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Globalisierung als gesellschaftliche Narration

Subtitle: Exposé einer narrativen Analyse des Globalisierungsdiskurses

Scholary Paper (Seminar), 2007, 16 Pages
Author: Helmut Wagner
Subject: Sociology - Methodology and Methods

Details

Event: Hauptseminar: Diskurs und sozialer Wandel
Institution/College: LMU Munich (Institut für Soziologie)
Tags: Globalisierung, Narration, Hauptseminar, Diskurs, Wandel
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2007
Pages: 16
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 9  Entries
Language: German
Archive No.: V77450
ISBN (E-book): 978-3-638-82830-7
ISBN (Book): 978-3-638-86217-2
File size: 258 KB

Abstract

Auf den ersten Blick erscheint die Globalisierung als natürliche Entwicklung und historisches Fakt der Menschheitsgeschichte. Doch mit etwas Abstand handelt es sich doch nur um eine mögliche Geschichte, die Welt sinnhaft zu erzählen, von vielen. Globalisierung erscheint aus dieser Perspektive als ein Klischee: Weil wir glauben, dass auf der ganzen Welt alles eins wird und durch diesen Filter Unterschiede nicht mehr wahrnehmen, verhalten wir uns auch so. Das Klischee der Globalisierung hat sich dabei bereits so tief verankert in der Alltagswahrnehmung, dass niemand es mehr ernsthaft hinterfragt. Der Globalisierungs-Diskurs ist somit ein Paradebeispiel dafür, wie über den sozialen Diskurs die gesellschaftliche Wirklichkeit konstruiert und legitimiert wird. Der Begriff Globalisierung eignet sich dabei hervorragend, um der modernen Geschichte der Menschheit Sinn zu verleihen. Er ist ausreichend vage, um ein nicht fassbares Phänomen zu bleiben und suggeriert dennoch eine positive Zukunftsvision für die Menschheit: nämlich den lang gehegten Traum von der Einheit in der Vielheit. Die Menschheit erreicht ihren zivilisatorischen Höhepunkt, ihre Bestimmung – und krönt sich selbst. Betrachtet man das heutige Geschehen in der internationalen Wirtschaftswelt genauer, so lässt sich jedoch feststellen, dass es sich im Wesentlichen wie früher auf drei Regionen beschränkt, nämlich Europa, Asien und die USA. Auch der Löwenanteil der größten multinationalen Konzerne der Welt kommt immer noch aus diesem Block. Nicht nur dies widerspricht der für die Globalisierung so zentralen Hypothese von einer zunehmenden Ausbreitung des Kapitals über alle Grenzen hinweg, die zu immer größerer globaler Angleichung führt. Das Kapital scheint eher exklusiv zu zirkulieren und auch von Chancengleichheit ist nur wenig zu sehen. Ist also alles nur ein Märchen? Es bestehen jedenfalls genügend Zweifel, um die Narration Globalisierung kritisch zu hinterfragen. Wie jede Erzählung von Welt ist auch sie mythisch und sozial konstruiert. Einmal etabliert, färbt sie dann unsere Blickweise. Nicht in erster Linie Fakten lassen uns dabei an die Globalisierung glauben – sondern Angst vor dem Neuen und Ungewissen, dem Fall ins Nichts. Ihr Erfolg ist dennoch nicht zufällig, sondern beruht auf gewissen Gesetzmäßigkeiten – nämlich denjenigen von Macht und Interesse. Die Offenlegung dieser verborgenen Kräfte hinter der Erfolgsstory Globalisierung ist das Ziel einer narrativen Diskursanalyse der Globalisierung.


Excerpt (computer-generated)

Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut für Soziologie
Hauptseminar: Diskurs und sozialer Wandel
Wintersemester 2006/2007, am 15. Februar 2007


Globalisierung als gesellschaftliche Narration -
Exposé einer narrativen Analyse des Globalisierungsdiskurses


Helmut Wagner

 


Inhaltsverzeichnis

A GLOBALISIERUNG ALS GESELLSCHAFTLICHE NARRATION - 1 -

B EXPOSÉ EINER NARRATIVEN ANALYSE DES GLOBALISIERUNGS-DISKURSES

I. DIE METHODOLOGIE - 3 -

II. DIE FRAGESTELLUNG - 5 -

III. DER DISKURSBEGRIFF - 7 -

IV. DIE METHODE - 9 -

C FAZIT - 11 -

LITERATURVERZEICHNIS - 13 -

Einstiegsliteratur für den Globalisierungsdiskurs - 13 -

 

 

