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Ein neues Paradigma: Wissenskonstruktion und -management im Leistungskurs

Examination Thesis, 2007, 84 Pages
Author: Michael Kratky
Subject: French - Pedagogy, Didactics, Literature Studies

Details

Category: Examination Thesis
Year: 2007
Pages: 84
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 111  Entries
Language: German
Archive No.: V76557
ISBN (E-book): 978-3-638-80038-9
ISBN (Book): 978-3-638-80349-6
File size: 802 KB

Abstract

Diese Arbeit zeigt, vor dem Hintergrund des Paradigmenwechsels von der Industrie- zur Wissensgesellschaft, ein Konzept zur Vorbereitung der Schüler auf die veränderten Konditionen im neuen Paradigma auf. Ausgehend von einer Analyse des derzeitigen Standes in der aktuellen Fachdidaktikliteratur wird auf das anthropologisch motivierte Unterrichtsmodell „Lernen durch Lehren“ verwiesen, das als integratives Modell nicht nur den unter anderem in Nieweler postulierten Kompetenzen und Schlüsselqualifikationen gerecht wird, also Soft Skills vermittelt, sondern durch die Applikation der neuronalen Netzwerkstruktur auf das konkrete Unterrichtsgeschehen die kollektive Konstruktion von Wissen, also den Aufbau von Hard Skills, fördert. Als radikal handlungsorientiertes Konzept verkörpert LdL nicht nur kognitionspsychologisch einen konstruktivistischen Ansatz, sondern präsentiert sich als partizipatives, kollektives Prinzip zur Wissenskonstruktion im Klassenzimmer, wobei lerntheoretische Basis und praktische Anwendung direkt verzahnt sind. Universales Ziel aller Einzelbausteine ist der systematische Aufbau von Netzsensibilität. Netzsensibilität bezeichnet ein Gespür für die Auswirkungen der Globalisierung und für die Interdependenz bzw. Verwobenheit der Welt und aller ihrer Konstituenten (Menschen, Regionen, Länder, Kontinente), das nicht nur kognitiv registriert sondern auch emotional wahrgenommen wird. Bei LdL wird diese (Kontext-) Sensibilität zunächst einmal innerhalb des Klassenzimmers aufgebaut, wenn die Lerner aufmerksamkeitsökonomisch und ressourcenorientiert interagieren, das Wissen aller einzelnen Lerner einbeziehen und gemeinsam neues Wissen konstruieren. Die Kompetenz Netzsensibilität wirkt sich dann beim Verlassen des Labors „Klassenzimmer“ besonders positiv aus, wenn die Welt an sich ins Blickfeld rückt und die Schüler aufgrund ihres Trainings routiniert und souverän damit umgehen können. Die Ausdehnung der Ressourcenorientierung, verbunden mit dem aktiven Suchen von Informationsquellen außerhalb des Klassenzimmers, geht von der Prämisse aus, dass die Träger von Ressourcen in der Wissensgesellschaft vor allem Menschen sind. Die zunächst innerhalb des Klassenraums etablierte Netzsensibilität gewinnt mit dem Internet und seinen Kommunikationsmöglichkeiten eine schier grenzenlose Dimension.


Excerpt (computer-generated)

Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Sprach- und Literaturwissenschaftliche Fakultät
Didaktik des Französischen

Zulassungsarbeit zum Ersten Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien im Fach
Didaktik des Französischen

Ein neues Paradigma:
Wissenskonstruktion und -management im Leistungskurs

Verfasser: Michael Kratky
Lehramt (GY) Französisch/Englisch

Prüfungstermin: Herbst 2007

Abgabe: 05. April 2007


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ... 5

1.1 Motivation und Zielsetzung dieser Arbeit ... 5
1.2 Zum Verständnis von Prinzip und Entstehung dieser Arbeit ... 6

2. Ausgangspunkt: Paradigmenwechsel in der Fremdsprachendidaktik ... 8

2.1 Zur aktuellen Literatur in der Französischdidaktik ... 8
2.1.1 Kompetenzbegriff ... 8
2.1.2 Idee des Konstruierens und Lernerautonomie ... 9
2.1.3 Unterrichtsentwicklung und Fokus auf Handlungsorientierung ... 10

