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Termpaper, 2007, 23 Pages
Author: Vera Ohlendorf
Subject: Philosophy - Philosophy of the Present
Details
Tags: Willensschwäche, Konzeption, Richard, Hares
Year: 2007
Pages: 23
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 10 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-79790-0
ISBN (Book): 978-3-638-82259-6
File size: 176 KB
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Abstract
Mit dem Phänomen der Willensschwäche bzw. Handeln wider besseres Wissen ist wohl jeder in seiner alltäglichen Erfahrung schon einmal konfrontiert worden. Als „willensschwach“ bezeichnet man im Allgemeinen jemanden, der weiß bzw. zu wissen glaubt, was zu tun gut und richtig ist, es aber nicht tut, obwohl er es tun könnte. Philosophisch betrachtet wirft Willensschwäche damit eine Reihe von Problemen auf: Ist es überhaupt möglich (und wenn ja, wie ist es möglich?), eine Handlung als gut bzw. richtig zu beurteilen und diesem Urteil trotzdem entgegen zu handeln? Seit dem platonischen Sokrates ist Willensschwäche immer wieder Gegenstand philosophischer Untersuchungen. Sokrates hatte die Existenz des Phänomens im Ganzen zurückgewiesen, da man stets nach dem Guten strebe und das Wissen darum, was das Gute für einen selbst ist, sehr eng mit dem entsprechenden Handeln verknüpft sei. Nach Sokrates handelt jemand, der etwas Schlechtes tut, nicht dem eigenen besseren Wissen zuwider, sondern er handelt aus Unwissenheit. Der US-amerikanische Moralphilosoph Richard M. Hare nähert sich im Zuge seiner metaethischen Konzeption des universellen Präskriptivismus dem Problem der Willensschwäche. Er beschäftigt sich dabei mit einer Teilmenge der Phänomene, die unter diesem Begriff subsumiert werden, nämlich mit Fällen, in denen jemand scheinbar einem Moralurteil zustimmt, jedoch nicht diesem Moralurteil gemäß handelt. Da moralische Urteile aufgrund der in ihnen enthaltenen moralischen Wörter wie „sollen“, „gut“ usw. universell präskriptiv, also handlungsanleitend sind, folgt aus „sollen“ bei aufrichtiger Zustimmung zu einem Moralurteil „können“ und die entsprechende Handlung wird auch ausgeführt. In der vorliegenden Arbeit werde ich zeigen, dass Willensschwäche in der getroffenen Definition mit Hares metaethischer Theorie moralischen Handelns unvereinbar ist. Ich werde zuerst auf die Konzeption des universellen Präskriptivismus eingehen und dann vor diesem Hintergrund seine Ausführungen zur Willensschwäche in den Werken „Freiheit und Vernunft“ und „Moralisches Denken. Seine Ebenen, seine Methoden, sein Witz“ diskutieren. Abschließend werde ich seine Theorie mit der Konzeption der Willensschwäche bei Sokrates vergleichen und zeigen, dass trotz einiger inhaltlicher Unterschiede Hare Sokrates doch in wesentlichen Punkten folgt.