1 GLOBALISIERUNG ALS GESELLSCHAFLICHE NARRATION

Auf den ersten Blick erscheint die Globalisierung als natürliche Entwicklung und historisches Fakt der Menschheitsgeschichte. Doch mit etwas Abstand handelt es sich nur um eine mögliche Geschichte die Welt sinnhaft zu erzählen, d.h. um eine Narration von vielen. Globalisierung, wie wir sie heute verstehen, ist ein Klischee ungeheurer Wirkung: Weil wir glauben, dass auf der ganzen Welt alles eins wird und dann durch diesen Wahrnehmungsfilter die Welt betrachten, verhalten wir uns auch so.1 Die Klischees der Globalisierung sind so verankert in der Alltagswahrnehmung, dass sie niemand wirklich hinterfragt oder gar der Frage nachgeht, was eigentlich dahinter steckt. Der Globalisierungs-Diskurs ist damit ein Paradebeispiel dafür, wie über den sozialen Diskurs die gesellschaftliche Wirklichkeit konstruiert und legitimiert wird. Der Begriff Globalisierung eignet sich in besonderer Weise, der modernen Geschichte der Menschheit Sinn zu verleihen. Es handelt sich dabei um ein so vages Schlagwort, dass es ein nicht fassbares Phänomen bleibt. Der Begriff klingt nicht wertend und verbirgt dennoch eine positive Zukunftsvision, indem er eine progressive Fortentwicklung der Menschheit suggeriert. Es ist der lang gehegte Traum von der Einheit in der Vielfalt. Die Menschheit erreicht ihre Bestimmung, ihren zivilisatorischen Höhepunkt – und krönt sich selbst. All dies erscheint als nur allzu logische Konsequenz der menschlichen Entwicklung und wird ermöglicht durch den wissenschaftlich-technologischen Fortschritt. Die neuen Informationstechnologien sowie die weltweite Vernetzung ermöglichen das Zusammenwachsen der verschiedenen Kulturen, auf dem Prinzip der Chancengleichheit über den freien Zugang zu den Märkten. All das in absehbarer, aber dennoch unbestimmter Zukunft. Dies ist die positive, gute Seite des Begriffs. Gerade weil er aber auch die negative, dunkle Seite zu bedienen weiß, eignet sich der Begriff Globalisierung so hervorragend als Narration der modernen Menschheitsgeschichte. Überall lauern Gefahren - es entsteht eine neue elementare Unsicherheit in Form einer existentiellen Bedrohung durch die Ungewissheit. Wo Chancen sind, da sind immer auch Risiken. Wo Gewinner, da Verlierer und Betrüger. Mit dem Begriff werden also gleichzeitig Hoffnungen geweckt, aber auch Ängste geschürt. Es entsteht ein Zwang, nämlich der Zwang zur Handlung – auf dem Spiel steht das eigene Schicksal, die eigene Identität. Und jeder ist davon betroffen. Dieser Zwang zur Teilhabe wird besonders trefflich veranschaulicht durch folgendes Zitat: » Globalisierung: das bedeutet: Die Welt wächst zusammen, und wer nicht mitmacht, verliert – Macht, Aufträge, Arbeitsplätze, Verbündete, ja, sogar Kultur und damit letztlich das Leben, an das wir uns gewöhnt haben. «2
Der Erfolg der Narration Globalisierung beginnt mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende des Ost-West Konflikts. Erst mit der Wende wird der Begriff benutzt und medial ausgefüllt. Er setzt sich durch gegen andere Schlagwörter wie Internationalismus, Transnationalismus oder Imperialismus. Er ersetzt das stabile Bild des Kalten Krieges und schafft damit ein neues Gut und Böse. Der Begriff gibt der Welt wieder Sinn, schafft Orientierung, füllt eine Leere. Er stülpt eine neue Ordnung über das frei gewordene Chaos. Aber er ist nur eine mögliche Interpretation der Welt von vielen und die Geschichte könnte auch anders oder gar nicht erzählt werden. Natürlich soll die Internationalisierung im Handel und auf Finanzmärkten hier nicht in Frage gestellt werden. Aber gibt es deswegen schon eine Entwicklung hin zu einer Vereinheitlichung der Welt? Wächst die Welt wirklich zusammen? Gibt es nicht im Gegenteil ein immer größeres Voneinander-Abgrenzen? Treten Unterschiede nicht immer deutlicher zutage, werden bestehende Klüfte nicht sogar tiefer?
Die transnationale Entwicklung der Welt jedenfalls hat schon lange vor unserer Zeit begonnen. Mit der Entdeckung Amerikas 1492 dehnte sich die Wirtschaft über den eurasischen Raum hinaus aus, es begann die Internationalisierung des Handels. Auch damals schon ging es um Geschäfte und Märkte. Und betrachtet man das heutige Geschehen in der internationalen Wirtschaftswelt genauer, so lässt sich feststellen, dass es sich im Wesentlichen auch heute noch auf die damaligen drei Regionen beschränkt, nämlich auf Europa, Asien und die USA. Der Löwenanteil der größten multinationalen Konzerne der Welt entstammt immer noch diesem Block. Auf das Konto dieser Konzerne gehen dann wiederum rund 90 % aller Auslandsdirektinvestitionen.3 Und davon sind schließlich um die 40 Prozent nur scheinbar dem globalen Handel zuzurechnen, da es sich um sog. interfirm trades4 handelt. All dies widerspricht also den für die Globalisierung so zentralen Hypothesen von der ungezügelten Ausbreitung des Kapitals über alle Grenzen hinweg sowie von der globalen Angleichung. Das Kapital scheint eher exklusiv zu zirkulieren und auch von Chancengleichheit ist nur wenig zu sehen. Alles nur ein Märchen? Es bestehen jedenfalls genügend Zweifel, um die Narration Globalisierung kritisch zu hinterfragen. Wie jede andere Erzählung von Welt ist auch sie mythisch, da sozial konstruiert. Einmal etabliert, färbt sie unseren Blick. Nicht in erster Linie Fakten lassen uns an die Globalisierung glauben – sondern eine tiefe Angst vor dem Neuen und Ungewissen, dem Fall ins Nichts. Ihr Erfolg ist aber nicht zufällig, sondern beruht auf Gesetzmäßigkeiten - nämlich denjenigen von Macht und Interessen. Die Offenlegung dieser verborgenen Kräfte dahinter ist das Ziel einer narrativen Diskursanalyse der Globalisierung.

[...]


1 Vgl. Lotter W./Sommer C. : Einmal große Welt und zurück, 2001

2 Lotter W./Sommer C. : Einmal große Welt und zurück, 2001, S.74

3 Lotter W./Sommer C.: Einmal große Welt und zurück, 2001, S.79

4 D.h. Transaktionen, die innerhalb eines globalen Konzerns über die Grenzen hinweg abgewickelt werden. Meist zwischen Tochtergesellschaften.


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