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Termpaper, 2006, 32 Pages
Author: Timo Klemm
Subject: Sociology - Religion
Details
Institution/College: University of Dusseldorf "Heinrich Heine"
Tags: Versuchung, Evangelikalismus, Fundamentalismus
Year: 2006
Pages: 32
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 25 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-80117-1
ISBN (Book): 978-3-638-80757-9
File size: 193 KB
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Abstract
Das gesamte Spektrum kompromissloser Religionsausübung in den USA reicht von quietistischen, sich von der restlichen Gesellschaft absondernden Gemeinschaften, über (vor allem) evangelikale Freikirchen und ihnen nahe stehenden, politischen Einfluss nehmenden Organisationen (wie z.B. der von Jerry Falwell gegründeten ‚Moral Majority’ ) bis hin zu extremistischen und rassistischen Gruppierungen. Gemeinsam ist allen jedoch eine fundamentalistische Auffassung von Religion , d.h. „ein spezifisches, religiöses Geschichtsbewusstsein [...], das auf besonderen metaphysischen und anthropologischen Annahmen fußt“ , die sich einer Hinterfragung kategorisch verweigern und den ausschließlichen Bezugspunkt allen spirituellen und weltlichen Denkens und Handelns des Gläubigen bilden. Doch wie ist es nun zu erklären, dass in einem modernen, aufgeklärten, wissenschaftlich und politisch weltweit eine gewisse Vorreiter-Rolle einnehmenden Land wie den USA, das zudem gemeinhin mit Freiheit und Unabhängigkeit der dort lebenden Menschen assoziiert wird, ein beachtlicher Teil der Bevölkerung gerade diese Freiheit aufgibt, sich freiwillig persönlicher und sozialer Reglementierungen religiöser Art unterstellt und bereit ist, gegebenenfalls verbitterten Widerstand zu leisten gegen jene, die einen liberalen Lebensentwurf bevorzugen? Sind sie alle Fanatiker, berauscht von ihrem Glauben und blind vor Gotteseifer oder haben sie unter Umständen rationale Gründe, so zu handeln? Was sind die (inneren und äußeren) Bedingungen, die sie dazu bringen, nichts außer den eigenen Vorstellungen vom richtigen Weg zuzulassen und diesem unbeirrbar zu folgen? Diesen Fragen soll im Folgenden, nach einem Blick über das religiös-kulturelle Terrain der USA (insbesondere das protestantische), nachgegangen werden. Hierbei werden vor allen Dingen Ansätze der rationalen Entscheidungstheorie (Rational Choice Theory) den methodischen Rahmen bilden.
Excerpt (computer-generated)
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Sozialwissenschaftliches Institut
Hauptseminar: „Fundamentalismus“
"A nation under God" - Die fundamentalistische Versuchung des Evangelikalismus in den USA
Timo Klemm
Inhalt
1. Einleitung ... 2
2. Die religiöse Landschaft der USA ... 5
2.1 Stellenwert von Religion ... 5
2.2 Konfessionszugehörigkeit ... 5
2.3 Differenzierung protestantischer Glaubensgemeinschaften ... 6
2.4 Aktivismus und Heilsgeschichte – Feine Unterschiede ... 9
3. Die fundamentalistische Versuchung ... 15
3.1 Amerika und die Säkularisierung ... 15
3.2 Der religiöse Wettbewerb ... 17
3.3 Liberale Kirchen und das Problem des free-ridings ... 18
3.4 Wahrer Glaube als Lösung des free-rider Problems ... 21
3.5 Die ökonomische Wissenstheorie ... 22
3.5.1 Wissen als ökonomisches Gut ... 23
3.5.2 Glaube als Folge rationaler Entscheidungen ... 24
3.5.3 Normativ erzwungener Glaube ... 26
3.5.4 Die Autokatalyse von Ausschlussnormen ... 26
3.5.5 Stärkung durch Bedrohung ... 27
4. Resümee ... 28
Literatur ... 30
1. Einleitung
„Ja, sie reißen die Grundfesten um;
was kann da der Gerechte ausrichten?“
(Psalm 11, 3)1
Am 13. September 2001, 2 Tage nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington D.C., kommentierte der in den USA äußerst populäre Fernseh-Prediger (Televangelist) Jerry Falwell in einem Interview der christlichen TV-Show „The 700 Club“ die Ereignisse mit folgenden Worten:
„I really believe that the pagans, and the abortionists, and the feminists, and the gays and the lesbians who are actively trying to make that an alternative lifestyle, the ACLU, People For the American Way, all of them who have tried to secularize America. I point the finger in their face and say ‘you helped this happen’”.2
Nach Protesten der Beschuldigten3 und einer Abmahnung aus dem Weißen Haus4 entschuldigte sich Falwell öffentlich für seine Äußerungen. Diese seien zu einem ungünstigen Zeitpunkt formuliert und taktlos gewesen und er würde nie jemand anderen als die Terroristen selbst für den Anschlag verantwortlich machen.5
Fragwürdig ist, ob Falwells Anklage tatsächlich nur eine missverstandene, gleichwohl unpassende verbale Entgleisung, das Zeugnis einer unüberlegten Spinnerei war; oder ob sie einfach genau so zu verstehen ist, wie sie artikuliert wurde. Letzteres scheint zunächst unwahrscheinlich, Ergänzungen des obigen Zitats lassen jedoch genau dies vermuten:
„And, I know that I′ll hear from them for this. But, throwing God out successfully with the help of the federal court system, throwing God out of the public square, out of the schools. The abortionists have got to bear some burden for this because God will not be mocked.”6
Nun wird deutlich: Falwell wollte den beschuldigten Gruppen und Organisationen zwar keine unmittelbare Mittäterschaft unterstellen, zieht jedoch aus ihrem (aus seiner Sicht) negativen Einfluss auf die Gesellschaft Amerikas gravierende Schlussfolgerungen: die Terroranschläge waren ein Zeichen Gottes, der nicht länger untätig zusieht, wie die „nation under god“7 sich immer mehr von ihm abkehrt, nach eigenem säkularen Gutdünken handelt und eine Kultur fördert, die – mit den Worten des Televangelisten Jimmy Swaggarts – „von spirituellem Aids verseucht“8 ist.