Excerpt (computer-generated)
Universität Leipzig, Institut für Sozialwissenschaften und Philosophie
HS Macht und Ohnmacht guter Vorsätze, WS 2006/2007
7. Fachsemester
Ist Willensschwäche möglich? Zur metaethischen Konzeption Richard M. Hares
von
Vera Ohlendorf
Inhaltsverzeichnis
Einleitung. 3
1. Universeller Präskriptivismus 4
1.1.Hares Metaethik als Ansatz analytischer Moralphilosophie 4
1.2.Kritik an rein deskriptiven und emotivistischen Moraltheorie 4
1.3.Präskriptivität 5
1.4.Universalisierbarkeit 6
2. Moralische Schwäche und Willensschwäche in Freiheit und Vernunft 7
2.1.Moralische Schwäche 8
2.2.Willensschwäche 10
3.Willensschwäche in Moralisches Denken 13
3.1.Intuitive und kritische Ebene des moralischen Denkens 13
3.2.Willensschwäche 15
4. Hares Konzeption der Willensschwäche im Vergleich mit Handeln wider besseres Wissen bei Sokrates 18
Schluss 22
Bibliographie 23
Einleitung
Mit dem Phänomen der Willensschwäche bzw. Handeln wider besseres Wissen ist wohl jeder in seiner alltäglichen Erfahrung schon einmal konfrontiert worden. Als „willensschwach“ bezeichnet man im Allgemeinen jemanden, der weiß bzw. zu wissen glaubt, was zu tun gut und richtig ist, es aber nicht tut, obwohl er es tun könnte. Philosophisch betrachtet wirft Willensschwäche damit eine Reihe von Problemen auf: Ist es überhaupt möglich (und wenn ja, wie ist es möglich?), eine Handlung als gut bzw. richtig zu beurteilen und diesem Urteil trotzdem entgegen zu handeln?
Seit dem platonischen Sokrates ist Willensschwäche immer wieder Gegenstand philosophischer Untersuchungen. Sokrates hatte die Existenz des Phänomens im Ganzen zurückgewiesen, da man stets nach dem Guten strebe und das Wissen darum, was das Gute für einen selbst ist, sehr eng mit dem entsprechenden Handeln verknüpft sei. Nach Sokrates handelt jemand, der etwas Schlechtes tut, nicht dem eigenen besseren Wissen zuwider, sondern er handelt aus Unwissenheit.
Der US-amerikanische Moralphilosoph Richard M. Hare nähert sich im Zuge seiner metaethischen Konzeption des universellen Präskriptivismus dem Problem der Willensschwäche. Er beschäftigt sich dabei mit einer Teilmenge der Phänomene, die unter diesem Begriff subsumiert werden, nämlich mit Fällen, in denen jemand scheinbar einem Moralurteil zustimmt, jedoch nicht diesem Moralurteil gemäß handelt. Da moralische Urteile aufgrund der in ihnen enthaltenen moralischen Wörter wie „sollen“, „gut“ usw. universell präskriptiv, also handlungsanleitend sind, folgt aus „sollen“ bei aufrichtiger Zustimmung zu einem Moralurteil „können“ und die entsprechende Handlung wird auch ausgeführt. In der vorliegenden Arbeit werde ich zeigen, dass Willensschwäche in der getroffenen Definition mit Hares metaethischer Theorie moralischen Handelns unvereinbar ist. Ich werde zuerst auf die Konzeption des universellen Präskriptivismus eingehen und dann vor diesem Hintergrund seine Ausführungen zur Willensschwäche in den Werken „Freiheit und Vernunft“ und „Moralisches Denken. Seine Ebenen, seine Methoden, sein Witz“ diskutieren. Abschließend werde ich seine Theorie mit der Konzeption der Willensschwäche bei Sokrates vergleichen und zeigen, dass trotz einiger inhaltlicher Unterschiede Hare Sokrates doch in wesentlichen Punkten folgt.
1. Universeller Präskriptivismus
1.1.Hares Metaethik als Ansatz analytischer Moralphilosophie
Hare bestimmt in seiner Konzeption einer Metaethik die Grundlagen moralischer Urteile. Er stellt die rationale Begründbarkeit moralischer Normen dar und verfolgt damit den Anspruch, die Grundprinzipien moralischen Denkens aufzuzeigen, die alle Menschen, (die über alle relevanten Fakten in einem bestimmten Fall moralischen Urteilens verfügen und klar denken), auf die gleichen Konklusionen festlegen.1
Hare steht mit seiner Theorie in der Tradition analytischer Philosophie, die im Zusammenhang mit dem linguistic turn entstand und das Nachdenken über Sachprobleme methodisch als Reflexion über die menschliche Sprache als Grundlage des Denkens begreift. Sachfragen werden in Begriffsfragen transformiert. Auf dem Gebiet der Metaethik steht damit die Analyse von Ausdrücken im Vordergrund, die in moralischen Urteilen verwendet werden.2 Hare untersucht insbesondere, welche Bedeutungen Ausdrücke wie „gut“, „sollen“, „richtig“ usw. innerhalb moralischer Urteile haben. Metaethik ist ein normativ neutraler Teilbereich der Ethik, der der normativen bzw. angewandten Ethik vorgelagert ist.
