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Das allgemeine Priestertum der Gläubigen und das geistliche Leitungsamt in der congregatio sanctorum. Analyse eines problematischen Verhältnisses in praktisch-theologischem Interesse

Thesis (M.A.), 1999, 77 Pages
Author: Robert Schulte
Subject: Theology - Practical Theology

Details

Category: Thesis (M.A.)
Year: 1999
Pages: 77
Grade: 2,0
Language: German
Archive No.: V7758
ISBN (E-book): 978-3-638-14907-5

File size: 249 KB


Excerpt (computer-generated)

HU Berlin
FB Theologie

Das allgemeine Priestertum der Gläubigen
und das geistliche Leitungsamt
in der congregatio sanctorum.
Analyse eines problematischen Verhältnisses
in praktisch-theologischem Interesse.

Robert Schulte

Magisterschrift

Abgabetermin: 20. Dezember 1999

Inhaltsverzeichnis

Einleitung ... 5

1 Historische Analyse ... 8
   
1.1 Martin Luther ... 8
        1.1.1 Das Allgemeine Priestertum in der Anthropologie Luthers ... 8
            1.1.1.1 Der innere Mensch ... 9
            1.1.1.2 Das allgemeine Priestertum ... 10
            1.1.1.3 Der äußere Mensch ... 12
        1.1.2 Luthers Lehre von den Ämtern ... 13
            1.1.2.1 Amt und Dienst ... 14
            1.1.2.2. Amt und Beruf ... 15
            1.1.2.3. Amt und Gehorsam ... 15
            1.1.2.4. Amt und mortificatio ... 15
        1.1.3 Allgemeines Priestertum und Weltperson ... 16
            1.1.3.1 Die Ämter des Allgemeinen Priestertums ... 16
            1.1.3.2 Das ministerium verbi ... 17
            1.1.3.3 Die Beschränkung zum ministerium verbi ... 18
        1.1.4 Das ordinierte Amt ... 20
            1.1.4.1 Das ordinierte Amt als Amt der Welt ... 20
            1.1.4.2 Die Bedeutung der Ordination ... 21
        1.1.5 Allgemeines Priestertum und ordiniertes Amt ... 22
    1.2 Das Allgemeine Priestertum in der Theologie der Reformation ... 24
        1.2.1 Melanchthons Confessio Augustana ... 24
            1.2.1.1 Artikel V - Vom Predigtamt ... 24
            1.2.1.2 Artikel XIV - Die kirchliche Ordination ... 25
            1.2.1.3 Das Allgemeine Priestertum bei Melanchthon ... 26
            1.2.1.4 Wortverkündigung und Allgemeines Priestertum ... 27
            1.2.1.5 Artikel VII (und VIII) - Congregatio Sanctorum ... 27
    1.3 Amtskritische Ansätze im Pietismus - P. J. Spener ... 28
    1.4 Amt und Allgemeines Priestertum im 19. Jahrhundert ... 29
        1.4.1 Friedrich Julius Stahl - Stiftungstheorie ... 30
        1.4.2 Johann Wilhelm Friedrich Höfling - Übertragungstheorie ... 31
        1.4.3 Friedrich Schleiermacher ... 33
        1.4.4 Carl Immanuel Nitzsch ... 34
    1.5 Amt und Allgemeines Priestertum im 20. Jahrhundert ... 35
        1.5.1 Das Allgemeine Priestertum in der Kirchenverfassungsdebatte ... 35
            1.5.1.1 Martin Schian ... 36
            1.5.1.2 Martin Rade ... 37
        1.5.2 Lutherforschung im 20. Jahrhundert ... 38
            1.5.2.1 Werner Elert ... 38
            1.5.2.2 Hans Storck ... 38
        1.5.3 Befreiungstheologische Ekklesiologie als Konzept des
        Allgemeinen Priestertums ... 40
            1.5.3.1 Das Modell der Basisgemeinde ... 40
            1.5.3.2 Die Gemeinde als ganze ist priesterlich ... 41
            1.5.3.3 Die Einbeziehung der Charismen ... 42
        1.5.4 Das Konzept von Hans-Martin Barth ... 43
            1.5.4.1 Das allgemeine, gegenseitige und gemeinsame Priestertum
            aller Glaubenden ... 44
            1.5.4.2 Das ordinierte Amt und das Allgemeine Priestertum ... 45
            1.5.4.3 Aufgaben des Amtes ... 45
            1.5.4.4 Die charismatische Begründung des Allgemeinen Priestertums ... 47
            1.5.4.5 Problemfelder und Herausforderungen ... 48
    1.6 Zwischenbilanz ... 49