Vielen Amerikanern sind solche Gedankengänge nicht fremd. Dass man Gott erzürnt, wenn man seine Gebote nicht beachtet, steht schließlich schon in der Bibel; und an die buchstäbliche Wahrheit der Bibel glaubt immerhin die Hälfte aller US-Amerikaner.9
Diese konsequente Treue zur Bibel und die mit ihr verbundene wertkonservative Haltung eines Großteils der Bevölkerung führten in den USA nicht selten schon zu heftigen Kontroversen. Die wichtigsten Themen, die immer wieder den Anstoß zu Auseinandersetzungen gaben, wurden in Falwells Kommentaren zum 11. September schon genannt. Es sind die Legalisierung der Abtreibung; die Trennung von Kirche und Staat bzw. die Verdrängung des Religiösen aus dem öffentlichen Raum (insbesondere aus den Schulen und der damit einhergehenden Verbreitung unchristlicher Lehren wie z.B. der Evolutionstheorie); der Wegfall von christlichen Werten und Normen zugunsten eines religiös ungebundenen Lebensstils sowie die genannten Streitpunkte betreffende, liberale Gerichtsbeschlüsse.
Zum Teil nehmen diese Konflikte auch äußerst drastische, kompromisslose Formen an. So schrecken militante Abtreibungsgegner zuweilen selbst vor Mord nicht zurück10, andere, wie z.B. die Anhänger der rassistisch-religiösen Formation „Aryan Nations“11, propagieren gar die Errichtung eines Gottesstaats durch die ‚von Gott geschaffene’ weiße Rasse. Nicht politisch engagiert, in der persönlichen Auslebung ihres Glaubens doch gleichsam radikal sind dagegen separatistische Gruppierungen wie beispielsweise die Amish-People, die eine Art vorindustrielles, landwirtschaftlich geprägtes Leben führen, das strikten, aus ihrem Glauben abgeleiteten Regeln unterliegt, wodurch sie von der Welt außerhalb ihrer Kommune sowohl wirtschaftlich als auch politisch und kulturell weitestgehend abgeschottet sind.
[...]
1 Lutherbibel in der revidierten Fassung von 1984
2 http://archives.cnn.com/2001/US/09/14/Falwell.apology/
3 Vgl. z.B.: http://www.christianlesbians.com/articles/openletters.php?id=000009
4 Vgl.: http://www.christianexaminer.com/Articles/Articles%20Oct01/Art_Oct01_11.html
5 Vgl.: http://archives.cnn.com/2001/US/09/14/Falwell.apology/
6 http://www.christianlesbians.com/articles/openletters.php?id=000009#interview
7 Selbstbezeichnung der USA im amerikanischen Fahneneid.
8 Jimmy Swaggart, zitiert in: GEO Nr.6 / Juni 1987. S. 76.
9 Die Umfrageergebnisse der letzten Jahre zum Buchstabenglauben der Bibel in den USA schwanken zwischen knapp unter 50% und bis zu 63%. Vgl. z.B.:
http://www.rasmussenreports.com/2005/bible.htm
http://www.washtimes.com/national/20040216-113955-2061r.htm
http://www.barna.org/FlexPage.aspx?Page=Topic&TopicID=7
10 Auf die Ermordung des Gynäkologen Dr. David Gunn 1993 folgten bis heute noch sechs weitere Tötungsdelikte. Vgl. z.B.:
http://www.plannedparenthood.org/pp2/portal/files/portal/webzine/eyeonextremism/eoe-050315-gunn.xml
http://www.cnn.com/US/9810/24/doctor.killed.02/
11 Vgl.: http://bethuneinstitute.org/documents/cift.html
http://www.aryan-nations.org/
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