1.2. Kritik an rein deskriptiven und emotivistischen Moraltheorien
Hare entwirft mit seinem Konzept des universellen Präskriptivismus eine eigene Moraltheorie, die er scharf von naturalistischen bzw. intuitionalistischen Theorien abgrenzt. Der Naturalismus geht davon aus, dass moralische Sätze in semantisch-logischer Hinsicht gänzlich mit empirischen Sätzen überein stimmen. Damit wären moralische Ausdrücke wie „ist gut“ vollständig auf empirische Ausdrücke wie „ist nützlich“ usw. rückführbar. Sie bezeichnen also „natürliche Eigenschaften“, die auf „natürliche“ Tatsachen rekurrieren.3 Hare erhebt gegen diese Theorien den Vorwurf des naturalistischen Fehlschlusses, da sie behaupten, moralische Aussagen durch empirische vollständig analysieren zu können. Theorien des Intuitionismus versuchen, moralische Aussagen in Rekurs auf andere als „natürliche“ Tatsachen zu begründen. Moralische Sätze sind hier Aussagen über spezifische moralische Tatsachen, denen nicht weiter analysierbare Eigenschaften des „Guten“, des „Richtigen“ usw. sui generis zugrunde liegen. Diese Tatsachen sind aufgrund von moralischer Intuition zugänglich, die als ein spezifisches moralisches Erkenntnisvermögen beschrieben wird.4
Die deskriptivistischen Theorieansätze von Naturalismus und Intuitionismus werden von Hare entschieden zurück gewiesen. Beide konstatieren, dass die Bedeutung moralischer Ausdrücke vollständig durch ihre Wahrheitsbedingungen festgelegt wird. Er streitet die Annahme ab, dass moralische Sätze und Urteile allein mit Hilfe von Tatsachen begründet werden können, denn sie besitzen eine Dimension, die über den rein beschreibenden (deskriptiven) Charakter moralischer Sätze hinausgeht.
Emotivistische Theorien vertreten einen nicht-deskriptiven Charakter moralischer Aussagen, diese können jedoch nicht rational begründet werden. Moralische Ureile äußern sich hier als expressive Gefühlsausdrücke, deren Bedeutung durch kausale Einwirkung auf potentielle Adressaten konstituiert wird. Die Beeinflussung Anderer gehört also wesentlich zur Bedeutung moralischer Sätze, die nicht auf rationalen Grundlagen fußen. Auch dieser Ansatz wird von Hare zurück gewiesen: “Hares Hauptargument gegen den Emotivismus lautet, daß dieser das nicht-deskriptive Element in moralischen Aussagen falsch bestimmt und infolgedessen keine klare Grenze zwischen moralischem Argumentieren und bloßem Manipulieren mehr ziehen kann.”5
Hare selbst vertritt eine nicht-deskriptivistische, aber rationale Theorie des universellen Präskriptivismus. Die Bedeutungsregeln und damit die Begründbarkeit moralischer Sätze werden durch die logischen Regeln für den Gebrauch moralischer Wörter wie “gut”, “sollen” usw. bestimmt und führen zusammen mit umfassendem Faktenwissen in Bezug auf ein spezifisches moralisches Problem zur Festlegung auf bestimmte normative Positionen.
1.3. Präskriptivität
[...]
1 Hallich, Oliver: Richard Hares Moralphilosophie. Metaethische Grundlagen und Anwendung. Freiburg, München, 2000, S. 15
2 ebd. S. 16f.
3.ebd. S. 22
4 Hallich, Oliver: Richard Hares Moralphilosophie. Metaethische Grundlagen und Anwendung. Freiburg, München, 2000, S. 24 f
5 ebd., S. 35
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