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Seminararbeit, 2007, 34 Seiten
Autor: Steffen Greiner
Fach: Kulturwissenschaft
Details
Institution/Hochschule: Philipps-Universität Marburg (Institut für Europäische Ethnologie / Kulturwissenschaft)
Tags: Ihre, Lieblingsminderheit, Stereotypisierung, Roma, Zigeuner, Emir, Kusturicas, Schwarze, Katze, Weißer, Kater, Geschlechterdifferenzen, Nationalstereotypen
Jahr: 2007
Seiten: 34
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 35 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-88209-5
Dateigröße: 234 KB
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Zusammenfassung / Abstract
Gegenstand dieser Untersuchung soll ein jugoslawischer Film sein, der sich in Kreisen, die wie selbstverständlich angesichts des populären Antiziganismus in dieser Gesellschaft schockiert den Kopf schütteln, großer Beliebtheit erfreut. Emir Kusturicas Schwarze Katze, Weißer Kater (Cma Macka, Beli Macor) von 1998 gehört seit Jahren zum linksliberal-intellektuellen Filmkanon, als solcher ist er sicher das prominenteste alternative Medium, das das Leben der osteuropäischen Roma thematisiert. Jedoch ist auch hier festzustellen, dass Roma nicht eben als normale Menschen oder dokumentarisch als diskriminierte Bevölkerungsgruppe gezeigt werden, sondern in einer speziellen Weise, die teilweise Elemente des rassistischen Konstrukts „Zigeuner“ übernimmt oder unreflektiert einsetzt. Der Hauptteil der Untersuchung konzentriert sich auf einen Abgleich traditioneller Antiziganismen mit dem Film: Welche tauchen auf, welche nicht? Wie wird mit ihnen umgegangen? Wo gibt es eine Umkehrung ins Positive? Eine nähere Betrachtung nimmt drei der Hauptpersonen unter die Lupe und gleicht ihre Charaktere mit klassischen Zigeunerrollen ab. Allerdings sollen auch die Hintergründe gesucht werden. Diese liefert ein Einstieg, der kurz die biographische Vorgeschichte des Regisseurs anreißt und die Reaktionen auf den Film aufzeigt. Zum anderen soll zum Abschluss der Untersuchung eine Einordnung des Films in die Tradition linker Zigeunerbilder vorgenommen werden, hierbei wird der Blick sowohl nach vorne zum aktuellen Balkan-Trend in Musik etc. gerichtet als auch nach hinten zu einer psycho-sozialen Theorie des Phänomens, die sich im Wesentlichen auf die Antiziganismustheorie nach Franz Maciejewski stützt.
Textauszug (computergeneriert)
Philipps-Universität Marburg
Institut für Europäische Ethnologie / Kulturwissenschaft
WS 2006 / 2007
SE Geschlechterdifferenzen in Nationalstereotypen
„Was ist Ihre Lieblingsminderheit?
Wen beneiden Sie am meisten?“
Zur Stereotypisierung männlicher Roma als Zigeuner in
Emir Kusturicas ‚Schwarze Katze, Weißer Kater’
von
Steffen Greiner
Mag. Europäische Ethnologie (HF)
3. Semester
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
1. Kusturicas ‚Schwarze Katze, Weißer Kater’ – Ein erster Blick 6
a) „Die Wirklichkeit war die Inspiration“ – Der Plot des Films 6
b) „Magischer Glanz“ – Zur Rezeption von ‚Schwarze Katze, Weißer Kater’ 8
2. Stereotypisierung von Roma als Zigeuner in ‚Schwarze Katze, Weißer Kater’ 10
2.1. Elemente des traditionellen Antiziganismus im Film 11
a) „Die göttliche Faulheit“ - Arbeit 12
b) „Sein Blick ist seine Witterung“ - Kriminalität 14
c) „Übermacht uralter, unzähmbarer Gefühle“ - Musik und Magie 15
2.2. Stereotype Darstellung dreier männlicher Roma 17
a) Der Zigeunerkönig – Grga Pitic 18
b) Der Räuberhauptmann – Dadan 2ß
c) Das Schlitzohr – Matko Destanov 22
3. Erkundungen zum romantischen Zigeunerbild 25
a) „Nobody from nowhere“ – Kusturicas Zigeunerbild 25
b) „Gypsy Groove” – Zigeuner als linke Projektionsfläche 27
Schluss 29
Literaturverzeichnis 32
Einleitung
Achtundsechzig Prozent sind in Dimensionen der politischen Meinungsbildung eine schon absurd hohe Zahl. Eine Partei, die in Deutschland bei einer Bundestagswahl achtundsechzig Prozent der Stimmen erhielte, stellte im Parlament die absolute Mehrheit und dürfte hindernislos regieren. Achtundsechzig Prozent der Abgeordneten im Deutschen Bundestag können ein Enthebungsverfahren des Bundespräsidenten erreichen. Sie können das Grundgesetz verändern und den Verteidigungsfall ausrufen. Eine Demokratie würde mit Gänsehaut an eine Partei denken, die achtundsechzig Prozent der Bevölkerung hinter sich weiß.