2 Praktisch-theologische Aspekte unserer Zeit ... 53
   
2.1 "Die Einführung in das Leben" von Manfred Josuttis ... 54
    2.2 Das Amtsverständnis in der Ordination ... 57
    2.3 Selbstdarstellung der Kirche in ihren Handlungsfeldern ... 60
        2.3.1 Das Spannungsfeld zwischen Experten und Laien ... 60
        2.3.2 Der Gottesdienst ... 63
        2.3.3 Die Praxis der Taufe ... 65
    2.3.4 Verpflichtung aller zum seelsorgerlichen Handeln ... 68

3 Zusammenfassung und Stellungnahme ... 70

4 Anhang: Ordinationsvorhalt der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg ... 71

5 Literaturliste ... 73

Einleitung
Die Arbeit behandelt mit der Frage nach dem Verhältnis zwischen Priestertum aller Gläubigen und dem geistlichen Amt einen Teilbereich der Ekklesiologie. Mit der Reformation hat das Lehrmotiv des Allgemeinen Priestertums eine kirchenpolitisch brisante Stellung eingenommen.
Das Allgemeine Priestertum und das ordinierte Pfarramt wird in heutiger Zeit wieder als Problem empfunden. Die Gemeinde sieht sich innerhalb der parochialen Kirchenstruktur und in einem Gegenüber zum Pfarramt. Die Gestaltung des öffentlichen Lebens in der Gemeinde wird gerne dem Pfarrer übertragen. Wenn von Kirche die Rede ist, dann wird zuerst nach der Amtskirche bzw. nach den Pfarrern gefragt. Diskutiert wird primär das Amtsverständnis, jedoch weniger das Allgemeine Priestertum oder die Gemeinschaft der Heiligen.
Die Auslegungsgeschichte des Allgemeinen Priestertums hat dabei bis heute verschiedenste Ausprägungen erhalten. Martin Schian stellte treffend fest: "Es ist dem Gedanken des allgemeinen Priestertums gegangen wie das so reichlich benutzten, so vielfach hin und her gewendeten Gedanken meist zu gehen pflegt. Jeder Benützer hat ihn in seiner Weise verstanden, nach seiner Richtung hin ausgewertet."1 Die jeweiligen Akteure kirchlicher Geschichte haben dabei mit dem Motiv des Allgemeinen Priestertums ihre jeweilige ekklesiologische Intention vermittelt. Das begründet eine Analyse nach der theologischen Qualität des Allgemeinen Priestertums.
Die begriffliche Abgrenzung des geistlichen Leitungsamtes vom Allgemeinen Priestertum wird im strengen rechtlichen Sinn vorgenommen: "Einsetzung, Kontinuität und geregelte Nachfolge bilden das Wesen des Amtes."2 D.h., Amtsträger werden durch kirchliche Instanzen eingesetzt, dazu ordiniert und nehmen eine Dauerfunktion wahr, in der sie Nachfolger haben können. In diesem Sinne wird das Amt als Institution verstanden.
Zur Bezeichnung des institutionalisierten kirchlichen Predigt- bzw. Pfarramtes wird in dieser Arbeit dem Begriff des "ordinierten Amtes" der Vorzug gegeben. Der Begriff "geistliches Amt" ist abzulehnen. Genau wie dem Begriff des "besonderen Amtes" wird beiden Begriffen eine geistliche Höherwertigkeit zugeschrieben, die nach Luther eben nicht besonderes Merkmal des Amtsträgers ist.3 Der Begriff des "kirchlichen Amtes" erscheint ungeeignet, weil er die anderen Ämter in der Kirche neben dem Pfarramt nicht im Blick hat.
Der Begriff "Laie" ist problematisch, trotzdem wird er Verwendung finden. Hier soll er verstanden werden als "Nicht-Theologe" im Gegensatz zum ausgebildeten. Der Aspekt der fachlichen Kompetenz bzw. Inkompetenz auch für nicht theologische Sachverhalte, die den Unterschied zwischen Experten und fachlich Unkundigen verdeutlicht, schließt die Definition mit ein.
Einer religionsphänomenologischen Analyse der Gestalt des Priesters wird nicht nachgegangen. Die Fragestellungen, die sich in einem Priester-Opfer-Schema begründen, würden über den Rahmen dieser Arbeit hinausgehen. Ebenso gilt dies auch für den wichtigen Bereich der feministischen Theologie, die eine Nähe zum Motiv des Allgemeinen Priestertums innehat.4 Die Arbeit schließt in allen Fragen zum Allgemeinen Priestertum und ordinierten Amt die Frauen mit ein, jedoch ohne die damit einhergehende Problematik mit aufzunehmen.
Dogmatische Entwürfe haben immer eine ekklesiologische Dimension. Deshalb können Dogmatiken hier nur exemplarisch untersucht werden. Dies näher zu analysieren wäre sinnvoll, kann aber nur umfangreich in einer systematischen Arbeit erfolgen.
Sucht man in neuerer Zeit nach umfassenden Beiträgen zum Allgemeinen Priestertum, dann finden sich lediglich die vor einiger Zeit erschienenen Arbeiten von Barth, Voß und die Untersuchungen zu Luther von Freiwald und Goertz.5 Weitere Arbeiten finden sich dann erst in den sechziger und siebziger Jahren.6 Im praktisch-theologischen Bereich sind die Diskussionsbeiträge noch seltener. Lediglich auf die umfangreichere Habilitationsschrift von Herlyn in neuerer Zeit kann verwiesen werden, die unter anderem Allgemeines Priestertum behandelt.7 Obwohl das Motiv vom Allgemeinen Priestertum bekannt ist, scheint dessen Aktualität nicht bewußt zu sein.8
Das Verhältnis zwischen Allgemeinem Priestertum und ordiniertem Amt wurde zumeist in ekklesiologischen Reformen wie in der Reformation oder im Pietismus immer als Problem empfunden. Hier zeigt sich, daß das Thema immer wieder eingebettet ist in eine Erneuerung kirchlicher Strukturen. Hinter der Diskussion nach der Begründung des Amtes steht das Problem, ob das Amt einen göttlichen und damit heilsnotwendigen Charakter hat. Als Gegenmodell zu dem "von oben" gibt es das "von unten", das die Begründung in der Gemeinde sucht.
Diesem problematischen Verhältnis wird im ersten Teil der Arbeit historisch-systematisch nachgegangen, indem in den theologiegeschichtlich wichtigen Epochen nach den Vorstellungen von Amt und Allgemeinem Priestertum und ihrer Verhältnisbestimmung gefragt wird.
Zunächst wird Luthers Entwurf des Allgemeinen Priestertums im Zusammenhang seiner Theologie betrachtet. Dem folgt mit den Bekenntnisschriften eine Darstellung der Auslegungsgeschichte bezogen auf das Allgemeine Priestertum, das ordinierte Amt und ihr Verhältnis zueinander. Anschließend werden wichtige Reformbewegungen wie die des Pietismus, der Verfassungsbestrebungen im 19. Jahrhundert oder der Befreiungstheologie aufgenommen. Analysiert wird hier schwerpunktmäßig das Allgemeine Priestertum.
Die Arbeit wird im zweiten Teil in Beispielen das Verhältnis von Allgemeinem Priestertum und ordiniertem Amt aus praktisch-theologischer Sicht in neuerer evangelischer Zeit analysieren. Dazu werden Beiträge für das ordinierte Amt herangezogen, die die Gestalt des ordinierten Amtes definieren. Eine Analyse des Allgemeinen Priestertums wird anhand von kirchlichen Handlungsfeldern erarbeitet, um für Amt und Gemeinde eine glaubwürdige Position für das Allgemeine Priestertum und auch für das ordinierten Amt zu erhalten. Die Zuständigkeiten und Grenzen des ordinierten Amtes und die Verwirklichung des Allgemeinen Priestertums in der christlichen Gemeinde im Gegenüber gilt es aus praktisch-theologischer Sicht zu analysieren.

