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Scholary Paper (Seminar), 2003, 14 Pages
Author: Magister Artium Yves Dubitzky
Subject: German Studies - Literature of History, Eras
Details
Institution/College: Technical University of Chemnitz
Tags: Michael, Kohlhaas, Wendung, Mystizistische, Missgriff, Heinrich, Kleist
Year: 2003
Pages: 14
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 8 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-80838-5
ISBN (Book): 978-3-638-81093-7
File size: 175 KB
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Abstract
Kohlhaas ist Engel und Teufel zugleich: rechtschaffen im Sinne des Naturrechts, entsetzlich innerhalb einer rückständigen Staatsordnung; gleich ob zur Zeit von Hans Kohlhase oder der von Kleist. Nur eben mit dem Unterschied, daß Kleists Position im Bezug auf Luther eine andere ist, ja sein muß, denn der Reformator an sich war längst in das bestehende Unrechtssystem integriert worden.
Excerpt (computer-generated)
TU Chemnitz
Philosophische Fakultät Germanistik Fachbereich: Germanistische Literaturwissenschaft Hauptseminar: Heinrich von Kleist 8. Semester
„Michael Kohlhaas“: Die Wendung ins Mystizistische – ein erzählerischer Missgriff?
von Yves Dubitzky
2003
Inhalt
1. Einleitung ... 3
2. Kleists Kirchenkritik am Verhältnis Luther-Lisbeth-Zigeunerin ... 5
3. Zigeunerin als rätselhafter Einschub? ... 7
4. Zahlenmystik und Apokalyptik Kleists in Michael Kohlhaas ... 9
5. Fazit ... 13
6. Bibliographie ... 14
1. Einleitung
"Nimmt man den Text nämlich beim Wort, so ist von Anfang an geklärt, dass eine Hauptaufgabe jeder Interpretation darin bestehen muss, die intendierte Widersprüchlichkeit der Figur ernst zu nehmen und ihrer Bedeutung nachzuforschen." 1
Folgt man Claudia Brors Behauptung über den einleitenden Satz "Michael Kohlhaas [...], einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit" (S.3), dann wird deutlich, warum Michael und der Drache bei Kleist ein und dieselbe Person sind. Entgegen der originalen Darstellung in der Offenbarung des Johannes:
"Und es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. [...] Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan." Offenbarung 11,7
Kohlhaas ist damit Engel und Teufel zugleich: rechtschaffen im Sinne des Naturrechts, entsetzlich innerhalb einer rückständigen Staatsordnung; gleich ob zur Zeit von Hans Kohlhase oder der von Kleist. Nur eben mit dem Unterschied, dass Kleists Position im Bezug auf Luther eine andere ist, ja sein muss, denn der Reformator an sich war längst in das bestehende Unrechtssystem integriert worden.
Doch wenn von Widersprüchlichkeit gesprochen wird, dann müssen auch andere Charaktere daraufhin geprüft werden als einfach nur die Hauptfigur selbst. Die Personen Luther und Lisbeth/Zigeunerin stehen dafür Pate, dass auch sie keine eindeutigen Aussagen treffen. Ihre Ansichten ändern sich im Laufe der Handlung. Aus ihrem beiderseitig geforderten Vergebungsmotiv entwickelt sich mit dem Austausch des Zielobjekts (Wenzel von Tronka wird durch den sächsischen Kurfürsten abgelöst) ein Motiv, welches zwar nicht unbedingt an der Rache teilnimmt, es die Rache aber auch nicht verhindern kann. Luther lässt Kohlhaas im späten Stadium die Kommunion erteilen obwohl dieser sich nicht zu einer Vergebung seiner Feinde (oder seines Feindes) bereit zeigte. Im Gegenteil, erst zu diesem Zeitpunkt erfüllt sich seine Rache, denn der Kurfürst gelangt eben nicht in den Besitz des weissagenden Zettels der Zigeunerin. Und exakt jene ist es, die Kohlhaas zu dieser Rache verhilft. War es Lisbeth, die noch in ihren letzten Worten um Einhaltung des Vergebungsgebotes flehte, so wird sie im zweiten Teil der Handlung diejenige sein, die Kohlhaas eine Möglichkeit zur Rache erst eröffnet. 2
Es erstaunt von daher auf dem ersten Blick, wie unglaublich passiv die Zigeunerin verharrt. Fast scheint es, als wäre sie physisch gar nicht anwesend. Zwar versucht sie Kohlhaas von seinen Rachegedanken abzubringen und benutzt dafür, wie Lisbeth dies schon tat, das Kind, für welches es sich lohnt, den inneren Rachedurst zu unterdrücken. Doch sie schafft es nicht. Energielos wie ihre Gestalt, misslingt ihr dieser Versuch, so dass sie nur noch resigniert antworten kann, "dass er in mancherlei Hinsicht recht hätte, und dass er tun und lassen könne, was er wolle" (S.80).3 Spätestens ab hier wird klar, dass die Zigeunerin eine Wiedergängerin von Lisbeth ist. Gleich ob das Wesen der Zigeunerin nun übernatürliche Kräfte besitzt, sie bleibt die Ehefrau des Kohlhaas und kann damit auch nicht den Mut zum Widerspruch aufbringen. Letztendlich bleibt der Delinquent, trotz dass er sich aus der Weltgemeinschaft ausgestoßen fühlt, fester Bestandteil im patriarchalischen System.
