Das Problem narrativer Strukturen in den modernen Geschichtswissenschaften

Untertitel: Eine wissenschaftstheoretische Untersuchung zur methodischen Funktion des Narrativen am Beispiel des Konzepts von Hayden White
Autor: Magister Artium (M.A.) Philosophie Christian Adam
Fach: Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

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Details

Kategorie: Magisterarbeit
Jahr: 2003
Seiten: 101
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 90  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 1130 KB
Archivnummer: V77291
ISBN (E-Book): 978-3-638-74415-7
ISBN (Buch): 978-3-638-81101-9

Zusammenfassung / Abstract

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Rolle der Erzählung in den Geschichtswissenschaften. Anhand einer Auseinandersetzung mit dem Geschichtstheoretiker Hayden White wird untersucht, welche Bedeutung bestimmte Formen der Darstellung für historisches Wissen haben. Zugleich wird Whites Narrativismus auf seine Geltung und Rechtfertigung hin befragt. Narrativität verweist auf drei Problemfelder, die sich in den Geschichtswissenschaften stellen: Erstens, inwiefern Erklärungen in der Erforschung der Geschichte möglich sind. Zweitens, wie sich der Forschungsgegenstand der Geschichtswissenschaften bestimmen lässt. Und schließlich, wie es um den Anspruch von Historikern steht, wahre Aussagen über die Vergangenheit zu machen. Diese Fragen sind in dieser Auseinandersetzung mit Hayden White methodisch leitend und führen hin zu einer Rekonstruktion seiner Position als möglicher Antwort auf die Frage: „Was meinen wir, wenn wir von der ‚Geschichte’ reden?“

Textauszug (computergeneriert)

Philipps-Universität Marburg
Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Philosophie

„Das Problem narrativer Strukturen in den modernen Geschichtswissenschaften -

eine wissenschaftstheoretische Untersuchung zur methodischen Funktion 
des Narrativen am Beispiel des Konzepts von Hayden White“

Magisterarbeit

Im Fach Philosophie

vorgelegt von

Christian Adam

im August 2003

 

 

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ... 3

2. Grundkonzepte der Erklärung in der Geschichtswissenschaft ... 7
2.1. Die „Covering-Law-Theory” von C.G. Hempel ... 8
2.2. Die Intentionalistische Erklärung: von Wrights Handlungsmodell ... 10
2.3. Narrative Sätze: A.C. Danto ... 15
2.4. Narrativität als „kognitives Instrument“: Louis O. Mink ... 18

3. Die Rekonstruktion von Hayden White ... 24
3.1. Die konzeptuelle Matrix der Historiographie: Metahistory ... 24
3.1.1. Erklärung durch Erzählstruktur: Eine Typologie literarischer Gattungen  ... 28
3.1.2. Formale Erklärungsmodelle ... 31
3.1.3. Erklärung durch ideologische Struktur ... 34
3.1.4. Die Konstitution des historischen Gegenstandes: Whites Tropologie  ... 36
3.2. Zusammenfassung und Problemausblick ... 39

4. Konzepte der Narrativität  ... 43
4.1. Geltungskriterien des Erzählens  ... 43
4.1.1. Das Verhältnis von Moral und Erzählung ... 44
4.1.2. „Objektivität“ als Ästhetizismus und Utopieverbot  ... 55
4.1.3. Ereignis und Erzählung I: Strukturalistische Elemente bei White  ... 62
4.1.3.1. Die strukturalistische Erzähltheorie von Roland Barthes  ... 65
4.1.3.2. Barthes Analyse des historischen Diskurses als Ideologiekritik  ... 68
4.1.3.3. Tatsachen als erkenntnistheoretisches Problem bei Barthes und White  ... 69
4.1.4. Ereignis und Erzählung II: White und Ricoeur  ... 73
4.2. Geltungsprobleme der Narration ... 78
4.2.1. Narrativisierung als gewalttätiger Akt ... 79
4.2.2. Narration als Fiktionalisierung  ... 80
4.2.3. Whites Narrativismus als „Negativer Positivismus“  ... 82

5. Perspektiven einer methodischen Reflexion  ... 87
5.1. Kritik: White stellt sich dem Objektivitätsproblem nicht ... 87
5.1.1. Rüsens disziplinäre Matrix der Geschichtswissenschaft ... 88
5.1.2. Objektivität in der Geschichtswissenschaft  ... 90
5.2. Perspektive auf einen methodischen Begriff von Narrativismus ... 93

6. Literaturverzeichnis  ... 97

 

 