2.2 Entwicklungen im Internet ... 12
2.2.1 Günstige, legitime Infrastrukturen für den „Wissensverkehr“ ... 12
2.2.2 Initiative: virtuelle Vorlesung ... 15

3. Theoriefundament und didaktisch-wissenschaftliche Prädispositionen ... 19

3.1 Anthropologische Prämissen (und damit Aufbau eines Lernerkonstrukts) ... 19
3.1.1 Kontrolle und exploratives Verhalten ... 19
3.1.2 Problemlösekompetenz ... 20
3.1.3 Flow und intrinsische Motivation ... 22
3.1.4 Grundbedürfnisse als Manifestation des Kontrollbegriffs ... 24
3.1.5 Systemtheoretische Grundlagen ... 26

3.2 Das didaktische Modell „Lernen durch Lehren“ ... 27
3.2.1 Unterrichtsmodell auf anthropologisch motiviertem Gerüst ... 27
3.2.2 Konkrete Strukturen und fremdsprachendidaktische Einordnung ... 29
3.2.3 LdL-Prinzipien im Zusammenhang ... 31

3.3 Wissen und dessen Generierung ... 33
3.3.1 Daten, Informationen, Wissen und Wissensgenerierung ... 33
3.3.2 Voraussetzungen der Wissensgenerierung in Unternehmen ... 36
3.3.3 Enabler der Wissensgenierung im LdL-Unterricht ... 37
3.3.4 Wissensmetabolismus im Unterricht ... 40
3.3.5 Netzwerke und Emergenzen ... 42

4. Applikation des Netzwerkgedankens auf den LK und dessen Implikationen ... 45

4.1 Die Organisationsform „Gehirn“ ... 45
4.1.1 Netzwerkstruktur: Die Klasse als neuronales Netz ... 45
4.1.2 Rivalisierende vs. kooperative Zielstrukturen und Lernmotivation ... 47
4.1.3 Wirkung der kooperativen Lernform „Gehirn“ ... 49

4.2 Inhalte und Aktivitäten ... 51
4.2.1 Zur Relevanz geistesgeschichtlich-literarischen Strukturwissens ... 51
4.2.2 Kontemporäres Zeitgeschehen ... 53
4.2.3 Kompetenzerwerb und -Training am Beispiel von Reisen ... 56
4.2.4 Metareflexion und Transparenz ... 59

4.3 Die Wiki-Seiten des LK ... 62

5. Zusammenfassung und Ausblick ... 66

5.1 Universales Motto: Sensibilität und Routine im Ungang mit intellektuellen Ressourcen ... 66
5.2 Konsequenzen für die Lehrerbildung ... 6

6. Glossar: die wichtigsten Begriffe im neuen Paradigma ... 69

6.1 Aufmerksamkeitsökonomie ... 69
6.2 Emergenz ... 69
6.3 Flow ... 70
6.4 Ganzheitlichkeit ... 70
6.5 Handlungsorientierung ... 70
6.6 Klassenraumdiskurs ... 71
6.7 Lernerautonomie ... 71
6.8 Linearität (a priori vs. a posteriori) ... 71
6.9 Netzsensibilität ... 72
6.10 Neuronale Struktur (Gehirnmetapher) ... 72
6.11 Ressourcenorientierung ... 72
6.12 Wissensgesellschaft ... 73
6.13 Wissensmetabolismus ... 73