Die nun vorliegende Arbeit soll im Kern darlegen, dass es sich bei der letztendlichen Wendung ins Mystizistische keineswegs um einen Missgriff handelt. Zu diesem Zweck wird neben der Zigeunerin auch die Figur Martin Luther (die einzige real-historische Figur in der Erzählung) im Zentrum der Betrachtungen stehen. Sein Dialog mit Kohlhaas steht ganz in der Tradition philosophischer Streitgespräche des Mittelalters und formuliert gleichzeitig Kleist Kritik an der Institution Kirche. Darüber hinaus spannt er den Bogen noch weiter, denn er belässt es nicht nur bei der Kritik der Kirche an sich, sondern zielt genau auf die Religion. Der eingangs erwähnte Widerspruch der Figuren zieht sich wie ein roter Faden durch die „alte Chronik“. So bleibt auch die christliche Religion nicht davon ausgenommen. Die Widersprüchlichkeit zwischen religiöser Legitimation zur Rache und der ebenfalls geforderten Untertänigkeit und Duldsamkeit gegenüber dem Souverän von Gottes Gnaden unterstreicht dabei nicht nur Kohlhaas Position zu Luther, sondern fordert geradezu nach der Person der Zigeunerin und ihrer Weissagung. Damit wandelt sich auch das Motiv der Handlung: Aus der anfänglich geforderten Vergebung entsteht ein Motiv, das zur Rache motiviert. Dass dabei der Einschub der Zigeunerin (und damit auch der Griff ins Mystizistische) zwingend erforderlich war, zeigt folgende Hypothese: Ohne die Hilfe der Prophezeiung wäre Kohlhaas ohne Macht zur Rache hingerichtet worden, so aber sinkt der sächsische Kurfürst ohnmächtig vor Kohlhaas nieder.
Hauptaufgabe der Arbeit soll es sein, zu beweisen, dass die Figur der Zigeunerin für Kleist auch stilistisch durchaus notwendig gewesen sein muss, wenn man den Untertitel von Michael Kohlhaas als bindend für die Interpretation betrachtet. Um dies besser darzustellen, wird im letzten Kapitel auf mittelalterliche Quellen (und dazu zählten die Chroniken) Bezug genommen, um den Eingriff der Zigeunerin eine neue, heilsgeschichtliche Dimension zu verleihen bzw. um die Wendung von Luthers Position gegenüber dem Vergebungsgebot besser erklären zu können.
[...]
1 Vgl. Brors, Claudia: Anspruch und Abbruch. S.164.
2 Es muß hier von einer Zweiteilung der Erzählung gesprochen werden, da mit der Hereinnahme der Figur der Zigeunerin unmittelbar ein Bruch entsteht. Des weiteren wird diese Arbeit davon ausgehen, daß die Zigeunerin als Wiedergängerin von Lisbeth erscheint.
3 Die Seitenangaben folgen der Ausgabe des Hamburger Lesehefte Verlages.
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