Erhielte eine Frage, eine Ansicht bei der Bevölkerung achtundsechzig Prozent Zustimmung, der Schritt wäre ein kleiner, die verbleibenden Gegner – das sind, abzüglich der üblichen zweistelligen Prozentzahl derer, die glauben, sich keine Meinung erlauben zu können, nicht viele – als „Ewiggestrige“, „Miesmacher“, „Nörgler“, zu diffamieren und voller Hohn an den Pranger zu stellen.
Achtundsechzig Prozent sind eine absurd hohe Zahl. Dabei beschäftigt sich diese Untersuchung gar nicht mit jenen achtundsechzig Prozent der deutschen Staatsbürger, die antiziganistische Einstellungen vertreten1, also Ressentiments gegen das Konstrukt „Zigeuner“ hegen und diese auf reale Menschen, überwiegend aus den Bevölkerungsgruppen der Sinti und Roma, übertragen. Man stolpert über diese Zahl, sobald man sich mit dem Thema auseinandersetzt, und ähnlich jenen grausamen Zahlen des Holocausts setzt sie sich im Hinterkopf fest. Es soll nicht um diese achtundsechzig Prozent gehen, aber eine Arbeit über das Sozialkonstrukt Zigeuner wäre unvollständig, wenn es nicht vor diesem Hintergrund betrachtet würde.
Gegenstand dieser Untersuchung soll ein jugoslawischer Film sein, der sich in Kreisen, die wie selbstverständlich angesichts des populären Antiziganismus in dieser Gesellschaft schockiert den Kopf schütteln, großer Beliebtheit erfreut. Emir Kusturicas Schwarze Katze, Weißer Kater (Cma Macka, Beli Macor) von 1998 gehört seit Jahren zum linksliberalintellektuellen Filmkanon, als solcher ist er sicher das prominenteste alternative Medium, das das Leben der osteuropäischen Roma thematisiert. Jedoch ist auch hier festzustellen, dass Roma nicht eben als normale Menschen oder dokumentarisch als diskriminierte Bevölkerungsgruppe gezeigt werden, sondern in einer speziellen Weise, die teilweise Elemente des rassistischen Konstrukts „Zigeuner“ übernimmt oder unreflektiert einsetzt. Ziel sein soll aber dennoch keine Wertung, zumal ich, seit langem Freund der Filme Kusturicas, als Richter kaum in Frage komme. Ziel sein soll auch nicht die „Enttarnung“, wie sie das Zentrum für Antiziganismusforschung in zahlreichen Publikationen betreibt, dabei einen Begriff von Antiziganismus führend, der nicht nur die klar feindliche Haltung, sondern jegliche Stereotypisierung als Ent-Individualisierung verurteilt2 und somit die Grenzen verwischt zwischen tatsächlich rassistischen Vorurteilen und anarchistischer-romantisierender Überhöhung. Ein solcher Begriff scheint mir kein guter Ausgangspunkt.
Jedoch zeigt er noch einmal deutlich, dass der Gegenstand tatsächlich zwei Seiten hat: Einerseits sind Zigeuner das personifizierte Andere in einer Gesellschaft und als solche traditionelle Feindbilder: Faule Nichtsnutze, Schmarotzer, vagabundierende Kriminelle. Andererseits verbinden sich mit den Zigeunern auch romantische Vorstellungen von feurigen Frauen, temperamentvollen Männern und ungebundenem Leben.
Dieser Zwiespalt steht letztendlich auch im Mittelpunkt. Der Hauptteil der Untersuchung konzentriert sich auf einen Abgleich traditioneller Antiziganismen mit dem Film: Welche tauchen auf, welche nicht? Wie wird mit ihnen umgegangen? Wo gibt es eine Umkehrung ins Positive? Eine nähere Betrachtung nimmt drei der Hauptpersonen unter die Lupe und gleicht ihre Charaktere mit klassischen Zigeunerrollen ab. Dabei beziehe ich mich überwiegend auf mitteleuropäische Quellen wie Zigeunerforscher, Lexika und Kunst, jedoch nicht auf osteuropäische. Die Sozialfigur des Zigeuners, gerade als Verkörperung des Anderen und Projektionsfläche für Träume, ist jedoch eine, die in jeder bürgerlichen, patriarchalischen, industriellen Gesellschaft bzw. Nation funktioniert, Dies zeigt ein Blick auf Roma-Politik in heutigen osteuropäischen Staaten, die die gleichen Muster aufweist wie die mitteleuropäische bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein.
Allerdings sollen auch die Hintergründe gesucht werden. Diese liefert ein Einstieg, der kurz die biographische Vorgeschichte des Regisseurs anreißt und die Reaktionen auf den Film aufzeigt. Zum anderen soll zum Abschluss der Untersuchung eine Einordnung des Films in die Tradition linker Zigeunerbilder vorgenommen werden, hierbei wird der Blick sowohl nach vorne zum aktuellen Balkan-Trend gerichtet als auch nach hinten zu einer psycho-sozialen Theorie des Phänomens, die sich im Wesentlichen auf die Antiziganismustheorie nach Franz Maciejewski stützt.
[....]
1 Wippermann 1997, S.8
2 Winckel 2005, S.58
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