7. Bibliographische Hinweise ... 74

7.1 Zitierte und weiterführende Literatur ... 74
7.2 Websites ... 77
7.3 Videomaterial ... 79


1. Einleitung

1.1 Motivation und Zielsetzung dieser Arbeit

Die Globalisierung und der Übergang von der Industrie zur Informations- und Wissensgesellschaft, in der vernetztes, dezentrales und interdisziplinäres Wissen zur strategischen Ressource und zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor wird, läuten implizit auch einen Paradigmenwechsel im Diskurs über den Unterricht und der Formulierung von Referenzrahmen und Lernzielen ein. Letztere erfüllen keinen Selbstzweck, sondern orientieren sich an den konkreten ökonomischen, soziokulturellen, aber auch ökologischen Gegebenheiten der Lebensweltrealität der Schüler, ohne den humanistischen Hintergrund und Bildungsbegriff aus dem Blick zu verlieren1. Für den Fremdsprachenunterricht bedeutet dies insbesondere, neben der linguistischen, interkulturellen und landeskundlichen Kompetenz, Werte und Befähigungen wie Kommunikationskompetenz, Teamarbeit und die Fähigkeit, gemeinsam Probleme zu lösen, zu forcieren. Gemeinsames Problemlösen durch Informationsverarbeitung und kollektive Wissenskonstruktion stehen als Globalziel hinter diesen so genannten Schlüsselqualifikationen:

Produktivität ist aber kaum noch von Maschinen, sondern vorrangig von der Kooperationsfähigkeit der Informationsarbeiter abhängig. Der entscheidende Standortfaktor wird die Fähigkeit, produktiv mit Wissen umzugehen – und das ist nicht nur eine kognitive, sondern eine soziale Fähigkeit, hat mit dem Maß an Vertrauen zu tun, das wirtschaftliche Transaktionen bestimmt.2

Die stark monostrukturierende Wirkung linear-progressiver, frontaler Unterweisung durch die Lehrkraft kann diesem komplexen Desiderat nicht entsprechen. Lehrwerk und Lehrperson haben ihr Monopol über die Informationsquellen für die Schüler zudem längst verloren. Die Lerner können sich mit Hilfe des Internets eines außerordentlich breiten Spektrums an Informationsquellen bedienen, müssen aber mit Techniken zur Reduktion bzw. Kompression der durch die scheinbar grenzenlose Weite des Internets hervorgerufenen Komplexität befähigt werden.

Eine Bestandsaufnahme der aktuellen Literatur im Bereich der Fremdsprachendidaktik bringt deutliche Defizite ans Licht, auch wenn Methoden wie Lernen durch Lehren (LdL) nicht mehr als bloße, temporär einsetzbare Gestaltungselemente präsentiert werden.3 Der Paradigmenwechsel im Fremdsprachenunterricht, der eine völlig neue Ausrichtung, verbunden mit einer eigenen Terminologie, postuliert, ist in traditionell-konservativer Hinsicht noch nicht vollzogen. Hierbei sei auf die Diskrepanz in der Schwerpunktsetzung zwischen traditioneller Didaktik in der Literatur einerseits und der mit Hilfe des Internets verbreiteten Inhalte und Schwerpunkte im neuen Paradigma andererseits verwiesen. Hingegen scheint die Wirtschaft den Sprung in das neue Paradigma vorzugeben. So gesehen könnte man zu einer ersten Orientierung gelangen, indem man einen Blick auf erfolgreich agierende internationale Unternehmen wagt, die über gezielte Strukturen zur Wissensgenerierung verfügen.4

Im Zentrum dieser Arbeit soll der Ansatz einer kollektiven Wissenskonstruktion stehen, der vor dem Hintergrund der Ressourcenorientierung an einem Leistungskurs Französisch exemplifiziert wird. Das Unterrichtskonzept Lernen durch Lehren bietet hierbei die didaktische Basis. Dazu sind zunächst verschiedene Anmerkungen zum anthropologischen Hintergrund dieses Ansatzes sowie zum zugrunde liegenden theoretischen Lernerkonstrukt zu machen.

Eine Beschreibung der Umformung der Klasse zum neuronalen Netz bzw. zum Gehirn soll verschiedene, in diesem Zusammenhang auch metaphorisch gebrauchte Termini klären. Dabei wird die Arbeit von Jean-Pol Martin und seines Leistungskurses Französisch sowohl unter didaktisch-methodischen, aber auch inhaltlich-produktiven Gesichtspunkten analysiert. Die wie ein neuronales Netz arbeitende Schulklasse bedient sich vor allem extracurricular der Möglichkeiten des Internets, um ein potentiell sehr breites Spektrum an Informationsquellen und Ressourcen zum gemeinsamen Wissensaufbau zu mobilisieren. Diese Vorarbeit in Form von häuslicher Vorbereitung ermöglicht eine intellektuell anspruchsvolle Reflexion, intensive Interaktion und Kommunikation sowie gemeinsame Wissensgenerierung während der Unterrichtszeit. Dabei erweist sich die Wiki-Technik5 zur Dokumentation des Kursverlaufs als ideale Plattform mit ihrer auf kollektiven Wissensaufbau ausgelegten Infrastruktur.