1. Einleitung 

Der amerikanische Geschichtstheoretiker Hayden White vertritt seit seinem Hauptwerk Metahistory die These, dass geschichtliche Darstellungen hauptsächlich als literarische Texte verstanden werden müssen. Das Werk von White lässt sich nicht einfach als Theorie der Geschichtswissenschaft charakterisieren. Seine Arbeiten sind vor allem von einem moralischen Anspruch geprägt. Indem er die unausgesprochenen vor- und außerwissenschaftlichen Bedingungen der modernen Geschichtswissenschaft und vielleicht sogar des Umgangs mit der Geschichte überhaupt expliziert, fordert White ein, dass sich die Geschichtswissenschaft auf ihre Rolle als Sinnstifterin einlässt und diese Aufgabe als Teil der Fachdisziplin sieht. Es ist Hans Kellner, einem Schüler von White, bedingt zuzustimmen, der über Metahistory sagte: „Metahistory is a moral text which can authorize itself only by declaring the freedom of moral choice, in the face of the great determinisms of our time“.1 White ist kein reiner Philosoph der Geschichte und Wissenschaftstheoretiker der Historie. Er ist auch ein Historiker des Mittelalters und der Renaissance, der sich in die Tiefen der Archive gewagt hat. Seine Arbeiten zu den „Klassikern“ der Historie sind nicht nur theoretische Arbeiten zur Methodologie und Systematik der Geschichtswissenschaften, denn Geschichte ist für White auch ein Problem des Bewusstseins.2 So beginnt White die Einleitung von Metahistory: „This book is a history of historical consciousness in nineteenth-century Europe, but it is also meant to contribute to the current discussion of the problem of historical knowledge.“3 In dieser Arbeit steht der zweite Aspekt im Vordergrund. Hayden White wird als Theoretiker der Geschichte und der Geschichtswissenschaft behandelt. Und als solcher wird White nach Geltung und Rechtfertigung seines Narrativismuskonzepts befragt.

Eine Untersuchung zum Problem von narrativen Strukturen in den modernen Geschichtswissenschaften muss sich der mehrdeutigen Verwendung des Begriffs stellen. Narrativität verweist zum einen auf das Erklärungsproblem, zum anderen auf die Bestimmung des Forschungsgegenstandes der Geschichtswissenschaften. Damit ist die Frage verbunden, welche Geltungsansprüche die Geschichtswissenschaften haben und inwiefern diese zu rechtfertigen sind. Der Begriff der Narrativität soll anhand von Hayden White insbesondere im Verhältnis zum Problem der Gegenstandsbestimmung untersucht werden, also als mögliche Antwort auf die Frage: „Was meinen wir, wenn wir von der ‚Geschichte’ reden?“ Nachdem Whites Konzept des Narrativismus dargestellt und problematisiert wurde, wird untersucht, wie sich dieses Konzept methodisch nutzen lassen kann.

Auf das Erklärungsproblem wird in Kapitel 2 eingegangen. Das Erklärungsproblem kreist um die Frage, ob und wie Erklärungen für historische Phänomene möglich sind, die gleiche Geltung wie naturwissenschaftliche Erklärungen beanspruchen können. Mit dieser Forderung sah sich die moderne Geschichtswissenschaft mit dem Aufkommen der positivistischen Wissenschaftstheorie am Ende des 19. Jahrhunderts konfrontiert. Mit naturwissenschaftlichen Erklärungen ist das positivistische Modell der Erklärung gemeint, wie es beispielsweise in der Covering-Law-Theory von C. G. Hempel und P. Oppenheim formuliert wurde (Kap. 2.1). Die klassische Gegenposition zur positivistischen Auffassung von Erklärung ist die hermeneutische Position, die die Aufgabe der Geschichtswissenschaft vor allem in dem Verstehen von Handlungen sah.4 Die intentionalistische Variante dieser Richtung sah im Forschungsgegenstand der Geschichtswissenschaft, der Vergangenheit der menschlichen Handlungen, das Merkmal, das Erklärungen in der Geschichtswissenschaft qualitativ von den Naturwissenschaften unterscheidet. Als Vertreter der intentionalistischen Position wird G. H. von Wright behandelt, weil sich an ihm aus wissenschaftstheoretischer Sicht die Kritik an dem positivistischen Schema und die Probleme der intentionalistischen Position gut herausarbeiten lassen (Kap. 2.2). Die Narration ist in diesem Zusammenhang als Erklärungsmodell diskutiert worden, das eigenständig neben der Kausalerklärung nach positivistischem Verständnis steht und als Erweiterung des intentionalistischen Erklärungsbegriffs begriffen werden kann. Als Vertreter dieser Position wird A. C. Dantos Konzept der „narrativen Sätze“ behandelt (Kap. 2.3). Eine leitende Frage von Kapitel 2 ist, ob die Erzählung als sinnvolle Alternative zur Covering-Law-Theory und zum intentionalistischen Erklärungsmodell gedacht werden kann. Der Narrativitätsbegriff erhielt durch L. O. Mink eine entscheidende Bedeutungserweiterung (Kap. 2.4). Mink verband die Narrativität mit dem Problem der Gegenstandsbestimmung der Geschichtswissenschaften. Er sah die Narrativität nicht nur als Erklärung, sondern auch als Bedingung für die Erkenntnis von Geschichte. Narrativität ist damit von einem Erklärungsmodell zu einem Erkenntnismittel geworden.

Hayden Whites Geschichtstheorie baut auf dieser Bestimmung von Narrativität als Erkenntnismittel auf und versucht, indem er eine Neubestimmung des geschichtswissenschaftlichen Forschungsgegenstandes vorzunimmt, aus den Geltungsproblemen der Erklärungs-Debatte herauszukommen. Den Hauptteil meiner Arbeit bildet erstens die Rekonstruktion von Whites Geschichtstheorie in Kapitel 3 und zweitens eine Untersuchung von Whites Narrativitätskonzept in Kapitel 4.

[....]


1 Kellner, White’s linguistic humanism 1980, S. 29

2 vgl. Domanska, Hayden White: Beyond Ironie 1997 zum intellektuellen Werdegang von White mit einer Bibliographie seiner Schriften.

3 White, Metahistory 1973, S. 1

4 Klassisch für die Geschichtswissenschaft ist J. G. Droysen

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