don Karlos. Koopmann stellt damit eine berechtigte Frage, die so oder ähnlich seit mehr als 200 Jahren immer erneut gefragt und mehr oder weniger – eher weniger – überzeugend beantwortet wurde. Auch Koopmann liefert in seinem Aufsatz von 1979 eine Antwort, wohlgemerkt auch eine unüberzeugende, die er knapp 20 Jahre später korrigiert.

Die vorliegende Arbeit nimmt sich nichts Geringeres vor, als dieser Frage abermals nachzugehen. Sie versucht den roten Faden, mit Schillers Worten „das geheime Räderwerk“2, in Don Karlos aufzudecken, das heißt das Moment, das die Einheit des Stückes bildet, von der sich alle Handlungen erklären lassen. Ein Unterfangen, das schon einige weisen Germanisten zum Scheitern verurteilt haben und das deshalb auch als anmaßend betrachtet werden kann. Zumindest hat es die Don Karlos-Forschung in der zweihundertjährigen Rezeptionsgeschichte nicht geschafft, sich auf einen Kompromiss zu einigen, den alle Kritiker mittragen könnten. Im Jahr 2005 – das dem „Dichter der Freiheit“ gewidmet durch eine Reihe von Veröffentlichungen die Debatte um das Drama wieder belebte – zeigte sich zuletzt, wie sehr die Interpretationen des Dramas auseinander gehen und dass noch immer keine Schublade gefunden werden konnte, in die das Stück sich ohne Widerwillen hineinzwingen ließe.3 Zudem hat auch Schiller selbst in seinen Briefen über Don Karlos auf die Frage nach der Einheit des Stückes verschiedene Antworten gegeben, die sich auf den ersten Blick nur schwer miteinander vereinbaren lassen.4

Der Versuch, das Drama unbedingt in eine Schublade zu zwingen, soll hier allerdings auch nicht unternommen werden. Dennoch besteht die Notwendigkeit, dem Stück eine zentrale Fragestellung abzugewinnen, welche sich über alle anderen Probleme des Stückes erhebt und somit die Einheit des Kunststückes gewährleistet. Denn ohne Einheit, also ohne eine zentrale Fragestellung, kann keine Rede von einem klassischen Kunstwerk sein.5 Von dieser These ausgehend soll zunächst kurz die Bedeutung der Einheit für das klassische Drama im Allgemeinen erleuchtet werden. Sodann wird der Versuch unternommen, Beweise dafür anzuführen, dass die geläufigen Interpretationsvorschläge nicht zufrieden stellend sind, weil sie an der zentralen Frage des Stückes vorbeigehen, die Einheit nicht erfassen. Unter Interpretationen und Rezensionen werden dabei Auslegungen verstanden, die versuchen, genau diese zentrale Fragestellung aufzudecken, von der aus alle Einzelheiten des Stückes verständlich werden im Sinne des „so und nicht anders“. Anschließend soll belegt werden, dass die Einheit des Stückes einzig allein auf die problematische Beziehung des Prinzen mit dem Marquis Posa zurückzuführen ist, die im Stück als Freundschaft definiert ist, de facto aber nicht die Kriterien einer Freundschaft erfüllt.

Sowohl bei der Kritik an bisherigen Interpretationen als auch bei der Beweisführung zur eigenen These soll der Text des Dramas am meisten ins Gewicht fallen, denn dieser muss von sich aus „alles enthalten (…), was zum Verständnis desselben dienet“.6 Dessen ungeachtet wird auf Schillers Briefe über Don Karlos ebenfalls zurückgegriffen. Schließlich werden auch Argumente fremder Auslegungen einfließen. Jedoch sollen sich im Zweifelsfall selbst Schillers Äußerungen der Souveränität seines Werkes unterwerfen.

Im Mittelpunkt der Auslegung soll also das Kunstwerk stehen und – soweit es geht – muss die Interpretation werkimmanent erfolgen, jede sekundäre Quelle kann dabei nur als Hilfsmittel betrachtet werden, wobei natürlich den Erklärungen des Verfassers vom Bauerbacher Entwurf bis zu den überarbeiteten Briefen über Don Karlos7 ein besonderer Stellenwert eingeräumt wird. Die vorliegende Arbeit bezieht sich auf die letzte vom Dichter autorisierte Fassung aus dem Jahre 1805, die sich in der Rezeptionsgeschichte als die wirkungsmächtigste herausgestellt hat.8

2. Die Frage der Einheit 

Das Drama untersteht seit Aristoteles und später von Horaz bestimmten Gesetzmäßigkeiten, die zu Schillers Zeiten für die deutsche Literatur noch eine elementare Referenz bedeuteten. Die poetischen Gesetze für die Tragödie sollten garantieren, dass das Publikum, in Furcht und Mitleid versetzt, den Prozess der Reinigung durchläuft und somit seiner sittlichen Vervollkommnung näher kommt; ein Ansatz, den, nicht zuletzt aufgrund der erzieherischen Absichten, Gottsched in die Lehre der sich entfaltenden deutschen Dramatik des 18. Jahrhunderts überführte. Die drei Aristotelischen Einheiten sind dabei die grundsätzlichsten der Gattungskriterien des klassischen Dramas, denn sie gewährleisten die Ganzheit des Sujets, ohne dessen Einheit würde das klassische Drama als Kunststück zerfallen. Horaz wiederholte in seiner ‚Ars Poetica’ den Einheitsanspruch an das Drama als höchste Forderung:

[....]


1 Koopmann (1979:87)

2 Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken? Bd. 8. S. 196. (Alle Literaturangaben ohne Verfasser und Titel beziehen sich auf die Ausgabe des Deutschen Klassiker-Verlages: Friedrich Schiller, Werke und Briefe in zwölf Bänden. Dann, O. (Hg.), Frankfurt am Main 1988-2004.)

3 Vgl. Mönig (2005), Piedmont (2005), Luserke-Jaqui (2005)

4 Vgl. Achter Brief über Don Karlos Bd.3 S.456 und Neunter Brief über Don Karlos Bd.3 S.458

5 Vgl. Punkt 2

6 Erster Brief über Don Karlos Bd.3 S.426

7 Im Rückgriff auf die Briefe über Don Karlos soll die Tatsache nicht in Vergessenheit geraten, dass sich jene nur auf die Fassungen vor 1788 beziehen können.

8 Vgl. Luserke-Jaqui (2005a:94)


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