Beide Teile dieser Arbeit, Theorieteil und dessen konkrete Applikation, machen in Querverweisen auf ihren Referenzpunkt, den Französischunterricht von Jean-Pol Martin, aufmerksam.


1.2 Zum Verständnis von Prinzip und Entstehung dieser Arbeit

Der Verfasser hat bei der Erstellung dieser Arbeit versucht, den Open Source-Gedanken, der grundlegend ist für Systeme kollektiver Wissenskonstruktion wie der Online-Enzyklopädie Wikipedia oder der Wikiversity, nicht nur zu thematisieren, sondern die Arbeit selbst nach dem Open Source Prinzip zu verfassen. Als Plattform diente eine eigens in der Wikiversity angelegte Nutzerseite6, die den Entstehungsprozess in seiner Progression transparent gestaltete. Ein Klick auf die Seitenhistorie dieser Nutzerseite zeigt, wie sich die Arbeit von November 2006 bis Ende März 2007 entwickelt hat.7 Die Arbeit reflektiert also nicht nur die Möglichkeiten, die die Entwicklungen in der Kommunikationstechnologie, zum Beispiel Wikis als im Browser ohne Vorkenntnisse editierbare Web-Seiten, mit sich bringen, sondern ist in diesem System auch entstanden.

(Abbildung 1: Hauptseite der Wikiversity - in der Downloadversion enthalten)

Diese Ausgangslage impliziert, dass die vorliegende Arbeit gemäß ihrer Natur neben Literatur zur Fremdsprachendidaktik, Psychologie, Soziologie, Wissenswissenschaft und Managementtheorie auch Internetquellen (hauptsächlich Wikipediaartikel), dokumentierte Online-Diskussionen (Wikipedia-Diskussionsseiten) und Wikiversity-Projektseiten zitiert.


2. Ausgangspunkt: Paradigmenwechsel in der Fremdsprachendidaktik

Ausgangspunkt für die Forderung eines Umdenkens in der Fremdsprachendidaktik sind die Möglichkeiten, die das Internet bietet.

Der Verfasser vertritt den Standpunkt, dass sich mit Hilfe der Informationstechnologie, speziell mit der Online-Enzyklopädie Wikipedia, ein Paradigmenwechsel in der Fremdsprachendidaktik vollziehen lässt. Im Zentrum stehen die Begriffe der kollektiven, partizipativen Wissenskonstruktion, der Demokratisierung von Wissen(sgenerierungsprozessen), der Globalisierung des Wissens, der Idee des Schenkens von Wissen und der Ressourcenorientierung. Auf der Basis der 2006 erschienen Fachdidaktik Französisch8 soll zunächst eine Bestandsaufnahme durchgeführt werden mit dem Ziel, die aktuelle Rezeption der Methode LdL in der Fachliteratur als umfassendes Unterrichtskonzept zur Vorbereitung der Lerner auf die Wissensgesellschaft wiederzugeben, bevor anhand eines konkreten Beispiels, nämlich der Initiative zur Erstellung einer virtuellen Vorlesung zum Thema „Handlungsorientierung“9, die Möglichkeiten einer veränderten, produktiven Arbeitsweise in der Fremdsprachendidaktik aufgezeigt werden.

[...]


1 Vgl. 4.2.1 zur Aktualität von historischem, philosophischem Strukturwissen.

2 Händeler (2005), S. 74.

3 Vgl. Nieweler (2006), S. 47, 57, 318.

4 vgl. Verweise in 3.3

5 vgl. 1.2

6 Nicht mehr online

7 Nicht mehr online

8 Nieweler (2006)

9 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Handlungsorientierter_Unterricht (aufgerufen am 22.2.2007)


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