1 Historische Analyse
1.1 Martin Luther
Martin Luther hat in seinen reformatorischen Hauptschriften von 1520-1523 die Lehre vom Allgemeinen Priestertum der Christen dargelegt.9 Eine eigene Schrift für das Allgemeine Priestertum gibt es jedoch nicht, weshalb konstruierend vorgegangen werden muß.
Nicht die Entwicklung der Lehre Luthers, sondern die Kontinuität seiner Aussagen im Verlauf seiner Wirkung sind dabei von Interesse. Im folgenden können natürlich nur Grundzüge dieses Verhältnisses betrachtet werden, die für die Herleitung des Allgemeinen Priestertums und des ordinierten Amtes wichtig sind.
Zunächst wird versucht, das Allgemeine Priestertum und das ordinierte Amt in Luthers Lehre vom Menschen in seinem Verhältnis zu Gott und zu der Welt einzuordnen.

[...]

1 Schian, Priestertum, 113.
2 Hanson, Amt, 534.
3 Ich greife hier vor, daß die Gleichheit der Christen coram deo entscheidend ist, siehe Abschnitt 1.1.3.3.
4 Vgl. Meer, Priestertum; Siegele-Wenschkewitz, Priestertum.
5 Vgl. Barth, Priester, 1990; Voß, Gedanke, 1990; Freiwald, Verhältnis, 1993; Goertz, Priestertum, 1997.
6 Vgl. z.B. Lieberg, Amt.
7 Vgl. Herlyn, Sache, 1997.
8 Heintze redet vom "praktischen Vergessen des allgemeinen Priestertums". Heintze, Priestertum, 640.
9 Besonders: An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung, WA 6, 404-469, bes. 407 ff; De captivitate Baylonica ecclesia praeludium, a.a.O. 6, 497-573, bes. 560 ff; Von der Freiheit eines Christenmenschen, a.a.O. 7, 20-38, bes. 26 ff.


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